TOUR 39 – 2. TAG/FORTS., 3. & 4. TAG: VON SCHÖLLKRIPPEN NACH ASCHAFFENBURG

Im Nachhinein ist der erste Tag vor allem eines – großartig.
Nicht dass ich von nun an häufiger das Scheitern zum Gestaltungsprinzip meiner Wanderungen erheben möchte, aber dieses eine Mal zumindest ist es das Unvollendete und das, was dazu geführt hat, was der Etappe den Schimmer des Besonderen verliehen hat.

Wie beschlossen, fahre ich am zweiten Tag von Burgsinn mit dem Zug über Gemünden und Aschaffenburg nach Schöllkrippen, wo ich mich auf schnellstem Wege vom Bahnhof zu meinem Hotel begebe. Dieses Hotel wird für die nächsten beiden Tage mein Basislager sein.
Die ganze Zeit warte ich auf den Ausbruch der irgendwo in stillen, unzugänglichen Sektoren meines Kopfes lauernden Müdigkeit, ich warte darauf, dass mein Denken langsamer wird, dass es sich anfühlt wie das Umgraben eines verwilderten Grundstücks, und es würde mich auch nicht wundern, wenn meine Füße ganz einfach ihren Dienst verweigern.
Aber nichts davon geschieht.

Ich ruhe mich zwei Stunden aus und gegen vier Uhr breche ich schon wieder auf, mit ein paar Kilo Gewicht weniger auf dem Rücken als am Tag zuvor. Ein Hotel als Basislager zu haben, bietet eben durchaus seine Vorteile.
Wieder einmal habe ich keinen bis ins letzte Detail festgelegten Plan, und wie sich noch herausstellen wird, habe ich auch kein bis ins letzte Detail gehende Wissen über die vor mir liegende Etappe.
Ich will bis Michelbach kommen, vielleicht auch bis Kälberau, mehr an Plan gibt es nicht.
Das sind schätzungsweise 14, vielleicht auch 15 Kilometer, zusammen mit den rund 15 Kilometern, die ich am Morgen schon zurückgelegt habe, ergibt das eine ganz ordentliche Tagestour.

Die ersten Kilometer sind wie glattgebügelt.
Ich stiefele durch den ganzen Ort hindurch, erst auf dem Bürgersteig, dann auf einem breiten Fahrradweg.
Wenngleich ich mich weder erschöpft noch in irgendeiner Weise beeinträchtigt fühle, irgendwie ist dieser Tag nicht so ganz im Gleichgewicht.
Natürlich hat das mit gestern zu tun, womit sonst.
Kein Schlaf, die verschobene Etappe, die zerstückelte Tagestour.
Es ist ungefähr so, als würden ein paar Seiten in einem Buch fehlen, das ich lese.

In einem Ort mit dem Namen Schneppenbach verlasse ich den Radweg und stapfe eine steile Straße hinauf.
Die Nachmittagssonne leuchtet über den Dächern und Baumwipfeln grell und schön wie das Licht eines explodierenden Riesensterns.
Nachdem ich die letzten Häuser hinter mir habe, wird es noch ein wenig steiler, aber nur für hundert oder zweihundert Meter. Danach laufe ich über ein schmales graues Asphaltband von Straße, eingerahmt von Wiesen, von Feldern. In der Ferne die geschwungenen Linien flacher Hügelkuppen.

Was für ein Unterschied zu gestern!
Einsam, abgeschieden, wirkt hier kaum etwas, wenngleich ich zwischen den Dörfern nicht besonders vielen Menschen begegne.
Aber unter anderem Kontraste unterschiedlicher Art sind es ja, die solche Wanderungen interessant machen.
Die weite, offene Landschaft wird mit einem Mal von hellem Wald unterbrochen, aber fürs Erste ist das nicht mehr als ein Intermezzo.
Sehr bald schon wieder Wiesen, Felder, Hügel, Dörfer.

Du wanderst, du durchquerst Landschaften und Gegenden wie Räume, einen nach dem andern, fügst Wege aneinander wie die Teile zerrissener Landkarten, entdeckst Unbekanntes, Neues. Manches fühlt sich auch an wie das Wiederentdecken alter Erinnerungen.
Es hat natürlich immer auch mal Schwierigkeiten gegeben, Probleme, für die eine Lösung gefunden werden musste, wobei du nicht selten improvisieren oder dich schlichtweg auf Intuition oder das Glück verlassen musstest, aber bisher bist du mit allem zurechtgekommen und das macht dich stärker.

Eine Landstraße, verlassen wie ein Eisplanet.
Ich überquere sie und dann laufe ich auf einem schnurgeraden Weg direkt auf die sinkende Sonne zu.
Am Waldrand liegen bereits schwere, sich unmerklich ausbreitende Schatten.
Über einen Schotterweg, getaucht in gammastrahlenhelles Licht, trabe ich in ein Dorf hinein.
Es ist wieder eines jener Dörfer, die größer sind, als es zunächst den Anschein hat. Jedenfalls ist dieses hier groß genug, um mich erst ein paar hundert Meter bergab, dann ein paar hundert Meter bergauf und am Ende dann auch noch an einem Gewerbegebiet vorüberlaufen zu lassen.

Das Gewerbegebiet ist vor allem eines, nämlich laut.
Glücklicherweise habe ich es rascher hinter mir, als ich das Wort „Gewerbegebiet“ denken kann.
Danach wandere ich einen unscheinbaren Pfad am Waldrand entlang, durch Lichtschneisen und Schattenfelder.
Es ist heiß und drückend.
Ich trinke eine Wasserflasche nach der nächsten leer.
Müdigkeit spüre ich aber immer noch nicht. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, durch das stundenlange Gehen wacher oder vielleicht auch wachsamer zu werden.

Irgendwann wird mir schlagartig bewusst, dass ich ein Problem habe.
Vielleicht bringt mich die schon recht tiefstehende Sonne darauf, vielleicht auch die Erkenntnis, dass es bis Kälberau doch ein paar Kilometer mehr sind als jene 15, von denen ich ausgegangen bin.
Wahrscheinlich aber ist es ist eine Kombination aus diesen und anderen blitzartigen Einsichten, vor allem dieser: Ich muss irgendwann irgendwo einen falschen Weg eingeschlagen haben – wieder einmal -, denn der Pfad unter meinen Füßen hat nichts, aber auch gar nichts mehr, was auch nur im Entferntesten an einen Wanderweg erinnert.
Ich pflüge durch lendenschurzhohes Gras.
Und der Wald ringsum könnte die Kulisse für einen Fantasyroman abgeben, der in irgendeinem Düsterland voller unheimlicher Fabelwesen spielt.
Ganz abgesehen davon habe ich das Marienwegsymbol seit gefühlten zwei Stunden nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Die Sonne glüht samtgelb zwischen den Bäumen hindurch. Unten am Boden, nahe bei den Stämmen, wachsen jedoch die dunklen Stellen. An den niedrigen Ästen und Zweigen bricht sich letztes verglimmendes Licht. Der kaum spürbare Wind ist wie der Atem der sich ausbreitenden Dunkelheit.
Über mir der leuchtende Abendhimmel.
Ich gehe immer schneller.
Unter meinen Füßen knackt und raschelt es.
Ein paar Vögel flattern auf, vom Geräusch meiner Schritte aufgeschreckt.
Das samtene Gelb zwischen den Bäumen weicht einem matten, verblassenden, farblosen Schimmer. Es gibt nicht einmal mehr vereinzelte flirrende Lichtflecke, sondern nur noch das stetig weiter wachsende Dunkel und ein Flackern und Zittern wie von lebendig gewordenen Schatten.
Und dann hört der Pfad einfach auf und da ist nur noch ein steiler, ein paar hundert Meter abfallender Hang.

Mir bleibt keine Zeit, jetzt noch ausschweifende Überlegungen anzustellen.
Umkehren und den Marienweg suchen ist keine Option mehr.
Ich muss ins Tal hinab. Dorthin, von wo ich schon die ganze Zeit die Geräusche einer Landstraße vernehme. Nach menschlichem Ermessen muss das die Landstraße zwischen Kälberau und Schöllkrippen sein und das wiederum bedeutet, dass dort irgendwo auch die Bahnlinie verlaufen muss.
Ich steige die Böschung hinab.
Zweihundert oder eher dreihundert Meter geht es hinunter und manche Passagen sind so steil, dass sich der Abstieg nicht allzu sehr von einem freien Fall ins Nichts unterscheidet.

Unten angekommen, befinde ich mich aber endlich wieder auf einem breiten, übersichtlichen Weg.
Ich hetze weiter.
Die Minuten verrinnen.
Unter den Bäumen zerfasern die letzten Sonnenstrahlen.
Der Weg windet sich nach links und damit nähere ich mich den Geräuschen der Landstraße immer mehr. Endlich läuft mal etwas so, wie ich mir das wünsche.

Eine Viertelstunde später bin ich tatsächlich aus dem Wald heraus.
Vor mir eine kleine Ansammlung von Häusern. Kein Dorf, sondern ein Gehöft samt Pension.
Es ist Viertel vor zehn.
Um 22 Uhr 40 fährt der allerletzte Zug nach Schöllkrippen, das weiß ich. Aber selbst wenn ich den verpassen sollte – im Gegensatz zu gestern bin ich in einer Gegend, in der ich mir jederzeit ein Taxi rufen könnte. Nirgends in mir glimmt irgendein Zweifel daran, dass heute alles gut ausgehen wird.

Ich erreiche die Landstraße und dort entdecke ich zweierlei – einen Radweg und, was noch viel, viel besser ist: Bahngeleise.
Ich trabe über ein Firmengelände, bringe einen kurzen, giftigen Anstieg hinter mich, und dann erblicke ich die ersten Häuser eines Dorfes vor mir.
An einer kleinen Kapelle und an Wohnhäusern vorüber, noch einige hundert Meter an der Hauptstraße entlang, dann sehe ich einen beleuchteten Bahnsteig vor mir.
Niedersteinbach.
Gut zu erfahren, wo ich gelandet bin.
Und es ist erst 22 Uhr 15, also noch 25 Minuten Wartezeit.
Ich bin allein auf dem Bahnsteig und daran wird sich auch nichts mehr ändern, bis der Zug kommt.

Dritter Tag.
Vieles ist eine Frage der Balance.
Zum Beispiel: In den besten Momenten fühlt sich dein Gehen an wie Ankommen bei dir selbst. Aber es wäre langweilig, wenn es immerzu so wäre.
Je länger deine Wanderungen wurden, desto vielfältiger und unterschiedlicher wurden nicht nur die Landschaften, durch die du dich bewegt hast, sondern auch die Wahrnehmungen, die Strukturen deines Empfindens und deines Denkens.
Du bist vorwärtsgekommen, nicht nur buchstäblich auf all den Pfaden und Straßen, sondern auch auf deinem persönlichen Weg. Und dabei hast du die Erkenntnis gewonnen, dass man sich manches erarbeiten muss, manches aber auch schon bereitliegt wie ein Maisfeld in der Mittagssonne. Man muss es nur erkennen, wenn es da ist, darf nicht blinden Auges daran vorübergehen. Nur erzwingen lässt sich gar nichts.

Schon gleich nach dem Aufstehen – noch ehe ich die ersten Handlungen des Tages durchführe – gebe ich mir selbst ein Versprechen.
Ich gebe mir das Versprechen, dass die Chronik dieses Tages so ereignislos und unkompliziert ausfallen wird, als würde ich stundenlang irgendwo im Gras liegen und der Zeit beim Vergehen zuschauen. Nichts, nicht einmal die winzigste Unannehmlichkeit, will ich heute zulassen.
Und erst recht kein Nächtigen auf Bänken in abgelegenen Gegenden, kein waghalsiges Bezwingen steiler Böschungen, kein Abdriften in die Verlorenheit völliger Ungewissheit.
Und um es vorwegzunehmen: Ich werde dieses Versprechen halten. Es wird ein Tag werden wie eine harmonische Yogaübung.

Ich setze meine Tour da fort, wo ich sie am Tag zuvor beendet habe, in Niedersteinbach.
Ich wandere in einen klaren, sehr warmen Morgen hinein. Und mit beinahe jeder Minute steigt die Temperatur weiter an.
Wenn ich heute irgendetwas nicht habe, dann Zeitdruck. Nichts drängt, nichts treibt, zerrt, reißt mich vorwärts.
Ich erinnere mich, dass dies am dritten Tag der ersten vier Etappen des Marienweges ähnlich war. Überhaupt, es gibt so einige Parallelen zwischen damals und heute. Zum Beispiel auch die Überzeugung, dass vier Tage Gehen den im Augenblick sinnvollsten Zeitraum darstellen. Und zwar deshalb, weil mein Denken dann noch nicht in einen Mikrokosmos abgleitet, in dem praktisch nichts anderes mehr existiert als das Gehen und Dinge, die unmittelbar damit zu tun haben.

Nach ein paar Kilometern erreiche ich Michelbach und damit bin ich dann auch wieder zurück auf dem Marienweg.
In Michelbach gibt es ein Schloss, das ich mir aber nur kurz ansehe.
Die knapp anderthalb Kilometer bis Kälberau trotte ich dann mal wieder an einer Landstraße entlang. Gegen ein wenig Wald hätte ich wirklich nichts einzuwenden.
Es wird auch bald so weit sein. Erst aber statte ich Wallfahrtsstätte Nummer acht – „Maria zum rauhen Wind“ – einen Besuch ab.
Die Kirche liegt unmittelbar am Ortseingang von Kälberau. Ich nutze es aus, so viel Zeit zur Verfügung zu haben und bleibe einfach eine halbe Stunde auf einer Bank neben der Kirche hocken, beschattet von den Blättern eines Kastanienbaumes.

Als ich mich wieder auf den Weg mache, schweben meine Gedanken schwanenfederleicht dahin.
Ich trotte durch ein Wohngebiet und dann tauche ich für viele Kilometer in schattigen Wald ein.
Es geht stetig bergauf.
Endlich mal wieder so etwas wie Stille.
Nicht die tiefe, besondere Stille des Waldes zwischen Rieneck und Rengersbrunn, nicht diese vollkommene Regungslosigkeit, diese Verlorenheit, so gegenwärtig, dass man den Eindruck hat, darin einzutauchen wie in tiefes, dunkles Wasser.
Dies hier ist eine Stille wie ein Wasser, bei dem sich noch kleine Wellen bewegen.
Der Anstieg zieht sich Kilometer um Kilometer hin.
Licht fällt in breiten Bündeln durch die Baumwipfel.
Manchmal gehe ich unter dem offenen Himmel, manchmal wölben sich belaubte Äste über den Weg wie ein Baldachin.
Ich gehe gleichmäßig, ich atme gleichmäßig.

Am Wegrand ein Schild: „Hahnenkamm 0,8 Kilometer“.
Die Bäume sind jetzt so dicht belaubt, dass ich auf einer breiten Schattenschneise dahinwandere. Je mehr ich mich dem Hahnenkamm nähere, desto weiter treten die Bäume aber wieder auseinander.

Vom Hahnenkamm trabe ich dann Viertelstunde um Viertelstunde auf einem wie ein unbegradigter Flusslauf ständig die Richtung wechselnden Pfad wieder ins Tal hinab.
Schillerndes Grün überall. Farngrün, Laubgrün. Dann dunklere Bäume, dunkleres Grün.
Irgendwo ein kurzes Flattern, sonst keine Regung.
Es ist beinahe wie Abenddämmerung mitten am Tag.
Wenig später wandere ich eine Weile am Waldrand vorüber.
Hier jetzt ein sattes, bis zum Rande des Blickfeldes reichendes Hügelgrün.

Eine Bank, irgendwo.
Wiesen, Hügel, Horizont, ein Dorf.
Wieder einer dieser Augenblicke, von denen es mittlerweile schon so viele gegeben hat: Ich sehe, ich nehme wahr, aber die Bewertungsmaschinerie, die einteilt in gut und schlecht, ist zum Stillstand gekommen.
Keine Gedanken wie zwischen hohen, engen Felsen hindurchschäumendes Wasser.
Aber wie bereits gesagt – erzwingen lässt sich das nicht.

Schon seltsam, heute, wo ich es mir wirklich mal erlauben könnte, mache ich nicht einen einzigen unfreiwilligen Umweg. Ich bin so zielsicher unterwegs wie mit einem eingebauten Navi.
Ich gehe über schnurgerade Asphaltwege, mit kleinen Schatteninseln an den Rändern, gehe über mäandernde Schotterwege, über schattige Waldpfade, gehe bergauf, gehe bergab.
Hügel wie dunkle Knoten irgendwo in der Landschaft, und Wiesen, so grün, als wäre eine Chlorophyllgalaxie explodiert, darüber zerklüftete Wolkenlandschaften.

Dann sitze ich schon wieder auf einer Bank.
Und jetzt habe ich doch ein Problem, wenn auch nur ein kleines.
Bis auf eine einzige Halbliterflasche habe ich nämlich kein Wasser mehr. Damit habe ich nun wirklich überhaupt nicht gerechnet, denn immerhin hatte ich nicht weniger als vier Liter mitgenommen.
Die Situastion ist jetzt folgende: Bis Aschaffenburg sind es auf dem Marienweg noch elf Kilometer. In Anbetracht der Hitze zu viel für diesen armseligen halben Liter, der mir noch bleibt, finde ich. Und wenn ich mich – was erfahrungsgemäß immer und überall passieren kann – verlaufe, dann irre ich plötzlich ohne Wasser durch eine unbekannte Gegend.
Also entscheide ich mich dafür, nicht auf dem Marienweg weiterzugehen, sondern stattdessen auf einem Radweg 8 Kilometer bis zum Bahnhof in Kleinostheim vor den Toren Aschaffenburgs zu marschieren.

Gedacht, getan.
Auf dem asphaltierten Weg komme ich so rasch voran, als würde ich auf einer Windtrasse dahingleiten.
An diesen Asphaltweg schließt sich noch der eine oder andere Kilometer durch lichten und wirklich nicht unschönen Wald an.
Nicht dass mich diese Passage vor Begeisterung in Jubelstürme ausbrechen ließe, aber sie ist beileibe nicht schlecht.
Ich erreiche Kleinostheim problemlos und stapfe dann durch hitzeglühende Straßen zum Bahnhof.
Letztendlich stehen heute knapp 30 Kilometer zu Buche.
Morgen folgt nur noch ein kurzer Epilog: Von Kleinostheim nach Aschaffenburg und dort ein kleiner Stadtrundgang mit dem Abschluss in der Sandkirche, Wallfahrtsstätte Nummer neun des Marienweges.

Vierter Tag.
Es ist heiß wie im Innern eines ausbrechenden Vulkans. Für den Nachmittag sind Gewitter angekündigt, sonst wäre ich vielleicht noch die 8 oder 9 Kilometer von Aschaffenburg bis zum Kloster Schmerlenbach gewandert, aber das hebe ich mir nun für die nächsten vier Etappen auf.
Die gerade mal drei Kilometer von Kleinostheim bis Aschaffenburg bringe ich im Eiltempo hinter mich.
In Aschaffenburg herrscht ein Gewimmel wie in einem aufgeschreckten Wespenschwarm. Im Vergleich zum ersten Tag ist das wie Niagarafall zu stillem Wintersee.
Durch Straßen voller Menschen laufe ich zum Schloss Johannesburg, lasse mich dort durch das Gewühl eines Wochenmarktes treiben, und dann bin ich endlich wieder mal am Main.
Ich wandere sehr langsam am Ufer entlang, zelebriere das Gehen.

Auch jetzt hast du das Gefühl, angekommen zu sein, und zwar in einem buchstäblichen Sinne, denn es ist schließlich das Ende deiner viertägigen, wahrlich ereignisreichen Tour.
Und für den Moment zumindest schließt sich auch ein Kreis. Am Main hast du den Marienweg vor zwei Monaten in Angriff genommen und diese achte Etappe sieht dich wieder am Mainufer.
Wieder hast du unzählige Eindrücke abgespeichert und schon jetzt spürst du die Vorfreude auf die nächsten Etappen.
 
Die Sandkirche, der Abschluss für diesmal.
Ein paar Minuten lang bleibe ich in den Kirchenbänken hocken, dann wandere ich ohne Eile unter einem mittlerweile fast schwarzen Himmel zum Bahnhof.

10 Replies to “TOUR 39 – 2. TAG/FORTS., 3. & 4. TAG: VON SCHÖLLKRIPPEN NACH ASCHAFFENBURG”

  1. Auch der zweite Teil ist so großartig geschrieben. Wann geht es denn jetzt eigentlich weiter mit den nächsten Etappen?

    Grüße,
    Mata

    1. Vielen Dank für das positive Feedback.:-)
      Wann ich die nächsten Etappen mache, kann ich im Moment noch nicht genau sagen. Anfang Juli steht jetzt erst einmal Neustrelitz auf dem Programm, danach erst werde ich wohl festlegen, wann ich die nächsten vier Etappen des Marienweges in Angriff nehme.

      Grüße
      Torsten

  2. Was für ein wunderbares Wandertagebuch, das ich jetzt im Laufe der letzten Wochen ganz gelesen habe! Es gibt viele Touren, die mir sehr gut gefallen, aber Deine Wanderungen auf dem Marienweg sind die intensivsten.

    Grüße,
    Roxanne

    1. Die Marienweg-Touren waren auch für mich etwas Besonderes. Die Intensität des Erlebens, Empfindens, Denkens ist deutlich höher als bei den Tagestouren. Ein großer Reiz liegt auch in den sehr unterschiedlichen Umgebungen, in denen ich mich bewege.
      Vielen Dank für Deinen Kommentar!

      Grüße
      Torsten

  3. Während mit Schuberts „Unvollendeter“, Bruckners „9. Sinfonie“ oder Mozarts „Requiem“ bereits Kunstwerke existieren, gesellst du dich nun mit deinem Bericht (inkl. der vorangegangenen Berichten) über deine „unvollendete Etappe auch in den illustren (Sprach-) Kreis der Künstler :-), so finde ich. Auf jeden Fall ist es erstaunlich wie wir, vor allem vom „Unvollendeten“ immer wieder fasziniert sind, vielleicht ja gerade, weil wir als Menschen unvollendet sind.
    Mir gefallen unter anderem die kursiv geschriebenen Passagen. Dabei schätze ich vor allem die „Lebensweisheiten“ der ersten beiden kursiven Passagen, die du aus deinem Wandern gewinnst.
    „Es irrt der Mensch solange er strebt“. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass du dich auf deinen vorgenommenen Wegen auch immer wieder mal verirrst. Es ist jedenfalls schön, dass du deinen Weg immer wider findest und deine Füsse nie den Dienst verweigern, ansonsten wäre dieser wunderschön geschriebene Wanderbericht erst gar nicht entstanden.

    1. Die kursiv geschriebenen Passagen stehen für „innere Monologe“, wenn man so will. Ab und zu kann man ja ruhig mal ein neues Stilmittel reinbringen.:-)
      Die erste Etappe war natürlich die intensivste und spannendste. Sie war mit allem, was dabei passiert ist, auch eine der schönsten überhaupt. Aber auch die anderen 3 Etappen waren reizvoll, wobei jede ihre Eigenheiten hatte. Es sind eben unter anderem die Kontraste, die diese Wanderung auf dem Marienweg ausmachen.

      LG
      Torsten

  4. Wieder ein sehr lesenswerter Text. Wann willst Du die verschobene Etappe nachholen? Und wann stehen überhaupt die nächsten Etappen auf dem Programm?

    Gruß,
    Sylban

    1. Hi,
      die nächsten Etappen sind für Mitte/Ende August geplant. Die Detailplanung steht noch aus, aber es wird wohl von Aschaffenburg in vielen Schleifen bis nach Schneeberg im Odenwald gehen. Diesmal werde ich mich also durch zwei Mittelgebirge durchkämpfen müssen.:-)
      Wann ich die verschobene Etappe nachhole, kann ich im Moment noch nicht sagen. Das wird aaber auf jeden Fall noch dauern.

      Beste Grüße
      Torsten

  5. Nun kam ich endlich zum Nachlesen und habe es gern getan!
    Es ist ein Wechsel zwischen Orientiertheit und Phasen der Umwege.
    Nicht immer finden sich die Wegmarkierungen und manchmal hat es wohl auch seinen Sinn einen Umweg zu machen, wenn es auch das Gehetzte mit sich bringt.
    Vielleicht ist es, wie im Leben, das Gegengewicht, damit man nicht zu sehr dahingleitet oder abdriftet.

    Ich wünsche dir auch bei den weiteren Touren stets den richtigen Riecher, der dich wieder auf den gewünschten Weg zurück führt!

    Liebe Grüße,
    Silbia

    1. Vielen Dank für diesen schönen Kommentar!:-)
      Im Grunde habe ich – alle 4 Etappen als Ganzes betrachtet – eine recht gute Balance gefunden zwischen Ungewissheit und Geradlinigkeit. Der erste Tag mit der Übernachtung auf der Bank irgendwo in der Abgeschiedenheit des Spessarts fiel allerdings völlig aus dem Rahmen, aber im Nachhinein war dieser gesamte erste Tag ein tolles Erlebnis und sicher einer der schönsten und besten Gehtage überhaupt bisher.

      LG,
      Torsten

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