Wandertouren

TOUR 101 – VON SCHWETZINGEN ZUM RHEINAUENWEG

Wenn man sich als Wanderer auch nur flüchtig für die Historie der Wege und Orte interessiert, die sich auf all den Wanderungen im Laufe der Zeit ansammeln, ist es beinahe unausweichlich, dass man früher oder später damit beginnt, nach Spuren von Fußgängern vergangener Epochen zu suchen, die mit diesen Wegen und Orten in Verbindung stehen. Spuren selbstverständlich nicht im buchstäblichen Sinn, sondern Spuren in Form von Worten, von Zitaten, von Aufzeichnungen, von allem, was irgendwie vollständig oder rudimentär überliefert ist. Man bemüht sich, eine Vorstellung einer jahrhunderte- oder jahrzehntealten Wirklichkeit zu bekommen, so schwierig das auch sein mag, denn je weiter man in der Zeit zurückwandert, desto fremdartiger werden im Allgemeinen die Gedankenwelten, auf die man stößt.

Fußgänger vergangener Epochen ließen sich seitenweise aufzählen, auch in diesem Blog wurden von Karl Philipp Moritz über William Wordsworth bis Henry David Thoreau schon einige erwähnt.
Die Klammer, die alle Namen – nicht nur diese drei – miteinander verbindet, der gemeinsame Nenner, ist das Unterwegssein zu Fuß.
Im Detail stößt man rasch auf große Unterschiede in Motivation und Herangehensweise, eine Feststellung, die für die Wanderer und Fußgänger von heute wahrscheinlich erst recht gilt.

Aber um bei den Wegen und Orten zu bleiben – von Schwetzingen, unserem heutigen Startort, verlief zu der Zeit, als das Schloss nach der Zerstörung im Pfälzischen Erbfolgekrieg in seiner heutigen Form aufgebaut wurde, ein rund zehn Kilometer langer Weg bis zum Schloss in Heidelberg, die sogenannte Maulbeerallee.
Liselotte von der Pfalz, in Heidelberg geboren und später, nach ihrer Heirat mit dem Bruder von Ludwig XIV. als Herzogin von Orléans am Versailler Hof, ist vor fast 350 Jahren ebenjene Maulbeerallee von Zeit zu Zeit entlangspaziert, ihren eigenen Aufzeichnungen zufolge von Heidelberg über „Kirchen (Kirchheim) und Wibblingen (Wieblingen) zur rechten Hand, bei Aeppelen (Eppelheim) und Oftersheim durch’s Wäldchen“ bis nach Schwetzingen.

Wir wandern heute allerdings nicht nach Heidelberg, sondern ziemlich genau in die entgegengesetzte Richtung, nach Westen, zum Rhein.
Wir vertiefen uns erst einmal in die Karte des von Jana mitgebrachten Wanderführers.
Die Route ähnelt einer halb zugezogenen Lassoschlinge. Auf kleinen Umwegen führt sie erst zum Rhein, dann eine Weile am Flussufer entlang und von da nahezu parallel zur Anfangsschleife in den Brühler Ortsteil Rohrhof.

Da wir unseren Weg nicht durch den Schlossgarten nehmen, sondern außen daran entlanglaufen, sind wir viel rascher als erwartet in Straßen, die bereits nach Stadtrand aussehen. Und ehe wir zweimal Luft geholt haben, liegen die letzten Häuser hinter uns und wir befinden uns auf einem von Wiesen gesäumten Asphaltweg, der in der Mittagssonne glänzt wie ein silberner Faden.

Das Aquädukt, unter dem wir ziemlich exakt auf der Schwelle von Stadt zu Umland hindurchlaufen, gehört im Prinzip zum Schlossgarten, ist aber vom Erbauer über die Begrenzung des Gartens hinaus verlängert worden.
Bei Licht besehen handelt es sich allerdings gar nicht um ein Aquädukt und bis in die Zeit der Römer reicht seine Geschichte erst recht nicht zurück.
Es ist vielmehr ein Werk des vor gut 200 Jahren im Dienste des Kurfürsten Carl Theodor stehenden lothringischen Baumeisters Nicolas de Pigage und nicht etwa im Laufe der Zeit verfallen, sondern bereits als Ruine konzipiert worden.

Es ist Sommer.
Oder meinetwegen Vorsommer oder Spätfrühling im Gewand eines Hochsommertages.
Es fühlt sich an, als sei es schon seit Tagen, seit Wochen so, dabei ist das heute der einzige helle Tag in einer Kette finsterer Regen– und Gewittertage, an denen der Himmel so tief über der Erde hing, dass er keine fünf Zentimeter von den Hügeln weg zu sein schien. Jana und ich hatten gar keine andere Wahl, als diesen einen Tag zu nutzen, an so ziemlich jedem anderen Tag der Woche hätte uns der Regen weggespült. Uns oder den Weg unter unseren Füßen.

Noch ist es auch nicht zu heiß.
Es ist Mittag, die Temperaturen liegen bei vielleicht 24 oder 25 Grad.
Am Himmel ein Heer weißer Wolkeninseln, so weit das Auge reicht.
Wir haben Zeit.
Nicht endlos, aber sehr viel.
Die Asphaltwege sind stark frequentiert, weniger von Spaziergängern, als vor allem von Radfahrern. Das führt dazu, dass wir oft von selbst schon hart am Rande der Straße entlanggehen und trotzdem werden wir ein ums andere Mal von wie aus dem Nichts auftauchenden Radfahrern überrascht.
Aber das ist völlig belanglos.

Es ist eine dieser Wanderungen, bei denen man von Beginn an jeden einzelnen Schritt genießt, bei denen die Minuten zu Viertelstunden und die Viertelstunden zu Stunden werden, ohne dass man so richtig wahrnimmt, dass die Zeit vergeht.

Am Wegrand Welten im Kleinen – der von leuchtendem Mohn aufgemischte Grassaum direkt neben dem Weg, dahinter Kornfelder, die schon in wenigen Metern Entfernung aussehen wie glatte Teppiche, irgendwo in der Mitte ein Einzelkämpfer von Baum, die Landschaft jenseits davon wirkt beinahe, als sei sie in Bewegung geraten, ein Rauschen von Farben, Licht und Wolkenweiß, zumindest, solange man nicht genau hinschaut.
Vor allem ist es sehr angenehm, dass es so etwas wie einen weiter entfernten Hintergrund überhaupt gibt und das Blickfeld nicht wie in den letzten Tagen von grauen Regenvorhängen begrenzt wird.

Ganz so unkompliziert, wie es beim Blick auf die Karte ausgesehen hat, ist es dann doch nicht, immer die richtigen Wege zu finden, um an den Rhein zu gelangen. Mehr als einmal entscheiden wir uns an einer Kreuzung oder bei einer Abzweigung falsch und müssen wieder umkehren. Natürlich müssten wir eigentlich einfach nur nach Westen laufen, um so sicher, wie die Erde sich um die Sonne dreht, auf den Rhein zu stoßen, aber wir haben ja doch eine bestimmte Route im Sinn und wollen nicht kreuz und quer durchs Gelände streunen.

Aus einem angenehm milden Morgen wird nach und nach ein sehr warmer, fast schon heißer Mittag.
Der Weg läuft schnurgerade auf den Horizont zu, um uns herum Wiesen und Kornfelder, die einsam und schön wirken unter dem blauen Sommerhimmel.
Wir trotten über eine Brücke hinweg – darunter Bahngleise und eine Straße – und danach liegt zwischen uns und dem Rhein nur noch ein Wohngebiet der kleinen Gemeinde Ketsch und das von einem Altrheinarm umschlossene Areal der Ketscher Rheininsel. Die Insel ist eines von über 1000 Naturschutzgebieten in Baden-Württemberg und entstand erst im Zuge der von Johann Gottfried Tulla im Jahre 1817 begonnenen Rheinbegradigung.
200 Jahre zurück in der Zeitrechnung und wir fänden hier eine Landschaft mit Sümpfen und beinahe urwaldartigen Auenwäldern vor und so ganz nebenbei dürften wir uns auch auf die Malaria einrichten, die gerade am Rhein im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts durchaus weit verbreitet war, wenngleich es sich wohl um eine etwas mildere Variante der Krankheit handelte.
Unser Weg führt allerdings gar nicht über die Insel, sondern daran vorüber, so dass wir nicht allzu viel von ihr zu sehen bekommen.

Nordöstlich der Rheininsel stoßen wir auf einen kleinen See.
Der Tag ist erwachsen geworden.
Es ist ein sehr heller Tag jetzt, nicht unangenehm grell, sondern wie im Frühling eben, einem Frühling, der schon viel vom Sommer hat.
Der Wind trägt von weither Stimmen herbei, die sich mit der Stille über dem Wasser vermischen.
Die Stille ist Teil von etwas Umfassenderem, durch das sie erst richtig ihre Wirkung entfaltet und dessen Kern sie ist – die Optik des Sees gehört dazu, die Farben, die im See sich spiegelnden Wolkenbänke.
Eine kleine Kolonie von Seerosen schaukelt auf den Wellen.
An vielen Stellen ist die Uferlinie unter tief herabhängenden, dichten Baumkronen verschwunden, so dass es beinahe aussieht, als würden die Bäume aufs Wasser vorrücken und allmählich den See erobern.

Wir umrunden den See.
Oft ist das Spiel des Lichts auf der Wasseroberfläche sehr gut zu beobachten.
Am Rand, dort, wo es aussieht, als seien die Wolken in den See gefallen, schimmert es weiß wie auf einem Inlandgletscher.
Es ist heiß geworden.
Spaziergänger mit Hunden sind unterwegs und ein paar Jogger.
Man spürt jetzt die Nähe des Sommers.
Die Mittagssonne lässt den Schatten nur noch wenig Raum.

Eigentlich rechnen wir damit, dass es in den nächsten Stunden noch zwei, drei Grad heißer werden wird, aber stattdessen ziehen am Himmel plötzlich dunklere Wolken auf, die von einem böigen, alles andere als warmen Wind begleitet werden.
Das ist das Beste, was uns passieren konnte.
Als wir auf Höhe der Kollerfähre endlich am Rheinufer ankommen, ist von der Hitze nichts mehr übrig.

Wir finden eine Bank mit direktem Blick auf den Rhein und die Fähre und bleiben da, bis die Fähre mindestens fünfmal hin und her gefahren ist.
Die Strömung des Rheins scheint an dieser Stelle sehr stark zu sein, das schnell fließende, dunkle Wasser passt irgendwie zu dem von schwarzrandigen Wolken bedeckten Himmel.

Die Leute, die mit der Fähre übersetzen, wechseln damit allerdings nicht zugleich das Bundesland, wie es ein paar Meter flussaufwärts und auch wenige Kilometer flussabwärts der Fall wäre, wo der Rhein die Grenze zwischen Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bildet.
Das der Ketscher Rheininsel gegenüberliegende Naturschutzgebiet Böllenwörth gehört zu Rheinland-Pfalz, die unmittelbar nördlich sich anschließende Kollerinsel dagegen ist eines von nur zwei linksrheinischen Gebieten Baden-Württembergs.
Mittlerweile haben wir übrigens längst den Rheinauenweg erreicht und bis zu unserem Zielort, dem Mannheimer Stadtteil Rheinau, werden wir ihn nun auch nicht mehr verlassen.

Der Pfad unmittelbar am Rhein entlang erweist sich als ziemlich exaktes Abbild dessen, was wir uns davon versprochen haben.
Es ist richtig kühl geworden, keine Spur mehr von Hochsommer. Große Wolkenfelder verdecken die Sonne. Der Wind wird immer stärker.
Wir gehen jetzt deutlich schneller als vorher. Vielleicht treibt uns der Wind voran, vielleicht ist uns auch einfach nur danach.
Nach nicht einmal zwei Kilometern verlassen wir das Flussufer schon wieder.
Eine in die Jahre gekommene Asphaltstraße, breit wie eine Startbahn für Flugzeuge, führt zwischen düster wirkenden Bäumen hindurch.
Hier irgendwo müsste der Pfad nach links ins Naturschutzgebiet Backofen-Riedwiesen abbiegen, aber der Weg ist gesperrt und es bleibt uns nichts übrig, als geradeaus weiterzulaufen.
Nach wenigen Schritten endet der Wald aber schon und wir gelangen auf einen Hochwasserdamm, der fest in der Hand des Windes ist.

Der Abend bricht allmählich herein.
Es gibt kein kräftiges Licht und keine kräftigen Farben mehr.
Die Wiesen auf der Flussseite des Dammes sind aber noch ganz hell, sie liegen ruhig und verlassen da, genauso ruhig und verlassen wie der Pfad, der über den Damm führt.
Unsere Schritte passen sich dieser Ruhe an, werden wie von selbst wieder langsamer.
Wir haben keine Sehnsucht nach Irgendwo, denn wir sind hier und jetzt genau am richtigen Ort.

Im Großen und Ganzen war es das für heute.
Zwar liegen noch rund drei oder vier Kilometer vor uns, aber die dienen nur dazu, auf möglichst kurzem Weg zum Bahnhof in Rheinau zu kommen.
Während wir durch Rohrhof, den anfangs erwähnten Ortsteil von Brühl, und danach durch Rheinau lau-
fen, spüren wir noch immer die Ruhe des Wanderns über den Dammpfad und im Grunde der gesamten Tour in uns.
Es ist wieder etwas heller geworden.
Heller und auch wärmer.
Eine Ahnung von langen Sommertagen liegt in der Luft.

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