TOUR 41/4. & 5. TAG: VON SOMMERHAUSEN NACH MARKTBREIT

Vierter Tag.

Im Laufe dieses Tages werde ich ganz nahe an eine Grenze herankommen, so nahe, dass ich sie buchstäblich mit jedem Schritt überschreiten könnte. Eine Grenze, von der ich nicht gedacht hätte, dass sie tatsächlich existiert, oder vielmehr, über deren Existenz ich mir nie Gedanken machen musste.
Nach und nach in einen gewissen Automatismus des Gehens hineinzugelangen, der dazu führt, dass man ohne noch groß über dies oder jenes nachzudenken vor sich hinstiefelt und einfach einen Schritt auf den nächsten folgen lässt, mit dem unterschwelligen Gefühl, dass man nichts lieber tun würde als das, was man gerade tut, das habe ich bei stundenlangem Gehen ohne Pause ja schon häufiger erlebt. Wenn die Wachsamkeit für die Umgebung nicht gegen Null strebt, sondern weiterhin existent ist, oft sogar in subtilerer Form, dann gibt es fast nichts Besseres.

Diesmal aber ist es anders.
Es ist nicht anders, weil die Etappe so lang wäre.
Ist sie nämlich nicht.
Alles in allem nur so etwa 30 Kilometer, und da ist der Weg vom Hotel zum Bahnhof in Würzburg schon mitgerechnet.
Es ist auch nicht anders, weil sich plötzlich an der Art meines Gehens oder in meinem Denken etwas verändert hätte oder weil ich morgens aufgewacht wäre und beschlossen hätte, irgendeine skurrile Idee in die Tat umzusetzen. Die Strecke auf einem Bein abzuhüpfen oder so etwas.

Nein, es ist aus einem ganz bestimmten Grund anders: Es ist anders, weil ich auf schier endlosen Asphalttrassen durch eine Landschaft wandere, in der es oft keinen Horizont und keine festen Konturen zu geben scheint, nichts, woran der Blick Halt findet.
Und die Grenze, an die ich ganz nahe herankomme diesmal, das ist nicht etwa der Gedanke: Warum tust du das alles eigentlich? Sondern es ist die komplette Abwesenheit aller Gedanken und von allem, was irgendwie nach Hinterfragen und Reflektieren aussieht.
Ja, es ist erstrebenswert, dass die Gedanken beim Wandern zur Ruhe kommen.
Nein, es ist nicht erstrebenswert, so eine Art wandelnder Stein zu werden.

Stadium eins.
Der Beginn.
Ich bin in Winterhausen.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Mains liegt Sommerhausen, wo ich am Tag zuvor die Etappe beendet habe. Der Anblick der Dächer und der darüber hinausragenden Kirchturmspitze könnte idyllischer kaum sein.
Wie bei einem ganz langsamen Kameraschwenk schweift mein Blick über den Fluss.
Uralte SW-Fotos von der Fähre, die früher zwischen Sommerhausen und Winterhausen verkehrte, erstehen für Sekundenbruchteile vor meinem inneren Auge.
Der Eindruck, dass hier alles so dauerhaft ist wie die Bäume am Uferrand, der trügt also. Auch hier wechseln die Zeiten, auch hier gibt es Veränderung.

Ich trabe erst einmal los.
Am Bahnhof vorüber, dann rechts.
Ein paar hundert Meter und schon habe ich Winterhausen hinter mir und laufe einen sonnenüberfluteten Weg hinauf.
Bäume, Wiesen, Felder, alles schön hergerichtet unter einem auf Hochglanz polierten Augusthimmel.
Gut, ich habe schon wieder Asphalt unter den Wanderstiefelsohlen. Und irgendwie ist da von Anfang an so ein merkwürdiges Niemandslandgefühl.
Aber von allen Seiten strömt leuchtendes Grün auf mich ein und von oben ein Blau, das fast zu schön ist, um real zu sein. Dazu ein gerade so spürbarer Wind.
Mehr brauche ich im Moment gar nicht.

Ich nehme ein wenig Fahrt auf.
Das Ziel des heutigen Tages steht noch nicht fest, vorausgesetzt, man definiert Ziel als einen bestimmten Ort, den es zu erreichen gilt. Wie am Tag zuvor kann ich mich heute damit zufriedengeben, einfach nur unterwegs zu sein und irgendwann irgendwo zu entscheiden, dass es für diesmal genug ist.
Bütthard, der Ort, in dem sich Wallfahrtsstätte Nummer 22 befindet, schwebt zwar unscharf als Ziel in meinem Kopf herum, aber wenn ich die Etappe irgendwo sonst beende, dann wird die Erde auch nicht aus ihrer Umlaufbahn geschleudert.

Um mich herum alles grün.
Ein mächtiges, sattes Grün, wie zu Farben gewordene Akkorde.
Der Weg entrollt sich unter meinen Füßen, als würde er durch meine Schritte überhaupt erst entstehen.
Kein schlechtes Gefühl.
Nur wenige Geräusche: Kleine Vögel irgendwo in den Zweigen der Bäume, das ferne, kaum vernehmbare Rattern eines Zuges, das immer mehr verhallt, ein nicht näher identifizierbares Surren.
Das ist natürlich nicht die Nur-noch-ich-und-der-Wind-Stille, die ich aus manchen Gegenden im Spessart kenne, aber die würde hierher auch überhaupt nicht passen.

Der stetige, nicht allzu steile Anstieg, die milde Sommermorgenlandluft, die Farben, das Licht, all das entfaltet allmählich seine Wirkung.
Die Pausen zwischen meinen bewusst gedachten Gedanken werden größer und es gibt keine mehr darunter, die knarren und ächzen wie die seit ewigen Zeiten nicht mehr geöffnete Luke einer fast vergessenen Dachkammer.

Zwischendurch bietet sich kurz ein Blick auf Sommerhausen und die Weinberge. Danach stapfe ich noch eine  Weile weiter den Hügel hinauf, über die Schattenumrisse der Bäume hinweg, dann aber breitet sich die Landschaft mit einem Mal vor meinen Augen aus wie ein aufgeklappter Riesenfächer und für einen Moment hat man fast den Eindruck, als sei sie höher als der Himmel.
Vor mir eine schnurgerade Straße, eine kleine Kuppe, ein einzelner vom Wind zerzauster Baum.
Ein spürbarer Hauch von Verlassenheit und von Spätsommermelancholie weht über die Äcker und Wiesen, löst sich aber wieder auf wie morgendlicher Nebel.

Ich übersehe mal wieder ein Wandersymbol – gut möglich aber auch, dass es gar nicht vorhanden ist -, laufe ein Stück auf Winterhausen zu und kehre wieder um, weil mir das dann doch eine Spur zu eigenartig vorkommt.
Der Wind wird immer stärker, mit einzelnen Böen dazwischen, die Staub vom Asphalt emporwirbeln.
Obwohl es warm ist wie im Hochsommer, ist da schon eine Menge Herbst dabei.
Ich gehe hin und her, suche jeden einsehbaren Winkel ab, aber ich finde absolut nichts, was nach dem Marienwegsymbol aussieht.
Eigentlich kommt nur eine einzige Richtung in Frage, nämlich die, in der ich in einiger Entfernung zwei Radfahrer auf zwischen den Feldern hervorlugende Häuserdächer zufahren sehe.
Okay, dann entscheide ich mich auch für genau diese Richtung.

Keine Viertelstunde später bin ich kurz vor Fuchsstadt.
Dahin wollte ich.
Geht doch.
Ich laufe auf einem asphaltierten Feldweg voller Furchen und Risse in den Ort hinein.
Hinter dem letzten Haus macht die Straße einen Knick nach rechts. Von einem Herzschlag zum nächsten befinde ich mich am Rande einer Ebene, die nur aus Himmel und Horizont zu bestehen scheint. Und aus einem Weg, der wie mit dem Lineal gezogen genau auf den Punkt zuführt, an dem beide ununterscheidbar ineinander übergehen.
Auf so einer Strecke kann man einfach nicht langsam gehen, das funktioniert irgendwie nicht.
Aber ehrlich gesagt, ob ich langsam oder schnell gehe, darüber mache ich mir im Moment so gar keine Gedanken.

Stadium zwei.
Das Niemandslandgefühl nimmt zu.
Windböen wirbeln Staub und Gras über den Asphalt.
Nirgends Halt für den Blick.
Er verliert sich irgendwo in der Tiefe des Himmels.
Oder fällt bei dem Versuch, sich auf einen festen Punkt zu fixieren, einfach ins Nichts.
Ein wenig kommt es mir vor, als würde ich durch die Great Plains in Kleinformat wandern.
Mit jeder Minute, die ich vor mich hinstapfe, verringert sich meine Aufmerksamkeit für die Umgebung. Aus einer Minute werden zwei, aus fünf Minuten werden zehn.
Um mich herum verschwimmt allmählich alles, verschwindet wie hinter einem Nebel, zerfällt in seine Bestandteile.

Mitunter immerhin ein bisschen Grün.
Und es geht auch mal wieder ein kleines Stück bergauf, an einer Scheune vorüber.
Dann muss ich sogar eine Landstraße überqueren, was für ein Ereignis!
Die Szenerie am Wegrand variiert von Zeit zu Zeit durchaus.
Wiesen, Felder, auch mal ein kurzes Baumspalier, Äcker.
Was sich jedoch nie ändert, das ist das Grau des Asphalts unter meinen Schuhen.
Es ist ein Gehen wie ein stundenlanger, eintöniger, vor sich hin gemurmelter Monolog. Irgendwie würde es einen nicht wundern, wenn die ganze Landschaft ringsum – all diese Äcker und Äcker und Wiesen und Wiesen – samt einem selbst von einer Sekunde zur anderen einfach verschwunden wäre, so, als hätte es sie nie gegeben.

Ich zwinge mich, meine Gedanken zu sammeln und endlich darüber nachzudenken, wo ich die heutige Etappe eigentlich zu beenden gedenke.
Ein paar Ortsnamen schießen mir durch den Kopf, aber schon ist meine Konzentration wieder weggeweht wie die vom Wind aufgewirbelten Grashalme.
Gut, dann warte ich eben noch ein wenig mit der Entscheidung.

Giebelstadt.
Ich streife zwar nur gerade so ein wenig die Randbereiche, aber für eine halbe Stunde oder sogar etwas länger bin ich endlich mal wieder umgeben von festen, übersichtlichen Strukturen.
In einem Einkaufszentrum decke ich mich mit Getränken ein, laufe durch ein paar Nebenstraßen und an einer Kirche vorüber, aber dann bin ich auch schon wieder zurück in diesem Nirgendwo aus Himmel und Horizont und Äckern und Wiesen und Feldern.
Wie gehabt: Eine Asphalttrasse, die sich irgendwo am Rande des Blickfeldes verliert und auf der ich stoisch vor mich hinmarschiere.
Es ist Reduktion, es ist Kargheit, es ist Minimierung auf das absolut Notwendige.
Stadium drei, ohne Zweifel.

Ich würde mich wirklich sehr gerne mal auf eine Bank setzen und eine Viertelstunde in aller Ruhe vor mich hin denken oder einfach nur in die Gegend schauen und mich darauf einlassen, kleine Dinge zu entdecken und sie aus ihrer Unscheinbarkeit hervorzuholen.
Auch Landschaften besitzen so etwas wie eine Identität und man kann nicht immer erwarten, dass sie ihre Schätze von selbst preisgeben.
Ich erinnere mich, kurz vor Giebelstadt eine Bank gesehen zu haben. Leider habe ich diese Chance nicht genutzt. Manchmal habe ich fast das Gefühl, dass es außer meinem Gehen keine Bewegung mehr gibt. Außer vielleicht dem Wind, der über die Äcker hinwegstreicht.

Ich trabe an einem Dorf vorüber, in dem die Langsamkeit entdeckt worden sein muss. Und die Verlassenheit gleich mit.
Keine Regung, nirgends.
Wieder so ein phänomenales Ereignis: Der Weg biegt im rechten Winkel ab und unmittelbar danach folgt noch eine zweite Wegkrümmung.
Hinter der Krümmung dann aber wieder eine dieser scheinbar endlosen Trassen ins Nichts.

Noch ein Dorf.
Allersheim.
Das dominierende Geräusch in den Straßen und rings um das Dorf ist das Knattern und Brummen von Traktoren und Mähdreschern.
Für ein paar Minuten erwache ich aus meiner Gehtrance.
Und halte wirklich mal Ausschau nach kleinen Dingen am Rand.
Und siehe da, kurz vor dem Ortsschild bemerke ich einen Bildstock mit der Aufschrift:
Bet und arbeit
Gott gibt allzeit
Und sei zum Tod bereit.
Zum Tod bereit, auch das noch.
Aus irgendeinem Grund fällt mir dazu eine Textzeile aus einem Lied ein, das zur Zeit der Bauernkriege entstand:
Seht all die Wunden, da hilft kein Klagen, lasst sie uns schlagen, die uns geschunden.
Manchmal dauert es offenbar doch zu lange, bis Gott gibt und man muss selbst tätig werden.

Ich stapfe auf einem schmalen Kiessaum unmittelbar neben einer Landstraße ohne Mittelstreifen in den Ort hinein.
Hundert Meter, vielleicht hundertfünfzig, dann biege ich links ab. Noch mal ungefähr zweihundert oder dreihundert Meter, dann ist Allersheim auch schon Vergangenheit.
Die Landstraße führt geradeaus weiter, ich dagegen trabe zwischen zwei Häusern hindurch nach rechts.
Ein Sportplatz, dann ein paar Bäume, dann wieder Wiesen und Felder.
Und natürlich Asphalt, Asphalt und noch mal Asphalt.

Plötzlich aber, so unerwartet wie ein Tulpenfeld am Südpol, 200 Meter weiche, nachgiebige Wiese unter meinen Füßen.
Ich bleibe stehen.
Zum allerallerersten Mal an diesem Tag habe ich nicht das Bedürfnis, auf einen Schritt sofort den nächsten folgen zu lassen.
Ich will einfach nur dastehen und umherschauen.
Vor mir eine kleine Anhöhe.
Klare, abgegrenzte Linien: Ein paar Bäume, ein Grundstück mit Gebäuden, ein kleines Brückengeländer.
Immerhin endlich mal etwas, das den Blick trägt, auf dem er eine Weile verharren kann.

16 Uhr.
Noch immer habe ich das Ziel der heutigen Etappe nicht endgültig festgelegt, aber da ich abends  eine Verabredung habe, ergibt sich quasi von selbst, dass ich weiter als bis Bütthard heute nicht kommen werde.
Und das wiederum bedeutet, dass ich schon wieder eine Lücke reißen muss, die dritte mittlerweile.
Lücke Nummer eins: Die fehlende Etappe von Rengersbrunn bis Schöllkrippen durch den Spessart.
Lücke Nummer zwei: Das Teilstück zwischen Soden und Würzburg.
Die rund 25 Kilometer von Bütthard bis Ochsenfurt werden nun also Lücke Nummer drei werden, denn am nächsten Tag werde ich aus Zeitgründen in Ochsenfurt starten müssen.

Eine Stunde Gehen liegt noch vor mir.
Zu kurz, um noch einmal ins dritte Stadium hineinzugeraten. Jetzt, da der Entschluss gefasst ist, die heutige Etappe in Bütthard abzuschließen, bin ich auch schon viel zu sehr aufs Ankommen ausgerichtet, um wieder in den früheren Automatismus zurückzufallen.
Durch die Pforten meiner Innenwelt treten immer mehr Eindrücke ein und sie sind detaillierter als zuvor.
Wobei, vielleicht stimmt das gar nicht einmal und sie erreichen nur rascher die Schwelle des bewussten Wahrnehmens.
Aber eins steht auch fest: Der Gleichmut, die Ruhe in mir kommen nicht von ungefähr. Neben mir könnte ein UFO voller Aliens mit Echsengesichtern landen, ich würde nicht einmal mit der Wimper zucken.
Bei aller Eintönigkeit, was kann man als Geher Positiveres über eine Tour sagen!

Der letzte Kilometer nach Bütthard verläuft auf die Landstraße.
Nicht etwa über einen Weg neben der Landstraße, sondern buchstäblich auf der Landstraße.
Zum Glück kommen mir so gut wie keine Autos entgegen, und wenn doch einmal, dann wechsle ich vorher die Straßenseite.
Es ist jetzt einfach nur noch eine freundliche, sonnenbeschienene Landschaft,
Spätsommerliches Stillleben mit Postkartenfirmament.

Über mir zieht irgendein Vogel seine Kreise.
Maispflanzen, über die der Turm einer kleinen Kirche hinausragt.
Äcker, auf die sich der wolkenlose Himmel herabsenkt.
Das ist wahrlich keine Landschaft, um ungeduldig zu werden.

Eigentlich hätte ich Lust, noch viele Kilometer weiterzuwandern, zum nächsten Ort und zum übernächsten und immer noch weiter. Aber für heute ist der winzige Marktplatz in Bütthard der Endpunkt der Etappe.

Tag fünf.
Ein Teil von mir würde gerne auch an diesem fünften Tag viele, viele Kilometer zurücklegen. Ein Teil von mir freut sich aber auch, dass das heute der Abschluss der fünftägigen Tour ist.
Natürlich werde ich wiederkommen, wahrscheinlich irgendwann im nächsten Frühjahr. Der Marienweg ist schließlich noch lange nicht geschafft oder vollendet oder wie immer man es auch nennen will.
Die Hassberge, die Rhön, Spessart und Odenwald liegen noch vor mir. Und noch einiges mehr. Aber für den Moment ist das alles noch ferne Zukunftsmusik.

Heute ist es von Anfang bis Ende ein unkomplizierter Tag.
Keine Missgeschicke ereilen mich, ich sehe mich nicht gezwungen, epische Umwege zu machen, ich gerate nicht in Zeitnot, es geschieht wirklich nicht das Geringste, was auch nur im Allerentferntesten nach einer Situation aussieht, die mich dazu zwingt zu improvisieren.
Nicht einmal am Wetter gibt es etwas auszusetzen.
Es ist ein strahlend schöner, warmer Augusttag.
Heute also kein Stadium drei, keine Gehtrance.
Dazu ist die Etappe auch viel zu kurz. Sie ist eigentlich nur noch so etwas wie ein Epilog.

Wie geplant starte ich in Ochsenfurt.
Vom Bahnhof aus visiere ich erst mal eine Tankstelle an. Ein paar Getränke, eine Tafel Schokolade, das ist meine Wegzehrung heute.
Nachdem das erledigt ist, muss ich für 50 Meter Luftlinie einen Parkplatz, mehrere Ampeln und eine Unterführung überwinden.
Danach aber wird es deutlich simpler.
Ich laufe an der Landstraße entlang, durch ein Tor hindurch und dann quer über den Marktplatz bis zu einem weiteren Tor.
Wenn es in Ochsenfurt an irgendwas keinen Mangel gibt, dann an Stadttoren. Und an Türmen.
Taubenturm, Dicker Turm, Pulverturm.
Unteres Tor, Oberes Tor, Klingentor.
Alles – Türme wie Tore – ist Teil der alten Stadtbefestigung.

Gemächlich trotte ich über Kopfsteinpflaster und an Fachwerkhäusern vorüber in Richtung Main.
Seltsam – ich bin gerade mal eine knappe Stunde unterwegs,aber ich spüre bereits, dass der Wunsch, das Ende der Tour hinauszuzögern, wieder stärker wird.
Nur ein Gefühl, über das ich bei anderen Gehern und Wanderern gelesen habe, das stellt sich bei mir nicht ein: Ich empfinde den Marienweg – und auch die anderen Wege, die ich gegangen bin – nicht als meinen Weg. Es ist einfach ein Weg. Und ich laufe auch nicht mit der Erwartungshaltung durch die Gegend, dass der Weg mir irgendetwas sagen oder zeigen will.

Natürlich Asphalt, auch heute.
Allmählich rufen meine Füße vernehmlich nach weichem Waldboden.
Immerhin kann ich von Zeit zu Zeit auf eine Wiese ausweichen oder die paar Meter zum Mainufer gehen.
Hinter Ochsenfurt laufe ich eine Zeit lang an Pferdekoppeln vorüber.
Habe den Geruch von Heu und gemähtem Gras in der Nase.
Beobachte das Leuchten über dem Wasser des Flusses, das anders ist als das Leuchten über den Baumwipfeln oder zwischen den Schatten am Wegrand.
Der Himmel über mir erweckt den Eindruck, als würde nie wieder ein Tropfen Regen daraus herabfallen.
Nicht dass ich ein Problem damit hätte, bei Regen oder Wind oder Nebel oder was für einem Wetter auch immer durchs Gelände zu marschieren. Aber es ist doch etwas anderes, unter einem Himmel dahinzuwandern, an dem man nicht einmal mit einer galaktischen Riesenlupe eine Wolke ausmachen könnte, als sich stundenlang in einer Umgebung fortzubewegen, die an eine schmutzige graue Betonwand erinnert.

Dem Auge bietet sich viel mehr, was es erkunden kann, das ist zum Beispiel ein Unterschied.
Ich bin in der Stimmung, so ziemlich an allem Gefallen zu finden, was sich meinem umherschweifenden Blick darbietet. Aber es ist auch wirklich eine nette, freundliche Landschaft, durch die ich mich bewege, mit den sanft geschwungenen Weinbergen und dem ruhig dahinströmenden Fluss.
Und es ist wie immer – das Unterwegssein entfernt mich nicht von mir selbst, es ist keine Flucht in irgendein abgeschottetes Paralleluniversum. Sollte ich irgendwann einmal diese Empfindung haben, dann ist es Zeit, aufzuhören mit dem Gehen.

Ich laufe am Südzucker-Werk vorüber, immer weiter auf dem grauen Asphaltband.
Auf der gegenüberliegenden Mainseite Frickenhausen.
Auch hier gibt es Überreste einer Stadtbefestigung und das eine oder andere Tor.
Der Marienweg führt wohl irgendwo oberhalb von Frickenhasuen durch die Weinberge nach Sulzfeld und von da weiter nach Kitzingen. Ich aber bleibe heute auf dem Mainradweg und hebe mir den Weg nach Kitzingen fürs nächste Mal auf.

Ausklang.
Bis Marktbreit trabe ich nun in mäßigem Tempo neben einer Landstraße dahin.
Die Wege werden nach und nach belebter, die Geräusche lauter, meine Schritte beschleunigen sich, meine Aufmerksamkeit sinkt auf Sparflamme herab.
In Marktbreit ändert sich letzteres dann aber wieder, trotzdem hat sich bei mir endgültig eine Stimmung eingestellt wie beim Abspann eines guten Films.
Das Erlebte ist noch sehr präsent, aber es ist im Grunde schon keine unmittelbare Gegenwart mehr.
Der Kranen am Mainufer, der Marktplatz mit dem Seinsheimschen Schloss, das Maintor.
Marktbreit ist alles, aber nicht unansehnlich. Eigentlich kann man gar nicht anders, als sich hier wohlzufühlen.

Am Ende der Etappe erwartet mich dann noch die einzige richtige Steigung des Tages zum Bahnhof hinauf.
Von hier aus werde ich in naher Zukunft meine Marienwegtour fortsetzen.

11 Replies to “TOUR 41/4. & 5. TAG: VON SOMMERHAUSEN NACH MARKTBREIT”

  1. Wunderbar, besonders, wenn man wie ich heute Abend alle Marienwegetappen noch einmal durchliest. Ich hoffe sehr, dass du die Marienwegtouren spätestens nächstes Jahr fortsetzt.
    Auch bei diesen beiden Etappen konnte ich wieder schön mitwandern, vielen Dank dafür.

    Grüße,
    Mata

    1. Vielen Dank für die positiven Worte.:-)
      Ursprünglich hatte ich ja mal vor, die gesamten rund 900 Km des Marienweges schon in diesem Jahr hinter mich zu bringen, aber das war aus Zwitgründen nicht möglich. Und irgendwie ist es so auch besser, denn andernfalls hätte ich manch andere Tour ausfallen lassen müssen. Es liegt noch einiges vor mir und besonders freue ich mich auf die noch fehlenden Etappen im Spessart und dann auch auf die Rhön.
      Grüße
      Torsten

  2. Ich kann Mata nur zustimmen. Es ist ein Genuss, deine Beiträge zu lesen. Man hat das Gefühl, ganz nahe am Geschehen zu sein und kann deine Schilderungen wunderbar nachempfinden. Vielen Dank dafür!

    Grüße,
    Roxanne

    1. Vielen Dank auch dir für die positive Resonanz. Ich hoffe, ich kann die Erwartungen auch weiterhin erfüllen.:-) Wobei natürlich insbesondere die Marienwegetappen eine Quelle ständiger Inspiration darstellen und sich manches „wie von selbst“ schreibt.
      Beste Grüße
      Torsten

  3. Einfach wieder super, muss ich sagen. Sehr lang diesmal, aber das Lesen macht Spaß und der Blog hebt sich meiner Meinung nach deutlich von anderen Blogs dieser Art ab.
    Aber ist der Odenwald tatsächlich Bestandteil des Fränkischen Marienweges?

    Gruß,
    Sylban

    1. Danke dir!
      Stichwort Odenwald: Auf einer kurzen Passage irgendwo zwischen Miltenberg und Würzburg streife ich den tatsächlich. Vielleicht sagen dir die Orte Amorbach und Schneeberg ja was. In Schneeberg befindet sich sogar eine der 50 zum Marienweg gehörenden Wallfahrtsstätten. Wie gesagt, ist nur ein kurzes Stück, aber doch definitiv Odenwald.:-)

      Beste Grüße
      Torsten

  4. In Miltenberg bin ich vor einigen Jahren mal gewesen und habe es als schöne Stadt in Erinnerung. Amorbach und Schneeberg sagen mir nichts, aber überraschend finde ich es schon, dass beim Fränkischen Marienweg auch der Odenwald dabei ist. Hört sich aber nach einem interessanten Streckenverlauf an.

    Gruß,
    Sylban

    1. Also ich bin ganz sicher, dass mich da noch interessante und auch abwechslungsreiche Passagen erwarten. Ich werde sicher auch wieder den einen oder anderen kleinen Abstecher einfügen. Aber auf jeden Fall will ich den gesamten Weg nächstes Jahr abgeschlossen haben. Neue Ziele warten schon.:-)

      Beste Grüße
      Torsten

  5. Oje, so viele Asphaltwege diesmal! Ist das Abschalten dann ein anderes als das, wenn du z. B. einen herrlichen Waldweg mit viel Grün, Vogelzwitschern etc., der vollkommen die Sinne beansprucht, gehst? Ist es nur stupides Vorwärtsgehen oder schaffst du es auch dabei, deinen Kopf freizubekommen und das Gehen an sich zu genießen?
    Einige Etappen des Marienweges hast du nun dieses Jahr hinter dich gebracht und uns teilhaben lassen – dankeschön! Danke für deinen schönen Blog, für wundervolle Worte, die du immer wieder findest. In jedem Eintrag finde ich ein Wort, das mir besonders gut gefällt. Diesmal ist es „Spätsommermelancholie“.
    Auch deine neue Rubrik „Demnächst im Blog“ gefällt mir gut, teilt sie einem doch mit, wann das Warten auf den nächsten Beitrag ein Ende hat.

    Viele liebe Grüße
    Jana

    1. Also auch wenn ich im Gegensatz zu vielen anderen gegen das Gehen auf Asphalt nichts habe, war das diesmal grenzwertig, denn bis auf den Hofgarten und eine winzige Passage am fünften Tag gab es wirklich ausschließlich Asphalt. Und das war dann auch am Zustand meiner Füße zu sehen.:-)
      Insgesamt hatte ich an allen dreizehn Etappen bisher eine Menge Spaß, trotz so mancher unvorhersehbaren Ereignisse. Mir persönlich haben die beiden ersten Etappen sowie die Etappen von Burgsinn nach Lohrhaupten mit der Übernachtung auf der Bank irgendwo im Spessart, und dann auch die Etappe von Aschaffenburg nach Soden am besten gefallen. Gerade weil ich die Ungewissheit auf meinen Touren bis zu einem gewissen Grad zulasse, entwickeln sich viele besondere Erlebnisse, die nicht zustandekämen, wenn ich von Anfang bis Ende alles durchorganisieren würde.
      Es freut mich natürlich sehr, dass dir mein Blog so gut gefällt, liebe Jana.:-)
      Für dich auch ganz liebe Grüße.
      Torsten

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