TOUR 77: NIEDALTDORF/SAARLAND – GRENZBLICKWEG

Es ist einer dieser staubgrauen Tage, an denen das Grau nicht nur oberflächlich vorhanden ist, sondern an denen es aus der Tiefe der Erde emporzusteigen scheint und an denen man sich des Gefühls nicht erwehren kann, dass man die Sonne wochenlang nicht mehr zu sehen bekommen wird.

Der Himmel hängt tief und dunkel über den Häusern.
Dem Auge fehlen irgendwie die Farben. Überall dieses stumpfe, konturenlose Gewaber, als würde man durch eine blinde Scheibe nach draußen blicken.
Es ist Anfang Januar, aber man könnte beinahe meinen, es sei November.

Auch heute bin ich wieder mit Jana unterwegs.
Während wir vom Bahnsteig am Rande von Niedaltdorf in den Ort hinunterlaufen, wird es erst einmal noch ein paar Nuancen trüber, dann für ein paar wenige Augenblicke etwas heller, keine zwei Atemzüge später aber gewinnt das Grau schon wieder die Oberhand.
Immerhin kein Regen.

Niedaltdorf ist so klein, dass der Dorfrand nirgends weit von der Dorfmitte weg ist. Und auch die Entfernung von einem Dorfrand zum anderen ist überschaubar.
Vom Bahnsteig aus gehen wir eine Straße hinab, biegen um eine Kurve, kurz darauf um eine zweite, und dann stapfen wir auch schon an den letzten Häusern vorüber, unter grauen Wolkenballen, die fast den ganzen Himmel einnehmen. Nur ganz am Rand ein blasses Leuchten, wie hinter einem Vorhang hervor.

Kaum haben wir den Ort hinter uns, wirkt trotz des Grauschleiers alles merkwürdig weit und scharf gezeichnet. Die Hügel am Horizont sehen aus wie kleine Riffe, die Wiesen sind zwar von Schlammfurchen durchzogen, aber erstaunlich grün, irgendwo zeigt sich sogar herbstliches Gelb. Nach Winter sieht es hier wirklich nicht aus.

Um zum Grenzblickweg zu gelangen, haben wir vom Ende des Ortes aus nur noch ein paar hundert Meter zurückzulegen.
Die Wiese, die wir dabei überqueren müssen, ist ein verkapptes Moor. Es würde nicht auffallen, wenn man sie einfach durch eine Schlammlache ersetzen würde.

Wir wandern in ein Gestrüpp aus kahlen Bäumen und Sträuchern hinein.
Hier irgendwo sollte sich jetzt zum ersten Mal das Wandersymbol des Grenzblickweges zeigen.
Jana entdeckt es eine halbe Sekunde eher als ich an einem Holzpfahl, darüber das Symbol des Ammonitweges, jenes Wanderpfades, den ich fast auf den Tag genau vor einem Jahr als Bindeglied von Niedaltdorf aus zur Hirn-Gallenberg-Tour genutzt habe.
Auf den ersten rund zwei Kilometern sind die Streckenverläufe dieser beiden Wanderungen nämlich identisch.

Zehn Minuten später stehen wir an einem im stillen Mittagslicht schimmernden Weiher, an dem ich damals eine kurze Rast eingelegt und von dem aus ich dann in Richtung Hirn-Gallenberg-Tour weitergewandert bin.

Damals ein kalter, dunkler Tag, eine im Regen versinkende Landschaft, selbst das Nahe wirkte fern und verloren, an so etwas wie Farben war nicht zu denken.
Heute ist es alleine deshalb schon wesentlich besser, weil bis jetzt kein einziger Tropfen Regen gefallen ist.
Am Himmel zeigt sich mittlerweile sogar ein lichtes, wässriges Blau.

Von diesem Punkt an nimmt der Grenzblickweg einen anderen Verlauf als meine letztjährige Tour.
Eine Weile wandern wir an einem Bach entlang, dessen Wasser fast türkis schimmert. Bis zum Uferrand farbloses Laub, zwischen den Stämmen der Bäume graues Licht. Ab und zu sticht ein etwas hellerer Grünton aus dem Grau hervor, ansonsten sieht alles aus, als sei es von einem Nebel eingehüllt.
Der Weg ist immer noch schlammig, nur auf dem Laubsaum am Rand kommt man einigermaßen voran.

Es wird heller.
Zumindest lassen sich jetzt schon ein paar Lichtinseln mehr am Himmel erkennen als vorhin.
Wir wandern in den Ort Ihn hinein.
Trotten bis fast zum Ende des Ortes – was aber nicht viel zu sagen hat, denn wir müssen nur an ein paar Häusern und einem Straßenschild vorüberlaufen -, biegen links ab, stapfen an ein paar alten Bauernhäusern vorüber und dann befinden wir uns auch schon auf einem Asphaltweg oberhalb des Dorfes, umzingelt von Wiesen, von Weiden und von Hügeln, an denen plötzlich nichts Raues mehr ist. In der letzten Viertelstunde ist es am Himmel nämlich heller und heller geworden und minutenweise kommt sogar die Sonne hervor.

Ganz still ist die Landschaft, so, als läge eine Schicht von Stille über der anderen.
Jeder Augenblick fühlt sich wie ein tiefer Atemzug in der frühesten, gerade erst erwachenden Morgendämmerung an.

Wir kommen an einem einsam gelegenen Haus vorüber, überqueren eine Landstraße und bringen einen nicht allzu anspruchsvollen Anstieg hinter uns.
Oben haben wir freie Sicht nach allen Seiten.
Einen Kilometer Luftlinie entfernt schlängelt sich ein grauer Weg durch die Felder, auf dem zwei rasch sich voranbewegende Punkte zu erkennen sind, ein Jogger mit Hund.
Dort ist noch Deutschland, aber die Hügel fünfhundert Meter weiter westlich gehören schon zu Frankreich.

Die ganze Zeit haben wir uns parallel zur Grenze bewegt, jetzt aber wandern wir geradewegs darauf zu. Mittlerweile haben sich die düsteren Wolkenbänke verflüchtigt und die Landschaft ist in ein beinahe frühlingshaft wirkendes Licht getaucht. Man kommt sich vor, als würde man nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder einen von Spinnweben und altem Staub bedeckten Fensterladen öffnen und warmes Licht in ein modriges Kellergewölbe einlassen.
Aber heute ist in dieser Hinsicht nur der Wandel dauerhaft.
Nicht lange und der Himmel ist schon wieder so grau wie der Asphalt, über den wir wandern.

Wieder eine Landstraße.
Links im diesigen Nirgendwo ein Dorf, an dem das Auffälligste zwei Kirchturmspitzen sind, die weit über die wenigen Häuserdächer hinausragen.
Zweifellos ist das Leidingen, ein ganz besonderer Ort, aber dazu komme ich später noch.

Ein paar Minuten lang sind wir etwas irritiert, denn an einem Brückengeländer am Rande der Landstraße ist unübersehbar das Wandersymbol des Grenzblickweges zu erkennen, der Wegweiser jedoch zeigt geradeaus.
Die Lösung ist selbstredend ganz einfach – egal, für welche Richtung wir uns entscheiden, wir werden später doch wieder exakt an die Stelle zurückkehren, an der wir uns jetzt befinden.
Wir entschließen uns, geradeaus weiterzugehen.
In erster Linie deshalb, weil auf der Landstraße, an der wir andernfalls entlanglaufen müssten, innerhalb weniger Sekunden wie aus dem Nichts vier oder fünf Autos mit WARP-Geschwindigkeit herangeschossen kommen, ohne dass die Fahrer auf die Idee kämen abzubremsen.

Der Wiesenpfad in gerader Richtung sieht wesentlich einladender aus, allerdings waten wir wieder einmal durch knöcheltiefen Schlamm.
Jana bleibt zum fünften oder sechsten Mal stehen und reibt mit einem Papiertaschentuch an ihren Schuhen herum. Das bringt aber immer nur für ein paar Minuten was, danach sehen die Schuhe wieder aus wie vorher. Es ist auch vollkommen unmöglich, dem Schlamm auszuweichen, denn er ist allgegenwärtig. Man kann nur versuchen, die besonders morastigen Stellen zu vermeiden, das ist alles.

Auf einer Strecke von ca. drei Kilometern verläuft die Route nun durch Frankreich. Unmittelbar hinter einem Wäldchen ein paar weiße Häuserfassaden.
Heining-lès-Bouzonville.
Wir sind daran vorüber, kaum dass wir so richtig wahrgenommen haben, dass da ein Dorf ist.

Dann zum ersten Mal richtiger Wald, nicht nur so eine Ansammlung von Sträuchern und Bäumchen wie bisher.
Zwischen den Stämmen spärliches, zugleich aber auch klares Licht, irgendwie herbstlich.
Bis zur Hälfte der Stämme ist es ein Licht, das man als rötlich empfindet, wahrscheinlich wegen des Laubteppichs, der den
Boden bedeckt, zwischen den höheren Ästen und in den Wipfeln kontrastierend dazu irgendeine blasse Variation von Blau.

Windlose Stille.
Eine Stille, von der man den Eindruck hat, dass sie schon sehr lange da ist.
Sogar als wir längst aus dem Wald heraus sind und auf Leidingen zuwandern, bleibt die Stille bestehen.
Dann von irgendwoher eines dieser nicht genau zu lokalisierenden Einzelgeräusche, welche die Gegend noch einsamer machen, als wenn es vollkommen still gewesen wäre.

In Leidingen bzw. Leiding offenbart sich das Besondere am Grenzblickweg.
Unzweifelhaft verläuft die – mittlerweile oder soll man sagen momentan – nicht mehr sichtbare Grenze mitten durch den Ort. Vielleicht tatsächlich auf der Straße, die auf deutscher Seite „Neutrale Straße“, auf französischer Seite „Rue de la frontière“ heißt, vielleicht aber auch durch die Vorgärten oder sogar durch die Wohnräume, so ganz genau ist das wohl gar nicht mehr in Erfahrung zu bringen.

In jedem Fall besteht der Ort Leidingen im Grunde aus zwei verschiedenen Ortschaften, dem französischen Leiding, das zum Département Moselle gehört und in dem rund 30 Menschen wohnen, und dem deutschen Leidingen, in dem etwa 190 Menschen leben.

Die Teilung des Dorfes geht letztlich auf die Zeit um 1815 herum und die Neuordnung Europas nach dem Ende der Napoleonischen Kriege zurück.
Der westliche Teil Leidingens wurde zu jener Zeit Frankreich zugeschlagen, der östliche Teil Preußen. Die in den kommenden Jahrzehnten geführten Kriege zwischen beiden Nationen – Deutsch-Französischer Krieg, WK I, WK II – veränderten den Mikrokosmos des Dorfes immer wieder auf die eine oder andere Weise, aber unter dem Strich ist es heute in etwa wieder so, wie es 1815 gewesen ist: ein Dorf, zwei Nationen.

Auf dem nächsten Kilometer halten wir an drei Punkten inne.
Erstens neben der Kirche der Heiligen Jeanne d’Arc auf der französischen Seite, von der aus man einen freien Blick auf die Kirche im deutschen Teil St. Remigius hat.
Zweitens am Rande der Rue de la frontiére, neben einem Grenzstein, ziemlich genau auf der Mitte des Weges zwischen beiden Kirchen.

Vor uns ein schmaler Pfad an einer Mauer entlang.
Ich will schon weitergehen, da deutet Jana auf irgendetwas schräg über unseren Köpfen.
Ich schaue hin und dann schaue ich noch ein zweites Mal hin, aber etwas länger.
Ich sehe eine Art Bogenfenster, in zahlreiche kleine Öffnungen unterteilt.
Es handelt sich um eines der beiden Grenzblickfenster, die man hier aufgestellt hat. Das andere befindet sich neben der Kirche auf der französischen Seite, an der wir vorhin vorbeigewandert sind, aber da müssen wir es irgendwie übersehen haben. Dieses Grenzblickfenster ist der dritte Punkt, an dem wir für eine Weile innehalten.

Ein paar Minuten später haben wir Leidingen hinter uns gelassen und stapfen nun doch an jener Landstraße entlang, die wir vorhin vermieden haben.
Immerhin kommen jetzt im Gegensatz zu vorhin keine Autos herangeschossen wie UFOs im Tiefflug. Deshalb ist es ein ganz angenehmes Gehen, wenngleich wir uns immer mal wieder umdrehen, um zu schauen, was sich in unserem Rücken tut, denn wir marschieren schließlich auf einem fingernagelschmalen Seitenstreifen dahin und die Landstraße selbst ist auch nicht viel breiter.

Wir passieren die Stelle, an der wir anderthalb Stunden vorher geradeaus gewandert sind und ein paar Meter weiter können wir dann endlich von der Landstraße wieder auf einen Wiesenpfad abbiegen.
Es ist gerade mal 15 Uhr, aber man hat den Eindruck, dass jeden Moment die Dämmerung anbricht.
Immer mehr Bereiche unseres Blickfeldes verschwinden in einem diffusen Halbdunkel, immer näher rückt der Horizont heran.

Der Pfad führt einen Hügel hinauf und wir waten wieder einmal durch eine Art Sumpf. Am Wegrand dürre Bäume, fast schwarz gegen den dunklen Himmel.
Ein rauer Abendwind kommt auf, der sich aber bald wieder abschwächt. Es wäre keine Überraschung, wenn es demnächst zu regnen beginnen würde.

Man lernt beim Gehen so einige Dinge, unter anderem, genügsam zu sein.
Genügsam in einem positiven Sinne.
Man muss schließlich mit dem auskommen, was da ist. Und man muss damit rechnen, dass die Dinge nicht so laufen, wie man es vorher erwartet hat.
Aber wenn man sich wirklich darauf einlässt, dann wird man auf mittlere oder längere Sicht gesehen vielleicht irgendwann eine Stärke in sich spüren, die man vorher nicht bei sich vermutet hätte.
Und falls nicht, dann hat man wenigstens eine Menge Zeit an der frischen Luft verbracht.

Die letzten zwei Kilometer. Es wird immer dunkler. Meistens wandern wir über offenes Gelände, gegen Ende dann wie so oft heute durch kleine, überschaubare Wäldchen.
Ab und zu bietet sich noch ein von der zunehmenden Dunkelheit eingeschränkter Fernblick. Überall verblassende Farben, nicht einmal mehr einzelne Lichtinseln existieren noch.
Als wir Niedaltdorf erreichen, hat endgültig die Abenddämmerung eingesetzt.

6 Replies to “TOUR 77: NIEDALTDORF/SAARLAND – GRENZBLICKWEG”

  1. Eine schöne Tour in einer historisch interessanten Gegend. Das war ja häufig das Los von Grenzorten, ständig der Zankapfel benachbarter Reiche zu sein. By the way, schön beschriebene Wanderung.

    TanSta

  2. Sehr gelungene Beschreibung mal wieder in einer schönen und offenbar auch interessanten Gegend. Habe mir das mal auf der Karte angeschaut – im Grunde sind da ja nur winzige Dörfer überall. Für Wanderungen scheint das ideal zu sein.

    Gruß, Sylban

    1. Der Grenzblickweg führt durch genau zwei Dörfer (meinetwegen auch drei, wenn man Leidingen bzw. Leiding als zwei Ortschaften zählt). Beide zusammen haben gerade mal 600 Einwohner, der Rest der Tour besteht aus Wiesenflächen, kleinen Wäldchen usw. Eine erholsame Wanderumgebung, das auf jeden Fall. Und für uns war es an diesem Tag genau das Richtige.

      Beste Grüße
      Torsten

  3. Das war wieder mal eine schöne gemeinsame Wanderung, lieber Torsten, und meine Wanderschuhe sind inzwischen auch wieder blitzblank. Ich fand die Tour recht abwechslungsreich mit diesem Weiher, ganz netten Ausblicken und dem besonderen Ort Leidingen. Eine schöne Idee sind diese Grenzblickfenster. Schade, dass wir eins übersehen haben! Ich mag es sehr, wenn man weit blicken kann. Diesbezüglich kam ich bei dieser Tour voll auf meine Kosten.

    Liebe Grüße
    Jana

    1. Hallo, liebe Jana.:-)
      Man muss ja auch immer berücksichtigen, dass es Anfang Januar gewesen ist. Wir hatten zwischendurch sogar sonnige Phasen und die Wege waren wunderbar in eine ganz stille Landschaft eingefügt. Das Besondere gewinnt der Grenzblickweg natürlich durch seinen Verlauf entlang und zu beiden Seiten der unsichtbaren Grenze zwischen Deutschland und Frankreich. Unter dem Strich jedenfalls ein schöner und interessanter Wanderpfad.

      Liebe Grüße für dich
      Torsten

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