TOUR 62 – VON HIRSCHHORN NACH EBERBACH

Es ist Mitte Februar, aber allzu viel erinnert nicht mehr an den Winter.
Der Himmel wirkt unendlich weit und so hoch, als würde man an einem warmen Sommertag irgendwo im Gras liegen und den träge dahintreibenden Wolken nachschauen.
Es ist wie in einem Traum vom Beginn des Frühlings. Man hat das Gefühl, dass es seit Wochen keinen grauen, trostlosen Tag mehr gegeben hat und noch viel, viel länger keinen mehr geben wird.

Ich bin heute wieder mit Jana unterwegs.
Wir haben uns eine ziemlich kurze und sehr leichte Strecke ausgesucht, nämlich von Hirschhorn in Hessen immer am Neckar entlang bis Eberbach in Baden-Württemberg.
Auf der gesamten Wanderung erwarten uns nur zwei Anstiege, und beide sind so kurz, dass wir sie hinaufsprinten könnten, ohne auch nur ein einziges Mal Atem zu holen. Es gibt keine einzige Stelle, bei der das Gehen auch nur im Entferntesten anstrengend wird oder bei der man sich dem Punkt nähert, an dem das Hämmern des eigenen Herzschlages das Zwitschern der Vögel übertönt. Es ist von der ersten bis zur letzten Sekunde Genusswandern und genau das Richtige für einen Tag, an dem der Frühling Einzug hält.

Vom Bahnsteig in Hirschhorn aus machen wir uns erst einmal auf in Richtung Altstadt.
Unter dem tiefblauen Himmel sieht die Stadt aus wie ein gerade ausgepacktes, nagelneues Geburtstagsgeschenk.
Schon aus großer Entfernung sieht man das oberhalb der Altstadt gelegene Schloss. Von weitem scheint es beinahe, als würde es aus dem Hügel herauswachsen.

In manchen Artikeln, die ich vorher über das Bauwerk gelesen habe, wurde es als Burg bezeichnet, aber auf den Informationstafeln in Hirschhorn selbst ist die Rede von Schloss Hirschhorn.
Die Erklärung dafür dürfte sein, dass es sich ursprünglich tatsächlich um eine Burganlage – und nichts anderes als eine Burganlage – gehandelt hat, die im Laufe der Jahrhunderte nach vielfältigen Veränderungen durch Um- und Anbauten mehr und mehr einen schlossähnlichen Charakter angenommen hat.

Wir lassen es ganz ruhig angehen.
Die Luft ist mild wie bei einem Spaziergang auf einer taubedeckten Wiese an einem Maimorgen.
Gemächlicher als gemächlich wandern wir über eine schöne kleine Brücke hinüber, die schon so ein wenig von der irgendwo zwischen kulissenhaft erstarrter und malerischer Beschaulichkeit angesiedelten Atmosphäre vorwegnimmt, die wir ein paar Minuten später in der Altstadt vorfinden werden.
Jenseits der Häuser grüne Hügelwellen, darüber dieses makellose Postkartenfirmament. Die Helligkeit hat exakt das richtige Maß, sie ist weder stechend noch grell.
In den Schlagschatten der Gebäude ist es kühl, aber in den breiten Lichtkorridoren herrscht eine angenehme, windlose Wärme.

Die Altstadt von Hirschhorn ist so sauber, als würden hier Tag und Nacht Putzkolonnen mit Zahnbürsten jeden noch so versteckten Winkel blankscheuern.
Die Gassen sind fast menschenleer, die weißen Häuserfassaden leuchten in der Sonne, nirgends ist auch nur ansatzweise irgendetwas Schäbiges zu entdecken.
Jana erzählt mir, dass in den letzten Jahren so einige Geschäfte und Läden hier geschlossen haben, aber ich bin trotzdem überrascht, dass so wenige Menschen zu sehen sind.

Vor einem Torturm, bei dem man erst auf den zweiten Blick erkennt, dass er zu einer Kirche gehört, biegen wir zum Marktplatz ab und finden uns wenig später in einer sehr schmalen Gasse wieder, in der es dunkel ist wie in der Abenddämmerung. Zwischen zwei Häusern führt eine Treppe hinab an den Neckar und von da haben wir nur noch hundert oder sogar noch ein paar Schritte weniger bis zur Schleusenbrücke zu gehen.

Von dem Moment an, da wir die Brücke überquert haben, ist der Neckar unsere Orientierungslinie.
Von Zeit zu Zeit gerät der Pfad zwar in eine ganz leichte Schwingung, er biegt auch schon mal im rechten Winkel ab oder trägt uns über eine winzige Geländedelle hinweg, aber immer bleibt der Fluss in Sichtweite.

Wenige hundert Schritte von der Schleuse entfernt stehen wir vor der 600 Jahre alten Ersheimer Kapelle.
Neben der Kapelle ein Friedhof.
Wir öffnen die Eingangspforte, die knarrt und knirscht, als sei sie nicht viel weniger als 600 Jahre alt. Es dauert eine Minute und länger, bis sie endlich wieder ins Schloss fällt.
Danach ist es dann aber still wie an einem Hochsommertag in einem verlassenen Pyrenäenbergdorf.
Über uns eine große, leuchtend weiße Sonne.
Irgendwo auf dem gegenüberliegenden Hügel entdecken wir zwei Spaziergänger, klein wie Ameisen. Es ist die einzige Bewegung weit und breit.
Gut möglich, dass dort der Neckarsteig verläuft, aber wie auch immer, auf jeden Fall hätte man von dem Weg da oben einen großartigen Blick auf die Hirschhorner Neckarschleife.

Neckarschleife ist das Stichwort.
Mir wird jetzt erst so richtig klar, dass wir gerade dabei sind, einen Halbkreis oder fast sogar schon so etwas wie einen geschlossenen Kreis abzuschreiten, denn wir folgen exakt dem nicht gerade kleinen Bogen, den der Neckar an dieser Stelle beschreibt.
So kommt es, dass wir nach knapp zwei Kilometern Fußweg wieder fast zurück bei der Schleuse sind. In der Luftlinie trennen uns von dort nur zwei, drei Nebenstraßen und ein paar Vorgärten.

Es ist Mitte Februar, aber der Frühling ist ausgebrochen,
wenngleich es natürlich ein junger Frühling ist. Aber weder Jana noch ich können uns an einen solch hellen und warmen Februartag erinnern. Alles Finstere und Hässliche scheint in einem Spalt in der Erde verschwunden zu sein.

Hinter Hirschhorn befinden wir uns von einer Sekunde zur nächsten im Wald.
Die Bäume stehen weit auseinander, deshalb ist es auch hier frühlingshaft warm.
Obwohl es bereits 14 Uhr 30 ist, haben diese ersten Schritte im Wald etwas von in den Morgen hinauslaufen.
In den allerfrühesten, noch frischen, noch fast schlafenden Dämmermorgen.

Später werde ich mich besonders an die Stille erinnern, die nur von Zeit zu Zeit für ein paar Sekunden von einem Auto durchbrochen wird, das in ein paar hundert Metern Entfernung auf der Landstraße vorüberrollt, ich werde mich an den Wald erinnern, der eigentlich ja nicht mehr ist als ein schmaler Waldsaum unmittelbar am Fluss, an das hell zwischen den schlanken Ästen hindurchschimmernde Wasser, in dem sich die Bäume und der Himmel spiegeln, an die von Licht überfluteten Wiesen am jenseitigen Ufer, an die schräg einfallende Sonne in den Baumkronen, die so hell ist wie an einem Tag im Mai oder Juni, ich werde mich an den direkt ins Licht hineinführenden Pfad erinnern, bei dem die nächste Biegung meistens ein paar hundert Schritte entfernt ist, und an die Klarheit oder wie auch immer man es nennen soll, die das alles hat.

Es ist eine jener Wanderungen, bei denen man vom ersten Meter an im Gleichgewicht ist.
Mit sich selbst, mit der Welt, mit allem.
Man verschwendet keinen Gedanken daran, dass man mit seinem Tun irgendetwas erreichen will, das Gehen ist einfach Selbstzweck. Und irgendwann merkt man, wie frei man im Grunde beim Gehen oder beim Wandern sein kann, wie viel man zumindest für die Dauer der Wanderung an unnötigem Gedankenballast beiseitelegen kann.
Selbstredend kommt das alles am besten zur Geltung, wenn ein paar banale grundsätzliche Voraussetzungen gegeben sind. Kein Zeitdruck, der einen vorwärtstreibt, zum Beispiel. Füße, die nicht nach ein paar Kilometern schon brennen, als hätte man sie mit heißem Fett eingerieben. Und so weiter.

Eine Weile führt der Weg in langgezogenen Windungen am Fluss entlang. Auf der Wasseroberfläche sprühen Lichtfunken und von allen Seiten strömt gleißende Helligkeit in den Wald. Selbst die wenigen Schatten sind nicht wirklich dunkel, es sind eher durchsichtige Schleier.
Dass man sich überall dort wohlfühlt, wo man gerade nicht ist, mag manchmal durchaus stimmen, aber hier und heute gibt es keine Aussage, die weniger zutrifft.

Jana, die den Weg schon oft gegangen ist, macht mich immer wieder auf besonders schöne Stellen aufmerksam. Oder auf kleine Dinge, die buchstäblich am Wegrand liegen. Wobei sich nicht selten die Frage stellt, ob es sich tatsächlich nur um kleine Dinge handelt.
Überall ist etwas, das man betrachten, worauf der Blick ruhen oder sogar ausruhen kann.
Da ist zum Beispiel dieses Förderwagenexponat, das sicherlich mehr als 100 Jahre alt ist. Vermutlich kam der Wagen beim Abbau des roten Sandsteins zum Einsatz, der im Odenwald und im Neckartal eine Tradition hat, die bis weit in die vorindustrielle Zeit zurückreicht.
An einer andere Stelle schneidet plötzlich eine Kerbe tief in die steil ansteigende Böschung oberhalb des Pfades hinein und teilt sie in zwei Hälften. Von Moos überwucherte Baumwurzeln leuchten samtgrün aus den Waldschatten hervor.
Die Bäume und auch der Wald insgesamt scheinen ganz ruhig zu schlafen in der Nachmittagsstille.

Irgendwann führt der Pfad ganz nahe ans Ufer heran. Nur noch eine schmale, flache Böschung und ein paar weit wie Straßenlaternen auseinanderstehende Bäume, dann kommt schon das Wasser.
Später rücken die Bäume enger zusammen und man kann zwischen ihnen hindurchschauen wie durch einen Fensterrahmen.
Die Schatten des Nachmittags klettern immer weiter die Hügel hinauf. Mehr und mehr zieht sich das Sonnenlicht aus dem Wald zurück und es wird allmählich kühl wie in einem Keller. Außerhalb des Waldes brennt die Sonne aber immer noch die Baumspitzen weg, als ob schon Hochsommer wäre.

Wie von Beginn an haben wir auch jetzt noch nicht die geringste Eile.
Legen immer mal wieder eine Rast ein.
Oder verharren einfach für ein paar Augenblicke, weil uns gerade danach ist.
Unseren ursprünglichen Plan, in Eberbach noch zum Ohrsbergturm hinaufzusteigen, müssen wir deshalb auf einen anderen Tag verschieben, denn bis wir in Eberbach ankommen werden, wird es fast schon dunkel sein.

Die Sonne sinkt im Zeitlupentempo hinter die Hügel und sie nimmt die Wärme mit sich.
Eine ganz eigene Atmosphäre stellt sich ein, eine Mischung aus idyllischer Abgeschiedenheit, Flussromantik und einer Dämmerstille, die keine vollkommene Stille ist, bei der die Geräusche aber so gedämpft klingen, dass sie nur irgendwo in der Ferne über den Wiesen zu schweben scheinen.

Die Landschaft nimmt jetzt die Farben des hereinbrechenden Abends an. Die Schatten breiten sich aus, das Tiefseeblau des Himmels verblasst immer mehr.
Wir laufen mittlerweile wieder über Asphalt.
Links der Neckar, rechts Wiesen und von Zeit zu Zeit eine Pferdekoppel.
Von weitem sehen wir bereits Pleutersbach vor uns mit seinen in die Hügel hineingewürfelten Häusern. Aus der Entfernung wirkt es so klein, als könnte ich es einfach in meiner Faust verstecken.

Am Ortseingang spaltet sich der Weg in zwei Pfade auf.
Der eine führt hinauf ins Dorf, wir aber folgen dem zweiten Pfad, der unterhalb des Dorfes in unmittelbarer Nähe des Flusses verläuft.
Auf der jenseitigen Neckarseite, verborgen in den Wäldern, Igelsbach.
Jana erzählt, dass Igelsbach teilweise zu Hessen und teilweise zu Baden-Württemberg gehöre, teilweise zu Hirschhorn und teilweise zu Eberbach.

Die letzten zwei Kilometer sind im Grunde so etwas wie ein netter Abendspaziergang.
Wir sammeln noch ein bisschen Licht und schauen zu, wie über die Spiegelwelt im Wasser langsam die Schatten des Abends wachsen.
Als schließlich die ersten Häuser von Eberbach auftauchen, ist die Sonne gerade dabei, sich endgültig zu verabschieden.

 

 

Noch eine Märztour:

Tour 55 Neckargerach – Margarethenschlucht – Eberbach

Es ist eine jener Touren, die nicht zu Ende sind, wenn

man den letzten Schritt getan hat.

Eine der Touren, bei denen man eine ganze Lagerhalle

mit schönen Eindrücken füllen könnte und bei denen

noch lange danach immer wieder Bilder und zu Worten

gewordene Bilder vor dem inneren Auge erstehen.

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6 Replies to “TOUR 62 – VON HIRSCHHORN NACH EBERBACH”

  1. Diese Flusspfade kenne ich zum Beispiel vom Rhein, aber auch von anderen Flüssen. Wenn sie nicht gerade zu schmal sind, dann eignen sie sich sehr gut für eine Wanderung, die nicht zu anstrengend sein soll. Zu sehen bekommt man da eigentlich auch immer was. Es muss ja nicht immer Wald sein.
    Schöne Schilderung wieder. Wie lang war die Strecke insgesamt?

    Gruß, Sylban

    1. Am Rhein direkt bin ich auch schon gewandert, und zwar zwischen Bacharach und Bad Salzig, kenne auch den Abschnitt zwischen Köln und Bonn von früheren Radtouren. Der Rhein ist natürlich immer eine Option, aber für die nächste Zeit sind eher Neckar und Mosel geplant, soweit es Flusswanderungen betrifft.
      Die Tour zwischen Hirschhorn und Eberbach war reines Genusswandern und alles in allem vielleicht 15 Kilometer lang. Eigentlich kann ich so ziemlich jeden Odenwaldabschnitt des Neckars empfehlen. Alternativ kann man natürlich auch den Neckarsteig und andere Wanderwege wählen, die führen dann aber durchs Gelände.:-)

      Beste Grüße
      Torsten

  2. Lieber Torsten, wenn ich deine wunderbare Beschreibung lese, weiß ich einmal mehr, warum ich genau diese Strecke so mag. Wir haben ja schon einige gemeinsame Wanderungen unternommen, diese zählt für mich mit zu den schönsten. Es freut mich jedes Mal, wenn ich dir meine Gegend zeigen kann und du dann meine Begeisterung teilst. Das Gehen entlang eines Flusses ist einfach immer was Besonderes. Die Krönung war für mich unser Hineinwandern in dieses tolle Abendlicht, das den Hügeln und dem Neckar einen goldenen Anstrich verpasste. Was hat dir am besten gefallen?
    Nun warten weitere Neckarabschnitte auf uns – ich freue mich schon!

    Liebe Grüße
    Jana

    1. Liebe Jana,
      vielen Dank für deinen schönen Kommentar.:-)
      Ganz schwer zu sagen, was mir am besten gefallen hat. Vermutlich aber die Blicke auf den Neckar ab dem Zeitpunkt, als wir uns im Wald befunden haben. Der Neckar ist ja noch immer eine recht befahrene Schifffahrtsstraße, aber trotzdem wirkte das manchmal wie eine richtige kleine Flusswildnis. Die frühlingshafte Atmosphäre setzte das Ganze natürlich erst so richtig in Szene.
      Wir haben uns auf jeden Fall genau die richtige Strecke für diesen Tag ausgesucht. Mal sehen, was uns bei den Neckarabschnitten erwartet, die noch vor uns liegen.

      Liebe Grüße
      Torsten

  3. Nach längerer Zeit mal wieder hier. Ein immer noch wirklich außergewöhnliches Blog, das muss ich sagen. Die Texte sind seit meinem letzten Besuch länger und sprachlich noch intensiver geworden. Ich teile den Eindruck einiger Kommentare, dass du auch aus Banalem eine Menge herauszuholen verstehst. Bis zum nächsten Mal.

    Fred 1

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