TOUR 21 – KIRN: BHF – KALLENFELS – SCHLOSS WARTENSTEIN – BHF

Da ist er also, der Herbst. Und zwar nicht nur auf dem Kalender, sondern jetzt auch unbezweifelbar in der Realität.
Wind fegt braunes Laub durch die Straßen. Nebel quillt aus den Tälern empor. Und man kann sich auch nicht mehr so richtig einreden, dass es noch warm ist.
Mich stört am Herbst an sich überhaupt nichts – außer der Tatsache, dass es nun nur noch eine ganz kleine Gnadenfrist ist bis zum Winter. Und dem Winter kann ich so gar nichts abgewinnen.

Ich treffe gegen Mittag in Kirn ein.
Vor mir liegt eine Tour voller Ungewissheiten, was einen ganz einfachen Grund hat. Irgendetwas in mir hat beschlossen, eine Strecke in Angriff zu nehmen, bei der ich vom ersten bis zum letzten Kilometer ohne Ausschilderung auskommen muss. Ohne GPS sowieso.

Primäres Ziel ist es, den Bahnhof eines Ortes mit dem Namen Martinstein zu erreichen.
Wenn ich ganz ehrlich bin, dann schätze ich die Wahrscheinlichkeit, das auch tatsächlich zu schaffen, nicht viel höher ein, als über Wasser zu gehen. Und da dem so ist, habe ich mir auch noch ein sekundäres Ziel zurechtgelegt, das in Kraft tritt, sobald sich das primäre Ziel als unerreichbar erweist. Dieses sekundäre Ziel besteht darin, hinterher sagen zu können, dass die Sache wenigstens kein vollkommener Reinfall gewesen ist.

Mein Weg führt mich zunächst an der Nahe vorüber. Es ist ein eigenartiges Gefühl, so völlig ins Ungewisse hinein zu marschieren. Ich habe mich auf Umwege und Irrwege eingestellt und auch darauf, irgendwann umkehren zu müssen. Trotzdem bleibt es eigenartig.

An einem Straßenschild entdecke ich unverhofft ein Wandersymbol. Als ich näher herangehe, sehe ich, dass es sich um das Symbol des Soonwaldsteiges handelt.
Damit eröffnet sich mir eine neue Option.
Schlimmstenfalls kann ich einfach zehn oder zwölf oder was weiß ich wie viele Kilometer diesem Symbol folgen und dann wieder zum Bahnhof in Kirn zurückkehren.

Mich an dem Soonwaldsteigsymbol orientierend stapfe ich durch die Straßen von Kirn.
Herbstlaubstraßen.
Und ich glaube, auch schon den Regen zu riechen, der demnächst einsetzen wird.

Ich gehe eine Treppe mit breiten, niedrigen Stufen hinauf, laufe an einem Minigolfplatz vorüber, der fest in der Hand des Laubes ist, dann noch an ein paar letzten Wohnhäusern vorbei und bin im Gelände.
Wer vom Anblick bewaldeter Hügel nicht genug bekommen kann, der könnte nirgends richtiger sein als hier. Sie sind quasi überall und auf einem von ihnen entdecke ich sogar eine Burgruine.

Ich stapfe einen Kiespfad entlang, an Sträuchern vorüber. Durch das Gezweig hindurch entdecke ich plötzlich einen riesigen Felsen, ein richtiges kleines Felsmassiv im Grunde sogar.
Kurz darauf der nächste Felsen.
Und weiter oben noch einer. Nicht schlecht. Die zufälligen Entdeckungen sind manchmal die besten.
Wie ich später nachlese, handelt es sich um die Burgruine Steinkallenfels, die ehemals aus drei verschiedenen Burgen bestanden hat.

Und ich habe auch gleich schon ein nächstes Etappenziel vor Augen. In der Ferne – auf einem jener bewaldeten Hügel – sehe ich nämlich ein großes Gebäude, vermutlich Schloss Wartenstein.
Ich weiß zwar nicht, wie ich dort hinkommen soll, aber darüber muss ich mir nicht einmal fünf Minuten lang den Kopf zerbrechen, denn schon entdecke ich am Straßenrand ein Holzschild, das mir die Richtung weist.

Ich trotte durch den Ort Kallenfels und dann bin ich endlich im Wald.
Der Weg führt stetig bergauf, aber er wird nie so steil, dass ich Schwierigkeiten hätte, mein Tempo zu halten.
Im Gegenteil, ich komme richtig auf Touren, marschiere dahin, als ob ich einen Zusatzmotor eingebaut hätte.

Der Weg zieht sich ziemlich in die Länge, aber schließlich sehe ich das Schloss vor mir.
Auf einer Bank hocken eine Frau und ein Mann und unterhalten sich. Die beiden sind die einzigen Menschen, die ich hier antreffe. Ansonsten habe ich das Schloss für mich allein.

Bei Licht betrachtet ist das Schloss eher eine Burgruine mit Schloss drauf. Man hat eine Menge Bewegungsfreiheit.
Trotz der schweren grauen Wolkentanker am Himmel kann ich weit übers Tal blicken.
Es fängt an zu regnen.
Aber so ein Regenfernblick kann durchaus seinen Reiz haben. Es muss nicht immer alles in grelles, die Landschaft bis in den entferntesten Winkel ausleuchtendes Licht getaucht sein.
Ich bin aber ohnehin in einer gelassenen „Es ist alles gut, so wie es ist“-Stimmung, der nahezu nichts etwas anhaben kann.

Als ich das Schloss wieder verlasse, sitzen die Frau und der Mann immer noch da. Der Regen scheint ihnen nichts auszumachen. Ich habe inzwischen die Kapuze meiner Regenjacke über den Kopf gezogen.

Obwohl es gar nicht so viele Möglichkeiten gibt, bin ich unentschlossen, was ich jetzt tun soll. Zurück nach Kirn? Steht überhaupt nicht zur Debatte. Dem Schild „Naturerlebnispfad nach Hanenbach“ folgen? Schon eher. Sich erst den Brutbeobachtungspavillon anschauen, auf das auf einem Schild hingewiesen wird? Eher nicht.
Nur eins steht wohl ziemlich fest: Von dem Ziel, nach Martinstein zu kommen, habe ich mich innerlich bereits verabschiedet.

Schließlich folge ich tatsächlich dem Naturlehrpfad. Irgendwohin wird er schon führen. Immerhin ist auch das vertraute Soonwaldsteigsymbol wieder da.
Eine steinerne Treppe hinab gelange ich auf einen abschüssigen Geröllpfad. Die Kombination aus Regen und nachgebendem Geröll ist nicht gerade ein Wanderertraum. Ich muss höllisch aufpassen, wo ich meine Füße hinsetze.
Kurz darauf sehe ich die Häuser eines kleinen Ortes vor mir. Und unter mir fließt idyllisch die Nahe dahin.

Ein Schilderwald ruft die nächste Entscheidungsblockade bei mir hervor.
Über eines muss ich mir im Klaren sein – wenn ich immer weiter auf dem Soonwaldsteig dahinmarschiere, dann kann ich a) das Ziel Martinstein endgültig streichen, ich kann aber auch b) so ganz allmählich eine Rückkehr nach Kirn abhaken, zumindest zu Fuß. Wahrscheinlich bleibt mir dann nichts anderes übrig, als irgendwann in irgendeinem Dorf in einen Bus zu steigen und damit nach Kirn zurückzufahren.

Ich beschließe also, mich zumindest grob wieder in Richtung Kirn zu bewegen und stapfe in den Wald hinein.
Eine regenfeuchte Wiese.
Ein Hochsitz.
Rabenschreie über den Bäumen.

Ich marschiere durch den Wald, dann über freies Gelände. Der Regen lässt die Gegend einsam und abgeschieden erscheinen. Was sie im Prinzip natürlich auch ist, nur dass jetzt noch ein Schuss Herbstmelancholie hinzukommt.

In einem Bogen kehre ich zum Schloss Wartenstein zurück.
Von dort aus stiefele ich ein kurzes Stück den Weg hinunter, den ich gekommen bin, biege dann aber noch einmal ab, überquere eine Wiese und wandere unterhalb des Ortes Oberhausen über einen Asphaltweg.

Nicht lange und ich befinde mich direkt gegenüber der Ruine Steinkallenfels.
Noch einmal der Blick über die Hügellandschaft, dann einen schmalen Pfad hinunter und kurz darauf bin ich zurück in Kirn.

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