TOUR 34/TAG 1: VON WÜRZBURG NACH RETZBACH

Es ist anders diesmal.
Vom ersten Augenblick an ist es anders.
Vor mir liegen vier Tage und insgesamt etwa 120 Kilometer.
Das verhält sich zu den Tagestouren, die ich bisher unternommen habe, wie Inhalieren zu Atmen, wie Lodern zu Glimmen. Es ist, als bräche ich in ein unbekanntes Nebelland auf, ohne Karte und ohne Kompass.
Allerdings sind auch diese vier Tage lediglich ein Fragment, etwas, das einem größeren Zusammenhang zugeordnet ist.
Denn es sind lediglich die ersten vier von 30 oder mehr Etappen, die ersten gut 100 von rund 900 Kilometern des Fränkischen Marienweges, den ich in den kommenden Monaten – vielleicht auch Jahren – nach und nach abwandern will.

Ich gelange auf dieser viertägigen Tour nicht an die Wurzeln meines Ichs oder in die Tiefen eines bislang unerforschten Kosmos irgendwo in mir selbst. Ich bin auch nicht bereit anzunehmen, dass es einen tieferen Grund für mein Tun gibt, als schlichtes menschliches Verständnis es zu erfassen vermag. Ich bin schließlich kein Pilger.

Aber eines steht auch fest: Es ist ein anderes Gehen, als ich es bisher gewohnt war.
Es ist intensiver, es ist substanzieller.
Und zwar so ziemlich alles daran.
Die inneren Monologe, die Klarheit des Denkens, das Erfassen, das Wahrnehmen.
Was jedoch wirklich den Unterschied ausmacht, das ist das vermeintlich Belanglose, Fragen wie: Wo bekomme ich etwas zu trinken her? Schaffe ich es noch rechtzeitig bis ins Hotel? Stimmt die Kilometerangabe auf diesem Wegweiser?
Solche Dinge sind es, die mir im Laufe dieser vier Tage ständig durch den Kopf mäandern.

Ich stehe am Bahnhof in Würzburg.
Es ist 13 Uhr.
Um mich herum ein Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen, den gerade ein Buntspecht heimsucht.
Auf dem Weg vom Bahnhof in Richtung Marienkapelle – dem Startpunkt des Marienweges – nimmt das Gewimmel sogar noch zu. In diesem Moment stellt sich bei mir eher das Gefühl ein, mich auf einer Shoppingtour zu befinden als am Beginn eines Pilgerweges.

Bei der Marienkapelle angekommen, entdecke ich das Symbol des Marienweges beinahe sofort. Der Pfeil darunter deutet irgendwohin.
Ich entscheide mich für eine der Richtungen, die in Frage kommen, und trotte los.
In mir ist so eine Ahnung, die aber einer Gewissheit gleichkommt, dass es lange dauern wird, bis ich das Symbol wieder zu Gesicht bekommen werde. Und sie wird sich bestätigen, diese Ahnung.

Ich habe mir vorher ungefähr hundert Mal durch den Kopf gehen lassen, was ich tun werde, wenn ich die Wegmarkierung in Würzburg nicht entdecken oder nicht wiederfinden sollte.
Und hundert von hundert Mal lautete – vorher – mein Entschluss: Sollte es tatsächlich so kommen, dann werde ich sofort und ohne zu zögern den direkten Weg nach Zell am Main einschlagen, denn das ist der nächste Ort, durch den der Marienweg verläuft.

Nun aber, da exakt der zuvor hundert Mal durchgespielte Fall tatsächlich eintritt, tue ich etwas ganz anderes.
Ich beschließe nämlich, erst einmal ein wenig durch die Straßen Würzburgs zu laufen, mich treiben zu lassen.
Ich gehe zur Residenz, von dort über den Geschwister-Scholl-Platz Richtung Löwenbrücke und dann zum Mainufer. Das bedeutet zwar einen Umweg von mehreren Kilometern, aber ich bin schließlich hier, um zu gehen und dabei etwas zu sehen.

Ich lasse mir Zeit.
Es ist der erste Tag.
Keine Spur von zielloser Unrast, von Getriebensein, von Hektik.
Keine Ungeduld, kein zwanghaftes Erreichenwollen von irgendwas.
Nur das Gefühl, dass ich etwas tue, was ich schon längst hätte tun sollen.
Vor meinem inneren Auge ziehen stille Bilder vorüber.
Wie ein Stein in einem trockenen Flussbett ruhe ich in mir selbst.

Dann bin ich am Main.
Wieder so ein Ameisengewimmel.
Trinkende, lachende, redende, schauende, schlendernde Menschen.
Wie ein Teilchen im Plankton lasse ich mich in der Masse mittreiben, an der Alten Mainbrücke und am Alten Kranen vorüber.
Wenig später stiefele ich über die Friedensbrücke hinüber auf die andere, die linke Mainseite.
Auf den nächsten Kilometern ist die Strecke wenig erquicklich.
Straßenlärm, Baulärm, gesichtslose Gebäude. Nicht gerade eine Passage der Innerlichkeit und der Stille.
Ich habe aber ein ganz anderes und viel drängenderes Problem, nämlich den Rucksack. Er drückt auf meine Schultern wie ein Felsmassiv.
Das ist die schlechte Nachricht.
Die gute: Ich bin ziemlich sicher, Abhilfe schaffen zu können, indem ich den Rucksack einfach anders packe.

Irgendwann bin ich raus aus der Stadt.
Noch zwei Kilometer an der Landstraße vorüber, dann erreiche ich Kloster Oberzell, das allerdings nicht zu den 50 Wallfahrtsorten des Marienweges gehört, und biege wieder zum Mainufer ab. Die Geräusche verebben, als hätte jemand an einem Lautstärkeregler gedreht.
Am Himmel, der bei meiner Ankunft noch grau wie Zement gewesen ist, kann man mittlerweile eine lichtdurchflutete Wolkenlandschaft bewundern. Und um mich her wieder so ein Wechselspiel der Farben. Hier leuchtendes Grün. Da blasses Blau. Und tanzende goldgelbe Lichtfunken auf der Wasseroberfläche.
Wohin der Blick auch fällt, überall flirrt, schimmert, schillert und glänzt es. Es ist, als habe ein Alchemist eine Formel für bisher unbekannte Farbschattierungen entdeckt.

Immer wieder halte ich inne im Gehen. Lasse Eindrücke auf mich wirken, ohne ihnen konkrete Bezeichnungen zu geben.
Ich werde alles in Worte fassen.
Später.
Jetzt ist die Zeit für einen inneren Monolog, der nur wahrnimmt, nicht wertet, nur registriert, nicht deutet.

Die ganze Zeit laufe ich auf einer beinahe schnurgeraden Asphalttrasse am Main entlang. Meine Beine bewegen sich wie von selbst.
Und es wird noch besser, noch viel besser, nachdem ich endlich den Rucksack anders gepackt habe. Von diesem Zeitpunkt an ist es ein Gehen wie mit Warpantrieb.

Margetshöchheim.
Eine Allee am Mainufer.
Noch so ein Alchemistentrick: Das Wasser des Mains schimmert in Zauberblau.
Und in jedem Baumwipfel spielt das Licht auf andere Weise.
Noch immer sind von überallher Geräusche zu hören, aber es sind Geräusche, die das Wohlbehagen verstärken, nicht vermindern.
Der Wind. Das Wasser. Ferne Stimmen.
Am Ende des Ortes führt eine Brücke über den Main nach Veitshöchheim hinüber. Für die Dauer eines Herzschlags flackert der Gedanke auf, einen Abstecher in den Rokokogarten zu machen, den ich im August letzten Jahres schon einmal besucht habe. Aber in mir ist jetzt kein Raum mehr für Umwege. Ich will noch ein paar Kilometer machen, vorwärtskommen.

Ganz allmählich wird das Licht brüchiger, die Schatten werden schwerer.
Bäume. Wiesen. Und immer noch der Main.
Ich nähere mich Erlabrunn.
Hier befindet sich Pilgerstätte Nummer zwei des Marienweges, das Käppele. Wo genau es zu suchen ist, muss ich allerdings erst noch herausfinden.

Fünf Minuten später – nach einem kurzen Dialog mit einer Spaziergängerin – weiß ich es: Der winzige weiße Fleck ganz oben auf dem bewaldeten Hügel, das ist es.
Es ist der einzige richtige Anstieg des Tages. Nach dem stundenlangen Marschieren über Asphalt ist der weiche Waldboden eine Wohltat für die Füße.
Zwischen den Bäumen ist es stellenweise so dunkel wie bei einer Nachtszene in einem uralten SW-Film.
Immer mehr sich bewegende Schatten, wie umherhuschende kleine Tiere. Aber über den Bäumen ist der Himmel noch immer so hell und so weit wie ein gläsernes Meer.

Kein Wind mehr.
Ganz ruhig stehen die Bäume.
In der langsam sich ausbreitenden Dunkelheit stehen sie, im immer mehr schwindenden Licht.
Ich schaue, betrachte.
Jeder Blick bringt ein neues Bild.
Irgendwo nehme ich eine winzige Bewegung wahr, ein konturenloses Zittern.
Es ist nicht mehr als ein flackernder Schatten, fast schon ununterscheidbar von der Dämmerung.
Ich atme im Takt meiner Schritte.
Ein, aus, ein aus.

Auf den letzten Kilometern dieser ersten Etappe begleitet mich Carmen, meine ehemalige Lebensgefährtin.
Diese letzen Kilometer führen von der Maria-Hilf-Kapelle in Zellingen über den Main hinüber zur Kapelle „Maria im Grünen Tal“ in Retzbach.
Und irgendwo dort durchschreiten wir das Tor zu einer anderen Welt.
Einer Welt der Abgeschiedenheit und der Stille.

Es ist eine Stille, die mehr ist als nur die Abwesenheit von Geräuschen.
Mit jedem Luftholen atmen wir sie ein und fühlen sie durch uns hindurchströmen. Mit dem Wind streicht sie durchs Geäst der Bäume, sinkt herab mit dem letzten Tageslicht, ruht in den wachsenden Schatten. Wie ein leichtes Gewand umfängt sie uns, als wir die Treppe zur Kapelle hinaufsteigen und auch später, als wir noch eine Viertelstunde lang durch den unmittelbar neben der Kapelle liegenden Gesundheitsgarten spazieren.

Es ist ein grandioser Abschluss des ersten Tages.
Die zweite Etappe wird mich an Tag zwei dann von Retzbach nach Lohr am Main führen.

10 Replies to “TOUR 34/TAG 1: VON WÜRZBURG NACH RETZBACH”

  1. Meiner Meinung nach wieder ein toller Beitrag. Wie viele Kilometer hast Du an diesem ersten Tag zurückgelegt?

    Gruß, Sylban

    1. So etwa 25, mit allen Umwegen. Ich war ja erst gegen 13 Uhr in Würzburg, da wären auch nicht viel mehr drin gewesen. Vielen Dank für den Kommentar!:-)

  2. Eine schöne und wieder sehr poetische Beschreibung des ersten Tages der ersten Etappe deiner Wanderung auf dem Marienweg, lieber Torsten! Sofort sah ich vor meinem inneren Auge in der Sonne blau und silbern glitzerndes Wasser – etwas, das ich auch sehr mag. Sehr gut dargelegt auch der Aufbruch im Lärm, im Gewimmel und die Ankunft in wohltuender Stille. Deutlich spürbar die Freude des Gehens, Schauens, Wahrnehmens. Beneidenswert!

    Liebe Grüße, Jana

    1. Vielen Dank für Deinen schönen Kommentar, liebe Jana!:-)
      Schon dieser erste Tag war sehr abwechslungsreich und das war an den übrigen drei Tagen nicht anders. Insgesamt sehr viele unterschiedliche Eindrücke, viele kleine Ereignisse und Erlebnisse. Ich kann es kaum erwarten, die Tour fortzusetzen.

      Liebe Grüße
      Torsten

  3. Das Menschengewimmel zu Beginn Deiner Wanderung auf den Marienweg und Deine Streifzüge durch Würzburg gab doch zu Beginn ein „Stadtfeeling“, bevor Du wieder in Ruhe im Takt Deiner Schritte in der Abgeschiedenheit gehen konntest.Es ist schön, dass Du Dich nachher ohne Unrast und Ungeduld auf den Weg machtest. Die erste Strecke dem Main entlang mit seinem Wechselspiel der Farben ist so anschaulich geschildert,
    Mit Carmen die letzten Kilometer zu durchwandern und gemeinsam die Stille und Abgeschiedenheit zu geniessen finde ich einen wunderschönen Tagesabschluss.
    Torsten, wieder eine Wanderbeschreibung mit Liebe zur Natur, und schwer für mich in Worte zu fassen, wie mir Deine Erzählkunst gefällt.

    1. Es war nicht nur an diesem ersten Tag, sondern an allen vier Tagen eine Tour, die an Abwechslung und an Intensität kaum zu überbieten war. Es war auch die richtige Entscheidung, von den ursprünglich geplanten fünf auf vier Tage runterzugehen, das war genau der richtige Zeitraum.
      Die nächsten Etappen folgen Ende Mai.
      Vielen Dank auch diesmal für Deinen positiven Kommentar, liebe Ursula!:-)

    1. Vielen Dank!:-) Es ist auch wirklich eine sehr schöne Gegend.
      Ich habe an diesen vier Tagen enorm viele Unterschiedliche Eindrücke aufgenommen: Den Lärm und die Menschenmassen der Stadt, die Abgeschiedenheit des Spessarts, wunderbare Passagen am Main entlang usw. Ich bin jetzt schon gespannt, was mich beim nächsten Mal erwartet.

      LG Torsten

    1. Außerhalb der Städte ist der Weg sehr gut ausgeschildert, allerdings darf man nicht an der falschen Stelle unaufmerksam sein.:-) Ich lasse mich gerne korrigieren, aber in den Städten ist die Beschilderung weit weniger gut. Wenn man die genaue Streckenführung kennt, ist das allerdings kein unüberwindliches Problem.

      Beste Grüße
      Torsten

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