TOUR 41/3. TAG: VON WÜRZBURG NACH SOMMERHAUSEN

Dritter Tag.
Es ist ein Morgen wie ein eingelöstes Feenversprechen.
Der Himmel über der Stadt ist so weit wie ein Meer ohne Horizont. Und mit beinahe jeder Minute scheint er noch ein Stück weiter und noch eine Nuance heller zu werden.
Die Choreographie der heutigen Etappe ist eine nahezu perfekte Mischung aus Bewegung und Innehalten, aus Erleben und Erfassen, aus Flüchtigkeit und Tiefe, und irgendwann im Laufe dieses Tages stellt sich jenes Gefühl von Freiheit und vielleicht auch von Glück ein, das alles, was irgendwie nach Zweifel oder Anspannung aussieht, eliminiert.

Heute und auch am nächsten Tag muss ich an eine Sache keinen Gedanken verschwenden, nämlich, ob ich rechtzeitig an einem bestimmten Ziel ankomme.
Ich kann einfach losgehen.
Ich kann losgehen und an jedem beliebigen Ort und zu jeder beliebigen Zeit die Etappe beenden.
Das ist der Vorteil, wenn man ein Hotel als Basislager hat und außerdem auch noch mit dem Auto abgeholt wird, wo immer man gerade ist, wie ich an diesen beiden Tagen von meiner ehemaligen Lebensgefährtin Carmen.
Ich habe also keinerlei Zeitdruck und auch ansonsten findet sich in meinen Gedanken wenig Platz für den Zwang, irgendetwas unbedingt erreichen zu müssen.
Mir schwebt vor, bis nach Sommerhausen zu kommen.
Aber wenn nicht, dann eben nicht.

Vom Hotel aus zieht es mich erst einmal ans Mainufer.
Auf meinem Weg am Fluss entlang zur Löwenbrücke habe ich mein erstes Ziel für heute – das Käppele – stets im Blick.
Verzahnung von Außenwelt und Innenwelt: Während ich gehe, formen sich Bilder in meinem Kopf, die nicht allein Abbildungen realer Wahrnehmungen sind, sondern zugleich Erinnerungen, denn im Jahr zuvor war ich fast genau um die gleiche Zeit in Würzburg.

Ich hätte nichts dagegen, noch ein wenig weiter am Main entlangzugehen, in jenen Gehrhythmus hineinzukommen, in dem ich gefühlte Wochen vor mich hin marschieren könnte und bei dem irgendwann etwas in mir emporschwebt, ein bestimmtes Gefühl, etwas, das man vielleicht als Freude bezeichnen kann, dem man aber nicht unbedingt zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort eine Bezeichnung geben muss.

Es ist genau dieser Rhythmus, der sich später am Tag auch tatsächlich noch einstellen wird, aber erst einmal ist Treppensteigen angesagt.
Exakt 247 Stufen sind es zum Käppele hinauf, von ganz unten gerechnet.
Die Symmetrie der Treppenanlagen bringen auch einen gewissen Rhythmus hervor, aber einen eher bedächtigen.
Und zwar nicht nur beim Gehen, sondern auch beim Denken.
Die einzelnen Stationen des Kreuzweges, die ganz ruhig im weißen Morgenlicht stehenden Bäume – ohne dass ich irgendetwas tun muss, breiten sich mit der Geschwindigkeit pyroklastischer Ströme Entspannung und Gleichmut in mir aus.
Ich bin nicht hier, weil ich eine bestimmte Absicht verfolge. Ich bin hier. Punkt.
Geschehenlassen, so funktioniert das also, zumindest für den Moment und zumindest manchmal.
Als ich dann kurz darauf wieder vom Käppele in die Stadt zurückgehe, bleibt etwas von der Ruhe da oben auf dem Hügel, etwas von der meditativen Bedachtsamkeit wie ein fernes Leuchten in einem Winkel meines Bewusstseins zurück und wirkt fort.

Wäre ich vom Käppele aus auf dem Marienweg weitergewandert, dann hätte ich gar nicht mehr in die Stadt zurückkehren müssen, aber mein Plan sieht vor, erst einmal einen Abstecher zum unmittelbar neben der Residenz gelegenen Hofgarten zu machen.
Eigentlich erwarte ich, im Hofgarten in etwa ein Gedränge vorzufinden wie bei einer Laichwanderung von Heringen im Atlantik, aber so ist es nicht mal im Entferntesten. Natürlich kann von meditativer Bedachtsamkeit auch nicht die Rede sein. Obwohl – versteckte Winkel, verborgene Stellen, Ruheorte, die gibt es auch hier.
Und manchmal weiß man gar nicht, wohin man schauen soll, so viel strömt auf die Sinne ein an visuellen Reizen.
Hier könnte ich viele Stunden verbringen und hätte mich immer noch nicht sattgesehen.

Mein nächstes Ziel ist die Schönstatt-Kapelle, Wallfahrtsstätte Nummer 20 des Marienweges.
Der Weg dorthin ist wahrlich nichts für Wanderästheten, denn ich muss ein paar Kilometer durch die Straßen Würzburgs laufen, an zahllosen Baustellen vorüber.
In irgendeinem fast vergessenen Erinnerungsraum leuchtet das Bild einer Kapelle in den Weinbergen auf, an der ich vor vielen Jahren bei einem abendlichen Lauf von Randersacker aus vorübergekommen bin.
Okay, dann bin ich wohl unwissentlich vor langer Zeit schon auf dem Marienweg unterwegs gewesen, wenigstens einen oder zwei Kilometer. Falls es ihn damals überhaupt schon gegeben hat.

Die Stadt, die Hitze und eine Straße, die stetig bergan führt. Aber eine Stadt, die immer weniger nach Stadt aussieht, je mehr ich mich ihrem Rand nähere. Und eine Hitze, die weit entfernt davon ist, unerträglich zu sein. Außerdem eine Straße, die irgendwann so leer ist wie ein Ostseestrand im Januar.
Ich habe immer mehr das Empfinden von Weite in mir.
Als würde ich durch die unbegrenzte Luft gehen.
Dazu passt natürlich, dass der Himmel über den Weinbergen, in die ich jetzt hineinwandere, schimmert wie Kobaltglas.
Keine strengen, abgegrenzten Linien mehr. Sondern die weichen, elastischen Formen der Bäume, der Sträucher, des Grases.
Irgendwo in meinem Kopf platzt eine Kugel mit Glücksbotenstoffen.

Die Schönstatt-Kapelle ist nicht mehr als ein kurzes Intermezzo.
Eins steht allerdings sofort fest – ich habe die Kapelle noch nie gesehen und es ist definitiv nicht die Kapelle, die mir mein Erinnerungsblitz offenbart hat.
Wichtiger aber ist: Ich genieße das Gehen gerade so richtig.
Überall dieses klare Licht, das alles noch weiter und größer erscheinen lässt.
Ich spüre den milden Sommerwind auf meiner Stirn.
Lasse mich treiben.
Um mich herum Grün in sanften, weichen Wellen.
Die Minuten sinken ins Nichts und alles, was sich irgendwie nach Dringlichkeit anfühlt, löst sich auf.
Mit einem Mal ist eine fast vollkommene Ruhe in meinen Gedanken.
Ich nutze es aus, viel Zeit zu haben und setze mich auf eine Bank im Schatten mit Blick auf die Weinberge.
Ferne, ganz ferne Stimmen, irgendwo.
Ansonsten nur das kaum hörbare Geräusch des Windes in den Ästen der Bäume.

Eine halbe Stunde bleibe ich sitzen, dann wandere ich weiter.
Äcker. Wiesen. Eine Scheune.
Ich trabe über eine Kuppe hinweg und mit einem Mal öffnet sich die Landschaft wie ein ausgeklappter Fächer.
Unten im Tal der Main und, eingebettet in die Weinberge, Randersacker.
Ich laufe an einer Kapelle vorüber.
Es dauert eine Sekunde, dann zuckt zum zweiten Mal jener Erinnerungsblitz in meinem Kopf auf. Diesmal jedoch sind die Erinnerung und die Realität deckungsgleich. Das ist ohne den Hauch eines Zweifels die Kapelle, an der ich damals vorübergelaufen bin. Ein paar Herzschläge lang bin ich mit dem Körper in der Gegenwart, im Kopf jedoch wandere ich Erinnerungspfade ab.

Aber Gegenwart hin, Erinnerung her, ich befinde mich mitten in einer traumhaften Sommeridylle.
Der Kreuzweg von der Kapelle hinunter nach Randersacker ist eine visuelle Komposition aus Schatten, Licht und Variationen von Grün.
Für wenige Sekunden ist es beinahe, als würden Farben Töne hervorbringen. Oder Geräusche zu Bildern werden.
Ich werfe Ballast ab wie Stufenraketen ein überflüssiges Triebwerk.

Randersacker ist eine Ansammlung von schmalen Gassen und einer Hauptstraße, so lang wie der Äquator.
Ohne Kopfsteinpflaster geht es in so einem Ort natürlich nicht. Und wohin das Auge auch fällt, überall irgendetwas, das mit Wein zu tun hat.

Von nun an gestaltet sich die Route so einfach wie das Ziehen einer geraden Linie mit einem Lineal.
Ich stapfe zum Mainufer und dort muss ich dann nichts anderes tun, als dem Mainradweg zu folgen.
Ich mag es ohnehin, an Flüssen entlangzugehen, aber heute ist es noch ein paar Nuancen großartiger als sonst. Buchstäblich mit jedem Schritt nähere ich mich jetzt jener Schwelle, von der an ich fast nur noch Bewegung und Atem bin und gefühlt ohne innezuhalten zweimal um den Äquator herummarschieren könnte.

Von Randersacker bis Sommerhausen sind es allerdings gerade mal neun Kilometer, aber ich genieße jeden einzelnen Schritt.
Manchmal drossele ich mein Tempo und von einer Sekunde zur anderen werden Dinge gegenwärtiger, die vorher nur unterschwellig existent waren.
Die vielen Geräusche zum Beispiel, von denen ich umgeben bin.
Denn zweierlei gibt es hier natürlich nicht, nämlich Stille und Alleinsein. Ich befinde mich schließlich nicht in einer weltabgeschiedenen Waldidylle irgendwo im Spessart.
Es sind unter anderem diese Kontraste, die eine solche mehrtägige Tour durch völlig unterschiedliche Landschaftsräume ausmachen.

Wahrnehmungen am Wegesrand: Farben, Formen, ständig wechselnd.
Obwohl um mich herum alles ist, nur keine Stille, breitet sich in mir nach und nach eine fast schon erhabene Ruhe aus.
Eigentlich ist das Gehen auf dieser Etappe ein einziges tiefes Durchatmen.

Ich trabe an einer langen Reihe schattenspendender Bäume vorüber. Der Schatten kommt mir nicht ungelegen, denn die Sonne über den Baumkronen ist ein weißer, gleißender Feuerball und sobald man die Schatten verlässt, ist es heiß wie im Erdmantel.
So ein Gehen ohne jegliche Steigungen hat schon was. Nach einer gewissen Zeit kommt man sich vor, als wäre man mit einem eingebauten Warpantrieb unterwegs.
Einige Male verlasse ich allerdings den Asphaltweg, gehe ganz dicht ans Mainufer heran. Hier gibt es andere Wahrnehmungen als während des Gehens auf dem Asphalt.
Das helle Licht auf den Blättern, das dunklere Licht zwischen den Bäumen nahe am Fluss.
Die kleinen Wellen am Uferrand, die schimmernden Spiegelungen des Himmels und der herabhängenden Zweige.
Die wenigen Wolken scheinen im Fluss dahinzutreiben, wenn man übers Wasser schaut, ganz dicht unter der Oberfläche.
Schon kurzes Verharren hier ist wie eine Selbsthypnose mit positiven Suggestionen.

Die letzten Kilometer bis Sommerhausen.
Der Geher, der Weg, der Himmel, der Fluss, so ungefähr.
Im Gegensatz zu dem, was mich am nächsten Tag erwartet, stellt sich auch noch nicht jener Automatismus beim Gehen ein, dem ab einem bestimmten Zeitpunkt etwas Unaufhörliches, Endloses anhaftet, so, als könnte man überhaupt nicht mehr aufhören damit, einen Schritt auf den nächsten folgen zu lassen, weil man schlicht den Willen dazu nicht mehr aufbringt.
Und noch etwas wird am nächsten Tag ganz anders sein als heute: Ich werde mich durch eine Gegend bewegen, für die der Begriff Niemandsland erfunden worden sein muss und es wird Momente geben, in denen ich mir vorkomme wie auf einem Meer ohne Ufer.
Hier und jetzt dagegen könnte man eher den Eindruck haben, dass halb Unterfranken aufs Rad gestiegen ist oder beschlossen hat, einen Spaziergang zu machen.

Irgendwo kurz vor oder hinter Eibelstadt beschreibt der Weg einen Bogen, den ich über einen schmalen Grassaum abkürze.
Für zehn Meter ist der Boden unter meinen Füßen weich wie von Daunen bedeckt und für ein paar Augenblicke spüre ich die dezente Sehnsucht nach einem wunderbar nachgiebigen Waldboden in mir, nach kaum hörbaren Geräuschen, fein wie zitternde Spinnennetze, aber dann habe ich wieder den Asphalt unter meinen Füßen und auch das ist in Ordnung.

Diese dritte Etappe endet am Mainufer bei Sommerhausen.
Mit Carmen zusammen flaniere ich dann noch kurz durch die Straßen der Stadt.
An Tag 4 werde ich die Tour von hier aus fortsetzen.

7 Replies to “TOUR 41/3. TAG: VON WÜRZBURG NACH SOMMERHAUSEN”

  1. Wieder ein sehr schöner Text, bei dem ich mitwandern konnte. Diesmal überhaupt kein Wald, aber trotzdem zumindest ein wenig Idylle in den Weinbergen. Ich hoffe wieder auf ein wenig mehr Regelmäßigkeit.:-)

    Grüße,
    Mata

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, die Regelmäßigkeit wird jetzt zurückkommen. Ich habe dieses Jahr ja doch einige Mehrtagestouren gemacht und deshalb die normalen Tagestouren reduziert. Das bedeutete auch für das Schreiben im Blog eine gewisse Umstellung. Ich werde ab sofort jedoch längere Pausen bei den Beiträgen vermeiden.

      Beste Grüße,
      Torsten

  2. Ich stimme Mata zu, mehr Regelmäßigkeit wäre schön. Abgesehen davon aber wieder ein guter Beitrag. Ich hoffe, die noch fehlenden Etappen folgen zügig. Würde mich freuen.
    Gruß, Sylban

    1. Danke für deinen Kommentar und dein Interesse an dem Blog.:-) Ja, die nächsten Etappen folgen diesmal sehr rasch.
      Beste Grüße
      Torsten

  3. Ich fände es irgendwie gut, wenn man die Marienwegetappen auch hintereinander auflisten würde. Im Übrigen aber wieder ein sehr schön zu lesender Bericht. Das gilt für die erste und auch die zweite Etappe. Freue mich auf mehr.

  4. „Von Randersacker bis Sommerhausen sind es allerdings gerade mal neun Kilometer, …“
    Aha, NUR neun Kilometer. Stimmt, deine Maßstäbe sind inzwischen ganz andere, lieber Torsten. Du gehst und gehst und gehst. Magst du diese Strecken auf ebenen Wegen dann auch lieber oder bedeuten Strecken mit Steigungen für dich Abwechslung?
    In den Weinbergen muss es ja großartig gewesen sein! Na ja, und über das fantastische Gehen an einem Fluss entlang brauchen wir gar nicht zu reden.
    Wieder eine sehr schöne Beschreibung, die einem die herrliche Gegend näherbringt.

    Liebe Grüße
    Jana

    1. Ich mag es sehr, an Flüssen vorbeizugehen, das schon, aber ich schätze vor allem auch die Abwechslung. Gerade bei Mehrtagestouren ist die ja oft auch gegeben. Auch bei Anstiegen – wenn sie nicht zu steil sind – komme ich nicht selten in einen sehr angenehmen Gehrhythmus.
      Auf dieser dritten Etappe konnte ich mich, was Abwechslung angeht, ohnehin nicht beklagen: Erst die Stadt mit dem Käppele und dem Hofgarten und auch der Hektik in den Straßen, dann plötzlich die Stille in den Weinbergen mit wunderbaren Ausblicken über das Maintal, danach dann das Gehen am Fluss entlang und als Abschluss eine kleine Stadt (Sommerhausen) mit schönen Gassen und Türmchen. Perfekt sozusagen.:-)
      Vielen Dank für deinen Kommentar, liebe Jana, und liebe Grüße
      Torsten

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