TOUR 26: IDAR-OBERSTEIN: BHF – „RUND UM DIE KAMA“ – BHF

Es ist ein Tag, nicht schöner, aber auch nicht schlechter

als irgendein anderer der vielen grauen Spätherbsttage

der letzten Wochen, eher des sofortigen Vergessens als

der Erinnerung wert. Ein Tag, nicht finster genug, um

düstere Metaphern für ihn zu finden, aber es bleibt einem

auch nicht gerade die Luft weg vor Begeisterung.

 

Es wird eine der kürzesten Wanderungen des Jahres

werden, nicht mehr als 10 Kilometer, im Grunde nur so

etwas wie ein Epilog. Im Vergleich zu einigen anderen

Strecken, die ich in den letzten Monaten gegangen

bin, ist es beinahe, als würde ich mir nur ein wenig die

Beine vertreten.

 

Vielleicht die letzte Tour des Jahres

 

Es ist vielleicht die letzte Tour des Jahres, aber nach Rück-

blick ist mir irgendwie ganz und gar nicht zumute. Was

unter anderem daran liegt, dass mein Kopf bereits angefüllt

ist mit Ideen und Plänen für die nächsten Monate.

Nur ein paar fragmentarische Überlegungen:

Erstens: Ich habe den Eindruck, in diesem guten halben Jahr

des Wanderns und Gehens mehr über mich erfahren zu haben

als es in 1000 Stunden kontemplativer Selbstbeobachtung

der Fall gewesen wäre.

 

Zweitens: Eines ist sicher: Sich ein Ziel zu setzen allein genügt

nicht. Man muss auch die feste Überzeugung in sich tragen,

dass es das richtige Ziel ist, sonst wird man höchstwahr-

scheinlich scheitern. Denn mit etwas zu beginnen, bedeutet

schließlich nicht zwangsläufig, es auch zu Ende zu bringen.

 

Und drittens: Wenn ich den wichtigsten mentalen Aspekt des

Gehens benennen sollte, dann besteht dieser für mich in dem

Zusammenwirken der beiden kontrapunktischen Elemente Ziel-

gerichtetheit und Geschehenlassen.

 

Zum zweiten Mal in diesem Jahr bin

ich in Idar-Oberstein.

Beim ersten Mal bin ich den Nahe-Felsen-Weg

abgewandert, diesmal nehme ich

den zweiten Premiumwanderweg in An-

griff, den es hier gibt, nämlich „Rund

 

um die Kama“.

Vom Bahnhof aus habe ich ungefähr anderthalb Kilometer

zu gehen, um zum Startpunkt der Strecke zu gelangen.

 

Die Fußgängerzone, die so leer ist, als hätte man eine Aus-

gangssperre verhängt, lasse ich diesmal rechts liegen, und

trotte ein paar hundert Meter eine schnurgerade Straße ent-

lang.

Eine wartende Frau an einer Bushaltestelle, ein Mann, der

aus irgendeiner Haustür auf die Straße tritt, dazu jede

Minute ein auf der Straße an mir vorüberfahrendes Auto.

Man kann nicht gerade sagen, dass hier das Leben pul-

siert.

 

Die Stadt liegt viel schneller hinter mir, als

ich erwartet habe. Ich biege von der schnur-

geraden Straße nach links ab und stapfe

ein paar hundert Meter bergan. Dann eine

Kurve – und von einer Sekunde zur nächsten

ist da nur noch Landstraße.

Von der Landstraße biege ich dann noch ein-

mal links ab und nach kurzer Zeit bin ich zum

ersten Mal am Naheufer und zugleich auch

 

mitten im Zentrum eines einsamen Nirgendwo.

 

Ein einsames Nirgendwo

 

In diesem einsamen Nirgendwo beginnt der

Wanderpfad.

Ich habe weniger Eile als eine Landmasse bei

der Kontinentalverschiebung und stapfe ganz

gemächlich dahin.

Ein Asphaltweg, gesäumt von kahlen Dezem-

berbäumen, zwischen deren Stämmen ich

auf die Nahe hinabblicken kann. Später dann

bemooste Felsen, an denen sich der ohnehin

 

sehr schmale Pfad buchstäblich auf Fuß-

breite verengt.

Ein Holzsteg.

Und noch ein Felsen, wie ein zu Stein gewordener Riese.

Zu wenig, um es Idylle zu nennen, aber genug, um ein

immer mehr sich ausbreitendes Wohlgefühl hervorzurufen.

 

An einer Stelle verlasse ich den Pfad und steige die Böschung

hinab zum Naheufer.

Die Böschung ist nicht wirklich steil, aber irgendwie habe ich

mich offenbar von meiner eigenen Langsamkeit einlullen las-

sen. Ich komme ins Stolpern und es ist, als gerate die gesamte

Böschung ins Rutschen. Mein linkes Bein nagelt es auf der

Stelle fest, während das rechte in Blitzesschnelle einen Meter

nach unten gezerrt wird. Summa summarum ergibt das beinahe

den ersten Spagat meines Lebens.

Das kommt davon, wenn man es allzu gemächlich angehen

lässt.

 

Dann bin ich unten am Ufer.

Vorsichtig trete ich auf einen Stein

im Fluss. Aus dieser Perspektive

wirkt er recht breit. Und auch alles

andere als ruhig. Kleine Strom-

schnellen umspielen die Steine, die

überall aus dem Wasser ragen.

 

Ständig entstehen irgendwo neue Wirbel, lösen sich

Sekunden später in Nichts auf.

Auf dieser Tour ist die die Nahe praktisch allgegenwärtig,

aber diese Perspektive hier ist eindeutig die spektakulärste.

 

Nachdem ich mich wieder die Böschung

hinaufgearbeitet habe, folgt eine wirklich

schöne Passage.

Wieder Felsen, wieder ein sehr schmaler Pfad,

oft ganz von Laub bedeckt.

Ein welliges Auf und ab mit Felsenstufen und

einer Serpentine hinab in eine kleine Kerb-

schlucht.

 

 

An einer Stelle, die nicht viel breiter ist als ein

Schnürsenkel, kommt mir ein Jogger entgegen.

Ich weiß nicht wie, aber wir schaffen es, an-

einander vorbeizukommen, ohne dass einer von

uns sein Tempo verlangsamt.

 

Von einer Bank aus habe ich dann endlich einmal einen

freien Blick über die Szenerie.

Für einen Dezembertag, an dem tristes, monochromes Grau

die Herrschaft übernommen hat, ist es gar nicht mal so

übel, was sich meinem Blick bietet.

 

Scharf abgegrenzt

 

Ein Hügelkamm, scharf abgegrenzt gegen das Nichts, in

dem sich der Horizont verliert.

Ein kleiner Wald.

Ein Weg, zwischen einzeln stehenden Bäumen sich hindurch-

windend.

Und natürlich die Nahe.

Die Farben dieses Landschaftsgemäldes sind etwas stumpf,

aber immerhin sind es Farben.

 

Ich komme heute irgendwie aus meinem Trott nicht heraus.

Natürlich liegt das daran, dass die Strecke so kurz ist. Wenn

ich in meinem normalen Tempo unterwegs wäre, dann

wäre ich ja in anderthalb Stunden schon wieder zurück am

Bahnhof. Es ist nicht schlimm, dass es so ist. Ich nehme es

einfach zur Kenntnis und bewerte es nicht weiter.

 

Am Ende des Waldes stoße ich

auf die „Hoppstädter Achat-

schleife“, Überreste einer alten

Schleifmühle, 1850 erbaut.

In dieser Gegend gab es in früheren

Jahrhunderten viele solcher Schleif-

mühlen für Edelsteine.

 

Dann eine Wiese.

Auch wenn das Gras darauf aussieht wie schon mehrmals

ausgerupft, ist das Grün ein Labsal für die Augen.

Ich stapfe an der Wiese vorüber und dann wird es endlich

einmal richtig steil. Zwar nur für 200 Meter, aber wenigstens

verspüre ich am Ende des Anstiegs einen Hauch jenes

Zusammenspiels von Bewegung und innerer Ausge-

glichenheit, verbunden mit einer kristallinen Klarheit im

Denken, wie ich es auf meinen längeren Touren häufig

erlebe.

Aber heute ist alles eine Nummer dezenter.

Auch dieser Hauch bleibt letztendlich nur ein Hauch.

 

Ich trotte durch ein Wohngebiet.

An einem Dorfsportplatz mit Aschebelag stapfe ich dann

wieder in den Wald hinein.

Für ein paar Minuten beinahe gespenstische Stille, wenn

man einmal vom Rascheln meiner Schritte im Laub absieht.

Und so ein komisches dunkles, unbehagliches Licht.

 

Aber dann, vollkommen unerwartet: Die Sonne.

Wo kommt die denn auf einmal her?

Ich bleibe stehen.

Wenn einem der Bäume am Wegesrand plötzlich Flügel

gewachsen wären und er sich in die Luft erhoben hätte,

ich hätte kaum überraschter sein können.

Ein geheimnisvolles Zauberlicht tanzt auf den Spitzen

der Äste, leuchtet durchs Gezweig.

Irgendwo muss eine Lichtfee gerade gute Laune haben.

 

Und die Sonne verschwindet nicht etwa wieder, sondern

sie wird nach und nach zu einer richtig hellen Winter-

sonne.

Natürlich mache ich den kurzen Ab-

stecher zum Krechelfelsen, einem

Aussichtspunkt, von dem aus ich zum

gefühlt tausendsten Male die Nahe

betrachten kann.

 

Danach der Showdown nicht nur

 

dieser Tour, sondern vielleicht auch des gesamten

Wander- und Gehjahres.

Unter einer großen Brücke hindurch, dann einen kurzen,

steilen Anstieg hinauf, danach noch ein letztes Mal Wald,

schließlich über ein Wehr hinüber, und ich befinde mich

wieder am Ausgangspunkt der Strecke.

Von dort wandere ich ohne jede Eile zum Bahnhof zurück.

4 Replies to “TOUR 26: IDAR-OBERSTEIN: BHF – „RUND UM DIE KAMA“ – BHF”

  1. Neben den Wanderbeschreibungen liebe ich einfach deine jeweiligen Einleitungen, denn ich finde deine Gedankengänge immer sehr spannend. Die Nahe ist ein immerwiederkehrender Fluss auf deiner Wanderung. Er scheint ja meist in Sichtweite gewesen zu sein. Du stösst auf die Ueberreste einer Achatschleife und aus Achat hatte ich einmal ein Amulett, welches mich vor negativen Schwingungen fernhalten und mir ein Gefühl von Sicherheit geben sollte. Nanu, ja wer daran glaubt.
    Wieder eine sich lohnende Tour zu lesen, in einer starken Sprache geschrieben.

    1. Ja, die Nahe war im Grunde immer gegenwärtig. Die Strecke an sich war kaum mehr als 6 Kilometer lang. Hinzu kam dann noch der Weg vom Bahnhof und zurück. Es war einfach so eine richtige Jahresabschlussstrecke, ein Epilog. Wenn ich dieses Jahr nicht schon einmal in Idar-Oberstein gewesen wäre, dann hätte ich zumindest die Felsenkirche noch in die Tour integriert. Vielen Dank auch diesmal für Deinen Kommentar, liebe Ursula.

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