TOUR 97 – VON HIRSCHHORN NACH EBERBACH

Es gibt Augenblicke, da spielt man mit dem Gedanken, sich irgendwo einen Platz am Rande der Welt zu suchen, dort die Füße hochzulegen und darauf zu warten, was sich tut.
Darauf, ob das Nichtstun im Handumdrehen zu geistiger wie körperlicher Erstarrung führt oder ob sich vielleicht sogar im Laufe der Zeit eine bislang unentdeckte innere Harmonie einstellt, die man nicht mehr missen möchte.

Ich brauche nicht lange darüber nachzudenken, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass Variante Nummer eins die wesentlich wahrscheinlichere ist.
Die Zeit – im Grunde jeder einzelne Tag – ist zu kostbar, um sie zu verschwenden und mit Nichtstun zu verbringen. Jedenfalls solange wir nicht 400 Jahre alt werden und irgendwann alles gesehen und erfahren haben oder schlicht genug davon haben, überhaupt noch etwas sehen und erfahren zu wollen.
Die Welt ist draußen.
Nicht im Kopf, nicht hinterm Ofen.

Die heutige Wanderung ist eine typische Bergrückenwanderung.
Auf den ersten zwei Kilometern geht es steil nach oben, von rund 120 Metern Höhe auf etwa 430 Meter, aber wenn das erst einmal geschafft ist, kommen Anstiege so gut wie gar nicht mehr vor und die restlichen rund zehn Kilometer führen über teils flache, teils abschüssige Wege und Pfade wieder ins Tal hinab.

Der Winter ist vorbei.
Vor nicht einmal zwei Wochen sibirische Kälteausläufer, eisiger Wind, vereiste Wege, in den Wäldern eine Stille wie in vorindustriellen Zeiten – aber davon ist nichts übriggeblieben.
Der Frühling steckt allerdings auch noch in den Kinderschuhen.
10 Grad.
Nahezu kein Wind.
Der Himmel ein blassblaues Tuch.
Alles in allem ziemlich angenehme Voraussetzungen für eine Wanderung.

Wieder einmal bin ich mit Jana unterwegs.
Ziemlich genau zwei Jahre ist es her, seit wir schon einmal von Hirschhorn nach Eberbach gewandert sind.
Damals haben wir allerdings den Weg am Neckar entlang gewählt, während wir uns heute für den Neckarsteig entschieden haben.
Und so groß der Unterschied ist, ob man einen Ort im Dauerregen oder bei strahlendem Sonnenschein sieht, so sehr unterscheiden sich auch die Wege, auf denen man zu diesen Orten gelangt.
Start- und Zielpunkt sind zwar identisch mit der Wanderung von damals, das ist aber auch schon alles an Gemeinsamkeit.

Nebenbei erwähnt ist die Tour eine offizielle Etappe des Neckarsteigs, die vierte von insgesamt neun.
128 Kilometer Gesamtlänge und neun Etappen, damit ist schon klar, dass die einzelnen Etappen nicht allzu lang sein können.
Dafür geht es beim Start in Heidelberg gleich die Himmelsleiter hinauf – 1200 wie wahllos verstreute, ungefüge Stufen vom Schloss hoch zum Königstuhl. Das ist als Einstieg wie ein 1500-Meter-Lauf mit Bleigewichten an den Waden.

Wir sind heute aber nicht in Heidelberg.
So etwas wie die Himmelsleiter gibt es hier nicht.
Ein Schloss hat Hirschhorn aber auch zu bieten, und zwar eines, das für den Gesamteindruck der Stadt ebenso prägend ist wie die weltberühmte Ruine für Heidelberg.
Ursprünglich war von einem Schloss allerdings nicht die Rede, es handelte sich vielmehr um eine reine Burganlage.
Kein Wunder, Schlösser sind schließlich eher eine Sache des fortgeschrittenen Spätmittelalters und vor allem der Neuzeit.
Als erstes Schloss auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands gilt die Albrechtsburg in Meißen, und die entstand zwischen 1471 und 1524, rund 200 Jahre nach Baubeginn der Hirschhorner Burg. Mag sein, dass der Begriff „Schloss“ oder vielmehr „sloß“ bereits deutlich früher aufkam, trotzdem dachte im römisch-deutschen Reich des 13. Jahrhunderts vermutlich noch niemand an den Bau eines Schlosses.
So blieb Burg Hirschhorn also über 300 Jahre hinweg eine Burg und erst in der Renaissancezeit erhielt sie ihr eher schlossähnliches Erscheinungsbild.

Fünf Minuten lang laufen wir an der Straße entlang, dann beginnt der zu Beginn erwähnte Anstieg.
Wir stellen rasch fest, dass irgendwie genau das richtige Wetter für eine Wanderung herrscht. Nicht kalt, aber auch weit von Temperaturen entfernt, die uns zum Schwitzen brächten.
Wir wandern an halb zwischen Bäumen und Hecken versteckten Wohnhäusern vorüber, der Weg ist schön und auch nicht allzu beschwerlich, am Himmel sieht es so aus, als ob das Blau Zentimeter um Zentimeter die weiß schraffierten Flächen zurückdrängt, man spürt schon den Frühling, wenn man so vor sich hin geht, man spürt, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis die Tage richtig warm werden.

Unser Aufenthalt auf dem Schloss – oder der Burg – dauert nicht so lange, wie zumindest ich vorher angenommen hatte.
Schon als wir durch das Burgtor treten, sehen wir zwei Baustellenfahrzeuge und weiter oben noch zwei, drei andere. Die Terrasse ist zwar nicht gesperrt, aber von geschäftigen Bauarbeitern belagert, was letztlich aufs Gleiche rauskommt.

Über die Befestigungsmauer schauen wir in Richtung Neckar.
So richtig blau ist der Himmel dann doch nicht, dazu hat sich an zu vielen Stellen so ein wucherndes Grau eingeschlichen wie von Staub auf einem Stapel uralter Zeitungen.
Beinahe direkt unter uns die Schleusenanlage, eine von insgesamt zwölf am Unteren Neckar.
Am jenseitigen Flussufer liegt der Hirschhorner Stadtteil Ersheim mit einer zwar kleinen, aber nichtsdestoweniger ins Auge springenden Kapelle, der ältesten Kirche des Neckartals, wie es heißt.
Im Hintergrund die Hügel des Kleinen Odenwalds.
Wenn der Weg über eine der höchsten Kuppen hinwegführen sollte, die ringsum zu sehen sind, dann haben wir noch ein ganzes Stück Anstieg vor uns.

Oberhalb des Schlosses stoßen wir wie geplant auf den Neckarsteig.
Gerade sind wir noch über einen Parkplatz gelaufen, mussten Autos und einem Motorrad ausweichen, nun aber sind wir buchstäblich von einem Schritt zum anderen im Wald.
Ein schmaler Pfad führt über Wurzeln und vor allem über Steine den Hang hinauf.
Ein kaum bemerkbarer Anflug von Sonne irgendwo über den Baumwipfeln.
Jana kennt die Etappe bereits und erwähnt beiläufig, dass es weiter oben teilweise noch steiler wird und dass es ihrer Erinnerung nach eine ganze Weile dauert, bis der Anstieg bewältigt ist.

Es ist erstaunlich still, wenn man bedenkt, dass wir uns gerade mal ein paar hundert Meter vom Schloss entfernt haben.
Weit weg zwar einige Geräusche oder besser gesagt die Ausläufer von Geräuschen, aber je höher wir kommen, desto unbestimmter und leiser werden sie.
An vielen Stellen ist der Wald wie ein abgedunkelter Raum, in dem durch die Lücke zwischen den Vorhängen ein wenig Tageslicht fällt.
Es fühlt sich an wie Mittag und früher Abend in einem.

Knapp 20 Minuten wandern wir ununterbrochen bergan, ehe sich uns der nächste Fernblick bietet.
Auf dem Schloss waren wir noch rechts von der Schleuse, jetzt befinden wir uns links davon. Von hier oben erkennt man ganz deutlich, dass Ersheim auf einer Art Halbinsel liegt, die vom Neckar umflossen wird.
Wenn wir durch die Luft spazieren könnten, wären wir in einer Minute oder weniger am jenseitigen Flussufer und würden genau auf den Weg stoßen, den wir bei der Wanderung vor zwei Jahren eingeschlagen haben.
Es ist hell.
Nicht so hell, dass man noch am Rande des Blickfelds jedes kleine Detail erkennen kann, aber auch weit entfernt von all diesen ununterscheidbar grauen Regentagen der letzten Wochen, an denen man sich vorkam wie in einer Wäschetrommel.

Der Weg führt immer weiter bergauf.
Atemzug um Atemzug nähern wir uns einem Punkt, an dem Veränderungen nur noch in kleinsten Nuancen auftreten, an dem alles ein nahezu perfektes Gleichmaß gefunden hat.
Es gibt keine plötzlichen Lichtwechsel, sondern nur ein beständiges, nicht helles, nicht dunkles Halblicht, das weder mit einem Mal von einem schillernden Gefunkel wilder Farben abgelöst wird noch völlig unerwartet zwischen zwei Herzschlägen in fast lichtlose Dunkelheit umschlägt.
Die Stille ist eine Stille an der Schwelle zu gerade eben noch vernehmlichen Geräuschen.

Je höher wir kommen, desto steiler und steiniger wird der Pfad.
Jana kann sich an vieles erinnern. Für mich dagegen ist alles neu, aber ich finde ziemlich genau das vor, was ich mir erhofft habe.
Obwohl die Tour lediglich 12 Kilometer lang ist, hat sie ansatzweise etwas vom Umherstreifen langer Wanderungen, und zwar deshalb, weil es sich um eine Streckenwanderung handelt, die uns nicht wieder zum Ausgangspunkt zurückführt.
Rundwege ähnlicher Länge empfinde zumindest ich so gut wie nie als Umherstreifen, es sei denn, ich weiche zwischendurch zeitweise davon ab und suche mir meine eigenen Pfade.

Ganz zum Ende hin wird es richtig steil und urwüchsig.
Steine in Massen liegen herum wie vom Himmel gefallen.
Wenn jetzt noch der Wald richtig dicht und dunkel wäre, dann könnten wir uns leicht in Zeiten zurückversetzt fühlen, in denen Jagdgesellschaften gelangweilter Adliger bei teilweise wochenlang vorbereiteten Jagdinszenierungen Hirsche, Rehe und Wildschweine zu Hunderten erlegten. Selbstverständlich hatte sich bei den damals vorherrschenden feudalen Gesellschaftsstrukturen nicht etwa der Adel selbst um die Vorbereitungen zu kümmern, sondern Bauern im Frondienst, genauer gesagt in der Jagdfron.

Der Steinerne Tisch, auf den wir irgendwo mitten im Wald stoßen, diente solchen Jagdgesellschaften als Rast- und vielleicht auch als Sammelplatz während der Durchführung der Jagden.
Dieser hier ist ein Überbleibsel aus dem Jahr 1797, also aus den letzten Tagen des Heiligen Römischen Reiches, als Hirschhorn und Umgebung zum Kurfürstentum Mainz gehörten.
In weiter zurückliegenden Zeiten wird auch eine Funktion als Gerichtsstätte angenommen, was nicht abwegig ist, da es Steinerne Tische als sogenannte Thie bereits im Mittelalter gab – und Thie waren tatsächlich Orte, an denen Gerichtsverhandlungen stattfanden.

Wanderungen sind, wie sich an diesem Beispiel zeigt, nicht selten Zeitreisen.
Immer wieder stößt man auf Zeugnisse einer mehr oder weniger lange zurückliegenden Vergangenheit, die sich bei genauerem Hinsehen oft als Aneinanderreihung mehrerer oder gar vieler in sich abgeschlossener Ereignisse und Lebensgeschichten darstellt.

Über Kilometer hinweg ist der Weg jetzt handtellerflach.
Mattes Nachmittagslicht fällt durch die Bäume.
Den Anstieg haben wir zwar lange hinter uns, aber schnell gehen wir trotzdem nicht.
An manchen Stellen ist der Wald die Böschung hinauf so dicht, dass es aussieht, als würde jenseits davon die Sonne schon langsam erlöschen. Meistens aber laufen wir unter einem einigermaßen blauen Stück Himmel dahin, ab und zu bietet sich uns ein Fernblick auf mehrere Hügelwellen hintereinander, irgendwo mittendrin sehen wir sogar schon ein paar in die Hänge hineingewürfelte Häuser von Eberbach oder vielleicht auch Pleutersbach, hier und da mal eine Wiese oder ein baumloser Abhang, und gerade weil das alles nicht so wahnsinnig bombastisch und entrückt ist, sondern genau den richtigen Rahmen hat – das richtige Maß an Stille, das richtige Maß an Abgeschiedenheit -, ist es fantastisch.

Zweite Rast.
Wir sind mittlerweile oberhalb des kleinen Dorfes Igelsbach angelangt.
Deshalb also die ganze Zeit die Igeldarstellungen auf hölzernen Schildern am Wegrand.
Igelsbach weist eine Eigenheit auf, von der Jana mir schon bei der Wanderung vor zwei Jahren erzählt hat – die Landesgrenze zwischen Hessen und Baden-Württemberg verläuft nämlich mitten durch den Ort. Ein Teil gehört zu Hirschhorn, der andere gehört zu Eberbach. Rund zwei Drittel der gut 300 Einwohner sind Hessen, ein Drittel Badener.

Den Rest des Weges bis zum Stadtrand von Eberbach wandern wir jetzt fast nur noch bergab.
Lediglich kurz vor dem Ziel, als wir gar nicht mehr damit rechnen, zwingt uns der Streckenverlauf noch mal einen Anstieg auf, der aber nach zweihundert Metern schon wieder zu Ende ist.

Von der Sonne ist mittlerweile überhaupt nichts mehr zu sehen. Minutenlang könnte man meinen, jemand hätte Schlamm über den Horizont gekippt. Nach einer Weile jedoch setzt sich überall einheitliches Grau durch. So ziemlich alle anderen Farben haben sich für heute verabschiedet. Der Nachmittag geht allmählich in den Abend über. Es ist merklich kälter geworden.

Die letzte Schleife des Neckarsteigs über den Ittersberg schenken wir uns für diesmal.
Stattdessen trotten wir auf einem oberhalb des Neckars verlaufenden Asphaltweg in die Stadt hinein.
Etwas mehr als vier Stunden sind wir insgesamt unterwegs gewesen, die Pausen eingerechnet. Bereits während der Wanderung haben wir beschlossen, sehr bald eine weitere Etappe auf dem Neckarsteig zurückzulegen.
So war es bis jetzt immer.
Eine Tour liegt hinter uns und am Ende denken wir schon an das, was demnächst kommen wird.

Wir sind praktisch am Ziel.
Die Sonne ist schon hinter den Hügeln verschwunden, die Eberbach von allen Seiten umgeben.
Der Himmel, der sich im Fluss spiegelt, sieht irgendwie dunkler aus als der Himmel über unseren Köpfen.
Eine Ahnung von warmen, langen Abenden liegt in der Luft.
Bei unserer nächsten Wanderung wird wohl der Frühling begonnen haben.

 

3 Replies to “TOUR 97 – VON HIRSCHHORN NACH EBERBACH”

  1. Großartiger Text wieder. Ich mag die Sprache deiner Wanderbeschreibungen. Dazu die interessanten eingestreuten Infos. Alles sehr schön zu lesen.

    Roxanne

  2. Das war wieder eine Wanderung, auf die ich mich besonders freute, denn ich kannte diesen Abschnitt des Neckarsteigs ja schon und wusste daher, wie schön er ist. Und dieser Eindruck bestätigte sich erneut. Es war eine relativ kurze Wanderung, die jedoch mit dem Schloss in Hirschhorn, dem Steinernen Tisch und schönen Fernblicken einige Highlights zu bieten hatte.
    Da bekam man so richtig Lust auf weitere Etappen des Neckarsteigs!

    Liebe Grüße
    Jana

    1. Die Tour hat alles geboten, was man so braucht bei einer Wanderung.:-) Was ich bisher vom Neckarsteig kenne, hat mir sehr gut gefallen. Zumindest den Teil von Eberbach bis Bad Wimpfen sollten wir irgendwann noch gehen, liebe Jana.

      Liebe Grüße
      Torsten

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