TOUR 103 – VON WETZLAR NACH BRAUNFELS

Wir behalten viele Orte in Erinnerung, aber oft verlieren sich mit der Zeit die meisten Details. Wir erinnern uns daran, ohne überhaupt noch eine richtige Vorstellung davon zu haben. Wir wissen, dass wir da und da gewesen sind, wir wissen, dass wir irgendwann einmal ein lebendiges Bild vor Augen hatten, aber viel mehr als eine Traumwelt, von der wir nicht so recht einschätzen können, ob sie real ist oder nicht, ist es nicht mehr.
Mit dem Beginn des Wandertagebuches hat sich bei mir dieser schleichende, aber unaufhaltsame Prozess der sich verflüchtigenden und verschwindenden Erinnerungen abgeschwächt. Ich kann zwar nicht behaupten, dass mir der Name jedes einzelnen Dorfes gegenwärtig ist, das ich in den letzten Jahren durchwandert habe oder in dessen Nähe ich vorbeigelaufen bin, auf jeden Fall aber sind eine Menge Orte, die normalerweise längst an die Peripherie meiner Erinnerung gerückt wären, noch so präsent, als hätte ich sie letzte Woche besucht und nicht vor zwei oder drei Jahren.

Unsere erste Etappe auf dem Lahnwanderweg liegt mittlerweile mehr als zwei Jahre zurück. Von der Frage mal abgesehen, wie es sein kann, dass zwei Jahre so rasch vergehen, als hätte man nur eben mal kurz die Augen geschlossen, gab es auf unseren bisherigen drei Wanderungen mehr als genug Orte, an die Jana und ich uns sehr gut und sehr gerne erinnern.
Jede einzelne Etappe war ein besonderes Erlebnis.
Und zwar nicht erst im Rückblick, sondern bereits auf den allerersten Kilometern der ersten Wanderung war da diese stille Faszination angesichts der schönen, ruhigen Pfade.

Ich erinnere mich des hohen, weiten Himmels auf der Etappe von Balduinstein nach Laurenburg, der zum Abend hin immer grauer wurde, an diesen einzelnen Baum irgendwo in einem See aus Gras, an den Blick auf die Lahn hinab von hoch oben, auch die fernen, hellen Horizonte am zweiten Tag sind noch fest in meinem Gedächtnis verankert, ebenso wie der nicht ganz unkomplizierte Abstieg am Ende nach Obernhof hinunter. Auch an diesem zweiten Tag war es schon Abend, als wir die Tour abschlossen, die leichten Flatterschatten des Nachmittags waren verschwunden, die Hügel ringsum, eine Stunde zuvor noch in der hellen Sonne schimmernd, waren plötzlich dunkel wie Pottwalrücken.
Unsere dritte Etappe auf dem Lahnwanderweg von Oberhof nach Dausenau knapp vier Monate später war dann mit all der Abwechslung, die sie bereithielt, sogar diejenige, die uns am besten gefiel.

Die Messlatte für die heutige Wanderung liegt also nicht gerade niedrig.
Anfangs – auf den ersten zwei, drei Kilometern – wird die Tour durch mehr oder weniger laute Stadtstraßen verlaufen, so viel ist schon mal sicher, denn unser Ausgangspunkt ist die Innenstadt von Wetzlar.
Danach lassen wir uns überraschen.

Unser Weg führt zunächst über die Lahn hinüber und dann in die Altstadt zum Eisenmarkt. Der Tag atmet noch ganz langsam, es ist schließlich recht früh am Morgen, weit vor Mittag.
Die Straßen und Gassen sind zunächst beinahe leer, was sich jedoch schlagartig ändert, sobald wir die Altstadt hinter uns haben.

In Wetzlar hat Johann Wolfgang von Goethe einen sehr kurzen, aber für ihn selbst wie auch für die deutsche Literatur bedeutsamen Lebensabschnitt verbracht.
Hier traf er auf die Personen, die dann zu Protagonisten seines Bestsellers „Die Leiden des jungen Werthers“ wurden, auf Charlotte Buff („Lotte“) und auf Karl Wilhelm Jerusalem („Werther“), wobei – nebenbei erwähnt – die realen Personen nicht eins zu eins mit den Romanfiguren gleichgesetzt werden dürfen.

Nahezu 250 Jahre sind seitdem ins Land gegangen.
Bei Licht betrachtet eine Zeitspanne, welche die menschliche Vorstellungskraft zwar noch nicht übersteigt, aber doch schon ziemlich fordert und in der die allermeisten Gegebenheiten sich bis zur Unkenntlichkeit verändert haben.
Als Goethe 1772 nach Wetzlar kam, fand er die Stadt wegen der nicht gepflasterten Straßen und dem Kot überall „grauenhaft“ und nicht zuletzt deshalb blieb Wetzlar nur eine kurze Episode in seinem Leben.
Das Haus, in dem er damals gewohnt hat, ist noch da, es steht nicht weit von dem eben erwähnten Eisenmarkt entfernt am Kornmarkt.

Nach und nach verebbt der Stadtlärm und die Wanderung wird ruhiger.
Ein erster Anstieg durch ein dunkles Wäldchen, der aber im Grunde schon vorbei ist, kaum dass er so richtig begonnen hat.
Die Burgruine Kalsmunt, die uns oben erwartet, ist kein besonderer Blickfang und weit in die Ferne kann man auch nicht schauen, denn die Sicht wird von hohen Bäumen versperrt.
Jana läuft schon weiter, während ich versuche, irgendwie doch noch einen halbwegs akzeptablen Fernblick zu erhaschen, aber das kann ich vergessen.
Interessant ist die Historie der Burg aber allemal, wenngleich es zu ihren Anfängen so gut wie keine unumstößlichen Erkenntnisse gibt.
Es existieren Vermutungen, dass Karl der Große der Erbauer gewesen ist, aber dass die Burggründung in die Zeit Friedrich Barbarossas fällt – also immerhin dreieinhalb Jahrhunderte später -, ist mindestens ebenso plausibel.

Eine Altstadt mit literaturhistorischem Bezug, eine Burgruine – für den Anfang ist das gar nicht so schlecht, aber das Besondere dieser Wanderung, das, was uns über den Tag hinaus im Gedächtnis bleiben wird, das beginnt nicht in der Stadt und nicht bei der Burgruine, sondern es beginnt mit dem ersten Fernblick, der diese Bezeichnung auch verdient.

Wir stehen auf einer kleinen Anhöhe und können bis zu einem weit entfernten Horizont schauen.
Im Vordergrund ein paar Häuser, im Hintergrund Hügelwellen, dazwischen Luft und Himmel.
Und irgendwie spüren wir gleich, dass das, was Fernblicke betrifft, erst der Auftakt ist.

Der Weg führt nach links in ein Wäldchen hinein. Unsere Schritte sind auf der weichen Erde beinahe unhörbar.
Alles ist im Lot.
War es von Beginn an und ist es jetzt erst recht.
Nach dem Wäldchen folgt ein Wiesenpfad.
Links hohes Gras, rechts eine Koppel, später wandern wir dann am Waldrand entlang.
Im Grunde ist alles so wie erwartet und das ist diesmal das Gute.
Es zeigt sich mal wieder, dass es nichts Großartiges braucht, um glücklich zu sein.
Zu diesem Gedanken hat mich nicht erst das Gehen gebracht, der war schon vorher da. Aber doch eher irgendwo am Rande meines Vorstellungsvermögens und nicht in Form einer fast schon selbstverständlichen Wahrheit, wie es mittlerweile der Fall ist.

Erste Rast.
Ein vorbeikommender Spaziergänger erklärt uns, dass die Gegend gar nicht so toll sei, vor allem nicht, wenn man sie jeden Tag zu sehen bekomme.
Mag sein, dass man den Blick für vieles verliert, wenn man es zu oft um sich hat. Wahrscheinlich ist das wie mit einem Song, den man so oft hört, bis man seiner überdrüssig wird.
Jana und mir kann das aber egal sein, denn wir sind zum ersten Mal hier und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden wir nicht mehr so oft hierherkommen, dass wir die Gegend irgendwann satthaben.

Die Fernblicke auf dieser Etappe sind wunderbar.
Immer wieder verharren wir für ein paar Augenblicke oder sogar einige Minuten, um den Blick über die Wiesen und die flachwelligen Hügel schweifen zu lassen.
Aus dem hellen, warmen Morgen ist mittlerweile ein heller, warmer Mittag geworden.
Man hat eine Ahnung von Spätsommer, wenn nicht von Herbst, obwohl erst Anfang August ist. Von den vielen grauen Tagen dieses Sommers ist heute nichts zu spüren.

Es passt jetzt alles – das Wetter, die Landschaft, der Weg.
Wir laufen einen daumennagelschmalen Pfad entlang, ringsum alles grün, die Bäume erstaunlich dicht belaubt, manchmal fast dickichthaft, ab und zu ein Windstoß, der aber gerade mal ein kurzes Blätterrascheln bewirkt, und als wäre das alles nicht bereits schön genug, mündet der Pfad auf eine plateauartige Anhöhe, wo wir nach allen Richtungen völlig freie Sicht haben.
Vor uns ein aus Wanderersicht phantastisch anmutender Weg, ganz flach, nahezu schnurgerade, gehalten nur von der Luft, wie es aussieht.
Spätestens jetzt ist diese Etappe ein ähnlich überwältigendes Erlebnis wie die anderen uns bekannten Etappen auf dem Lahnwanderweg.

Zweite Rast.
Nahebei Wiesen an sanft abfallenden Hängen, zwischen denen beinahe unsichtbar Wege verlaufen.
Der Himmel wirkt sehr flach und dadurch, dass wir nach allen Seiten freie Sicht haben, sieht die Landschaft aus wie in die Länge gezogen.
Es fühlt sich an, als würden wir mitten zwischen den Wolken sitzen.
Die Hügel in südlicher Richtung, dem Hochtaunus zu, scheinen immer höher zu werden, je weiter sie entfernt sind. Später können wir von einer Stelle aus sogar die höchste Erhebung des Taunus, den fast 900 Meter hohen Großen Feldberg, ausmachen.

Es wird nicht schlechter, sondern eher noch besser.
Die ganze Zeit diese sommerweite Landschaft um uns herum, die Wiesen wie gemalt, der Weg wie ein ganz ruhiger Fluss, und über uns ein heller, freundlicher Himmel.
Mit jedem Schritt öffnet die Landschaft sich noch etwas mehr, man merkt trotz allem, dass wir noch Sommer haben, auch wenn es der herbstlichste August seit Menschengedenken ist.
Wenn wir die Augen schließen würden, dann wären die Farben und die Weite immer noch spürbar.

Eine halbe Stunde, wenn nicht länger, führt der Weg wie aufgehängt in der Luft über diese Höhen hin, manchmal haben wir zu unserer Rechten Wald, später laufen wir dann zwischen schon herbstgelben Feldern hindurch.
Wir sind restlos begeistert.

Zeitläufte.
Jahrhundertelang wurde im Lahn-Dill-Gebiet Eisenerz abgebaut.
Um Wetzlar herum gab es Mitte des 19. Jahrhunderts hunderte von Gruben, seit Beginn der 1850er Jahre war die Lahn bis Wetzlar schiffbar und die Nachfrage nach Eisenerz stieg immer weiter.
Um die Wende zum 20. Jahrhundert herum jedoch war die Eisenerzeugung für die Hüttenwerke nicht mehr rentabel und es erfolgte eine Umorientierung zugunsten von Eisenverarbeitung und Eisenguss.
Die Geschichte des Eisenerzbergbaus nicht nur in der Lahn-Dill-Region, sondern in Hessen überhaupt, endete schließlich im Jahr 1983 mit der Schließung der Grube Fortuna.
Die am Wetzlarer Eisenmarkt startende und nach 26 Kilometern in Braunfels endende Bergmannsroute ist einerseits eine Reminiszenz an die regionale Bergbauvergangenheit, andererseits stellt sie eine Alternative zu der Route dar, für die Jana und ich uns entschieden haben.

Es ist mittlerweile früher Nachmittag.
Ganz plötzlich sieht es nach Regen aus.
Der Himmel wird immer dunkler und aus dem nett anzusehenden Wolkenflaum werden bedrohliche, graue Wolkenriffe.
Weit entfernt hören wir vereinzelt Donner.

Eine Weile scheint es jedoch so, also ob wir Glück haben und vom Regen verschont bleiben könnten. Zu unserer Überraschung kämpft sich sogar die Sonne wieder hervor.
Wir laufen einen Wiesenpfad entlang, dann durch eher lichten Wald.
Ein paar Radfahrer begegnen uns und aus der Ferne sehen wir ab und zu Spaziergänger, die meistens genauso rasch wieder verschwinden, wie sie in Erscheinung getreten sind.
Die Ortschaften ringsum haben Namen wie Laufdorf, Bonbaden oder Schwalbach und gehören sämtlich zum Lahn-Dill-Kreis.
Überall hier in der Gegend verlaufen Wanderwege, kein Wunder, wenn man die wunderbare Landschaft betrachtet.

Hinter Solms beginnt es dann doch zu regnen.
Im Handumdrehen ist es finster wie in einer Höhle.
Im ersten Moment sieht es so aus, als würde der Rest unserer Wanderung im Regen stattfinden, vielleicht noch mit einem Gewitter als Zugabe.
Aber wir haben kaum die Regencapes ausgepackt, da lässt der Regen schon wieder nach und keine zwei Minuten später ist die Sonne wieder da.
Aber es ist klar, dass uns jetzt nur eine ganz kurze Galgenfrist bleibt, bis es richtig losgeht mit dem Unwetter. Die Rückkehr der Sonne ist auch tatsächlich nur ein Intermezzo von wenigen Minuten, danach nimmt der Himmel die Farbe eines verrottenden Autowracks an.

Vor Braunfels steigt der Pfad dann doch noch einmal an, zum ersten Mal seit dem Pfad hinauf zum Kalsmunt.
Die Wolken werden immer dichter.
Kaum haben wir die ersten Häuser passiert, setzt der Regen wieder ein, und diesmal kommen wir nicht so glimpflich davon. Zwanzig Minuten lang trommelt und prasselt es auf uns herab und ein böiger Wind treibt den Regen mal uns entgegen, mal von uns weg.
Eine Weile bemühen wir uns erfolglos, die Unbilden des Wetters zu ignorieren, aber schließlich kapitulieren wir und warten das Ende des Schauers unter einem dichtbelaubten Baum am Straßenrand ab.

Braunfels ist durchaus so etwas wie ein Touristenort, in kleinem Rahmen selbstverständlich.
Das Schloss oberhalb des Ortes ist imposant, aus der Ferne betrachtet scheint es eher dem Himmel zugehörig als der Erde. Auf Schwarzweißfotos aus Zeiten, die man kaum noch begreifen kann, so lange liegen sie zurück, wirkt es wie eine entrückte Feenresidenz.

Die Altstadt unmittelbar unterhalb des Schlosses ist das, was gerne mit dem Attribut malerisch bedacht wird.
Zwanzig Minuten flanieren wir hin und her, während der Himmel über uns immer mehr aufklart, bis auch wirklich der allerletzte Rest von Grau verschwunden ist.
Auf dem Straßenpflaster hält sich die Nässe allerdings noch eine ganze Weile.
Es ist angenehm warm und hell.
Beinahe wie in der späten Morgendämmerung eines Sommertages nach einer verregneten Nacht.

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