TOUR 32: METZ & CANAL DE JOUY

Regen.
Ein dünner, kalter, unaufhörlicher, unerbittlicher Regen.
Ein Regen, der leicht das dunkle Gefühl hervorbringen könnte, es lauere irgendwo unter diesem trüben, düsteren Himmel, irgendwo in den Straßen und Gassen der Stadt, etwas Unsichtbares, Gefahrvolles, nicht in Worte zu Fassendes.

Ich stehe auf dem Place Charles de Gaulle in Metz und bringe die innere Stimme in mir zum Schweigen, die mir einreden will, dass ich mir kaum einen schlechteren Tag für diese Tour hätte aussuchen können.
Einmal mehr werde ich heute Regen in verschiedenen Variationen kennenlernen, ich werde stundenlang durch eine graue, unwirkliche Wasserwelt treiben wie eine Schiffsplanke im Ozean, und die ganze Zeit werde ich dieses düstere Gebilde aus ineinander verkeilten Wolken über mir haben, aus denen es ohne einen einzigen Atemzug Pause gießt und schüttet.

Wie von einem heftigen Wind erfasst, lasse ich mich vom Place Charles de Gaulle durch die Straßen wehen.
Der Regen wird sogar noch etwas stärker.
Eindrücke, nah und fern zugleich, mir entgegenströmend, von mir wegtreibend.
Die schemenhaften Fassaden von Häusern hinter einer Wand aus Wasser.
Die bleichen, dünnen Lichter der Autos, die unscharf durch den Regendunst dringen.
Wenn ich den Blick in die Ferne richte, findet er keinen Halt, fällt gleichsam ins Nichts, denn alles, was weiter entfernt ist als hundertfünfzig Meter, verliert seine fest umrissene Form.

Ich trotte oder vielmehr schwimme durch eine Gasse, in der die Häuser plötzlich so eng zusammentreten, dass ich mich fühle wie ein Grashalm zwischen den Felswänden des Grand Canyon. Ein paar Augenblicke später ist dann aber wieder der freie Himmel über mir und ich stehe vor dem Deutschen Tor, dem einzigen noch erhaltenen mittelalterlichen Stadttor von Metz.
Ich durchschreite die Toranlage, begutachte sie von allen Seiten und dann mache ich mich auf zu meinem nächsten Ziel, der Kathedrale.

Der Regen ist mittlerweile in eine Art Niagarafall übergegangen. Von ein paar wenigen Passanten abgesehen sind die Straßen leer wie nachts um drei in einem Villenvorort.
Trotzdem schaffe ich es, mich wohlzufühlen.
Gehen findet eben auch im Kopf statt, wer hätte das gedacht.
Eigentlich ist es nicht einmal besonders kompliziert: Man muss nur für sich selbst ein paar grundsätzliche Fragen beantworten, unter anderem diejenige, wie wichtig einem das Gehen ist. Wenn es einem sehr wichtig ist – aus welchem Grund auch immer -, dann ist der Regen nicht mehr als eine unangenehme, aber hinnehmbare und nicht wirklich wesentliche Begleiterscheinung,

Auch der Platz vor der Kathedrale ist beinahe menschenleer.
Ich gehe einmal um das Bauwerk herum und trete dann durch eines der Portale ein. Beinahe im selben Moment bekomme ich eine Genickstarre, so hoch wirkt das Gewölbe. Noch beeindruckender sind die Glasmalereien, deretwegen die Kathedrale „La lanterne du Bon Dieu“ – „Die Laterne Gottes“ – heißt.

Nachdem ich die Kathedrale wieder verlassen habe, lasse ich mich eine ganze Weile ziellos dahintreiben. Ich laufe eine breite Treppe hinunter, biege in schmale Gassen ein, gehe kreuz und quer durch die Straßen, sammle Eindrücke.
Bei Sonnenschein wäre diese Stadt ein Fest für die Sinne.
Bei einer Atmosphäre wie im Tagtraum einer melancholischen Wassernymphe fällt meine Begeisterung naturgemäß etwas dezenter aus.

Gehen, das ist Aufbrechen und Ankommen, aber es ist auch der Weg, das Unterwegssein.
Es kann sich um ein zielgerichtetes, bis ins Kleinste festgelegte Unterwegssein handeln, das keinen Spielraum lässt für spontane Erkundungen, es kann jedoch auch eines sein, das die Möglichkeit offenlässt, ins Unbekannte hineinzugehen, die Ungewissheit anzunehmen
Was mich betrifft, so ist es auch das Unerwartete, Unverhoffte, Unvorhersehbare, das mich reizt.

Eben das ist der Grund dafür, dass ich von der Kathedrale nicht wie vorgesehen auf direktem Wege zur Kapelle der Tempelritter wandere, sondern mich für eine bestimmte Zeit wieder einmal der Regie des Zufalls überlasse.
Ich trotte an der Mosel entlang, am Quai Paul Vautrin, überschreite irgendwann irgendwo eine Holzbrücke, stehe irgendwann irgendwo vor einer Kirche, setze einfach einen Fuß vor den anderen. Manchmal bleibt mein Blick an einem Gebäude hängen, manchmal schweift er einfach nur umher.

Wahrnehmungen wie kurz aufzuckende Lichtblitze.
Menschen in Cafés, die kurz aufblicken.
Menschen an Bushaltestellen,
Silhouetten im Nebel.
Ich genieße das Gehen.
Spüre den Wind, spüre den Regen.
Erahne Konturen.
Fange Blicke von Passanten auf.
Beobachte.
Gebe dem, was ich beobachte, einen Rahmen durch Worte.

Die Minuten verrinnen langsamer als Sirup in der Wüstensonne.
Irgendwann bin ich dann aber doch auf dem Weg zur Kapelle der Tempelritter.
Bevor ich sie erreiche, finde ich mich jedoch völlig unverhofft vor der Kirche St-Pierre-aux-Nonnains. Es ist die älteste erhaltene Kirche ganz Frankreichs. Offenbar hat es hier früher aber auch ein Kloster gegeben, denn ich erkenne die Überreste eines Kreuzgangs.

So ganz allmählich wird es nun Zeit, dass ich mich in Richtung Canal de Jouy aufmache. Schließlich will ich den gesamten Kanal entlangwandern und das sind immerhin rund 17 Kilometer, achteinhalb Kilometer am linken, achteinhalb Kilometer am rechten Ufer.
Ein paar Minuten lang widme ich meine Aufmerksamkeit der Kapelle der Tempelritter, dann aber schlage ich den direkten Weg hinunter zum Boulevard Poincaré ein, in dessen unmittelbarer Nähe der Kanal beginnt.

Jetzt ist das Wasser überall.
Es strömt in dem Kanal dahin, es fällt vom Himmel, es rinnt an meinem Regencape hinab, es ist unter meinen Füßen.
Der unaufhörlich herniederprasselnde Regen lässt die Umgebung von mir wegdriften in ein beinahe unwirkliches Schemenreich, und er teilt die Welt in eine Innen- und eine Außenwelt, in eine Welt der Gedanken in meinem Kopf und eine der äußeren Wahrnehmungen.

Ich stapfe einfach vor mich hin.
Wobei, ganz so einfach ist das gar nicht.
Der Pfad besteht nicht aus Asphalt, sondern ist eine von Pfützen übersäte Schlammpiste. Wenn ich meinen Weg nicht mitten durch schmutziges Wasser nehmen will, dann muss ich ständig von einer Seite des schmalen Pfades zur anderen wechseln.

Ich passiere einige Wohnschiffe, insgesamt vielleicht zehn oder zwölf.
Plötzlich verbreitert sich der Kanal, so dass es mir einen winzigen Moment lang so vorkommt, als würde das Wasser über die Ufer treten und das Land überfluten.
Wenn ich meinen Blick nur nach rechts richten würde, könnte ich die Szenerie für ziemlich beschaulich halten.
Zu meiner Linken kann von beschaulich allerdings keine Rede sein.

Ich bewege mich unmittelbar am Rande einer Landstraße.
Ein Ort folgt auf den nächsten.
Montigny-lès-Metz.
Hier gibt es ein Schloss, das sicher ganz sehenswert wäre, aber wenn ich diesen Umweg jetzt auch noch mache, dann schaffe es nie und nimmer vor Einbruch der Dunkelheit zurück nach Metz.
Ich habe ohnehin vor, irgendwann im nächsten Jahr von Metz nach Nancy oder zumindest nach Pont-à-Mousson zu wandern, dann komme ich wieder hier vorbei und kann mir das Schloss immer noch ansehen.

Moulins-lès-Metz.
Ich erhasche einen Blick auf eine regenöde Dorfstraße.
Am Ende der Straße scheint es, als würde der Himmel langsam auf die Erde herabsinken.
Noch ein Schuss Nebel und eine Prise Dunkelheit und es wäre die perfekte Edgar-Allan-Poe-Stimmung.
Ich verschwende mittlerweile keinen Gedanken mehr an Umwege oder Erkundungen abseits des Kanals. Alles zu seiner Zeit. Und jetzt ist die Zeit für ein konkretes Ziel vor Augen, einen Fixpunkt, an dem sich mein vom Dauerregen und von der Kälte torpedierter Geist orientieren kann.

Neben dem großen finalen Fixpunkt – dem Bahnhof in Metz – gibt es entlang des Kanals einige kleinere, nämlich die Brücken. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen führen sie über den Kanal hinweg zum jenseitigen Ufer.
Stille kann ich auf dieser Strecke natürlich nicht erwarten, aber nach und nach stellt sich eine dem Auge wohltuende optische Idylle ein.

Steine, fast schon dekorativ halb im Wasser versunken.
Bäume mit weit ausladenden Ästen, die sich über den Pfad hinwegwölben.
Ein Graureiher im Uferschilf.
Darüber, dass es nichts zu sehen gäbe, kann ich mich wirklich nicht beschweren.

Ab und zu wächst die Gestalt eines Spaziergängers aus dem Regen hervor, einmal sogar ein Reiter. Wie Boote in der Dämmerung treiben sie vorüber, verschwinden wieder hinter dem Regenschleier.
Brücke nach Brücke bringe ich hinter mich.
Ich erreiche den Wendepunkt der Strecke und bewege mich fortan wieder auf Metz zu.

Immer noch Kälte und Dauerregen, dazu Windböen.
Mich zu zermürben, das schaffen die Umstände nicht, aber dass ich mich am Gehen und an dem Weg noch ergötze, das kann ich nicht behaupten.
Allmählich bricht der Abend herein.
Ich gehe immer schneller.
Meine Gedanken bleiben jetzt an der Oberfläche, dringen nicht mehr in die Tiefe. Ich will ankommen, um fast nichts anderes geht es mir noch.

Plötzlich stehe ich vor einem Zaun, der den Weg blockiert.
Das hat mir jetzt gerade noch gefehlt.
Ich kehre um, marschiere eine Böschung hinauf und stehe im Nirgendwo.
Was ich jetzt brauche, so notwendig wie die Luft zum Atmen, das ist ein Wegweiser.
Aber ich sehe keinen.
Fast genauso gut wäre es, jemanden zu entdecken, den ich nach dem Weg fragen kann.
Aber ich sehe niemanden.

Ich gehe einfach die Straße hinunter und hoffe auf ein Einsehen des Schicksals.
Das Geräusch einer ins Schloss fallenden Tür lässt mich abrupt im Gehen innehalten.
Eine Frau, die Kapuze ihres Mantels über den Kopf gezogen und mit beiden Händen festhaltend, steht auf der Treppe eines Hauses, läuft dann durch den Regen in meine Richtung.
Ich rufe ihr meine Frage zu und sie bleibt stehen.
Mit einer Hand – die andere hält weiter die Kapuze fest – deutet sie irgendwo in den Regen hinein und da ist er, der ersehnte Wegweiser!

Keine zwei Minuten später bin ich wieder zurück auf dem Pfad.
Schon bald sehe ich wieder die Wohnschiffe vor mir, dann die ersten Häuser von Metz.
Ich erreiche den Boulevard Poincaré, steige eine Treppe hinauf und bin von einer Sekunde auf die nächste mitten im Feierabendtumult.
An der Porte Serpenoise vorüber, die im 19. Jahrhundert Teil einer Befestigungsanlage war, marschiere ich zum Bahnhof.

12 Replies to “TOUR 32: METZ & CANAL DE JOUY”

  1. So jammerschade, dies im Regen erlebt zu haben.
    Hm, das Rosettenfenster der Katherdrale hat sofort meine Aufmerksamkeit.
    Ich mag sie so gern sehen, mich davor wieder wegzubekommen dauert. 🙂
    Schön, wie du beschreibst, dass du doch einiges gesehen hast.
    Oft vergessen wir, wenn das Wetter nicht unseren Wünschen entspricht,
    dass es um etwas anderes geht beim Gehen.

    Liebe Grüße,
    Silbia

    1. Die Kathedrale ist insbesondere innen sehr beeindruckend. Die Fläche der Glasmalereien ist die größte einer Kirche in ganz Frankreich. Die Größe der Fenster bringt ein wunderbares, samtenes Licht im Innern hervor.
      Ich bin den Regen ja gewohnt und kann sowohl das Gehen als auch das, was ich sehe, bis zu einem gewissen Grad auch dann genießen. Sonst würde ich an einem Regentag gar nicht erst losgehen. Aber natürlich hätte ich mir mildes und sonniges Wetter gewünscht.:-), dann hätte sich diese wirklich grandiose Stadt noch ganz anders präsentiert.
      Vielen Dank für den Kommentar & liebe Grüße
      Torsten

  2. So, nun bin auch ich gerade durch Metz geschwommen 😉 Dass die Stadt sich auch im Regen beeindruckend präsentiert, glaube ich sofort! Ich kenne sie (noch) nicht, kann aber anhand deiner und der Bilder im Internet sofort feststellen, dass ich an einem Besuch sehr interessiert bin. So viele alte Gemäuer – fiel es dir schwer zu entscheiden, was du dir an diesem Tag anschauen willst? Da müssen doch unheimlich viele Eindrücke – neben dem Regen 😉 – auf dich eingeprasselt sein! Na, und im Sommer fährst du wieder hin, setzt dich in ein Café und genießt die französische Lebensart 🙂
    Vielen Dank mal wieder dafür, dass du uns Leserinnen und Leser auf unvergleichliche Weise an deinen Touren teilhaben lässt!
    Liebe Grüße, Jana

    1. Vielen Dank wieder für Deinen wunderbaren Kommentar!
      Ich hatte vorher festgelegt, was ich auf jeden Fall sehen will, und das waren das Deutsche Tor, die Kathedrale, die Kapelle und die Porte Serpenoise. Dass es dann einiges mehr geworden ist, lag einerseits an meinen spontanen Erkundungen, andererseits daran, dass man in Metz praktisch auf Schritt und Tritt auf Sehenswürdigkeiten stößt. Selbst wenn man wollte, man könnte es gar nicht vermeiden!:)
      Liebe Grüße
      Torsten

  3. Du erwähnst die Strecke Metz – Nancy. Wie weit wäre das denn und ist das eine offizielle, ausgeschilderte Wanderstrecke? Guter Beitrag übrigens.

    Gruß Hendrik

    1. Ja, es ist eine offizielle Strecke. Die Beschilderung besteht, wenn ich mich recht erinnere, aus einem gelb-weißen Balken mit der Aufschrift Metz – Nancy. Die Streckenlänge beträgt etwa 70 Kilometer. Wobei es zwei Varianten gibt. Die eine führt bis Nancy, die andere endet in einem Ort namens Liverdun.

        1. Ich persönlich finde Nancy äußerst sehenswert. Die Stadt strotzt nur so vor Sehenswürdigkeiten, ähnlich wie Metz.
          Was die Strecke Metz – Nancy angeht, so hat man die Variante Liverdun offenbar deshalb eingerichtet, weil der eigentliche Weg durch irgendwelche Industrievororte führt. Da kann ich aber nur wiedergeben, was ich gelesen habe.

  4. Metz mit seinen Sehenswürdigkeiten würde ich sehr gerne einmal sehen.
    Es fällt mir schwer auf so eine, mit erlesenen Worten, beschriebene Wanderung noch einen Kommentar abzugeben.
    Ich bewundere Dich Torsten, dass Du Dich trotz des düsteren Himmels und des Dauerregens auf diese Tour begeben hast. Optimistisch wie Du bist, fällt es Dir nicht besonders schwer das Beste daraus zu machen und den Eindrücken Deiner verschiedenen Situationen lebendig Ausdruck zu verleihen. Dein Gehen, ein Wort das so viel in sich birgt und den Gedankengängen keine Grenzen setz,t ist bei Deinen Wanderungen eine immerwiederkehrende, spannungsreiche Wahrnehmung. Deine Beschreibung vom Kanal und der Umgebung ist für mich beeindruckend. Zudem ist Deine Tour mit den vielen Fotografien wundervoll gestaltet.

    1. Vielen Dank, liebe Ursula, für diesen schönen Kommentar. Die Wanderung hat auch wirklich trotz des Regens viel bereitgehalten. Ich mag solche abwechslungsreichen Strecken. Der Canal des Jouy war für mich eine positive Überraschung, denn er bot mehr an Natur, als ich vorher erwartet habe. Auch hier der Zusatz: In ein paar Wochen, wenn alles blüht, entfaltet der Weg sicher noch mehr Reiz.:-)

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