TOUR 54 – VON ALSHEIM NACH OPPENHEIM

Am späten Vormittag treffe ich in Alsheim ein.
In den fast menschenleeren Straßen staut sich eine drückende, durch keinen noch so leichten Windhauch abgemilderte Hitze.
Das Licht über den Dächern ist hell wie ein Gammastrahlenblitz. Selbst wenn man den Blick nur für einen winzigen, flüchtigen Moment zum Himmel richtet, keine Details unterscheidet, sondern nur die horizontlose Weite wahrnimmt, dann ist es beinahe, als würde man dieses allgegenwärtige Leuchten mit dem Atem in sich aufnehmen.

Ich bin wieder auf dem Rheinterrassenweg unterwegs, zum dritten Mal mittlerweile.
Im Mai 2017 bin ich von Worms bis Osthofen gewandert, irgendwann im März 2018 dann von Osthofen bis Alsheim.
Anfangs musste ich mich ein wenig an alles gewöhnen, vor allem an die verzweigten Asphalttrassen durch die flachen Weinhänge, und daran, dass es fast nichts anderes zu geben schien, abgesehen von ein paar Fernblicken. Aber nicht nur, dass diese oft irgendwo am Rande des Blickfeldes sich verlierenden Pfade mir nach und nach zu gefallen begannen, und nicht nur, dass die Fernblicke immer beeindruckender wurden, ab der zweiten Etappe kamen dann auch noch jene eigenartigen, wie große Kerben in die steilen Böschungen hineingeschlagenen Hohlwege hinzu.
Mindestens ein Dutzend davon, wenn nicht mehr, werden mich auch heute auf meinem Weg nach Oppenheim erwarten.

Ich laufe durch einige schnurgerade Gassen, an ein paar Geschäften und dem Rathaus vorüber, dann ist Alsheim auch schon Vergangenheit und ich trabe in der Gewissheit, mir alle Zeit der Welt lassen zu können, ganz gemächlich auf einem leicht ansteigenden Asphaltweg in die Weinberge hinauf.

In sanften Wellen rollt das Himmelsblau über mich hinweg.
Auf dem Boden Unmengen an gelbem Laub, fast, als ob schon Herbst wäre. Aber das Licht ist ein Sommerlicht, die Sonne eine Sommersonne, und diese träge Stille überall, die sich anfühlt, als wäre weit und breit jede Bewegung zum Stillstand gekommen, das ist die Stille eines heißen Sommertages.
Falls ich jedoch erwartet haben sollte, dass diese Stille mich auf der gesamten Wanderung begleiten würde, dann habe ich mich gründlicher als gründlich getäuscht.

Gleich bei der ersten Bank, nur ein paar hundert Meter hinter Alsheim, mache ich eine Pause.
Blicke auf einen Weinberg hinunter, der einer in der Mitte auseinandergebrochenen Halfpipe ähnelt.
Jenseits davon Felder, Wiesen, Bäume, dann ein paar Hügel. Und ferne Horizonte in allen Himmelsrichtungen.

Aber das Beste ist nicht die Weite, sondern der Wind.
Ein stetiger, starker, kühlender, die unerträgliche Backofenhitze abschwächender Wind. Dass er nebenbei jene Sommertagsstille in die windlose Ebene zurückdrängt, macht überhaupt nichts.
Besser hätte ich es heute nicht treffen können.
Vorerst jedenfalls.

Der erste Hohlweg lässt nicht lange auf sich warten. Die Böschungen treten dicht zusammen, der Himmel wirkt mit einem Mal sehr hoch, und wie von selbst sucht der Blick den Punkt weit vorne, an dem die Steilhänge links und rechts zu einem einzigen zusammenzuwachsen scheinen.

Kaum habe ich diesen ersten Hohlweg hinter mir, folgt auch schon der zweite, der Wind schiebt mich über eine Kuppe hinweg und dann fächert sich die Landschaft mit einem Mal in Felder und Wiesen auf, so weit das Auge reicht.
Es weht mich weiter den Hügel hinauf, um die eine oder andere Kurve herum, bis ich zu einem Aussichtspunkt mit einer steinernen Schutzhütte gelange, wo der Wind mich erst einmal schockfrostet. Na gut, nicht ganz, aber von der Hitze ist wirklich fast nichts zu spüren hier oben, so dass ich gar nicht mehr weg will.

Das Panorama, das mir geboten wird, besteht aus Weinbergen, der Rheinebene und mit einiger Fantasie aus einer verschwommenen Hügelkette irgendwo in einem fernen, dunstigen Nichts.
Nicht schlecht, aber wahrscheinlich ist es ohnehin oft gar nicht so wichtig, was man sieht, sondern wie man es sieht. Oder anders gesagt: Innerhalb bestimmter Grenzen kann man sich so ziemlich an jedem Ort wohlfühlen, wenn man sich nur selbst wohlfühlt.

Ich raffe mich auf und wandere weiter.
Noch immer ist es ein sehr heller Tag, der Asphalt leuchtet unter meinen Füßen wie ein Pfad aus Platin-Nuggets.
In der Ferne bemerke ich die fremdartig anmutenden Türme der Evangelischen Kirche von Guntersblum, die auf irgendein orientalisches Vorbild zurückgehen müssen, wodurch sich die volkstümliche Bezeichnung Heidenoder auch Sarazenentürme erklärt.

Um mir die Kirche samt Türmen von nahem anzusehen, muss ich den Rheinterrassenweg verlassen und nach Guntersblum hinunterwandern.
Selbst wenn die Kirche nicht wäre, würde ich das tun, denn ich brauche dringend eine Auffüllung meiner Trinkvorräte. Und ein Happen zu essen könnte auch nicht schaden.

Ich laufe einen Hügel hinunter ins Dorf. In den Straßen kocht die Hitze, denn hier regt sich kein Lüftchen. An irgendeiner Kreuzung biege ich in eine schmale Gasse ab, in der es zwar ein Hotel und ein paar Weinkellereien gibt, aber kein Restaurant, dann steige ich ein paar Treppenstufen hinunter, und nachdem ich noch ein paar Straßen hinter mir gelassen habe, in der ich wahrscheinlich eher auf eine Goldader als auf ein geöffnetes Restaurant stoßen würde, gelange ich endlich in Gefilde, in denen es lebendiger zugeht.

Die Suche nach etwas Essbarem und nach Auffüllung der Trinkvorräte zieht sich in die Länge.
Nach einer Weile beschließe ich deshalb, mir erst einmal die Sarazenenturmkirche anzuschauen. Ich muss feststellen, dass sie von weitem etwas interessanter gewirkt hat als aus der Nähe, was aber nichts daran ändert, dass ihre Optik beeindruckend ist.

Danach laufe ich eine gefühlte Ewigkeit durch stickige Straßen, folge Hinweisschildern, lasse mich auch vom Anblick der geschlossenen Läden zweier Restaurants nicht entmutigen, und irgendwann – als ich fast schon die Hoffnung aufgegeben habe – finde ich, was ich suche.
Eigentlich finde ich sogar viel mehr, als ich suche, denn dass ich neben einer geöffneten Pizzeria und einer geöffneten Tankstelle auch noch einen Supermarkt, einen Discounter und eine Bäckerei entdecken würde, daran hätte ich im Traum nicht zu denken gewagt.

Als ich auf den Rheinterrassenweg zurückgekehrt bin, ist es früher Nachmittag.
Der Wind ist wieder da.
Etwas anderes dafür nicht mehr, zumindest nicht mehr so, wie es zuvor gewesen ist.
Das Blau am Himmel ist nicht mehr schrankenlos, sondern durchsetzt von Wolkenfeldern. Die Landschaft wirkt plötzlich enger, wie ein Raum, in dem die Wände sich allmählich aufeinanderzubewegen.
Ab sofort rechne ich mit Regen.

Ein paar Biegungen und Weinberge später finde ich mich unerwartet am Rande einer Landstraße wieder, auf der die Autos hin und her sausen wie Teilchen in Teilchenbeschleunigern. Die 200 Meter an dieser Landstraße entlang sind unangenehm und auch nicht ganz ungefährlich. Jedenfalls bin ich froh, als diese Passage hinter mir liegt.

Dann beginnen die Hohlwege wieder.
Ich wandere unter Geflechten von Ästen und Blättern hindurch, manchmal sogar unter einem fast geschlossenen Dach miteinander verwobenen Gezweigs, durch das dünnes Sonnenlicht sickert.
Manche der Hohlwege sind wie kleine Tunnels, mit einem dunklen Schattenkorridor und einem hellen Lichtfleck weit vorne, auf den ich mich zubewege. Manchmal streben die oberen Ränder der Böschungen zu beiden Seiten weit auseinander, blassfarbiges, wucherndes Grün überall, und der Himmel über meinem Kopf wirkt irgendwie fern und nah zugleich.
Mitunter habe ich braune, weiche Erde unter meinen Füßen, nicht selten sind die Hohlwege jedoch auch gepflastert. Wie ich später nachlese, soll dies verhindern, dass die Wege noch weiter absinken.

Weinberge, Weinberge, Weinberge.
Einmal lugt die Spitze einer kleinen Kirche daraus hervor, deshalb widme ich ihnen für ein paar Sekunden mal wieder etwas Aufmerksamkeit, ansonsten stellen sie lediglich noch eine Kulisse im Hintergrund dar, die ich nur halbbewusst wahrnehme.
Mal geradeaus, oft aber auch in kleinen Mäandern und Schnörkeln führt mich der Weg meinem Ziel entgegen.
Und während ich die Landschaft um mich herum betrachte, spüre ich gleichzeitig auch schon einen Nachhall der vielen Eindrücke von heute wie kleine Leuchtfeuer hinter meiner Stirn aufflackern.

Der Wind wird immer stärker und man hat den Eindruck, dass er von allen Seiten zugleich zu kommen scheint.
Dichte, graue Wolken bedecken plötzlich den Himmel.
Die Landschaft verblasst, als wäre mit einem Mal alles verschwunden, was eine Farbe ist.
Dann kommt der Regen.
Kein leichter Sommerregen, sondern ein dunkler, schwerer Dauerregen.
Alles scheint von mir wegzudriften, sich in Nässe und Wasser aufzulösen.
Der Himmel sieht aus wie die Nordsee bei Sturm.

Ich mache, dass ich vorwärtskomme.
Laufe in eine kleine Senke hinunter.
Folge dann dem halbkreisförmigen Bogen, den der Weg um ein paar Weinberge herum beschreibt, wieder aufwärts.
In nicht allzu weiter Entfernung erblicke ich bereits die sehr markante Katharinenkirche von Oppenheim vor mir.

Ich gehe immer rascher.
Der Regen kommt mir frontal entgegen und er lässt nicht nach.
Einen Herzschlag lang bricht zwar eine graue Sonne durch, aber dann ist sie auch schon wieder verschwunden.

Noch eine Senke, dann bin ich so gut wie da.
Viele kleine Geräusche aus der Stadt dringen durch den Regen zu mir her.
Werden immer vernehmlicher.
Aber da ist noch etwas anderes, etwas, das nicht das Pfeifen des Windes ist, nicht das Prasseln des Regens, und auch keines der anderen Geräusche.
Ich spüre es immer deutlicher, während ich an der Katharinenkirche vorüber und durch die regengrauen Straßen zum Bahnhof gehe.
Etwas, das von der jetzt zu Ende gehenden Wanderung übriggeblieben sein muss.
Ein unzerstörbares Stück Stille vielleicht.

 

Noch eine Wanderung auf dem Rheinterrassenweg:

Tour 50 Von Osthofen nach Alsheim

Wie fast immer am Tag einer Wanderung gilt mein erster

halbwegs wacher Blick an diesem Morgen den Wetterprog-

nosen.

Es wird ein kurzer Blick.

Zweistellige Temperaturen, ein paar Stunden nahezu wol-

kenloser Himmel, kein Regen, kein Gewitter, kein Sturm,

nichts, was…    weiterlesen      Bildergalerie

 

2 Replies to “TOUR 54 – VON ALSHEIM NACH OPPENHEIM”

  1. Einmal mehr ein großartiger und sich von der gewöhnlichen Lesekost deutlich abhebender Text.
    Ich habe daraufhin auch den Text deiner zweiten Etappe auf dem Rheinterrassenweg noch einmal nachgelesen. Sind die ständigen Weinberge nicht doch etwas eintönig? Und du hältst dich nicht an die offiziellen Etappen des Rheinterrassenweges, wenn ich das richtig sehe. Die sind wohl auch sehr kurz.

    Gruß,
    Sylban

    1. Vielen Dank für die positive Resonanz.:-)
      Die Weinberge habe ich irgendwann kaum noch wahrgenommen, die waren irgendwie existent, aber ich habe ihnen kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt. Die Hohlwege sind das Besondere, die sind wirklich großartig.
      Die offiziellen Etappen sind recht kurz, das stimmt, aber man muss berücksichtigen, dass man auch Umwege einstreuen kann, wie z. B. den zur Sarazenenturmkirche. Das waren sicher etwa 5 oder 6 Kilometer zusätzlich.

      Beste Grüße
      Torsten

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