TOUR 74 – VON OBERNHOF NACH DAUSENAU

Da ist dieser eine Moment, beinahe schon auf den

letzten Metern der Wanderung, dieser nicht sofort

wieder endende, sondern fortdauernde Moment, der

aus der Stille und Weite des Himmels zu erwachsen

scheint, der voller Leichtigkeit ist und voller Gelas-

senheit, wie vom Wind fortgetragenes Herbstlaub,

dieser eine Moment, der sich anfühlt, als würde er

all die vergangenen Stunden umfassen, den Aufbruch,

das Unterwegssein, die Worte, die Bilder, die Empfin-

dungen, und der zugleich so gegenwärtig ist wie ein

in den Handrücken geritztes Tattoo.

 

Es geschieht nichts in diesem Moment, was die Erde

aus ihrer Umlaufbahn katapultiert oder auch nur die

den Horizont begrenzenden Hügel ein paar Meter nach

hinten oder vorne versetzt, es ist wahrscheinlich

nicht mehr als die schlichte Erkenntnis, dass wir hier

und heute nichts Besseres und Sinnvolleres hätten tun

können als das, was wir getan haben.

Aber das ist mehr als genug.

 

Es ist eine schöne Wanderung, vom ersten Augenblick

an.

Das hängt natürlich nicht zuletzt mit der warmen Sep-

tembersonne zusammen, mit dem ganz weiten, meer-

blauen Himmel, den Farben, die noch Farben des

Sommers und nicht des noch jungen Herbstes

sind, und mit dieser über dem Flusstal liegenden

Vormittagsstille.

 

Wie bei den beiden Lahnwanderungen ein paar Wochen

zuvor bin ich wieder mit Jana unterwegs.

Im Moment lassen wir noch offen, ob wir unsere heu-

tige Tour in Nassau, in Dausenau oder doch in Bad Ems

beenden werden. Warum auch gleich zu Beginn schon

ans Ende denken!

 

Wenn man irgendwo ankommt, dann verschafft man sich

zunächst einmal einen Überblick.

Könnte ja sein, dass man an einen Ort geraten ist, der schon

gleich auf den ersten Blick so wenig einladend aussieht,

dass man ihn am liebsten gleich wieder mit Mach 3 verlassen

würde.

Da Obernhof der Endpunkt unserer zwei-

ten Lahnwanderung war, kennen Jana und

ich es natürlich schon.

Wir kennen die verwinkelten, leeren Gas-

sen, den verschlafenen Campingplatz

am Lahnufer, die geschlossenen Weinstuben.

Ein wenig wirkt alles wie seit Jahrzehnten in

Schlaf gefallen.

Für eine Wanderung sicher kein schlechter

Ausgangspunkt.

 

Der erste Kilometer entspricht dem

letzten Kilometer unserer Wanderung im

Juni, die uns von Laurenburg nach Obern-

hof geführt hat, nur dass wir heute natür-

lich bergan wandern und nicht bergab.

Wir lassen es langsam angehen.

 

Trotten gemächlich über die Lahnbrücke und dann die

immer steiler ansteigende, schmale Straße hinauf, die

beinahe unmittelbar hinter der Brücke beginnt und in

die Weinberge hineinführt.

 

Es ist fast Oktober.

Man sollte annehmen, dass da jede Menge Spuren

des Herbstes zu erkennen sein müssten, denn schließ-

lich hat der Herbst auch kalendarisch mittlerweile

längst begonnen. Aber man muss schon etwas ge-

nauer hinschauen, um etwas Herbstliches zu ent-

decken.

Ein Hauch von Gelb auf den Blättern, noch ganz sprö-

de, im Grunde nicht mehr als ein heller Glanz, verstärkt

durch das Sonnenlicht, aber immerhin vorhanden.

Auf den niedrigen Böschungen am Wegrand welkes,

braunes Laub, auf der Straße jedoch höchstens mal

ein einzelnes, verlorenes Blatt.

Mehr ist da eigentlich nicht.

 

Meiner Erinnerung nach müssten wir unmittelbar ober-

halb der Weinberge auf den Lahnwanderweg stoßen.

Aber wir wandern weiter und weiter, ohne einen Weg-

weiser zu entdecken.

Irgendwann können wir gar nicht anders als umzukeh-

ren.

Von da an wenden sich die Dinge ziemlich rasch zum

Positiven.

In einer Kurve entdecken wir den

gesuchten Wegweiser, kurz darauf an

einer steinernen Stufe das Symbol des

Lahnwanderweges, und damit können

wir den kleinen Umweg auch schon ab-

haken.

Ein paar Kilometer weiter allerdings wird es

einen Irrweg geben, der diesen kleinen Schnör-

kel weit in den Schatten stellt, einen, der

zu allem Überfluss auch noch den längsten

Anstieg des Tages beinhaltet.

 

Ein paar Minuten wandern wir jetzt wieder bergauf.

Der Pfad ist schmal und windet sich wie eine Efeuranke

den Hang hinauf.

Sträucher und Zweige wuchern auf Schritt und Tritt

in den Weg hinein.

Grünes Licht strömt durchs Geäst.

Stille, vernehmlich wie Regengeprassel, breitet sich

aus.

 

Kurz darauf der erste Aussichtspunkt.

Plötzlich können wir weit über die Baum-

spitzen hinweg in die Ferne blicken.

Von hier aus sind die Farben des Herbstes

unübersehbar. Das Grün der Wälder auf

den Hügeln ringsum ist von einem rostigen

Rot und einem matten Gelb durchsetzt.

Der eigentliche Bezugspunkt für den Blick

 

ist jedoch Kloster Arnstein, das zum Greifen nahe

und doch zugleich irgendwie weltentrückt unmittel-

bar gegenüber auf einem der Hügelbuckel platziert

ist.

Darüber ein dunkelblauer Himmel mit einzelnen hell-

grauen Wolkeninseln.

 

Mit einem Mal lösen sich alle unscharfen Bereiche

auf, da sind nur noch diese strikten Trennlinien,

alles – die Hügel, der Himmel, die Burg – scheint

wie durch Glaswände voneinander abgetrennt, wei-

ter entfernt jedoch, jenseits der letzten Hügel, eine

leichte, kaum merkliche Eintrübung, wie der letzte,

gerade noch wahrnehmbare Rest von Morgennebel.

 

Nicht allzu viel später laufen wir einen kargen, gras-

losen Pfad oberhalb eines Weinberges entlang.

Neben dem Weinberg eine zweite Fläche, die viel-

leicht ebenfalls mal ein Weinberg gewesen ist, viel-

leicht irgendwann auch wieder ein Weinberg sein wird,

die aber jetzt nur ein kahler, postapokalyptisch an-

mutender Hang ist.

Links führt eine Treppe genau zwischen dem Wein-

berg und dieser Brachfläche nach unten.

 

Es dauert mehrere Minuten, bis wir am Fuße der Trep-

pe angekommen sind.

Viel einladender sieht es da aber auch nicht aus. Statt

oberhalb der Brachfläche befinden wir uns jetzt ein-

fach unterhalb davon.

Wir machen, dass wir vorwärtskommen.

 

Kurz darauf wieder im Wald.

Die Erde auf dem Pfad und an den Hängen wirkt zwar

immer noch steingrau, aber das Grün der Blätter hat

einen fast samtenen Glanz.

Über den nahen Hügelkuppen dunkle Wolken, darunter

allerdings ein Anflug von kristallklarem Licht, so, als

würde jenseits der Hügel gerade die Sonne aufgehen.

 

Der Pfad verengt sich immer mehr.

Plötzlich ist da ein Geländer, hart am

Rand einer steil abfallenden Felswand.

In meinem Kopf zuckt ein Blitz auf, noch

ganz weit entfernt, noch nicht bedrohlich.

Wir laufen um eine Kurve herum.

Rechts Felsen, dann ein steiler Hang, von

dem Erde nach unten rutscht, in dem aber

trotzdem irgendwie Bäume Wurzel geschlagen

haben, links der Abgrund, den mein Blick

möglichst meidet.

Wieder ein Blitz in meinem Kopf, diesmal wesentlich

näher.

Ich habe den Eindruck, dass die Bäume, die meinem

Blick noch einen Rest von Halt geben, davontreiben

wie Flöße mit der Strömung, und dass dahinter ein

uferloses Meer beginnt.

 

Jana, die zwei Schritte vor mir geht, bleibt abrupt ste-

hen.

Mir ist sofort klar, warum.

Ich mache die zwei noch fehlenden Schritte und bleibe

dann ebenfalls stehen.

Die Bäume sind weg, nichts mehr da, das den Blick

auffängt, da ist nur noch Luft und Weite.

Der Blitz in meinem Kopf ist jetzt leuchtend hell

und verblasst erst nach fünf oder sechs langen Se-

kunden.

Es sind nicht mehr als zehn, vielleicht fünfzehn

Schritte, die ich hinter mich bringen muss, dann be-

ginnen die Bäume schon wieder.

 

Ich verharre eine Weile exakt an dem Punkt, an dem

ich die Höhenangst noch unter Kontrolle habe.

Der Pfad ist sicher etwa einen Meter breit, aber für

mich ist er in diesem Moment so schmal wie eine

Nadelspitze.

 

Jana ist mittlerweile weitergegangen und wartet

auf mich.

Ich taste mich an den Felsen entlang, mit dem Rücken

zum Abgrund.

Gedanken fliegen wie graue Gesteinssplitter durch mein

Hirn. Ich nehme sie kaum als meine eigenen wahr, son-

dern betrachte sie, als würde ich auf ein Blatt Papier

blicken, auf dem Worte erscheinen und verschwinden.

Jana erzählt mir hinterher, dass ich nicht viel ver-

passt habe, denn außer Bahngleisen, die in einen

Tunnel hineinführen, sei nichts zu sehen gewesen

von da oben.

Wie auch immer, es ist überwunden und wir kön-

nen weiterwandern.

 

Für eine Weile wird der Pfad jetzt abschüssig wie

eine Quarterpipe, stellenweise zumindest.

Das kommt uns aber gerade recht, denn uns ist

danach, ein bisschen schneller zu gehen.

Hier im Wald sind die Zeichen des Herbs-

tes deutlicher ausgeprägt.

Es ist noch kein farbenfroher Oktober-

herbst, sondern so eine Art Indian Summer

mit Herbstanteil, was eine ganz eigene, zu-

gleich stille wie fast schon berauschende

Atmosphäre schafft.

 

Es ist sehr warm geworden.

Die Wolken sind noch da, und es haftet ihnen

immer noch eine Spur von Grau an, wenn-

gleich sie kaum noch zu bemerken ist.

Wir wandern aus dem Wald heraus und finden uns

auf einem Asphaltweg neben einem Bach wieder,

jenseits davon die Hauptstraße eines kleinen Dorfes,

wahrscheinlich Weinahr.

 

Allzu rasch vorwärtsgekommen sind wir nicht, aber

das müssen wir auch nicht, denn wir haben schließ-

lich alle Zeit der Welt. Selbst wenn sich alles gegen

uns verschwören würde, der Weg plötzlich gesperrt

wäre, wir stundenlang im Kreis laufen oder aus ir-

gendeinem Grund an Nassau vorüberwandern wür-

den, wir kämen heute sicher irgendwo an, wo es

einen Bahnsteig gibt.

 

Wie nicht anders zu erwarten, macht der Asphaltweg

einen Knick und führt über eine Brücke hinüber bis

zur Hauptstraße.

Mehr als ein paar hundert Einwohner hat Weinahr be-

stimmt nicht, aber viel davon zu sehen bekommen wir

ohnehin nicht, denn wir sind schon bei den letzten

Häusern und haben nur noch vielleicht hundert Meter

bis zum Ortsschild zu gehen.

Schräg gegenüber, unmittelbar hinter den letzten Häu-

sern, erkennen wir schon einen Wegweiser und einen

breiten Kiespfad, der Richtung Wald führt.

 

Gerade als wir die Straße überqueren wollen, nähert

sich von links ein Auto, nicht allzu rasch, und je mehr es

sich nähert, desto langsamer wird es.

Ein paar Meter von uns entfernt hält es am Straßen-

rand.

Zwei Sekunden lang geschieht nichts.

Dann öffnet sich die Beifahrertür, langsamer als Ho-

nig von einem Löffel tropft.

Eine Frau steigt aus, trabt in einem eigenartig labilen

Gang auf eines der Häuser zu, biegt um eine Ecke

und bleibt dann stehen. Ihr Oberkörper biegt sich wie

eine Birke im Sturm nach vorne, und im ersten Mo-

ment habe ich den Eindruck, sie suche den Boden

nach irgendetwas ab. Erst mit Verzögerung wird mir

klar, was eigentlich los ist, nämlich dass die Frau be-

trunkener ist als ein Seemann auf Hafenkneipentour

und sich auf den Rasen erbricht.

Da kann man ja nur hoffen, dass das ihr eigenes Grund-

stück ist.

 

“Ich habe mir das irgendwie gleich gedacht”, sagt Jana.

Ich schaue auf die Uhr.

Es ist um die Mittagszeit herum.

Ziemlich früh, um schon so betrunken zu sein, dass man

kaum noch stehen kann.

 

Keine zehn Minuten später sind alkoholisierte Frauen und

andere unerfreuliche Dinge vergessen.

Ein langer und mitunter steiler Anstieg nimmt uns

in Anspruch.

Auf der topografischen Karte, die wir uns vor der

Tour zu Gemüte geführt hatten, waren bis Dausenau

zwei längere und einige kleinere Anstiege zu erken-

nen, das hier muss dann wohl einer der längeren

sein.

 

Zwischen den Bäumen ist es dunkel wie in einem

unbeleuchteten Tunnel.

Der Pfad selbst hat etwas von einem dieser einsamen,

dunklen Wege, wie ich sie aus dem Spessart kenne.

Unsere Stimmen und das Knacken von Ästen unter

unseren Wanderschuhen sind die einzigen Geräusche.

Seltsam, irgendwann sollte uns eigentlich auffal-

len, dass seit langer Zeit kein Wandersymbol mehr

an den Bäumen zu sehen ist, allerdings gibt es

nirgends auch nur die allerkleinste Abzweigung.

 

Nach einer Weile taucht vor uns ein heller Lichtfleck

auf, der aus der Entfernung beinahe aussieht wie

ein Tor.

Wir bringen eine letzte steile Rampe hinter uns und

stehen dann am Rande einer Wiese, die gleich zehn-

mal freundlicher aussieht als der dunkle Pfad, den

wir hier heraufgewandert sind.

So greifbar, als wäre sie gegenständlich,

liegt eine Atmosphäre erholsamer Abge-

schiedenheit über allem, die aber nur ein

ganz schmaler Grat davon trennt, zu einem

grauen, dumpfen Fluidum von Verlassen-

heit zu werden.

Der Pfad führt quer über die Wiese, mitten

in die Wolken hinein.

Von den Wiesenpfaden war Jana schon bei

unseren beiden ersten Touren auf dem Lahn-

wanderweg sehr angetan, und dieser hier

sieht auch ziemlich einladend aus.

Es gibt nur einen Haken bei der Geschichte – von

dem Symbol des Lahnwanderweges ist weit und

breit nichts zu sehen, in welchen Winkel auch im-

mer wir schauen.

 

Wir wandern trotzdem erst einmal geradeaus wei-

ter, in der Hoffnung, auf irgendetwas zu stoßen,

das uns zumindest verrät, wie wir von hier aus

nach Nassau kommen.

Es ist ein wunderbares Gehen, ob wir uns nun auf

dem richtigen Weg befinden oder gerade dabei

sind, in irgendein abgelegenes Nichts abzudriften.

Es hat fast etwas von einer synästhetischen Erfah-

rung, von Farben, die zu Musik werden oder von Ge-

räuschen, die sich zu Bildern umwandeln.

Die weißen Wolkenfelder erstrecken sich über den

ganzen Himmel wie Packeis im Arktischen Ozean.

Das Grün der Wiesen wirkt durch den Kontrast dunk-

ler, als es wirklich ist.

In der Ferne, in die Hügel hineingepresst, mitten im

Wald, die leuchtenden Häuserfassaden eines Dorfes.

 

Wir kommen an einer Schafherde und einem weithin

leuchtenden Sonnenblumenfeld vorüber, und dann

tritt ein, was zu erwarten war.

Wir stehen am Rande einer Landstraße und es geht

nicht weiter.

Kein Wandersymbol, nirgends ein Pfad, auf dem wir

vielleicht doch irgendwo irgendwie unseren Weg fort-

setzen könnten. Nur diese Landstraße und ein zer-

bröckelndes Holzschild mit der gerade noch zu ent-

ziffernden Aufschrift: „Nassau 1,2 Kilometer.“

Auf der Landstraße nach Nassau zu wandern ist aber

keine akzeptable Option. Sie ist zu stark befahren und

viel zu unübersichtlich.

Es bleibt uns nichts anderes übrig als umzukehren.

 

Zunächst haben wir noch die Hoffnung, dass wir das

Symbol ziemlich rasch wiederfinden, aber das Ende

vom Lied ist, dass wir den gesamten langen, steilen

Pfad wieder hinabwandern müssen bis zum aller-

ersten Meter des Anstiegs.

Dort haben wir aus im Nachhinein nicht mehr nach-

vollziehbaren Gründen den rechten statt den linken

Weg gewählt.

Gut, einmal den Kopf schütteln, dann abhaken.

 

Ich habe mich schon manchmal gefragt, wie es kommt,

dass das Unterwegssein zu Fuß einen solch starken

Sog auf mich ausübt.

Die Antwort darauf wird vermutlich nie eine endgül-

tige sein, jedenfalls so lange nicht, wie ich noch un-

terwegs sein werde.

Aber ein Teil der Lösung lässt sich aus dem ableiten,

was Jana und ich gerade erlebt haben.

Sobald man losgeht, wird etwas in Gang gesetzt, was

nicht bis ins Letzte berechenbar ist. Man findet sich

in Situationen wieder, in denen man irgendwie zu-

rechtkommen muss, je länger man unterwegs ist,

desto häufiger.

Vielleicht beginnt und endet sogar alles damit, den

Dingen ihren Raum zu geben, sie laufen zu lassen,

bis zu einer bestimmten Grenze zumindest, und sie

nicht zu einer unentrinnbar festgelegten Angelegen-

heit zu machen, bei der einen jede Abweichung 

ins Taumeln bringt.

 

Der Wald ist still und hell.

Im Gegensatz zu dem Pfad von vorhin

ist der hier oft schmal wie ein Hochge-

birgsgrat.

Über den Wipfeln brennt die Sonne. Da-

durch wirkt der Wald selbst da weit und offen,

wo die Bäume dicht an dicht stehen.

Bis zum Aussichtspunkt Hohe Lay wan-

dern wir zwar nun, wie nicht anders zu er-

warten, stetig bergan, aber wen kümmert

das, wenn ringsumher alles leuchtet wie

ein illuminiertes Aquarium in der Nacht

und man das Gefühl hat, es gäbe nichts

Böses und nichts Hässliches im Universum.

 

Lay – oder auch Ley – bedeutet nichts

anderes als Fels und findet sich in vielen

 

geografischen Bezeichungen.

Dass die Hohe Lay sich als Felsplateau entpuppt, von

dem aus man bis fast hinter die Horizontlinie schauen

kann, kommt also nicht überraschend.

Bis Nassau müssen wir jetzt vermutlich nur noch ein,

zwei Kilometer ins Tal hinabwandern und könnten von da

mit dem Zug nach Bad Ems zurückkehren.

Wir beschließen jedoch, bis Dausenau weiterzugehen

und erst dort die Wanderung zu beenden. Mit dem Um-

weg hinter Weinahr hätten wir dann letztendlich etwa

20 Kilometer zurückgelegt.

 

In vielen Kurven und Schleifen führt der

Weg jetzt nach Nassau hinab.

Unser Gehtempo erhöht sich auf dem

abschüssigen Pfad dabei wie von selbst.

Wir müssen lediglich darauf achten, nicht

versehentlich einen Fehltritt zu machen und den

Hang hinabzustürzen.

Der Wald ist licht und von Zeit zu Zeit

zeigt sich eine breite, baumlose Lücke, als

würde man einen Vorhang in der Mitte aus-

einanderreißen.

Die Wolken sind weiß wie Neuschnee, aber da-

zwischen lugen von Minute zu Minute mehr

lagunenblaue Flächen hervor.

 

Nicht lange und wir erblicken auch

schon die ersten Häuser von Nassau.

Von hier oben wirkt es wie ein Potem-

kinsches Dorf.

Man erkennt nicht die leiseste Bewegung,

erfasst so gut wie keine Einzelheiten,

sondern nur ein Nebeneinander von

Linien und Fassaden. Aus zwei Kilometern Ent-

fernung könnte man fast den Eindruck haben, der

Ort sei unbewohnt.

Aber wenn sich an diesem Tag etwas als Irrtum er-

weist, dann das.

 

Als wir die ersten Häuser von Nassau erreichen, ist

alles noch im Rahmen dessen, was man am Rande

einer Stadt von knapp 5000 Einwohnern erwarten

kann.

Ein paar Gärten, viel Grün, kaum Geräusche, ein ty-

pisches Dorfstraßenidyll.

Nur wenige Minuten später allerdings hat sich das

grundlegend gewandelt.

Die Straßen sind plötzlich voller lärmender Menschen.

Wir drängen uns durch das Gewimmel, laufen an al-

len möglichen Verkaufsständen und Fahrgeschäften

vorüber und halten dabei Ausschau nach dem Sym-

bol des Lahnwanderweges.

Aber da könnten wir hier suchen, bis wir uns die

Füße plattgelaufen haben.

Eine Sache aber ist damit wohl geklärt, nämlich,

wo die Frau von vorhin sich ihren Alkoholrausch an-

getrunken hat.

 

Da es wenig sinnvoll erscheint, noch länger das

irgendwo hinter den Buden versteckte Wandersym-

bol zu suchen, entschließen wir uns schließlich, ein-

fach auf das gegenüberliegende Flussufer zu wechseln,

und tatsächlich entdecken wir das Symbol, kaum dass

wir die letzten Ausläufer des Jahrmarktes hinter

uns haben, an einem Straßenschild.

 

Wir überqueren eine Brücke.

Auf der Lahn ein einsames Boot.

Der Leinpfad entlang des Flusses leer-

gefegt.

Über den Hügeln ist der Himmel weit wie

ein Meer ohne Ufer.

 

Wir wandern mal wieder in den Wald hinein.

Der Herbst ist jetzt endgültig nicht mehr zu über-

sehen. Die wie eine geschlossene Decke sich zusam-

menschließenden Baumwipfel sind nicht mehr ein-

heitlich grün, sondern schillern in vielen Farben.

Hinter uns versiegt der Lärm allmählich.

 

Wir überqueren einen Bach und danach laufen wir

zum vierten oder fünften Mal heute ein ganzes Stück

bergauf.

Am Ende dieses Anstiegs erwartet uns der nächste

Aussichtspunkt: Die Lahn im frühen Nachmittagslicht,

eine Schleusenbrücke und ein paar in den Hügeln ver-

streute Häuser.

Die Sicht ist so klar und weit, dass man am liebsten

durch die Luft spazieren würde.

 

Sich einen besonderen Blick bewahren, vielleicht ist

es das.

Vermutlich ist man abseits des Gehens, des Unterwegs-

seins blind für viele Dinge. Oder aber sie sind schlicht

nicht vorhanden bzw. so tief unter einer Schicht aus

Alltagsschutt verborgen, dass es nahezu unmöglich ist,

sie wahrzunehmen.

 

Ein kleines Stück wandern wir danach

noch bergan.

Die Sonne steht schräg zwischen den

Bäumen, und wie ein Becken, in das man

Wasser gießt, füllt der Wald sich von unten

nach oben mit hellem, gleißendem Licht.

Hier könnte man Stunde um Stunde vor

sich hin wandern und nach und nach jedes

Zeitgefühl verlieren, ohne es so richtig

zu merken.

 

Dann endlich wieder einer jener

Wiesenpfade, die Jana bei unseren

ersten beiden Lahnwanderungen so

in Begeisterung versetzt haben.

Es ist nur ein ganz schmaler Saum, der

ein paar hundert Meter am Waldrand

 

entlangführt und dann schon wieder zu einem

Waldpfad wird, der steil den Berg hinauf zum

nächsten Aussichtspunkt führt, dem Kuxlay.

 

Wieder der Blick ins Lahntal hinunter.

Im Vordergrund ein paar herbstbunte Laubbäume,

das Blickfeld eingerahmt von einem Wall aus Hü-

geln.

Gut, das haben wir jetzt so oder so ähnlich schon

einige Male gesehen, deshalb halten wir uns nicht

lange auf.

 

Es ist noch nicht der höchste Punkt des Anstiegs.

Ein winziges Stück geht es noch weiter bergauf, aber

von dem Moment an, als diese allerletzte kleine

Kuppe überwunden ist, führt der Weg bis zu unse-

rem Ziel, dem Bahnsteig in Dausenau, nur noch

hügelabwärts.

 

Oft ist der Weg so breit wie drei Wege,

was genau das ist, was wir jetzt ge-

brauchen können.

Eine kurze Passage im Wald folgt noch,

aber meistens wandern wir an Wiesen

und Weiden vorbei.

Die Wolken sind fast schon Abendwolken

und das Licht ist fast schon ein Abendlicht.

Aber wir können ganz weit sehen, die

Luft ist so klar, dass selbst die Hügel bei-

nahe durchsichtig erscheinen, und über

allem liegt ein ganz leichter rötlicher Schimmer,

so, als würde bald schon die Sonne untergehen,

dazu dann noch der irgendwo weit vorne aus dem

Blick entschwindende Weg – das ist der Stoff, aus

dem Erinnerungen gemacht sind, die man am lieb-

sten festhalten würde, nicht nur Minuten und Stunden,

sondern Jahre.

Für Jana ist das sogar der schönste Abschnitt der ge-

samten Wanderung.

 

Das ist dann auch der Abschluss.

Bald tauchen die ersten Häuser von Dausenau vor uns

auf. Noch ein, zwei Straßen, dann haben wir den Bahn-

steig erreicht.

Am Himmel hat das Blau die allerletzten Reste von

Weiß verschluckt.

4 Replies to “TOUR 74 – VON OBERNHOF NACH DAUSENAU”

  1. Diesmal ganz schnell einen Kommentar nach dem ersten Eindruck, den ich später noch vertiefen werde. Ein sehr gelungener Text mit den für dich typischen Sprachbildern und Vergleichen, dazu eine traunhafte Gegend. Sehr schön.

    Grüße, Mata

    1. Danke für den positiven Kommentar. Die Gegend ist wirklich traumhaft und wir werden bestimmt nicht das letzte Mal eine Wanderung dort gemacht haben.:-)

      Grüße
      Torsten

  2. Ja, das war vom ersten Augenblick an eine schöne Wanderung – von dir in gewohnter Manier wieder so wunderbar beschrieben, lieber Torsten! Abwechslungsreich war sie und machte uns Lust auf noch weitere Etappen des Lahnwanderweges. Die Fernblicke waren grandios, die Wiesenpfade traumhaft. Und dass wir diesen langen, steilen Anstieg völlig umsonst gingen, habe ich einfach weggelacht. Denn: Kein Wandern ohne Verlaufen!
    Hast du einen Favoriten unter den drei Lahnwanderweg-Etappen, die wir bereits gingen?

    Liebe Grüße
    Jana

    1. Vielen Dank, liebe Jana.:-)
      Ich habe ja sogar noch das eine oder andere weggelassen, sonst wäre es ein noch längerer Text geworden. Die Wanderung lebte von der Abwechslung zwischen Wald und Aussichtspunkten. Durch das schöne Frühherbstwetter war natürlich in Bezug auf die Lichtverhältnisse alles bestens. Ich denke mal, wir haben es in dieser Hinsicht auf allen bisherigen Etappen gut getroffen.
      Eine Rangliste will ich eigentlich nicht aufstellen, denn alle drei Etappen haben uns wirklich begeistert. Der Lahnwanderweg ist ja wohl noch ein recht junger Fernweg, aber soweit es uns beide betrifft, können wir ihn nach den bisherigen Etappen nur wärmstens empfehlen.
      Liebe Grüße für dich
      Torsten

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