Wandertouren

TOUR 129 – VON BONN NACH SIEGBURG

Es ist Mitte August.
Schon am Morgen spürt man die Hitze. Sie nistet in den Straßen, auf den Plätzen und sogar in den leichten Flatterschatten der Bäume. Es ist absehbar, dass sie Stunde um Stunde zunehmen und spätestens am frühen Nachmittag wie so oft in diesem Sommer schwer und still auf der Landschaft lasten wird.
35 Grad, damit rechne ich. Am Tag zuvor bin ich am Bonner Rheinufer entlanggelaufen, nachmittags, und die Hitze war nahezu allgegenwärtig, aber dadurch dass die Luftfeuchtigkeit nicht sehr hoch war, blieb es immerhin ein gutes Stück entfernt von unerträglich. Heute könnte es ähnlich werden.

Ich trotte zunächst zum Rheinufer. Über dem Fluss liegt ein heller Schimmer, der sich zu den Ufern hin abschwächt, so als wäre dort noch ein Rest nächtlicher Dunkelheit übriggeblieben, der sich nicht so leicht vertreiben lässt.
Mein Blick sucht aber ohnehin eher das, was weiter weg liegt. Da ist eine Flussbiegung, am Uferrand ein Baumgürtel, durchsetzt von Gebäuden – alten und modernen, niedrigen und hohen –, und ganz im Hintergrund wie der Rückenkamm einer Riesenechse die Hügelkette des Siebengebirges.
Die Aussicht vermittelt trotz des Stadtlärms um mich herum eine gewisse Ruhe. Der Wasserstand des Rheins ist im Augenblick zwar sehr niedrig, aber immer noch wirkt der Fluss sehr breit, und wenn ich den Blick in die Ferne richte, ist da jede Menge Leere – das Wasser, der Himmel und der Raum dazwischen.

Über die Kennedybrücke trabe ich nach Beuel hinüber.
Da ich nicht gerade im Sprinttempo unterwegs bin, brauche ich eine Weile, um die Brücke zu überschreiten. Im Moment weiß ich noch nicht so genau, ob ich die Wanderung in Siegburg beende oder vielleicht sogar noch die erste Etappe des Natursteigs hinzufüge, eines Wanderweges, der in Siegburg startet und dann über knapp 200 Kilometer bis Mudersbach im Westerwald führt. Ich habe auch nicht vor, ständig darüber nachzudenken, ob ich das tun werde oder nicht. Es wird sich im Laufe der nächsten Stunden schon irgendwie entscheiden.

Die Kennedybrücke ist noch gar nicht so sehr alt. Sie besteht erst seit dem Jahr 1948, hieß anfangs auch noch gar nicht Kennedybrücke, was naheliegt, denn zu diesem Zeitpunkt war John F. Kennedy, nach dem die Brücke benannt ist, noch längst nicht Präsident der USA, sondern gerade erst Mitglied des Repräsentantenhauses geworden.
Es gab eine Vorgängerbrücke, die 1898 gebaut wurde und die mit ihrem riesigen Hauptbogen und den Türmchen auf eine beinahe entrückte Weise schön aussah. Diese optisch so eindrucksvolle Brücke war die erste Bonner Rheinbrücke überhaupt. Zuvor musste man mit der Fähre übersetzen, wenn man nach Beuel oder den Beueler Ortsteil Vilich hinüber wollte.
In den Zeiten also, als Ludwig van Beethoven am Rheinufer flanierte und Wanderungen ins nahe Siebengebirge unternahm, spukte der Gedanke an eine Bonner Rheinbrücke höchstens in einigen visionären Köpfen herum, aber von konkreten Plänen dafür war man weit entfernt.

In Beuel erwartet mich erst einmal Baulärm, der allerdings rasch abebbt, und danach bleibt als Geräuschkulisse nur noch halbwegs dezenter Verkehrslärm übrig. Auch der sinkt nach und nach jedoch auf eine Art Hintergrundrauschen ab.
Ich gelange auf einen schattigen Asphaltweg, auf dem Horden von Radfahrern und Radfahrerinnen dahinsausen.
Das bleibt auch noch eine Weile so, aber der Weg ist breit genug, um ungestört vor sich hin stiefeln zu können. Um mich herum erstaunlich viel Baumgrün, wenn man bedenkt, dass es seit Mitte Juni kaum geregnet hat, allerdings ist der Boden entlang des Weges gelb und ausgedorrt und erinnert mich an Bilder der Umgebung von Murcia im Hochsommer, und die Gegend um Murcia herum ist immerhin die heißeste Region Spaniens.

Trotz der schon ziemlich beachtlichen Hitze ist die Atmosphäre noch eher morgendlich.
Eine Ahnung samtener Frühnebel liegt über den Wiesen, dort, wo die Schatten noch nicht vor der Sonne kapituliert haben.
Links sehe ich plötzlich einen schmalen Pfad, der vom Asphaltweg abzweigt, und ich folge ihm kurzerhand. Der Pfad führt in eine Senke hinein, wo ich mich mit einem Mal wenn nicht in einer anderen Welt, so doch in einem anderen Landschaftsraum wiederfinde, das heißt, wahrscheinlich ist es schon noch derselbe Landschaftsraum und ich habe hier einfach nur einen versteckten Winkel entdeckt.
Der Pfad wird immer schmaler, links und rechts struppiges, strohgelbes Gras, aber auch Bäume und Büsche, die das verbrannte Gelb abmildern. Auf dem Pfad selbst nur dünne Schatten, am Rand der Wiesen dagegen schwarze Schattenfestungen, die aber nach wenigen Metern abrupt enden, und jenseits davon nichts als Licht.

Zurück auf dem breiten Asphaltweg hat sich etwas verändert – die Zahl der Leute, die mit dem Rad unterwegs sind, ist erheblich kleiner geworden. Wie von selbst nehme ich ein wenig Tempo auf, denn wer weiß, wie die Pfade in ein paar Kilometern aussehen. Vielleicht muss ich mich über unwegsames, ackerfurchenähnliches Gelände quälen, auf dem ich nur im Schneckentempo vorankomme. Zumindest werde ich sicher nicht 30 Kilometer – oder wie viel auch immer letztendlich zusammenkommen – auf einer solchen Asphaltrennbahn unterwegs sein.

Irgendwann biege ich auf einen anderen, deutlich schmaleren Weg ab und von da an wird es noch um einiges einsamer auf den Wegen.
Am Wegrand, unterhalb einer Böschung, ein jüdischer Friedhof, der Friedhof Schwarzrheindorf.
Alte Grabsteine unter dicht belaubten Bäumen, durch deren Äste die Sommersonne hindurchblinkt. 445 Gräber gibt es noch hier, das älteste aus dem 17. Jahrhundert.

Ich trabe weiter, nicht schnell, nicht langsam. Der Weg ist schnurgerade, am Rand ein paar Birken. In einiger Entfernung erkenne ich eine Brücke. Dort angekommen, sehe ich, dass der Asphaltweg gesperrt ist, was mich im ersten Moment in eine gewisse Ratlosigkeit stürzt, dann aber bemerke ich, dass auch hinter der Brücke ein Pfad weiterführt, ein wesentlich schmalerer als zuvor und so dunkel wie aus Schatten gemacht. Diesem zweiten Pfad folgend, laufe ich unter der Brücke hindurch. Steingrau ist er ins Gelände hineingemeißelt, aber nach und nach stiehlt sich immer mehr Licht ins Dunkel und schließlich löst sich alles Graue so vollkommen auf, als hätte es nie existiert.

Zu meiner Überraschung besteht der Untergrund für eine Weile aus Sand, was meine Geschwindigkeit ein wenig bremst.
Irgendwo hinter dem Kordon aus Gestrüpp und Bäumen links von mir muss sich die Sieg befinden, aber noch sehe ich nichts von ihr. Allzu lange wird es bis dahin allerdings sicher nicht mehr dauern.

Genauso kommt es auch.
Ganz plötzlich befinde ich mich zwischen dicht beieinander stehenden Bäumen, die das Sonnenlicht fast gänzlich fernhalten, so dass es hier verglichen mit vorher dunkel wie in einer Holzkiste ist.
Ich laufe um eine Kurve herum und stehe unvermittelt am Flussufer. Obgleich mir klar war, dass ich von der Sieg nicht weit entfernt sein kann, bin ich doch etwas überrascht.
Ein paar Sekunden lang betrachte ich die Szenerie.
Ein Hund pflügt durchs Wasser, am Ufer steht ein Mann – wahrscheinlich der Besitzer des Hundes – und äugt unaufhörlich nach links und rechts, als befürchte er von irgendwoher einen Überfall von Riesenameisen.
Am jenseitigen Ufer eine Fähre, die jedoch offensichtlich nicht einsatzbereit ist. Ich vermute, dass der Wasserstand einfach zu niedrig ist, denn die brutale Hitze der vergangenen Wochen hat auch dem Pegelstand der Sieg arg zugesetzt.
Keine Ahnung, ob ich die Fähre überhaupt genutzt hätte, aber es spielt unter diesen Umständen ohnehin keine Rolle.

Ich kehre um, stapfe über die nahe Brücke und unmittelbar dahinter eine Treppe hinab, so dass ich rascher als rasch wieder zurück am Ufer bin.
Es wird nun mit beinahe jedem Schritt friedvoller. Ich laufe einen schnurgeraden Wiesenpfad entlang. Um mich herum eine Idylle aus Bäumen, Gebüsch und Wiesen. Stille sickert in meine Gedanken, als wäre ich auf geheimnisvolle Art und Weise in der Lage, sie der Umgebung zu entziehen. Eine Geduld baut sich auf, die von unfreiwilligen Umwegen und anderen Kleinigkeiten nicht erschüttert werden kann.
Immer mehr nehme ich nun die Veränderungen auf und neben dem Pfad wahr, kleine wie große. Die Bäume sind mal weg, dann wieder säumen sie in einer langen Reihe, von Gebüsch durchsetzt, den Wegrand. Ab und zu auch sehr dichtes Gestrüpp, das so gut wie kein Licht zulässt, aber nur in winzigen Bereichen, ansonsten ist es so gut wie überall enorm hell.

Zwischendurch wird der Pfad noch schmaler, wie zusammengepresst verläuft er als gerade noch erkennbarer Strich durch knöchelhohes Gras. Dann laufe ich vom Licht ins Dunkel und mit einem Mal überwuchern Schatten den Weg. Halb verborgen hinter dichter Vegetation ein Altarm der Sieg, die Diescholl.
Ganz ruhig das Wasser, wie das eines Teiches. Am Rande irgendwo ein uralter Kahn. Es ist ein Aalschokker, ein Schiffstyp, der auf der Sieg und auf dem Rhein in früheren Zeiten zum Fischfang verwendet wurde.

Ich bin nun ganz nahe bei der Siegmündung.
Auf ihrem letzten Kilometer fließt die Sieg in etwa parallel zum Rhein. Ziemlich genau ab der Siegmündung endet der Mittelrhein und der Niederrhein beginnt. Was, nebenbei erwähnt, bedeutet, dass auch Köln geografisch bereits am Niederrhein liegt.
Die Landzunge, welche die Sieg auf ihrem allerletzten Abschnitt vom Rhein trennt, ist das Kemper Werth. Vor Jahrhunderten war sie eine von mehreren Inseln im Bereich der Mündung. Nach deren Begradigung wurde das Kemper Werth jedoch zur Halbinsel.

Ich bin gespannt, wie der Rhein an dieser Stelle nach all den Wochen der Gluthitze aussieht. Vermutlich ähnlich wie in Bonn, also nur noch so eine Art Überrest.
Und genau so ist es auch.
Die normalerweise von mehr oder weniger tiefem Flusswasser bedeckten Uferzonen liegen frei, das Wasser hat sich weit zurückgezogen, 50 Meter und mehr. Trotzdem fährt auf dem, was vom Fluss noch übrig ist, ein Frachtschiff flussabwärts in Richtung Köln.

Ich trabe gemächlich am Ufer entlang. Am ursprünglichen Ufer wohlgemerkt, nicht etwa weit da hinten, wo das Wasser sich befindet.
Überall in den Schatten Leute. Die meisten von ihnen erwecken den Eindruck, als hielten sie sich schon stundenlang hier auf.
Damit liegt der Rhein für diese Wanderung hinter mir. Fortan wandere ich eher in östliche Richtung, denn schließlich ist mein Zielort Siegburg auch im Osten von hier zu finden.
Wieder einmal sind die 30 Grad überschritten und man spürt die Hitze so richtig, denn am Himmel ist nicht eine einzige Wolke zu sehen.
Und es wird immer heißer.
Auf den Wegen in unmittelbarer Nähe der Siegmündung ist es belebt wie in einem Ameisenhaufen, aber schon nach kurzer Zeit schwächt sich das erheblich ab, obwohl ich eine ganze Weile durch die Straßen von Bergheim laufe.

In Bergheim existiert eine sage und schreibe 1 000 Jahre alte Vereinigung, die man als eine Art Zunft bezeichnen könnte, nämlich die Fischerei-Bruderschaft zu Bergheim an der Sieg. Die Bezeichnung klingt mittelalterlich und letztlich liegen die Anfänge dieser Bruderschaft auch tatsächlich im Mittelalter, und zwar, wie sich an den 1000 Jahren ja bereits erkennen lässt, keineswegs in einem fast schon am Übergang zur Neuzeit sich langsam verabschiedenden Spätmittelalter, sondern am Ende des Frühmittelalters. Das am wahrscheinlichsten erscheinende Gründungsjahr ist das Jahr 987, Fischerfamilien gab es in dieser Gegend allerdings bereits Jahrhunderte vor der Gründung der Bruderschaft.

Von nun an folge ich ziemlich genau dem Lauf der Sieg flussaufwärts, wenngleich ich hier und da einige Haken schlage, die mich für kurze Zeit von der Sieg wegbringen.
Ich bewege mich dabei aus dem Lärm in die Stille, aus der Unrast belebter Straßen in die ruhige Abgeschiedenheit fast menschenleerer Pfade. Es ist ein allmählicher Wandel, kein plötzlicher. Die Wege werden einfach stetig leerer und auch in den weiter entfernten Gefilden zeigt sich oft keine sichtbare Bewegung.

Eine Zeit lang laufe ich noch über Asphalt. Der Himmel kennt keine andere Farbe als Blau, links und rechts dieses verbrannte Gelb, an das man sich kaum gewöhnen kann, das aber überraschend oft von üppigem Grün abgelöst wird, auf den Wegen nur ganz leichte, dünne Schatten.
Dann Wiesenpfade, Minute um Minute, Viertelstunde um Viertelstunde, so schmal, dass jeder noch so winzige Schritt nach rechts oder links mich über den Rand des Pfades hinausbringen würde.
Blicke ins Land: Auch hier gelbe, von der wochenlangen Hitze verbrannte Felder, überall am Rand jedoch ein grüner Gürtel aus Bäumen, manchmal auch einfach nur struppiges, fußristhohes Gras.
Mitunter führt der Pfad auch über freies Gelände, das Grün ist dann nur noch am Rand vorhanden, eine Kulisse im Hintergrund, eine abgetrennte, eigenständige Welt. Von Zeit zu Zeit einzelne karge Büsche irgendwo mittendrin wie in einer Savanne.

Das Schönste sind die Flussblicke.
Denn die ganze Zeit habe ich, meist hinter Bäumen halb verborgen, die Sieg in Sichtweite. Man sieht kaum Bewegung, kaum Strömung. Hier und da Kiesbänke mitten im Fluss, aber auch am Ufer. Manchmal fasst eine Windhand in die Äste der Bäume, so dass sie hin und her schaukeln wie Boote am Pier. Am jenseitigen Ufer dichtere Schatten, die jede Bewegung verbergen.

Irgendwann enden die schmalen Pfade und an ihre Stelle treten wieder breitere Wege. Ansonsten verändert sich zunächst im Grunde nicht viel, denn die Szenerie aus flachem Land und Bäumen am Wegrand bleibt bestehen, wenngleich nicht mehr in der idyllischen Ausprägung wie zuvor.

Je mehr ich mich allerdings Siegburg nähere, desto mehr wandelt sich die Umgebung dann doch. So wie ich vor Stunden vom Lärm in die Stille gewandert bin, so wandere ich jetzt wieder zurück in den Lärm.
Irgendwann trotte ich an einer langen, lauten Straße entlang, und von diesem Zeitpunkt an ist da im Großen und Ganzen nur noch Gebrumme und Gedröhne. Und natürlich Hitze, aber die war ja immer da.
Irgendwann wird es zwar wieder etwas beschaulicher, aber eine große Rolle spielt das nicht mehr, denn bis zum Siegburger Bahnhof habe ich da nur noch ungefähr einen Kilometer zu gehen.
Bis zum Beginn des Natursteigs hätte ich vom Bahnhof aus noch knapp drei Kilometer zurückzulegen, aber ich habe längst beschlossen, dass meine heutige Wanderung in Siegburg enden und dass die erste Etappe auf dem Natursteig ihre eigene Geschichte bekommen wird.

 

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