TOUR 42: BHF BAUMHOLDER – BÄRENBACHPFAD

Es ist Mitte Oktober.
Aber es könnte genauso gut ein Tag irgendwann im August sein.
Bereits morgens um acht ist das Licht über der Landschaft gleißend hell und ein samtgrüner, wie aus einer unwirklichen Zwischenwelt herüberleuchtender Schimmer hüllt nach und nach alles ein. auch die dunklen Streifen ganz nahe an den Baumstämmen und die schwarzen Furchen der Äcker und die grauen Steine am Wegrand.
Selbst in den Senken, ganz unten, wo der Morgendunst sich noch hält, leuchtet es golden.
Man hat beinahe den Eindruck, als könne alles ringsumher jeden Augenblick wegfliegen, davongetragen werden vom Hauch dieses Sommermorgens im Oktober.
Im Grunde könnte man die ganze Zeit mit Stehenbleiben, Schauen und Eindrücke in Geschenkpapier einwickeln verbringen,

Allein die Farben!
Ein sanftes Blau, schimmernd wie Eis.
Ein gelbes Sonnenrad, das gerade so die Wipfel der Bäume berührt.
Das dunklere, mildere Gelb des Laubs.
Es ist Musik aus Farben und Licht.
Man wartet die ganze Zeit darauf, dass der Tag die Maske abnimmt und sein wahres, trübes Herbstgesicht zeigt, aber stattdessen wird es immer noch besser und besser.

Ich kann mich an Touren erinnern, da war der Himmel ein See aus schwärzester Finsternis und ohne auch nur ein Augenblinzeln Unterbrechung prasselte unerbittlich Regen herab.
Vielleicht sind Wanderungen an solchen Düstertagen eher dafür gemacht, sich in etwas komplexere Denklabyrinthe zu begeben.
An einem Tag wie heute jedoch käme es mir vor, als würde ich dadurch etwas Großartiges zerdenken und mich um den Genuss des Genießens bringen.
Von der ersten Minute an habe ich das Gefühl, nichts tun zu müssen als einfach nur zu gehen.
Alles andere kommt heute von selbst.
Ich muss an keiner Tür rütteln, um Einlass in eine Geheimkammer zu erlangen, in der die großen Erkenntnisse aufgestapelt sind wie Heuballen in alten Holzscheunen.
Es ist alles da, liegt bereit, will genutzt werden.

Gut, dann mal loswandern!
Baumholder ist seit Jahrzehnten Garnisonsstadt der US Army.
Daran hätte ich vielleicht denken sollen. Dann hätte ich die Frau am Bahnhof, bei der ich mich nach dem Bärenbachpfad erkundige, gleich auf Englisch angesprochen.
Durch wenig belebte Straßen trabe ich zum Stadtweiher, den ich einmal umrunde und dann gleich noch ein zweites Mal.
Allein das weckt schon ein Gefühl wie Baden in einem Extrakt aus dem Glanz von Feenhaar.
Die Sonne leuchtet riesengroß und alabasterweiß vom Himmel.
Ich gehe über den Parkplatz hinüber, auf dem ein kleiner Flohmarkt stattfindet, und wenig später bin ich auch schon mitten in der Landschaft.

Ein Gehölz – für hundert Meter plötzlich nur ein paar schmale, zitternde Lichtfinger in ungewissem Halbdunkel -, dann ein Wiesenpfad an Sträuchern, Weiden und Koppeln vorüber direkt auf die Mittagssonne zu.
Ganz selten einmal richte ich den Blick für Sekundenbruchteile auf einen Punkt unmittelbar vor meinen Füßen, ansonsten kann ich gar nicht anders als ihn beobachtend, erfassend, scannend, manchmal aber auch einfach nur gleichsam blicklos Eindrücke aufnehmend über die Herbstsonnenlandschaft schweifen zu lassen.
Was für ein tolles Gehen!
Wenn mir jetzt nach etwas ganz und gar nicht der Sinn steht, dann nach dem Eindämmen der Flut von Wahrnehmungen durch das gedankliche Herumfeilen an präszisen Formulierungen.
Ich muss auch nicht ununterbrochen Details erfassen und Aufmerksamkeit für die kleinste Kleinigkeit aufbringen.
Im Moment will ich nichts anderes als einfach das alles in seiner Gesamtheit seine Wirkung entfalten zu lassen.

Asphalt.
Eigentlich nur ein ganz kurzes Stück, aber in meiner Geheuphorie übersehe ich, dass der Bärenbachpfad nach rechts auf einen Wiesensaum abzweigt und trabe weiter bis zu den ersten Häusern von Baumholder.
Erst als sich so gar nichts zeigt, was irgendwie nach einem Wandersymbol aussieht, kehre ich wieder um.
Nicht schlimm, ich kann mir heute mehr Zeit lassen als ein Hochgebirge beim Entfaltungsprozess.
Ich finde es sogar recht angenehm, ein paar Minuten lang harten, griffigen Asphalt unter den Fußsohlen zu spüren. Die Gefahr, dass es auch nur im Entferntesten so ausartet wie bei der Marienwegetappe von Sommerhausen nach Bütthard, die existiert heute nicht mal ansatzweise.

Eine Weile wandere ich dann auf dem Wiesensaum dahin, aber irgendwann macht der Weg einen kleinen Knick und durch ein von Sträuchern gesäumtes Schattentor betrete ich endlich Wald.
Einzelne spärliche Lichtflecke, wie hingetupft, dann immer helleres Licht, aber gedämpft durch Blätter und Äste.
Wenig später habe ich dann wieder diesen leuch-tenden, weiten Himmel über mir, der alleine schon ausreichen würde, um Denkprozesse zu entdichten und einem das Gefühl zu geben, von diesem Augenblick an auch ohne viel Nachdenken für jedes Problem eine Lösung zu haben.
Rechts neben mir eine einsame Landstraße, links abgeerntete Felder, jenseits davon eine Ansammlung dunkler Nadelbäume.
An einem Novembertag mit grauem, kaltem Regen und Nebelvorhängen über Äckern, wäre das eine nahezu perfekte Kulisse für einen Roman, in dem man in tiefen Wäldern auf namenlose Gräber stößt, aber hier und heute ist es einfach nur eine Herbstidylle mit Entstressungsgarantie.

Wieder in den Wald hinein.
Eine Viertelstunde lang gehe ich jetzt mal so langsam wie möglich, ohne das Gefühl haben zu müssen, an Ort und Stelle Wurzeln zu schlagen.
Mit einem Mal ist die Verankerung im Hier und Jetzt tiefer als zuvor.
Ich bin mehr Beobachter als Geher, mehr Betrachter als Wanderer. Die Bewusstheit für Details wird größer, die Wahrnehmung konzentriert sich auf kleinere Ausschnitte, sie arbeitet feiner, subtiler.
Der Punkt ist: Das funktioniert für mich nur eine gewisse – und zwar sehr kurze – Zeit, aber dann funktioniert es nicht mehr. Es ist eben genau so, wie ich in der Einleitung zur Marienwegetappe von Aschaffenburg nach Soden bereits schrieb: Ich will gehen, ich will die Bewegung spüren. Und wenn ich zu langsam gehe, dann verliert sich das Gefühl der Bewegung und auch noch einiges mehr.

Ich wandere weiter durch diesen Herbstzauberwald.
Gehen + Wald + Licht + Farben = Wohlgefühl, so lautet heute die Gleichung.
Manchmal, einen kurzen Lidschlag lang, schillert es hell irgendwo zwischen den Blättern auf, manchmal strömt mildes Licht zwischen den Stämmen hindurch, sickert in die Schatten am Boden hinein, dann wieder schlägt die Sonne breite Schneisen ins Schattengeflecht. Ein paarmal aber öffnet sich auch der Blick über wie verrückt in allen möglichen Farbvariationen leuchtende Bäume hinweg bis zu einem sehr fernen, schimmernden Horizont.
Man kann sich gar nicht sattsehen und sattempfinden an alldem.
Es ist wie Frühlingserwachen und Indian Summer in einem, nur das knisternde Laub unter meinen Füßen, das ist der Herbst.

Der „Pfad der wilden Frau“.
Für ein paar Kilometer ändert sich der Charakter der Strecke jetzt grundlegend.
Ich trabe am Rande eines Bachlaufs dahin, überquere kleine Stege, bugsiere mich an umgestürzten Bäumen vorüber, die in den Pfad hineinragen, trete auf flache Steine am Bachufer und ab und zu bewege mich entlang eines Gewirrs von Sträuchern und Felsen.
Ich genieße das Knarzen und Schaben und Knirschen und Rascheln unter den Sohlen meiner Wanderstiefel. Das Herbstleuchten findet nun irgendwo über mir statt.
Am Boden November, am Himmel August.

Wieder ein Schild: „Im Tal der Stille“.
Der Pfad verliert nichts von seiner Intensität.
Noch ein Steg, immer noch der Bach, und dann auf schmalem Pfad hinauf, zurück in das Herbstleuchten.
Gleißende Sonnenräder rollen über die Bäume hinweg.
Allmählich ist das Leuchten irgendwie auch in mir selbst.
Außerhalb des Waldes, unter dem weiten Himmel, schenkt das Sonnenlicht der Landschaft ganz klare Linien, die aber nicht hart und unnachgiebig wirken, sondern weich und filigran.
Zwischen den Bäumen allerdings dehnen sich mitunter einzelne fast lichtlose Areale aus, weil das Sonnenlicht sich in dichtem Geäst verfängt.
Innehalten.
Nur einen einzigen, aber ausgedehnten Moment lang.
Der lichtdurchwirkten Stille gewahr werden.
Dann weitergehen.

Irgendwann später stehe ich am Rande eines Talkessels.
„Die verschwundene Heimat“ lese ich auf einer Infotafel.
Darunter die Namen von vierzehn Dörfern.
Vierzehn Dörfer, die 1937 dem Bau des Truppenübungsplatzes weichen mussten, den ich auf der gegenüberliegenden Seite des Tales erkennen kann.
Manchmal üben Dinge ja erst in einem früheren oder späteren Nachhinein ihre Wirkung aus, aber das hier wirkt unmittelbar.
In irgendeinem Buch etwas von vergangenen Ereignissen zu lesen, von längst vergessenen Schicksalen, das kann interessant, berührend oder was auch immer sein, aber auf eine ganz eigene Weise ist das hier ein paar Nummern größer.
Es ist ein ganz klein wenig so, als würde man in ein uraltes Schwarzweißfoto hineinsteigen und sich ein paar Minuten lang in der realen Vergangenheit umschauen.

Mittlerweile ist es Nachmittag.
Immer noch ist es sehr warm.
Immer noch leuchtet es überall in Farben, für die man manchmal kaum einen Namen hat.
Es gibt heute nichts, aber auch wirklich gar nichts, was das Wohlgefühl auch nur ankratzt, geschweige denn beeinträchtigt.

Irgendwo am Waldrand lege ich noch eine kurze Rast ein, an einer Stelle wie aus einem 50er-Jahre-Märchenfilm.
Danach wandere ich wieder an Wiesen, Äckern und Koppeln vorüber, durch kleine Birkenwäldchen, und überall strahlt immer noch dieses wunderbare Herbstlicht, das jetzt ganz allmählich einen abendlichen Schimmer bekommt.
Geräusche, Stimmen, so dezent, dass sie die Stille eher hervorheben, als sie zu stören.
Was will man eigentlich mehr als Wanderer?
Für hier und heute jedenfalls ist es perfekt.

Dann nähere ich mich wieder Baumholder.
Laufe ein paar Stiegen hinab.
Trotte über Schotterwege.
Stapfe über einen Wiesenpfad zwischen rot blühenden Sträuchern und einer Koppel hindurch.
Die leuchtende Sonne, der leuchtende Himmel über mir, immer noch.
Entspannung wurzelt tief in meinen Gedanken.
Ich will nirgendwohin mit ihnen.
Aber genau das ist manchmal ein gutes Ziel.

Ich bin zurück am Stadtweiher.
Und da ich noch ein wenig Zeit habe, bis der nächste Zug fährt, umrunde ich ihn noch ein drittes Mal für heute.
Dann erst schlendere ich gemächlich zum Bahnhof.

8 Replies to “TOUR 42: BHF BAUMHOLDER – BÄRENBACHPFAD”

  1. Vielen Dank für die wiederum sehr schöne Beschreibung. Man bekommt Lust, den Pfad selbst zu laufen. Oder lag es in erster Linie an dem tollen Wetter?

    Grüße,
    Roxanne

    1. Der Pfad an sich ist schön und abwechslungsreich gestaltet, bietet zudem einiges an Information. Also der ist auf jeden Fall sehens- und gehenswert. An so einem nahezu unglaublichen Zauberherbsttag ist er natürlich besonders gut in Szene gesetzt worden.

      Beste Grüße
      Torsten

  2. Sehr schön zu lesen.
    Ich bin den Pfad selbst vor einiger Zeit gegangen, allerdings bei eher trübem Wetter. Die Wegführung fand ich recht schön. Man muss ja immer bedenken, was für Möglichkeiten die Landschaft überhaupt zulässt. An einem so schönen Herbsttag sieht das Ganze natürlich noch mal deutlich besser aus.

    1. Vielen Dank für den Kommentar.
      Im Grunde lief der Pfad an diesem Tag ein bisschen außer Konkurrenz, denn an so einem Tag hätte wohl so ziemlich jeder Wanderweg einen tollen Eindruck hinterlassen. Aber auch unabhängig davon hat er einiges zu bieten: Sehr schönen und abwechslungsreichen Wald, viele Informationen des Wegbetreibers, durchaus ansprechende Panoramen, also für jeden Wanderer, der sich in der Natur wohlfühlt und gleichzeitig ein wenig über die Gegend und ihre Geschichte erfahren will, ist das ein sehr interessanter Weg.

  3. Nach den Bildern und der Beschreibung zu urteilen, ist das ein empfehlenswerter Wanderweg. Wie lang ist denn der Pfad und kann man ihn auch bei schlechterem Wetter wandern und hat trotzdem noch Spaß dran?

    Gruß,
    Sylban

    1. Die Streckenlänge beträgt 14 Kilometer, meist durch Wald oder über offenes (Wiesen-)gelände.
      Wenn man grundsätzlich nichts gegen Regen hat, dann macht sicher auch dieser Pfad Spaß, allerdings dürfte es in den Senken doch ziemlich matschig werden.

      Beste Grüße
      Torsten

  4. Dann gebe ich auch noch einen kurzen Kommetar zu dem aktuellen Text ab: Sehr gutes Blog und fast alles Wanderungen in Gegenden, die ich so gar nicht kenne. Ich komme gerne wieder.

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