Wandertouren

TOUR 128 – VON EPPELBORN NACH EBERBACH, 1. ETAPPE VON EPPELBORN NACH ST. WENDEL

Erster Teil: Erstes Licht

Der Morgen ist noch nicht weit vorangeschritten, als ich aufbreche. Ein allerletzter Überrest der Dämmerung ist noch zu spüren, es ist nichts exakt Bestimmbares, Sichtbares mehr, sondern nur eine Ahnung – oder gar noch weniger – einer vergangenen Dunkelheit. Und auch dieser so gut wie nicht mehr vorhandene Hauch verflüchtigt sich binnen Minuten.
Man kann schon sehr weit sehen, weiter als an vielen Tagen zuvor zur Mittagszeit, denn da ist nicht mehr dieses erdrückende Betongrau, das alles umschloss wie eine Friedhofsmauer. Es ist ein klarer Morgen, der Wärme und Sonne verheißt.
Ich betrachte zunächst noch nichts im Detail, sondern beschränke mich darauf, die Umgebung wie eine Kulisse wahrzunehmen, allerdings löst der Blick wie von selbst immer wieder kleinere Ausschnitte aus dem Gesamtbild heraus – die zum größten Teil noch im Schatten liegenden Äcker und Wiesen am Wegrand, eine Scheune irgendwo im Gelände, weiter weg ein paar Hügel. So genau muss ich das alles aber auch gar nicht betrachten, denn hier bin ich so oft entlanggegangen, dass mir jeder zusätzliche Maulwurfshügel auffallen würde.
Wäre es noch etwas früher am Morgen, vielleicht während oder kurz nach der Dämmerung, dann wäre das anders, denn dann wäre vieles noch gar nicht so genau zu erkennen und dadurch würde selbst das Wohlbekannte hier und da vielleicht etwas fremd wirken.

Es wird eine recht lange Wanderung werden, so viel steht fest. 40 Kilometer, vielleicht etwas mehr. Es hängt letztendlich davon ab, welche Wege ich wählen werde, denn immer wieder wird es mehr als eine Variante geben, wie ich die Wanderung fortsetzen kann.
Während ich durch Eppelborn wandere, setzen sich in meinem Gedächtnis Bruchstücke vergangener Wanderungen zusammen, die mich ebenfalls hierhergeführt haben. Es sind unscharfe, unbeständige Bilder, die sich wieder auflösen, kaum dass sie entstanden sind.

So kurz nach dem Beginn der Wanderung ist das Ziel noch nicht sehr präsent in meinen Gedanken, warum auch? Der Tag liegt vor mir wie ein unbekannter, noch zu erkundender Ozean und deshalb orientiere ich mich im Augenblick eher an Zwischenetappen – dem nächsten Ort, den ich durchwandern werde, dem nächsten längeren Anstieg, den ich vor mir habe, irgendeinem markanten Wegepunkt. Und so weiter.

Nach und nach arbeitet sich die Sonne hervor. Das heißt, mal ist sie zu sehen, dann verschwindet sie wieder halb hinter einer Ansammlung von Wolken, aber es sind helle, leichte Frühlingswolken und nicht etwa ein Geschwader aus monströsen Finsterwolken, bei denen man sich schon denken kann, dass früher oder später Regen einsetzen wird.
Ich trabe einen nicht allzu steil ansteigenden Weg empor, kurz darauf geht es aber schon wieder den Berg hinab. Rechts ein paar Weiden, sonst Wiesen. Irgendwo vor mir eine durchs Gelände hastende Spaziergängerin mit Kopfhörer, die rasch aus meinem Blickfeld verschwindet. Später sehe ich sie, immer noch mit Kopfhörer, auf einer Bank hocken. Ich dagegen verschwende keinen Gedanken an eine Pause. Eine vernünftige Balance zwischen Gehen und Innehalten wäre zwar wünschenswert, gerade bei einer solch recht langen Strecke, aber in der Realität werde ich mich heute mit eher kurzen Unterbrechungen zufrieden geben müssen, um nicht Gefahr zu laufen, in die Dunkelheit zu geraten.
Je länger ich unterwegs bin, je mehr Kilometer ich hinter mich bringe, desto stärker wird das Gefühl, ganz bei mir selbst zu sein. Es ist einfach da, dieses Gefühl, ich muss nicht darüber nachdenken. Und während ich an einem Spalier von Birken vorüberlaufe und dann um eine Kurve herum wieder bergauf, wird mir wieder einmal bewusst, wie sehr beim Gehen über lange Distanzen eine positive Form von Genügsamkeit spürbar wird, eine Bereitschaft, sich zufriedenzugeben mit dem Notwendigsten. Und das bedeutet im Großen und Ganzen: mit dem Weg unter den Wanderschuhen,, mit ein paar Happen zu essen, mit so viel zu trinken, dass man nicht dehydriert.
Das stellt auch bereits einen Teil der Antwort auf die Frage dar, warum ich mehr oder weniger weite Strecken zu Fuß zurücklege, und zwar immer und immer wieder und ohne dessen irgendwann überdrüssig zu werden.
Der Rest der Antwort könnte zum Beispiel so aussehen: Ich wandere, um Schönes zu sehen. Ich wandere, weil sowohl Körper als auch Geist nach Bewegung verlangen.
Und so weiter.

Einige Sekunden lang halte ich am Wegrand an.
Man spürt den Frühling an diesem Morgen, man spürt ihn und man sieht ihn natürlich auch, wenngleich er kalendarisch erst ein paar Tage alt ist.
Trotz der überall vorhandenen Hügel wirkt die Landschaft unter dem dünnen Wolkenflaum flach und weit. Noch vor wenigen Tagen war das hier Regenland. Von Frühling und von dünnen Wolken konnte da noch keine Rede sein.
Aber darüber denke ich jetzt nicht weiter nach.

Zweiter Teil: Fast wieder zurück zum Ausgangspunkt

Würde ich die Wanderung anhand der etwas längeren Anstiege in Etappen unterteilen, dann käme ich auf vier oder fünf. Da wäre zunächst der Anstieg aus dem Tal hinauf nach Hierscheid und dann weiter durch einige Ortsstraßen bis zu einer Anhöhe mit freiem Blick bis weit ins nördliche Saarland. Dann wäre da der Anstieg von Dirmingen hinauf zum Biberpfad und auf dem Biberpfad selbst dann der Pfad aus einer Senke hinauf bis zu einem Asphaltweg in Richtung Marpingen.
In Marpingen selbst dann der längste Anstieg des Tages, beginnend bei einem kleinem Platz mit einem auffälligen Brunnen, von da hinauf durch enge, stellenweise steile Wohnstraßen zur Marienverehrungsstätte im Härtelwald, von da weiter in den Wald, wo der Anstieg zunächst eine Unterbrechung erfährt, ehe es dann doch noch weiter hinauf geht bis zu einem Plateau.
Außer diesen längeren Anstiegen gibt es selbstredend noch ein paar mehr, aber oft sind das nur kleine Kuppen, über die man schon hinweg ist, ehe man sie richtig zur Kenntnis genommen hat.

Bis zum Eppelborner Ortsteil Habach kann von Anstiegen, die diese Bezeichnung verdienen, keine Rede sein. Ich stiefele auf handtellerflachen oder höchstens mal ein paar Meter bergauf führenden Wegen ganz gemütlich vor mich hin. Zur Linken habe ich einen noch ziemlich in Winterstarre verharrenden Märzwald, rechts dagegen meistens Wiesen und Felder.
In Habach trabe ich durch leere Straßen wieder ins Tal hinab, von der oberen Durchgangsstraße zur unteren. Irgendwo setzt plötzlich ein nicht genau zu lokalisierendes Röhren ein, ebbt aber rasch wieder ab. Ich warte darauf, dass es sich wiederholt, aber es kommt nichts mehr.
Habach hat etwas Besonderes zu bieten, nämlich den geometrischen Mittelpunkt des Saarlands, und zwar irgendwo am Ortsrand. Es gibt auch noch einen geografischen Mittelpunkt des Saarlands, ein paar Kilometer entfernt bei Falscheid (gesprochen Fahl-scheid und nicht etwa Falsch-eid). Dass zwei verschiedene Mittelpunkte existieren, liegt wohl an unterschiedlichen Durchführungsvarianten der entsprechenden Messung.
Wie auch immer, ich lasse Habach hinter mir und finde mich von jetzt auf gleich auf einem stillen, von Bäumen, Wiesen und Äckern gesäumten Weg wieder, auf dem ich dahinlaufe, als würde der Wind mich mit sich tragen. Es ist kein böiger und auch kein unangenehm starker Wind, aber es ist auch kein kaum wahrzunehmendes, immer wieder abebbendes Lüftchen, es ist ein steter, mitunter von der Seite einströmender, mitunter aber auch von vorne kommender Wind, der mich über Kilometer hinweg begleitet und erst etwas nachlässt, als ich die nächste Ortschaft erreiche.

Sonne, Wind, Frühlingsweite, ich hätte es wahrlich schlechter treffen können heute.
Der Weg führt eine Weile bergan, allerdings meist nicht allzu steil, dann kippt er wie eine Wippe wieder nach unten und ich laufe auf einen von Hügeln abgeriegelten Horizont zu, mittendrin ein paar riesige Windräder, und ziemlich genau in der Mitte meines Blickfeldes ein paar Dutzend etwas höher gelegene Häuser von Eppelborn. Ich bin mittlerweile weit mehr als 10 Kilometer gewandert und wieder ganz nahe an meinem Ausgangspunkt.
Also davon, dass ich den kürzesten Weg nach St. Wendel gewählt hätte, kann keine Rede sein, aber das lag schließlich auch nie in meiner Absicht. Ebenso wenig habe ich allerdings vor, wirklich wieder nach Eppelborn zurückzukehren. Stattdessen biege ich scharf rechts ab und marschiere am Waldrand vorüber auf den Eppelborner Ortsteil Hierscheid zu. Der Wind lässt nicht nach. Solange er mich nicht bremst, soll es mir egal sein.

Dann ist er da, der erste längere Anstieg.
Er gliedert sich in drei Teile.
Zunächst stapfe ich von ganz unten bis zu den ersten Häusern von Hierscheid hinauf. An der Hauptstraße entlang flacht es etwas ab, auf dem dritten Abschnitt dieses Anstiegs wird es aber von Beginn an einigermaßen steil und das hält bis zum Ortsrand und sogar noch etwas darüber hinaus an.
Oben dann ein Plateau, auf dem der Wind sich so richtig austoben kann.
Blicke ins Land: Flache Hügel, die sich aber deutlich von den Mulden abheben, mittendrin überall kleinere und größere Dörfer wie vom Himmel gefallen.
Eine Menge Unschärfe ist noch dabei, die vollkommene Klarheit mit wie in die Landschaft hineingemeißelten Konturen hat noch nicht das perfekte Maß erreicht, aber auch das Ungefähre, Diffuse hat seinen Reiz.
Es wird nicht der letzte Fernblick für heute sein.

 

Dritter Teil: Windwege

Immer noch dieser Wind.
Auf dem Plateau scheint er aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen. Er wirbelt Staub und Grashalme auf und zum ersten Mal für heute empfinde ich ihn als unangenehm.
Später im Wald flaut er wieder ab, und zwar so stark, dass selbst dünne Äste kaum in Bewegung geraten.
Ich trabe nach Dirmingen hinunter und am dortigen Bahnhof vorüber. Offenbar ist gerade ein Zug angekommen, denn mehr als ein Dutzend Leute laufen, vom Bahnsteig kommend, an mir vorüber. Einige steigen in Autos, ein paar gehen die Straße hinunter in die entgegengesetzte Richtung, eine Frau steigt in einen kleinen Bus, der am Straßenrand hält. Binnen einer Minute hat sich der Pulk damit auch schon wieder aufgelöst.

Vom Wind ist jetzt fürs Erste nichts mehr zu spüren. Aber es dauert nicht lange und er ist wieder da, denn kaum habe ich Dirmingen hinter mir, stapfe ich zur nächsten Anhöhe empor, und mit nahezu jedem Schritt bergauf nimmt der Wind wieder zu.
Hier bin ich schon so oft entlanggewandert, dass ich wie mit einem ins Gehirn eingepflanzten Navigationssytem unterwegs bin. Aber das tut meiner Aufmerksamkeit keinen Abbruch. Ich konzentriere mich vielleicht nicht mehr so sehr auf Details, als wenn das alles völlig unbekannt für mich wäre, aber ich renne auch nicht wie mit Scheuklappen durch die Gegend.

Im freien Gelände kommt die frühlingshafte Atmosphäre nun schon richtig zur Geltung. Das ist kein Vergleich mehr zu den Tagen des Regens und des trüben, staubgrauen Himmels mit den zusammengeschrumpften Blickfeldern, an denen man das Gefühl hatte, wie zwischen aufeinander zu rückenden Wänden hindurchzulaufen. Heute scheint alles Trübe, Trostlose weit weg.
Ich erreiche den etwas holprigen Wiesensaum, der hoch zum Biberpfad führt, einem knapp 19 Kilometer langen Premiumwanderweg, auf dem ich jetzt eine Weile bleiben werde. Wie lange genau, weiß ich noch nicht, fest steht nur, dass ich irgendwo in Richtung Marpingen abbiegen werde.

Ungefähr ab diesem Zeitpunkt wird der Wind wieder etwas stärker. Es ist jetzt endgültig kein kühler oder gar kalter Wind mehr, sondern ein Wind, der nur noch mit Frühling zu tun hat und absolut nichts mehr mit Winter. Es ist hell, aber es ist eine ruhige, gleichmäßige Helligkeit, kein hochsommerliches Flirren, das aussieht, als würde es kosmischen Staub regnen.

Ich überlege kurz, ab welchem Punkt es beginnt, dieses Gefühl von Freiheit, das sich beim Unterwegssein zu Fuß oft einstellt. Ob es vielleicht schon vorher da ist, vor dem Aufbruch, oder ob es erst mit dem Aufbruch einsetzt. Oder noch später.
„… aber ich war stets frei und unabhängig wie der Vogel in der Luft“, schrieb Friedrich Gerstäcker in Erinnerung an seine zahlreichen Reisen und Abenteuerunternehmungen. Gerstäckers Reisen liegen lange zurück, 150 Jahre und mehr. Aber wie auch immer, eine kleine, vielleicht gar nur winzige Ahnung dieses Freiheitsempfindens spüre ich auch bei vielen Wanderungen.

Auf dem Biberpfad setzt sich der Wiesensaum zunächst fort, nur dass ich jetzt bergab wandere statt bergauf. Später laufe ich durch einen Wald mit stetig sich verändernden Schattenmustern, ich steige in eine Schlucht hinab und von da über schon beinahe in der Erde verschwindenden Holzstufen wieder hinauf, ich trabe gemächlich auf flachen Waldpfaden und unebenen Wiesenpfaden dahin, und aus einer Senke mit einem offenbar ganz neuen, über einen schmalen Bach hinwegführenden Steg laufe ich dann schließlich auf einem fußbreiten Waldsaum wieder bergan. Das stetige Auf und Ab verhindert, dass ich in einen Automatismus des Gehens gerate, der mich die Kilometer roboterhaft abspulen lässt. Ich brauche nichts zu erzwingen, muss weder besonders aufmerksam sein noch muss ich die Außenwelt vollkommen ignorieren. Es ist alles gut, wie es ist.

In der Nähe von Marpingen verlasse ich den Biberpfad und wandere auf einem leicht ansteigenden Weg an noch winterkahlen Bäumen vorüber. Bald aber komme ich in offenes Gelände mit Wiesen und Weiden, die schon ein ziemlich sattes Grün zu bieten haben. Der Wind ist noch da, aber er ist kaum wahrnehmbar, und während ich den nach und nach immer abschüssigeren Weg nach Marpingen hinuntertrabe, verschwindet er so vollkommen, als hätte ich die Schwelle zu einem Land überschritten, in welchem es nicht den allerkleinsten Lufthauch gibt.

In Marpingen beginnt wie bereits erwähnt der längste Anstieg des Tages.
Die Straßen, die ich hinaufwandere, weisen eine Steigung auf, die jeglichen Bergaufsprint um Keim erstickt. Nach einer Weile gelange ich zur Marienverehrungsstätte Härtelwald, wo ein paar Kinder in den Jahren 1876 und 1877 Marienerscheinungen gehabt haben wollen, die sie Jahre später allerdings widerriefen. Bereits kurz nach diesen angeblichen Marienerscheinungen setzten Wallfahrten aus aller Herren Länder in den Härtelwald ein.
Ende des 20. Jahrhunderts kam es wiederum zu einer Abfolge von Visionen. Drei Frauen gaben an, insgesamt dreizehn Marienerscheinungen innerhalb weniger Monate gehabt zu haben, was erneut einen länger anhaltenden Pilgerstrom zu Folge hatte, und auch heutzutage kommen jährlich Zehntausende hierher.

Ich halte mich bei der Marienverehrungsstätte nicht lange auf, sondern trabe weiter in den Wald hinein. Der Anstieg wird für ein paar Meter von einem flachen Waldweg unterbrochen, aber danach geht es noch eine ganze Weile an der Landstraße entlang bergauf. Die Straße ist zwar wenig befahren, dennoch muss ich sehr achtgeben.
Irgendwann habe ich diese Passage aber endlich hinter mir und befinde mich auf einem Plateau, auf dem ich gute Sicht in nahezu alle Himmelsrichtungen habe. Die Straße ist jetzt flach wie ein zusammengequetschter Pfannkuchen und rechts daneben gibt es breite Wiesen, auf denen die höchsten Erhebungen in ein paar beim Mähen verschonten Grashalmen bestehen. Ich muss zwar immer noch auf entgegenkommende oder von hinten herannahende Autos achten, aber hier sehe ich sie bereits aus großer Entfernung und kann auf die Wiese ausweichen.

Nach einiger Zeit erreiche ich eine Siedlung mit der Bezeichnung Rheinstraße. Im Großen und Ganzen besteht sie aus einer Haupt-Durchgangsstraße und wenigen kleinen Nebenstraßen. In grauer Vorzeit verliefen hier zwei Handelsrouten, eine von Trier nach Straßburg, die andere von Metz nach Mainz.
Es dauert nicht lange, bis ich die Siedlung durchwandert habe und danach trabe ich auf einem komfortablen Asphaltweg dahin. Rechts Wald, links immer noch Wiesen. An den äußersten Rändern des Blickfeldes verblasst das Sonnenlicht allmählich. Zwischen den Stämmen der Bäume sind die Schatten bereits keine luftigen Flatterschatten mehr, sondern fast schon unbewegliche Abendschatten.

Die meisten Anstiege liegen mittlerweile hinter mir und so erhöht sich meine Gehgeschwindigkeit beinahe wie von selbst. Von zu Zeit weiche ich ganz nach rechts auf den sandigen Belag neben der Straße aus, wenn mir ein Auto entgegenkommt, meistens jedoch kann ich unbehelligt auf dem Asphaltweg vor mich hin marschieren.
Der Wind ist zurück, aber in einer sehr schwachen, verspielten Variante. Er bewegt ein paar Äste und Blätter, mehr nicht. Eine Weidenlänge und eine Straßenüberquerung später bin ich noch einmal für kurze Zeit im Wald. Es ist nun nicht mehr allzu weit bis zum Ziel.

Vierter Teil: Die letzten Kilometer

In einer Welt, in der es nur Schönes gäbe, könnte es kaum besser sein als hier und jetzt. Nur dass man in einer solchen Welt gar keine Vorstellung davon haben könnte, was wirklich schön ist, da ja nirgends etwas Dunkles oder Hässliches existieren würde. Man würde also das Schöne gar nicht zu schätzen wissen.
Ich glaube nicht, dass ich während dieser viele Stunden dauernden Wanderung auch nur ein einziges Mal konkret das Wort „schön“ gedacht habe, aber das spielt keine Rolle. In dem immer mehr zerfasernden Licht durch diese aus Wiesen und flachen Hügeln zusammengesetzte Landschaft zu laufen, das ist schön, auch wenn es nur als eher unbestimmte Empfindung gegenwärtig ist.
Meine Aufmerksamkeit für die Umgebung sinkt nach all diesen Stunden des Unterwegsseins allerdings immer weiter. Jetzt ist auch – im Gegensatz zum Beginn der Wanderung – das Ziel sehr wohl als Fixpunkt in meinem Kopf. Ich wäge ab, wie lange ich ungefähr noch für den Rest der Tour benötige, ich überlege, wie viele Kilometer ich noch vor mir habe und wie viele es letztendlich wohl sein werden. Und so weiter. Aber zu keinem Zeitpunkt auf dieser Wanderung kommt es dazu, dass die Umgebung genauso gut eine nachtschwarze Einöde sein könnte, weil ich ohnehin nichts mehr davon wahrnehme.

Ich trabe an Winterbach vorüber, und zwar auf einem Weg, auf dem ein Apfelbäumchen sich ans nächste reiht. Die Bezeichnungen Dutzender von Apfelsorten sind auf Holzschildern angegeben und von keiner einzigen davon habe ich jemals etwas gehört.
Letzter markanter Wegepunkt vor St. Wendel ist die St.-Annen-Kapelle auf dem Wallesweilerhof. Es ist nicht die erste Kapelle, die an dieser Stelle errichtet wurde. Schon im Dreißigjährigen gab es eine und sogar noch 300 Jahre weiter zurück in der Zeit – um 1345 herum – ist die Existenz einer Kapelle beim Wallesweilerhof bezeugt.

Es wird nun zügig Abend.
Ich erreiche den Wendelinuspark am Rande von St, Wendel, in dem es zwar nicht gerade von Menschen wimmelt, wo ich aber in etwa genauso vielen Leuten begegne wie vorher auf der gesamten Wanderung.
Vieles nehme ich jetzt nur noch rudimentär wahr. Nach fast neun Stunden nahezu ununterbrochenen Gehens genügt das auch. Ich trabe über eine Wiese hinüber und gelange anschließend auf einen Asphaltweg, der im nun schon beinahe dämmrigen Abendlicht einsam wie eine Raumstation auf einem fernen Planeten wirkt.

Wenig später erreiche ich die ersten Häuser von St. Wendel, laufe einen kleinen Anstieg empor und trabe dann in aller Gemütsruhe zum Bahnhof hinunter.

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