TOUR 73 – VON LAUTERECKEN NACH WOLFSTEIN

Am Anfang ist nicht das Wort, nicht einmal der Gedanke.
Am Anfang ist nur ein Gefühl.
Das Gefühl, aufbrechen zu wollen.
Oder, wenn das ein zu großes Wort sein sollte, losgehen zu wollen.
Mit welchem Ziel, zu welchem Zweck, das ist in diesem Stadium erst einmal nicht von Belang.
Aber wenn man es wirklich ernst meint, dann ist es vom ersten Moment an ein Gefühl, das beinahe schon einem Entschluss gleichkommt.

Ich jedenfalls empfand von Beginn an eine Art unverrückbare Gewissheit, dass das Gehen keine rasch vorübergehende Laune sein würde, sondern etwas Dauerhaftes. Die Gründe zu wandern sind vermutlich so unterschiedlich und zahlreich wie Kieselsteine an einem Flusslauf, aber die Dauerhaftigkeit ist ohne Zweifel einer der wesentlichen Aspekte dabei.
Vielleicht ist es am Anfang ein wenig so, als würde man sich zu einer langen Pilgerreise aufmachen, einer Reise, die aus vielen einzelnen Etappen besteht und über viele hundert oder gar tausend Kilometer führt.

Ich bin im Pfälzer Bergland, rund 20 Kilometer nördlich von Kaiserslautern.
Vielleicht ist es der letzte sonnige Tag des Indian Summers.
Vielleicht wird die Sonne in den nächsten Wochen so rar werden, dass man sich ihrer Existenz kaum noch bewusst sein wird.
Vielleicht wird für eine ganz lange Zeit ein unentrinnbares Grau die Herrschaft übernehmen, so dass man schließlich den Eindruck haben wird, dass auch die eigenen Gedanken allmählich von Staub überwuchert sind.

Der Bahnsteig in Lauterecken ist voller Fußballfans, die in den Zug hineindrängen, kaum dass sich die Tür öffnet. Es ist unschwer zu erkennen, dass sie zu einem Spiel des 1. FC Kaiserslautern unterwegs sind.
Ich quetsche mich zwischen ihnen hindurch und trabe langsam die Straße hinunter.

Es dauert keine fünf Minuten, bis ich den ersten Wegweiser des Pfälzer Höhenweges zu Gesicht bekomme.
Darunter befindet sich noch ein zweites Wandersymbol, ein weißes V mit Krone auf gelbem Grund, das Zeichen für den Veldenz-Wanderweg, der im Südwesten von hier bei Kusel beginnt und in Lauterecken endet.
Ich glaube, mittlerweile gibt es in Deutschland keinen Landstrich mehr, in dem man mehr als einen Kilometer vom nächsten Wanderweg entfernt ist.

Auf den ersten beiden Kilometern muss ich so gut wie nichts tun, um voranzukommen. Der Weg ist flach wie eine glattgehobelte Sperrholzplatte. Ich wandere ein paar Meter an einem Flüsschen entlang, aber das ist nicht etwa die Lauter, wie ich zunächst annehme, sondern der Glan.
Dass das aus dem Keltischen stammende Wort „glan“ so viel wie glänzend bedeutet, passt zumindest hier und heute hervorragend, denn das Wasser glitzert und leuchtet, als wäre eine Sonne hineingestürzt.

Die Lauter lässt allerdings nicht lange auf sich warten, denn nur ein paar Meter weiter findet sich die Stelle, wo sie in den Glan mündet.
Das ist dann aber auch so ziemlich alles, was ich von ihr auf dieser Wanderung zu sehen bekomme.

Kurz darauf bewege ich mich durch ein stilles, friedliches Landschaftsgemälde. Links Wiesen und leuchtende Hügel, darüber ein riesiger, wolkenloser Himmel, der zum Rand des Blickfeldes hin fast weiß von Licht ist. Rechts, nicht mal einen Meter entfernt, Bahngleise.

Auf diesen ersten beiden Kilometern bildet sich bereits ziemlich rasch eine Art fragiler Harmonie heraus, von der ich selbst irgendwie ein Teil bin.
Vielleicht entsteht sie auch gar nicht erst, sondern ist bereits vorhanden, ist Teil des Leuchtens oder der Landschaft oder von beidem.
Wie auch immer, es passt alles.
Ich spüre dieses irgendwo zwischen Aufbruch und Innehalten angesiedelte Gefühl, das so eine Art Vorstufe größtmöglicher Gelassenheit darstellt und das man nicht erzwingen kann, sondern das entweder da ist oder eben nicht.
Es ist so ein Tag, an dem man alles mitnehmen möchte, was sich noch mitnehmen lässt, weil die sommerliche Wärme und das Flimmern überall nicht darüber hinwegtäuschen können, dass der Sommer in den letzten Zügen liegt.

Kurz nach Kilometer zwei.
Lohnweiler.
Auf den ersten Blick schätze ich, dass der Ort nicht mal 1000 Einwohner hat, auf den zweiten, dass ich selbst damit noch zu hoch liege.
Ich überquere die Gleise und dann beginnt der erste Anstieg des Tages.
Nicht lange und ich habe die letzten Häuser hinter mir. Die ohnehin schon nicht allzu breite Straße wird noch schmaler und sie ist holprig wie ein Acker in einer Frostnacht.

Ich trabe in die Verlassenheit hinein.
Die holprige Asphaltpiste endet und wird von einem Waldpfad abgelöst, der im Vergleich dazu weich wie ein Teppich ist. Es ist hell zwischen den Bäumen, aber man merkt ganz deutlich, dass nur noch ein paar Tage fehlen, dann wird aus dem Spätsommerleuchten ein frühherbstliches Licht geworden sein.
Egal, ich bin schließlich heute unterwegs.
Und heute hat die Helligkeit exakt das richtige Maß an Klarheit, exakt das richtige Maß an Intensität. Nur der Rand des Blickfelds geht in einem sprühenden Funkenmeer auf und alles wird unscharf wie hinter Sichtschutzglas.

Eine ganze Weile wandere ich über einen breiten Wiesenpfad.
Erst durch lückenlose, unbewegliche Baumschatten, dann mitten in die Sonne hinein.
Die Landschaft ist offen und weit.
Überall kleine Waldzungen, dazwischen Äcker und Wiesen, so weit das Auge reicht.
Es herrscht eine Stille, der nichts etwas anhaben kann, die sich nach allen Richtungen ausdehnt wie ein Gewächs. Es ist wie durch einen jahrhundertealten Garten zu laufen, in dem niemand sonst sich befindet und der eine abgetrennte, eigene Welt darstellt.

Von einem Punkt am Waldrand aus entdecke ich eine einsame Landstraße.
Bis zur nächsten Hügelkuppe jenseits der Landstraße habe ich jeden Quadratzentimeter des Pfades im Blick.
Rechts eine Ansammlung von vielleicht dreißig Häusern, verstreut auf einer Wiese.
Ich laufe den Hang hinunter, über die Straße hinüber und danach wieder bergauf. Steine knirschen unter meinen Schuhen. Auf ein paar Metern wird der Weg ganz steil, so dass meine Schritte sich wie von selbst etwas verlangsamen.
Oben auf der Spitze des Hügels ein einzeln stehender Baum im Gegenlicht.
Es sieht beinahe aus, als würde ich auf den Rand der Welt zugehen.

Kaum habe ich die Kuppe hinter mir, befinde ich mich aber auch schon wieder auf einem angenehm schattigen Pfad, der zunächst in ein kleines Laubwäldchen hineinführt und wenig später gerade wie ein Bindestrich am Waldrand entlang verläuft.

Eigentlich müsste ich mich jetzt allmählich sogar schon Wolfstein nähern, dem Zielpunkt meiner heutigen Wanderung.
Diese letzte von insgesamt sieben Etappen des Pfälzer Höhenweges berührt Wolfstein nämlich zweimal.
Beim ersten Mal streift der Weg den Ort allerdings nur, beschreibt danach eine mehrere Kilometer lange Schleife, führt dann wieder nach Wolfstein zurück, und erst dann ist die Etappe endgültig abgeschlossen.

Langsam, aber stetig nähert sich dieser Tag dem Punkt, an dem es kaum noch eine andere Bezeichnung als perfekt gibt.
Flatternde Sommerschatten, die immer mehr zerfasern.
Ein weiß leuchtender Sonnenball an einem ultramarinblauen, völlig wolkenlosen Himmel.
Ein Weg, der hin und her schwingt wie eine sanft schaukelnde Hängematte.
Alles wird ruhig in mir.
Noch einmal: Alles mitnehmen, was sich heute bietet, von den letzten warmen Farben des Spätsommers bis zum Geräusch der trockenen Erde unter meinen Stiefelsohlen.

Ich wandere einen kleinen Hügel hinauf.
An einem Baum nehme ich flüchtig ein Wandersymbol wahr, das aussieht wie die Flagge der Ukraine, ein blauer Balken über einem gelben.
Es ist allerdings weniger das Vorhandensein dieses mir unbekannten Symbols, das mir auffällt, als vielmehr das Fehlen des bisher in ziemlich regelmäßigen Abständen auftauchenden Symbols des Pfälzer Höhenweges.
Im Grunde weiß ich bereits in diesem Augenblick, dass ich eine Abzweigung übersehen habe, aber ich kehre trotzdem nicht um.

Wald.
Wieder einer, der von Licht durchdrungen ist wie ein gläserner Raum.
Ich wandere in gleichmäßigem Tempo bergan. Weit entfernt kann der Höhenweg nicht sein, und es wäre nicht das erste Mal, dass ich völlig unverhofft einen Wanderweg wiederfinde, den ich aus den Augen verloren habe.

Der Wald wird dunkler.
Ich muss bis in die Wipfel der Bäume hinaufschauen, um noch wirklich grelles Licht zu sehen.
Seltsam, hier entdecke ich noch so gut wie keine Spuren des Herbstes. Alles ringsum ist grün – nicht so intensiv wie im Frühling, sondern heller und mit einer Ahnung des bevorstehenden Verblassens, aber Herbst ist das noch nicht.

Ich mustere unentwegt die Stämme.
Das einzige Symbol, das sich regelmäßig zeigt, das ist der blau-gelbe Balken.
Wenn ich schon nicht umkehren will, dann wäre es sicher sinnvoll, diesem Balken weiter zu folgen. Nach einer Weile stelle ich allerdings fest, dass mittlerweile auch der verschwunden ist. Aber noch immer kehre ich nicht um.

Der Dunkelwald bleibt ein kurzes Intermezzo.
Sehr bald schon ist der Wald vom Boden bis zu den Wipfeln angefüllt mit verschwenderischem Licht, zwischendrin allerdings ein paar einzelne, unauflösbare Schatten.
Es wird immer stiller.
Kein Geräusch mehr außer dem Hacken eines Spechts, das einmal für ein paar Sekunden die völlige Geräuschlosigkeit abmildert.
Es ist eine Stille, als sei der Wald von einer riesigen Watteschicht eingehüllt.

Ich arbeite mich einen kleinen Anstieg hinauf.
Der Weg vollzieht eine Schleife und spätestens jetzt macht es keinen Sinn mehr, ihm noch weiter zu folgen, denn in dieser Richtung komme ich in diesem Leben sicher nicht mehr nach Wolfstein.
Ich kehre also endlich doch um und laufe zurück, bis ich auf den blau-gelben Balken treffe. Damit bin ich zwar immer noch nicht wieder auf dem Pfälzer Höhenweg, aber ich habe etwas, woran ich mich orientieren kann. Außerdem bin ich fast sicher, dass mich dieses Wandersymbol ebenfalls nach Wolfstein bringen wird, wenn auch nicht auf der ursprünglich geplanten Route.

Aber es kommt ohnehin mal wieder anders.
Oder vielmehr so, wie ich es mir schon gedacht hatte.
Es dauert gerade mal einen kurzen An- und einen nicht minder kurzen Abstieg, da entdecke ich das Symbol des Pfälzer Höhenwegs wieder.
Es hat schon Situationen gegeben, da kam das Wiederauffinden eines Wandersymbols nach vielen Kilometern Umweg so überraschend, als hätte ich im Straßengraben eine Schatulle mit Münzen aus römischer Zeit entdeckt, aber diesmal kann davon keine Rede sein.
Das Symbol war weg und jetzt ist es wieder da, das ist alles.
Und ich habe sogar zwei Richtungen zur Auswahl, denn der Umweg hat mich offenbar über Wolfstein hinaus gebracht, zu einem Punkt irgendwo auf der zu Beginn erwähnten letzten Schleife der Etappe.

Ich entscheide mich für die kürzere Variante, was bedeutet, dass ich mich von jetzt auf gleich fast schon auf der Zielgeraden meiner heutigen Wanderung befinde, denn bis Wolfstein sind es nur noch ungefähr drei Kilometer.

Auf diesen drei Kilometern – zumindest auf zwei davon – gewinnt das Gehen allerdings eine Intensität wie in all den Stunden vorher nicht.
Denn was nun kommt, das ist nicht einfach nur ein Wanderweg, es ist ein perfektes Zusammenspiel verschiedener wunderbarer Dinge – Farben, Licht, der Weg selbst und so weiter – und am Ende ist die Erinnerung daran schön wie die Erinnerung an einen Sonnenaufgang über dem Meer an einem Sommermorgen.

Erst ein breiter, lichtdurchfluteter Korridor.
Keine schweren Schatten mehr, sondern nur noch fast durchsichtige, dünne Schleier. Rechts eine steil abfallende Böschung. Dann wird der Pfad schmal wie ein zusammengefaltetes Stück Papier.

Ich wandere hart am Rande der Böschung entlang. Die Bäume werden lichter, so dass das Licht zwischen den Kronen wie zwischen den Stäben eines Gitters hindurchströmt.

Der Pfad wird noch schmaler, ist jetzt ein buchstäblich fußbreiter Grat. Stellenweise rutscht das Laub unter meinen Füßen weg, so dass nahezu jeder Schritt zu einer Art Balanceakt wird. Ich bewege mich nur ganz langsam voran.

Über die Baumspitzen hinweg treibt der Blick bis zum Rande eines flirrenden Horizonts.
Die Luft ist so klar, dass selbst der entfernteste Punkt so deutlich hervortritt, als sei er mit einem scharfen Rasiermesser in die Landschaft hineingeritzt.
Es gibt so gut wie keine Abstufungen der Helligkeit, egal, ob unmittelbar vor meinen Füßen oder weit draußen.

Hinter einer serpentinenartigen Kurve erblicke ich bereits ein paar Häuser von Wolfstein, aber noch tief unten im Tal.
Der Pfad wird wieder breiter und ich kann etwas zügiger voranmarschieren. Am Wegrand dürrer Ginster, Gestrüpp und die eine oder andere Eiche.
Ein letzter Blick auf die im Mittagslicht schwimmenden Hügel, dann wieder Wald. Sofort sind die Schatten zurück, aber immer noch sind es ganz leichte, kaum existente Schatten.

Ziemlich abrupt mündet der Pfad kurz darauf in eine breite, lichtlose Schneise.
Macht nichts, die letzten beiden Kilometer allein waren die Wanderung schon wert.
Die Burg Neu-Wolfstein, die ich ein paar Minuten später erreiche, bietet immerhin noch einen ganz netten Blick auf adrette Häuserzeilen und eine Kirche, eingerahmt von den Hügelkuppen des Pfälzer Berglands.

Und das ist es dann, beinahe jedenfalls.
Der Weg von der Burg durch die schmalen Straßen Wolfsteins, am Marktplatz vorüber und zum Bahnsteig am Ortsrand, zieht sich ein wenig in die Länge, so dass ich schließlich noch fast eine ganze Stunde in sengender Sonne und ohne Sitzmöglichkeit auf den nächsten Zug warten muss.
Aber das ist nicht mehr als eine vernachlässigbare Fußnote.

Noch eine Tour in der Pfalz:

Tour 23 Landstuhl: BHF – Burg Nanstein – Heidenfelsen – BHF

Ganz zu Anfang existiert das NICHTS,

Dann aber konzentriert sich Energie in einem winzigen,

unendlich dichten Punkt und beginnt zu expandieren. Ein

ungeheuer heißes Feuer brennt und Materie in kleinsten

Einheiten entsteht.

Das ist er, der Urknall einer Idee zu einer neuen Tour.

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2 Replies to “TOUR 73 – VON LAUTERECKEN NACH WOLFSTEIN”

  1. Pfälzer Bergland, ob sich da vielleicht mal eine Wandeung lohnt? Die Bilder sehen gut aus, der Text list sich viel versprechend. Mit ein paar Anstiegen darf man wohl rechnen, nehme ich an.

    Gruß, Sylban

    1. Ich habe bisher nur die Erfahrung dieser einen Etappe. Wenn ich die zugrundelege, würde ich schon sagen, dass man da schön wandern kann. Kaum eine Ortschaft über 2000 Einwohner, viel Wald, viel Gegend, eigentlich ideal für relaxtes Wandern. Anstiege gibt es natürlich, aber zumindest auf dieser Etappe waren sie als „mittelschwer“ einzustufen, nicht als „schwer“.

      Beste Grüße
      Torsten

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