• TOUR 42: BHF BAUMHOLDER – BÄRENBACHPFAD

    Es ist Mitte Oktober. Aber es könnte genauso gut ein Tag irgendwann im August sein. Bereits morgens um acht ist das Licht über der Landschaft gleißend hell und ein samtgrüner, wie aus einer unwirklichen Zwischenwelt herüberleuchtender Schimmer hüllt nach und nach alles ein. auch die dunklen Streifen ganz nahe an den Baumstämmen und die schwarzen Furchen der Äcker und die grauen Steine am Wegrand. Selbst in den Senken, ganz unten, wo der Morgendunst sich noch hält, leuchtet es golden. Man hat beinahe den Eindruck, als könne alles ringsumher jeden Augenblick wegfliegen, davongetragen werden vom Hauch dieses Sommermorgens im Oktober. Im Grunde könnte man die ganze Zeit mit Stehenbleiben, Schauen und…

  • TOUR 41/4. & 5. TAG: VON SOMMERHAUSEN NACH MARKTBREIT

    Vierter Tag. Im Laufe dieses Tages werde ich ganz nahe an eine Grenze herankommen, so nahe, dass ich sie buchstäblich mit jedem Schritt überschreiten könnte. Eine Grenze, von der ich nicht gedacht hätte, dass sie tatsächlich existiert, oder vielmehr, über deren Existenz ich mir nie Gedanken machen musste. Nach und nach in einen gewissen Automatismus des Gehens hineinzugelangen, der dazu führt, dass man ohne noch groß über dies oder jenes nachzudenken vor sich hinstiefelt und einfach einen Schritt auf den nächsten folgen lässt, mit dem unterschwelligen Gefühl, dass man nichts lieber tun würde als das, was man gerade tut, das habe ich bei stundenlangem Gehen ohne Pause ja schon häufiger…

  • TOUR 41/3. TAG: VON WÜRZBURG NACH SOMMERHAUSEN

    Dritter Tag. Es ist ein Morgen wie ein eingelöstes Feenversprechen. Der Himmel über der Stadt ist so weit wie ein Meer ohne Horizont. Und mit beinahe jeder Minute scheint er noch ein Stück weiter und noch eine Nuance heller zu werden. Die Choreographie der heutigen Etappe ist eine nahezu perfekte Mischung aus Bewegung und Innehalten, aus Erleben und Erfassen, aus Flüchtigkeit und Tiefe, und irgendwann im Laufe dieses Tages stellt sich jenes Gefühl von Freiheit und vielleicht auch von Glück ein, das alles, was irgendwie nach Zweifel oder Anspannung aussieht, eliminiert. Heute und auch am nächsten Tag muss ich an eine Sache keinen Gedanken verschwenden, nämlich, ob ich rechtzeitig an…

  • TOUR 41/TAG 1 & 2: VON ASCHAFFENBURG NACH SODEN

    Es gibt einen bestimmten Moment während dieser fünftägigen Tour, einen im Grunde zwar unscheinbaren und lange im Verborgenen verharrenden Moment, der irgendwann jedoch in meinem Bewusstsein aufleuchtet wie ein Meteor am Nachthimmel. Es ist der Nachmittag des vierten Tages. Von der ersten Sekunde an marschiere ich an diesem Tag über schier endlose Asphaltwege, durch ein einsames, abgeschiedenes Niemandsland, viele Stunden lang, Kilometer um Kilometer, ohne einen einzigen Augenblick innezuhalten. Oft verlaufen die Trassen schnurgerade auf den Horizont zu und scheinen irgendwo dort in den tief über die abgeernteten Felder dahinziehenden Wolken zu verschwinden. Ich denke nicht mehr nach. Ich nehme keine Einschätzungen mehr vor. Gehen, atmen, trinken, das ist im…

  • Tour 40: ANNWEILER AM TRIFELS – RICHARD-LÖWENHERZ-WEG & BURGENWEG

    Ich denke zurück. An die Anfänge. An eine Zeit, als ich noch keine klare Vorstellung davon hatte, was sich aus dem, was ich da gerade dabei war zu beginnen, entwickeln sollte, was ich selbst überhaupt anstrebte. Ich denke zurück. An all die wie Steine in der Tiefe eines Brunnens in den Katakomben meiner Erinnerung ruhenden Bilder und Wahrnehmungen, manche bereits verblasst wie alte Fotografien, manche jedoch auch immer noch so gegenwärtig wie gerade eben erst gespeichert. Vermutlicht gibt es keine Grenze für das Staunen, kein Maß, das man überschreitet, um danach hinabzusinken in einen Ozean schwarzer Gleichgültigkeit. Ich denke zurück. An so viele Wege, so viele Pfade, die ich mittlerweile…

  • TOUR 39 – 2. TAG/FORTS., 3. & 4. TAG: VON SCHÖLLKRIPPEN NACH ASCHAFFENBURG

    Im Nachhinein ist der erste Tag vor allem eines – großartig. Nicht dass ich von nun an häufiger das Scheitern zum Gestaltungsprinzip meiner Wanderungen erheben möchte, aber dieses eine Mal zumindest ist es das Unvollendete und das, was dazu geführt hat, was der Etappe den Schimmer des Besonderen verliehen hat. Wie beschlossen, fahre ich am zweiten Tag von Burgsinn mit dem Zug über Gemünden und Aschaffenburg nach Schöllkrippen, wo ich mich auf schnellstem Wege vom Bahnhof zu meinem Hotel begebe. Dieses Hotel wird für die nächsten beiden Tage mein Basislager sein. Die ganze Zeit warte ich auf den Ausbruch der irgendwo in stillen, unzugänglichen Sektoren meines Kopfes lauernden Müdigkeit, ich…

  • TOUR 39 – 1. TEIL: VON BURGSINN NACH LOHRHAUPTEN

    Ich beobachte die Schattierungen der Dämmerung. Erst ist da noch ein schmaler Saum bleichen, dünnen Lichtes, kleine Kerben und Linien, die eine nach der anderen zerfallen. Kein Leuchten mehr, nicht einmal mehr ein Glimmen, nur noch ein verblassendes, brüchiges Grau. Zunächst noch ein helles Grau, sehr rasch aber ein dunkles, schon beinahe undurchdringliches Grau. Zwischen den Bäumen, unter dem dichten Geäst, haben sich längst die Schatten der Nacht ausgebreitet, still und beklemmend und wie verwoben mit einer im Verborgenen lauernden Gefahr. Ich bleibe stehen. Ein paar Herzschläge lang habe ich das Gefühl, in eine vollkommene Leere hineingeraten zu sein. Dann gehe ich weiter. Ich gehe einfach weiter an dieser Landstraße…

  • TOUR 36: VON BOURGLINSTER NACH BLUMENTHAL/TOUR 37: MANTERNACHER FIELS

    Es ist ein heller, warmer Frühlingstag, ein Tag wie milde Maimorgenlandluft, die durch das offene Fenster ins abgedunkelte Zimmer hereinweht, ein Tag, an dem man versuchen könnte, aus Popelinezwirn einen Supraleiter für Teilchenbeschleuniger herzustellen, und es würde gelingen. Ich bin diesmal mit zwei Freunden unterwegs, Frank und Christian. Wir befinden uns in dem kleinen Ort Bourglinster in Luxemburg und die Strecke, die wir zurücklegen wollen, ist Teil der Extratour D des Mullerthal-Trails. Es ist bereits Nachmittag. Licht, Sonne, Wärme – von allem gerade genug, nicht zu wenig, nicht zu viel. Also einfach losstiefeln und schauen, was der Weg so zu bieten hat! In der Ortsmitte stoßen wir auf einige Wegweiser.…

  • TOUR 35: MERZIG BHF – SCHLOSS FELLENBERG – WOLFSWEG

    Stille liegt über dem Wald. Eine Stille, so vollkommen, dass jegliche Bewegung zur Ruhe gekommen ist. Ich gehe sehr langsam. Die Erde schmiegt sich an meine Schuhe, fast, als würde der Pfad unter meinen Füßen lebendig werden. Die Sonne über den Bäumen ist weiß und warm und hell wie ein Gammastrahlenblitz. Dann kommt ein ganz leichter Wind auf. Kaum spürbar streicht er durch die Wipfel der Bäume und zwischen den Stämmen hindurch. Ich verharre einen Moment. Lausche auf etwas, das einen Herzschlag lang jenseits der Stille zu sein scheint oder vielleicht auch ein Teil davon ist, so als hätten plötzlich all die Farben um mich herum Stimmen bekommen. Ich bin…

  • TOUR 34 IN BILDERN – VON WÜRZBURG NACH RIENECK/TAG 3 & TAG 4

    Für die Bildbeschreibungen den Cursor über das Foto bewegen oder das Foto einfach anklicken. Update-Wanderung von Lohr nach Gemünden mehr als 6 Jahre später, am 26.07. 2023 Slideshow Update-Wanderung   Update-Wanderung Ich starte mitten in Lohr vor der Stadthalle. Gerade hat es eine Stunde lang wie aus Badewannen geschüttet, dazu im Sekundentakt Blitze. Das Katzen-und-Hunde-Stadium ist nun aber vorüber, nur ein letztes, schon versiegendes Getröpfel ist übriggeblieben. Auch das Gewitter hat aufgehört, ich kann also losmarschieren.   Und wieder einmal ein scheibengalaxieflacher Weg. Es kann jeden Augenblick wieder zu regnen beginnen, aber ich kann mich jetzt nicht die ganze Zeit mit Gedanken ans Wetter beschäftigen. Außenwelt und Innenwelt, diese beiden…

  • TOUR 34 – 3. & 4. Tag: Von Lohr nach Rieneck

    Dritter Tag. Seltsam, vor Beginn dieser Tour hatte ich mir durchaus einige Gedanken darüber gemacht, wie ich mich am Morgen des dritten Tages wohl fühlen und ob mich die lange zweite Etappe vielleicht schon vollkommen zermürben und in meine Einzelteile zerlegen würde. Ich hatte zumindest mit irgendeiner Art von physischer Beeinträchtigung gerechnet, einer winzigen, kaum bemerkbaren Störung. Einem unangenehmen Ziehen in den Oberschenkeln, Schmerzen in den Waden, einer Blase an der Ferse. Aber stattdessen fühle ich mich so frisch und ausgeruht, als sei ich gerade mal über die Straße zum Brötchenholen gegangen. Nicht einen einzigen Augenblick lang schlage ich mich an diesem Morgen mit irgendeiner Art von Zweifeln herum. Ich…

  • Tour 34 – 2. Tag: Von Retzbach nach Lohr am Main

    Es ist immer noch anders. Auch am zweiten Tag. Oder vielmehr gerade am zweiten Tag, denn schließlich ist es das erste Mal überhaupt, dass es einen zweiten Tag gibt. Noch ist der erste Tag sehr präsent, manchmal nur als Aufblitzen eines Bildes oder einer Empfindung, manchmal aber auch als bewusstes, gelenktes Erinnern. Manches ist bereits jetzt dabei, sich zu verflüchtigen, abzusinken in tiefere Schichten des Vergessens, manches läuft nur noch unterschwellig ab, wird verdrängt und überlagert von den Eindrücken des neuen Tages. Meine Sinne und Gedanken sind einerseits auf das Erlebte des vergangenen Tages ausgerichtet, zugleich aber auch auf das unbekannte Neue, das vor mir liegt. Und so oder so…

  • TOUR 34/TAG 1: VON WÜRZBURG NACH RETZBACH

    Es ist anders diesmal. Vom ersten Augenblick an ist es anders. Vor mir liegen vier Tage und insgesamt etwa 120 Kilometer. Das verhält sich zu den Tagestouren, die ich bisher unternommen habe, wie Inhalieren zu Atmen, wie Lodern zu Glimmen. Es ist, als bräche ich in ein unbekanntes Nebelland auf, ohne Karte und ohne Kompass. Allerdings sind auch diese vier Tage lediglich ein Fragment, etwas, das einem größeren Zusammenhang zugeordnet ist. Denn es sind lediglich die ersten vier von 30 oder mehr Etappen, die ersten gut 100 von rund 900 Kilometern des Fränkischen Marienweges, den ich in den kommenden Monaten – vielleicht auch Jahren – nach und nach abwandern will.…

  • TOUR 33: BHF METTLACH – BURG MONTCLAIR – CLOEFPFAD

    Es ist zunächst nicht mehr als ein verlorener, heller, glänzender Punkt irgendwo vor mir. Eine ganze Weile gehe ich darauf zu, ohne ihm wirklich näherzukommen. Es ist kein Gedanke mehr in mir außer diesem: Ich darf nicht stehenbleiben, nicht einen einzigen Atemzug lang. Ich habe das Gefühl, mich in vollkommene Leere hinein- zubewegen. In meinem Kopf formt sich ein Bild: Ich mache einen Schritt zur Seite und stürze ins Nichts.   Einige Stunden zuvor. Unter einem fast perfekt blauen Himmel trabe ich vom Bahn- hof in Mettlach Richtung Saarufer. Der Tag ist ein Realität gewordener Frühlingstraum. Die Wärme und das Licht strömen wie ein intravenös ver- abreichtes Glückselixier durch meine…