Wandertouren

TOUR 109 – HEPPENHEIM/VON DEN WEINBERGEN ZUM BISMARCKTURM

Es kommt vor, dass man durch eine Landschaft wie durch einen großen, stillen Raum geht, einen Raum, der sich immer weiter öffnet, nach allen Seiten, so dass sich dem Blick ständig neue Dinge darbieten, und je weiter diese Dinge entfernt sind, desto mehr sind sie von Stille umgeben und desto mehr wird man selbst dieser Stille gewahr.
Selbstverständlich existieren viele Variationen dieser Art von Stille.
Es gibt zum Beispiel diese Stille im Hochsommer, die einhergeht mit weiten Horizonten und die beinahe ein Teil der Landschaft zu sein scheint.
Es gibt diese nahezu undurchdringliche Winterstille, wenn alles lückenlos von Schnee bedeckt ist und jedes Geräusch einfach verschluckt wird, außer vielleicht das Knirschen der eigenen Schritte im Schnee. Diese Stille passt sicher gut zur Jahreszeit Winter und sie passt gut zu skandinavischen Krimis, aber, ehrlich gesagt, ist sie doch oft hart an der Schwelle zur Trostlosigkeit, jedenfalls, wenn sie über Wochen hinweg anhält.
Und so weiter.

Was Jana und ich auf unserer heutigen Wanderung erleben, ist von Trostlosigkeit weiter weg als der Rand des Universums.
Es sind die ersten Tage des Frühlings und wir sind in den Weinbergen oberhalb von Heppenheim an der Bergstraße. Schon auf der Fahrt hierher erzählte mir Jana, dass an der Bergstraße viele Gewächse deutlich früher zu blühen beginnen als in anderen Landstrichen.
Das bestätigt sich auch, kaum dass wir am Fuß der Weinberge angekommen sind.
Ich weiß nicht, womit ich gerechnet habe, aber auf keinen Fall damit, dass wir gleich schon mehrere wie verrückt blühende Mandelbäume zu sehen bekommen würden. Die Weinbergterrassen und sogar den groß auf eine Weinbergmauer aufgemalten Schriftzug „Heppenheim“ nehme ich einige Momente lang nur als Hintergrundkulisse wahr.

Noch eine zweite Annahme erledigt sich ziemlich rasch.
Aus irgendeinem Grund, über den ich nicht näher nachdenke, hegte ich vor der Wanderung nämlich die Erwartung, dass wir zu Beginn einen etwas längeren und meinetwegen auch steilen Anstieg bewältigen müssten, dass aber danach die Tour buchstäblich zu einem Spaziergang über flache Asphaltwege werden würde. Höchstens rechnete ich damit, dass hier und da noch eine kleine Rampe zu erklimmen sein könnte, aber im Großen und Ganzen war ich auf ein gemütliches Flanieren durch die Weinberge eingestellt.

Nun ja, die Realität sieht dann doch etwas anders aus.
Im Grunde ist die Wanderung von Anfang bis Ende ein einziges Auf und Ab und flache Passagen sind die Ausnahme, nicht die Regel. Ganz abgesehen davon, dass die Tour streckenweise gar nicht durch Weinberge führt, sondern zwischen Feldern und Wiesen verläuft und schließlich sogar ein kleines Stück durch den Wald.

Kann es sein, dass wir aus Versehen ein paar Wochen verschlafen haben?
Kürzlich noch Kälte, Regen und allerlei andere unangenehme Beigaben, jetzt ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch.
Das Blühen der Mandelbäume begleitet uns auf der gesamten Strecke durch die Weinberge. Als würde das allein nicht schon ausreichen, bieten sich unaufhörlich Fernblicke, wie es sie nur an Tagen geben kann, an denen die Luft so klar ist, dass man selbst in vielen Kilometern Entfernung alles so deutlich erkennt, als bräuchte man einfach nur den Arm auszustrecken, um es zu berühren.

Die Straßen in der Nähe des Heppenheimer Bahnhofs sind leer gewesen wie an Samstagnachmittagen in den 1970er-Jahren.
Dafür sind hier in den Weinbergen mehr Leute unterwegs, als Jana und ich bei unseren letzten fünf Wanderungen zusammen begegnet sind.
Und trotzdem hat die anfangs erwähnte Stille ihren Platz.
Es ist eine von leisen Geräuschen und von Stimmen durchsetzte unterschwellige Stille, eine nahe Stille, die nicht einheitlich und nicht durchgängig ist, sondern im Grunde als Ausläufer einer weiter entfernten, dem Horizont zu immer tieferen Stille zu betrachten ist.

Die Landschaft mit den Weinbergen und den wie Kegel überall verstreuten Hügeln ist ein Frühlingstraum.
Einer dieser Hügel ist der Melibokus, mit 517 Metern die höchste Erhebung ringsum. Eine halbe Stunde oder länger haben wir ihn im Blick, nachdem wir aus den Weinbergen heraus sind und über Asphaltwege wandern, die im Sonnenlicht glitzern wie silberne Drähte.

Wie es scheint, entspringt der Name „Melibokus“ einem Jahrhunderte zurückreichenden Irrtum bzw. einer falschen Übersetzung. Die in den Schriften des griechischen Geografen und Astronomen Claudius Ptolemäus verwendete Bezeichnung „Melibokon“, die sich wohl auf den Harz bezog, wurde in einer Jahrhunderte später erfolgenden Übersetzung fälschlich mit dem heutigen Melibokus in Verbindung gebracht, der bis dahin Malschen genannt wurde. Geändert wurde der falsche Name, als der Irrtum bemerkt wurde, aber nicht mehr, so dass er bis heute Bestand hat.

Es ist eine dieser Wanderungen, die allein schon deshalb Entspannung pur sind, weil man sich so viel Zeit lassen kann, wie man will.
Auch die Spaziergänger, die uns über den Weg laufen oder irgendwo auf Bänken hocken, wirken allesamt sehr gelassen. Wahrscheinlich sind alle so ausgehungert nach Frühling und nach Wärme, dass jeder Sonnenstrahl aufgesogen wird, als wäre es der letzte vor einem langen, finsteren Winter.

Da ist eine Sache, die mich von Beginn meiner Fußmärsche an gewissermaßen in den Bann gezogen hat und die natürlich auch heute vom ersten Schritt an gegenwärtig ist – bei jeder Wanderung, so kurz sie auch sein mochte, hatte ich den Eindruck, mich aus dem Trott des Gewohnten hinauszubegeben und etwas elementar Neues zu erfahren. Das Gute daran ist – ich musste dafür nichts tun, als loszugehen. Und das sogar noch Bessere daran ist – das Ganze hält bis heute an und schwächte sich nicht etwa im Laufe der Jahre ab oder wurde von der Zeit zersetzt.
Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass jede einzelne Wanderung etwas Außergewöhnliches gewesen ist.

Es ist mittlerweile früher Nachmittag.
Die Sonne leuchtet die Landschaft bis in den letzten Winkel aus.
Wir laufen oberhalb eines winzigen Dorfes vorüber und biegen anschließend in Richtung einer Anhöhe ab, auf der ein von weitem schon sichtbares Türmchen steht.
Bei dem Türmchen handelt es sich um einen der insgesamt 240 Bismarcktürme, die von 1869 an zu Ehren Otto von Bismarcks errichtet wurden. Auf dem Weg hinauf wandern wir zum ersten und einzigen Mal für heute durch Wald und prompt verlieren wir die vorgesehene Route aus den Augen, allerdings nur für ein paar hundert Meter, dann hat sich alles schon wieder eingerenkt.

Von besagtem Turm aus laufen wir eine ganze Weile bergab. Hier und da erhaschen wir einen Blick in die sonnenüberflutete Ebene hinein.
Unmittelbar nördlich von Heppenheim schließt sich die Stadt Bensheim an, auf deren Gemarkung der Bismarckturm steht. Noch ein wenig weiter nördlich findet sich Zwingenberg, das am Fuß des Melibokus liegt, und von da aus ist es dann auch nur noch ein mittlerer Katzensprung bis Darmstadt.
Ein Mann, der ein großes Kamerastativ geschultert hat, kommt uns entgegen. Vermutlich will er die Fernsicht vom Turm aus nutzen, um Fotos zu machen. Dafür hat er sich auf jeden Fall einen günstigen Tag gewählt.

Ich irre mich schon wieder.
Denn anstatt dass die Wanderung nun endgültig zu einer Flachetappe mutiert, beginnt von Neuem das Bergauf-bergab-Spiel, das wir schon vom Beginn der Tour kennen. Für jede Passage bergab bezahlen wir mit einem steilen Anstieg, abwechselnd über uraltes Kopfsteinpflaster oder aber gleich mitten zwischen den Rebstöcken hindurch. Denn nachdem wir den Wald hinter uns haben, kehren wir wie nicht anders zu erwarten in die Weinberge zurück.

Alles ist jetzt ein einziges Frühlingsleuchten.
Selbst die grauen Wege sind Teil dieses Leuchtens und wirken wie ins Gelände hineinmodelliert.
Der Himmel zeigt ein helles, makelloses Blau.
Wir bleiben immer wieder stehen.
Betrachten.
Und während wir betrachten, spüren wir die Stille wieder.
Sie ist da, obwohl die Weinberge um uns herum voller Menschen sind.

Aus den Weinbergen heraus führt uns der Weg zum Abschluss noch durch ein paar Heppenheimer Straßen bis zum Marktplatz.
Als wir dort ankommen, haben sich längst große, graue Wolkenbänke vor die Sonne geschoben.
Manchmal stellt man sich die Frage, ob dies oder jenes besser hätte laufen können, aber heute sind wir beide wunschlos glücklich.

 

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