TOUR 72 – BECKINGER SAARBLICKE & LITERMONT-SAGENWEG

Wenn man so will, beginnt der Prolog der heutigen

Wanderung drei Jahre zuvor an einem dieser win-

digen, sonnigen Oktobertage, die noch beinahe

ebenso viel vom Sommer haben wie vom Herbst,

und die man umso mehr bis zur letzten halbwegs

hellen Minute genießen will, weil es nicht mehr

lange dauert, bis die nebelgrauen Krähentage Ein-

zug halten.

Er beginnt auf einem schmalen Bahnsteig, der aus

dem Nichts zu kommen und ins Nichts zu füh-

ren scheint und bei dem man schon im allerersten

Moment den Eindruck hat, dass man nur ein paar

wenige Schritte weit gehen muss, um in eine ent-

legene Waldidylle zu gelangen, in der es nichts

gibt außer dem Hämmern eines Spechts, Baum-

rauschen und Geraschel im Unterholz.

 

Vor drei Jahren bestand die Tour

allerdings nur aus den rund 12

Kilometern der „Beckinger Saarblicke“,

während ich heute nach ungefähr sechs

Kilometern auf den nicht weit entfernten

Litermont-Sagenweg zu wechseln gedenke,

 

so dass am Ende alles in allem gut 30 Kilometer

zusammenkommen dürften.

 

Damals sah der Beginn der Tour ungefähr so aus:

Ich lief auf einem schmalen Trampelpfad an die-

ser verfallenden, alten, von Goldrutenstauden um-

wucherten Güterhalle vorüber, in die man fast hi-

neinfällt, wenn man aus dem Zug auf den Beckinger

Bahnsteig tritt, und kaum war ich um die Ecke

gebogen, befand ich mich auch schon im Wald

und stieg ich weiß nicht wie viele Treppenstufen

hinauf, an deren Ende der Weg dann an einem

schwarz aus der Erde hervorwachsenden Bunker

vorüber beinahe sofort wieder bergab führte.

 

Heute aber gehe ich gerade einmal fünfzig Schritte weit –

wenn überhaupt -, dann stehe ich vor einer Ab-

sperrung, die den Eindruck erweckt, als existiere

sie bereits seit dem Perm und als würde sie auch

noch für die nächsten hundert Millionen Jahre be-

stehen, und statt die erwähnten Stufen hinaufzu-

steigen, bleibt mir nichts übrig, als mich nach rechts

zu wenden und über einen abgenutzten Asphaltweg

zu trotten.

 

Zweihundert Meter weiter dann doch der erste An-

stieg – nicht über eine Treppe, sondern lassoknoten-

ähnliche Windungen hinauf.

Am Wegrand Farnstauden und Gestrüpp.

Die Bäume sind so dicht belaubt, dass trotz des hel-

len Sommertages kaum Licht durchs Geäst dringt.

Nur ab und zu schafft es der Ausläufer eines ver-

irrten Sonnenstrahls bis fast zum Boden.

 

Nicht lange und ich stoße auf jenen Bunker, der Teil

des von den Nazis errichteten Westwall-Bunkersys-

tems gewesen ist.

Was bedeutet, dass ich nicht länger irgendeiner Umlei-

tung folge, sondern jetzt endlich auf der mir bekann-

ten Route der Saarblicke unterwegs bin.

Wenig später laufe ich über eine Achterbahn von Wan-

derpfad erst in die mir aus irgendeinem Grund von da-

mals noch deutlich im Gedächtnis verankerte Senke

hinunter, um dann danach aber sofort wieder nach

oben zu steigen.

Derweil löst sich das Schattendunkel zusehends auf und

weicht flirrendem Sonnenlicht.

 

Noch ein Bunker.

Ein graues Betonungetüm, halb ins Erdreich einge-

sunken.

Ursprünglich gab es mal sage und schreibe mehr als 150

davon allein in der Umgebung von Beckingen.

Aus den Augenwinkeln bemerke ich eine Bewegung am

linken Rand des Bunkers.

Im ersten Moment sieht es aus, als würde sich etwas

aus dem dichten Laub hervorwühlen, aber es ist

nur ein Windstoß, der ein paar Blätter aufgewirbelt hat.

 

Ein paar Meter weiter schon wieder eine Absperrung,

wie beim ersten Mal auch wegen Windbruchs.

Ich trabe zum Wald hinaus und ge-

lange auf einen asphaltierten Weg, an

den ich mich ebenfalls noch gut erinnere.

Windstille.

Ein Himmel, nicht blau, nicht grau, nicht weiß,

aber von allem etwas.

Wiesen, die Richtung Horizont zehn Zentimeter

von den Wolken entfernt zu sein scheinen.

 

Mein Blick gleitet von einer Seite zur

andern, den Wegrand entlang, verliert sich

in der Landschaft.

Nichts rührt sich.

Es ist, als würde ich mir einen Film anschauen und je-

mand hätte das Bild angehalten.

 

Kurz nachdem ich Kilometer eins passiert habe, endet

der Asphalt und wird von einem beschaulichen Wiesen-

pfad abgelöst, der zwischen Hecken, Büschen und

Bäumen den Hügel hinaufführt.

Manchmal begrenzt auch struppiges, dürres, stroh-

artiges Gras den Pfad.

Immer noch regt sich kein Lüftchen.

Aber es wird stetig wärmer und heller.

Letzteres ist allein schon deshalb von Vorteil, weil

sich von nun an immer wieder mal der eine oder an-

dere Fernblick bietet.

 

Ich erkenne Dutzende von Hügelsträngen, je weiter

entfernt, desto blasser und desto weniger wirklich.

Ganz weit hinten dann nur noch Himmel.

Von weiter oben sieht das Ganze um einiges relief-

artiger aus, so, als hätte jemand einzelne Teile der

Landschaft mit einem Schnitzmesser bearbeitet. Man

muss nicht einmal allzu genau hinschauen, um die

topografischen Details voneinander unterscheiden

zu können.

 

Im Augenblick kommt es mir bei den Fernblicken aber

nicht allzu sehr auf Einzelheiten an. Es genügt mir,

den Blick schweifen und das, was ich sehe, auf mich

wirken zu lassen.

Die feste Erde unter meinen Füßen zu spüren, den

allmählich aufkommenden leichten Wind zu registrie-

ren, und so weiter.

 

Von mehreren Punkten aus sieht man nicht allzu

weit entfernt Rauch aus den Hochöfen der Dillinger

Hütte aufsteigen.

Der helle Streifen weiter rechts ist die Saar, die von

hier oben ziemlich schmal wirkt. Gut zwanzig Kilo-

meter flussabwärts bei der Saarschleife sieht das

schon ein wenig anders aus.

 

Irgendwie ist das alles aber immer noch Prolog.

Einfach deshalb, weil ich bis jetzt gerade mal zwei

Kilometer gewandert bin, und zwar auf einer Strecke,

die ich bereits kenne.

Kurz hinter Kilometer zwei stoße ich auf den histori-

schen Kohlemeiler, bei dem ich bei der Bietzerberger-

Tour im Winter des vergangenen Jahres darüber nach-

gedacht habe, ob ich auf dem Bietzerberger weitergehen

oder auf die Beckinger Saarblicke wechseln soll.

Damals war es ab dem frühen Nachmittag so düster wie

in einem Eisenbahntunnel.

Heute dagegen blüht und leuchtet überall der Sommer.

Damals: Bis kurz nach Mittag ein stürmischer, böiger

Wind, so dass ich mir mitunter vorkam wie in einem

Paddelboot bei schwerer See.

Heute: Ab und zu ein sanfter Luftzug, kaum stark ge-

nug, um die Grashalme zu biegen.

 

Von dem Kohlenmeiler aus wandere ich weiter zum

Fischerberghaus hinauf, einem Ausflugslokal, und

dahinter habe ich endlich das Gefühl, den Prolog ab-

geschlossen zu haben und richtig mit der Wanderung

zu beginnen.

Da ist dieser von den Wurzel-

spitzen bis zu den Baumwipfeln mit

intensivem Licht angefüllte Wald, durch-

zogen von sich ständig auflösenden und

wieder erneuernden Schattenlinien.

Da sind die stillen und dauerhaft in der

Stille verharrenden Waldwege und die

fußbreiten Pfade an Wiesen und Weiden

vorüber.

Da sind diese weit in einer unbestimmten

Ferne sich verlierenden Waldgürtel, die

wellenförmigen kleinen Anstiege, auf

deren Spitze man zuläuft wie auf den

Scheitelpunkt einer erstarrten Bran-

dungswelle.

Und da ist diese Linie im Ungefähren

irgendwo zwischen mir und dem Rande

meines Blickfeldes – diesseits davon

Variationen von Grün, jenseits davon

optisches Rauschen.

 

Allzu weit bin ich jetzt nicht mehr von

der Stelle entfernt, an der ich die Beckinger Saar-

blicke verlassen und mich auf den zweiten Wander-

weg des Tages – den Litermont-Sagenweg – begeben

will.

Ich wandere an einer Koppel vorüber, und zum

ersten Mal an diesem Tag gibt es so etwas wie spür-

baren Wind.

Kurz darauf zwängt sich der Pfad zwischen streich-

holzdünnen Bäumen hindurch und zwei Herzschläge

später wird es mit einem Mal dunkel wie im Innern

einer Höhle.

Nach ein paar Sekunden allerdings merke ich, dass es

zwar nicht gerade hell, aber doch nicht ganz so dunkel

ist, wie ich im ersten Moment angenommen habe.

 

Der Pfad führt ziemlich steil bergab.

Gut so, denn so komme ich ziemlich rasch voran und

bin hoffentlich sehr bald wieder heraus aus diesem Wald.

Denn allzu erbaulich ist es nicht, was ich zu sehen be-

komme.

Überall liegen abgebrochene, zerfetzte Äste herum,

geborstene und umgeknickte Baumstämme ragen in

den Pfad herein oder wölben sich wie kleine Brücken von

einem Rand der schluchtähnlichen Hänge zum ande-

ren.

Nach einem gut instandgehaltenen Wanderweg sieht

das nicht gerade aus.

 

Erst als ich die Passage ohnehin schon hinter mir habe,

wird mir klar, dass sie gesperrt ist. Nur dass sich die

Absperrung und der entsprechende Warnhinweis le-

diglich am unteren Ende der Schlucht befinden, wo

sie mir nichts nutzen, wenn ich aus der entgegenge-

setzten Richtung komme.

Sieben Kilometer und schon drei gesperrte Strecken-

abschnitte. Da darf ich ja gespannt sein, was mich in

dieser Hinsicht auf dem Litermont-Sagenweg erwar-

tet.

 

Es geht auf zwölf Uhr zu.

Mittlerweile ist es so warm, wie man es an einem Tag

im August erwarten kann.

Das Licht scheint dünn, aber fast grell durch das Blatt-

werk hindurch.

Gut möglich, dass es am Nachmittag noch richtig

heiß werden wird, aber das ist immer noch besser

als irgend so ein trübseliger, finsterer Tag, an dem es

keine Hoffnung auf den kleinsten Lichtstrahl gibt

und alles aussieht wie der Drehort für einen dysto-

pischen Alienfilm.

Auch dann kann das Gehen selbstredend funktionieren.

Es funktioniert im Grunde immer, solange man selbst

bereit ist, sich auf die Dinge einzulassen.

 

Nach ziemlich genau der Hälfte der Beckinger Saar-

blicke mache ich mich auf in Richtung Litermont-

Sagenweg.

Dazu muss ich allerdings gut einen Kilometer an

einer Straße entlangmarschieren, auf der die Autos

dahinrasen, als wären die Fahrer auf der Flucht vor

einer angreifenden Armee von Untoten.

Der Seitenstreifen, auf dem ich mich bewege, ist zwar

recht breit, aber wann immer es geht, halte ich mich

noch weiter links, auch wenn sich da meine Füße

durch alle möglichen Bodengewächse kämpfen müs-

sen.

Ich gehe so rasch wie nur möglich, und als ich es end-

lich überstanden habe, bleibe ich erst einmal ein paar Se-

kunden am Waldrand stehen und atme kräftig durch.

 

Fünf Minuten später ist das unangenehme Intermezzo

schon wieder vergessen.

Um mich herum tiefe Stille, die sich nach und nach

in Blattrauschen, Vogelgezwitscher und menschliche Stim-

men auflöst.

Ein paar hundert Meter laufe ich

einen breiten Waldweg entlang, aber

mit dem ersten Schritt auf dem Sagen-

weg wird daraus so etwas wie ein

kalligraphisches Kunstwerk.

Verschnörkelte schmale Pfade, an

vielen Stellen von Wurzeln übersät,

immer wieder kleine Kurven und

Schleifen.

Grünes Licht überall, mal hell, mal dunkel,

manchmal hüllt es die Baumstämme ein

bis hinab zum Erdreich, dann wieder

weht es für Sekunden über die Baum-

wipfel davon wie Staub, den der Wind

mit sich trägt.

Der Boden ist trocken, aber trotzdem ganz

weich, wie nach einem länger zurück-

liegenden Regen.

Kniehoher Farn am Wegrand.

Darüber oft ein erstaunlich dichtes Blätter-

dach.

Dadurch wirkt der Wald fast wie ein

geschlossener Raum.

 

Die erste halbe Stunde auf dem Litermont-Sagenweg

könnte großartiger kaum sein.

Danach wird es dann allerdings erst einmal um einiges

profaner.

Wieder so eine Absperrung, diesmal sogar mit dem Hin-

weis Achtung Lebensgefahr.

Ich laufe einen riesigen Halbkreis, aber danach bin ich

immer noch nicht wieder zurück auf dem Sagenweg, son-

dern muss noch eine ganze Weile länger den weißen Schil-

dern mit dem Umleitungspfeil folgen.

 

Der asphaltierte Feldweg, auf dem

ich irgendwann lande, hat etwas von End-

station totes Gleis.

Weite Felder, ein wolkenverhangener,

tiefer Himmel, und eben dieser Asphaltweg.

Allzu sehr überrascht wäre ich nicht, wenn

 

irgendwann mitten auf der Straße ein Prellbock mit

der Aufschrift Kein Durchgang stehen würde.

Kurz darauf entdecke ich allerdings, zwischen Bäumen

versteckt, ein einsam stehendes Haus.

Ziemlich genau dort endet der Asphaltweg und die nächs-

ten zweihundert oder dreihundert Meter wandere ich

über eine holprige Wiese, die eine ganz willkommene

Abwechslung darstellt.

Viel wichtiger aber – ich bin endlich zurück auf dem Sagen-

weg.

 

Und kaum ist das der Fall, ist es vorbei mit Waldwegen,

die so breit sind wie Autobahnen, und mit Toter-Gleis-

Atmosphäre.

Ich wandere durch ein Prachtexemplar von Forst, in dem

die Bäume mal nicht so weit auseinanderstehen wie die

auseinandergebrochenen Pfeiler einer Tempelruine.

Im Innern des Waldes sieht es aus wie in einem er-

leuchteten Aquarium.

 

Es dauert auch nicht lange und schon laufe ich wie-

der einen dieser malerischen Pfade entlang, bei denen

man wie von selbst vorankommt.

Von Atemzug zu Atemzug wird es jetzt heller.

Binnen Minuten ist so ziemlich jeder farblose Flecken

vernichtet.

Aus Blassgrün wird Zitronengrün, aus Fahlgelb irgend-

etwas Leuchtendes.

Für einen Augenblick stelle ich mir das alles in ver-

schwenderischem Herbstlicht vor, oder vielmehr, es ist

einfach ein Bild, das für Sekunden vor meinem inneren

Auge entsteht und sich beinahe sofort wieder in Nichts

auflöst.

 

Mit einem Mal fällt mir auf, dass es

so geräuschlos ist, als hätte jemand den

Lautstärkeregler auf Null gedreht.

Ich wandere in leichte, beinahe durchsichtige

Schatten hinein.

Durchschreite eine Mulde, die kaum breiter

ist als ein Bachbett.

Trage die Stille dieses Augenblicks weiter

mit mir.

Am Wegrand eine kleine Schutzhütte,

eigentlich wie geschaffen für eine Rast, aber

mir steht im Moment der Sinn nicht da-

nach, eine Pause einzulegen.

 

Der Pfad steigt wieder ganz leicht an,

wird jedoch stetig steiler und führt in

eine Zwischenwelt wuchernder Farne

hinein.

Ich wandere über die Kuppe des knapp

400 Meter hohen Wehlenberges hinweg,

und nachdem ich ein Dickicht aus

Büschen und Bäumen durchquert habe,

stehe ich ziemlich unvermittelt auf einer

Straße, die wie mit dem Messer geschnitten den

Wald durchschneidet.

Links eine Gaststätte mit ein paar parkenden Autos.

Am gegenüberliegenden Straßenrand eine niedrige,

fast im Gesträuch verschwindende grüne Ortstafel

mit der Aufschrift „Litermont“.

 

Ich überlege kurz, wie da wohl die genauen Zusammen-

hänge sind.

Eine eigenständige Gemeinde Litermont existiert nicht,

das zeigt ja schon die grüne Ortstafel. Wahrscheinlich

gehören die Gaststätte und die Straße zur Gemarkung

Nalbach.

Ebenso wie der auf etwas über 400 Meter ansteigende

Höhenzug Litermont, nach dem der Litermont-Sagenweg

und auch die benachbarte Litermont-Gipfeltour benannt

sind.

Der Litermontgipfel ist nur ein paar hundert Meter von

hier entfernt und ich könnte eigentlich einen kleinen

Abstecher dorthin machen, verzichte aber darauf.

 

Ich halte mich aber jetzt nicht länger mit Über-

legungen auf und setze meinen Weg fort.

Zwei Wanderer trotten ein paar Meter weiter über die

Straße und verschwinden auf dem Pfad, auf dem ich

hierhergekommen bin.

Es sind die beiden einzigen Wanderer, die mir auf

der gesamten Tour begegnen.

 

Mit dem ersten Schritt von der Straße

herunter bin ich wieder im Wald.

Leichter Wind, irgendwo zwischen

kaum spürbarem Luftzug und einer Art

Flüstern im Geäst.

Es ist mittlerweile ein nahezu perfekter

Hochsommertag.

Nicht zu heiß, klares, helles Licht, und

dazu ein paar vereinzelte Ingredienzen

des nahen Indian Summers.

 

Ich laufe ein paar Treppen hinauf und hinab, treibe wie

ein Ruderer in der Morgensonne ins Licht hinein, kurz

darauf aber schon wieder in ein spärliches, rätsel-

haftes Halbdunkel. Schattentüren öffnen und schließen

sich, manchmal ist über mir ein breites, grelles Stück

Himmel, manchmal scheinen sich Stämme und Ast-

werk mehrerer Bäume zu einem einzigen Organismus

zusammenzuschließen und es wird buchstäblich von

einem Schritt zum nächsten so dunkel, als würde ich

ein Kellergewölbe betreten.

 

Und während ich gehe und gehe, verändert sich mein

Denken.

Nicht spektakulär, nicht alle Dinge, die bisher Geltung

hatten, von Grund auf und für immer verändernd.

Aber eine Spur mehr Leichtigkeit ist darin, eine Spur

mehr Unbefangenheit, vielleicht auch Unvoreingenom-

menheit.

Das genügt mir schon.

 

Ich weiß gar nicht, wie oft ich inzwischen

bis auf die Spitze eines der vielen Hügel

hier ringsum hinaufgestiegen und danach

so lange wieder bergab gelaufen bin, bis

ich mich wieder in irgendeiner Senke be-

funden habe, aus der es dann natürlich

sofort wieder nach oben ging.

 

In einer dieser Senken stoße ich auf einen

Stollen des historischen Kupferbergwerkes

Düppenweiler, dessen Anfänge weit ins

18. Jahrhundert zurückreichen und das

immerhin erst nach fast 200 Jahren zu

Beginn des 1. Weltkrieges endgültig still-

gelegt wurde.

Der Stollen erlaubt so etwas wie einen

geglätteten Blick in eine Vergangenheit,

in der es normal war, 12 Stunden und länger

in einem dunklen, engen Loch schwerste

körperliche Arbeit zu verrichten, zu der

teilweise selbst Kinder herangezogen

wurden.

 

Zwanzig oder dreißig Meter bewege ich mich durch

ein von Lampen erleuchtetes, niedriges Gewölbe, in

dem es wahrscheinlich nicht einmal halb so finster und be-

engend ist wie zu den Zeiten, als hier wirklich noch nach

Kupfererzen gegraben wurde, aber den Zweck, Interesse

an der Thematik allgemein und diesem Bergwerk im

Speziellen zu wecken, den erfüllt dieser Stollen voll

und ganz.

 

Zurück im Licht, kommt mir eine halbe Minute lang alles

besonders hell vor.

Ich muss mich erst einmal orientieren.

Laufe einen kleinen Abhang hinauf bis zu einer Kapelle,

die ebenfalls zu dem Bergwerk gehört bzw. gehörte, dann

wieder zurück.

Wenn mich nicht alles täuscht, dann ist das hier der

offizielle Startpunkt des Sagenweges.

Ich selbst bin um Kilometer neun herum eingestie-

gen, habe auf dem Sagenweg also exakt die fehlen-

den neun Kilometer noch vor mir.

 

Ich steige mal wieder eine Treppe hinauf.

Die Stufen folgen unregelmäßiger aufeinander als die

Buchstaben auf mittelalterlichen Ritzinschriften, aber

sie fügen sich trotzdem ganz dekorativ in die Umge-

bung ein.

Ich wandere über eine weitere Kuppe

hinüber und danach durchstreife ich für

ein paar hundert Meter einen Wald, der

fast so etwas wie die exakte Kopie

des Abschnitts ganz zu Beginn des

Sagenwegs ist.

Wurzeladern, kleine Steine am Wegrand,

Moos, das in der Nachmittagssonne

glänzt, ein Licht wie aus anderen Sphären.

 

Auch die eine oder andere Treppe darf

natürlich nicht fehlen.

Später werden die Treppen von gewun-

denen hölzernen Stegen abgelöst, die

optisch ganz ansprechend wirken, wenn

man von den Stellen absieht, an denen

ich morsche oder zerbrochene Bretter

umkurven muss.

 

Später Nachmittag.

Eine kleine Kapelle im Nirgendwo.

Lied des Sommers.

Wiesen, Weiden, Hügel, so weit das Auge reicht.

Mein Blick wandert über den Himmel bis zur Hori-

zontlinie.

Man möchte in die Sonne hineinwandern.

Man möchte gehen, wohin die Füße einen tragen.

Die Welt scheint in alle Richtungen offenzustehen.

 

Ich trotte über eine Asphaltstraße,

wahrscheinlich einer dieser versteckten

Verbindungswege zwischen zwei Dörfern.

Einmal oder zweimal muss ich einem

entgegenkommenden Auto ausweichen,

trotzdem wirkt die Gegend kaum weniger

einsam als ein Hochmoor im Nebel.

Nur dass sie um einiges einladender

aussieht.

Nichts fehlt, nichts Wesentliches jeden-

falls.

Immer wieder lese ich, dass Wanderer so begeistert

von einem Weg oder einem Fernblick sind, dass sie

alles um sich her vergessen, aber ich zumindest will

gar nicht alles um mich herum vergessen, es gibt

nichts, was ich weniger möchte. Wenn ich alles um

mich herum vergesse, dann ist es gleichgültig, wo

ich bin.

 

Eigentlich hätte ich nichts dagegen,

auf diesem Asphaltweg noch ein bisschen

länger gemächlich dahinzurollen, aber

nach einer Weile zweigt der Sagenweg

nach links ab.

Ich überquere eine zum Glück leere

Weide, laufe über einen jener in den

Wald hineingebauten Stege, und danach

über einen wie ein Teppich unter meinen

Füßen ausgerollten Wiesenpfad.

 

Die Sonne steht nur noch eine Handbreit über den

Bäumen.

Es ist heiß, aber nicht so, dass man am liebsten den

Schatten nicht mehr verlassen würde.

Während ich das Gelände des Wilscheider Hofes über-

quere, fasse ich den Entschluss, auf die zweite Hälfte

der Beckinger Saarblicke zu verzichten und zum

Bahnhof zu marschieren.

Ich habe das Gefühl, als hätten sich für heute alle

Teile so zusammengefügt, dass nichts mehr fehlt, und

etwas Besseres kann man schließlich zum Abschluss

einer Wanderung kaum sagen.

 

Von einer nicht allzu langen Passage abgesehen, bei

der ich unmittelbar an der Landstraße entlanglaufen

muss, besteht der Rest des Sagenweges aus schönen

Waldpfaden, die das Nachmittagslicht besonders gut

in Szene setzt, dem einen oder anderen Bergrücken

und aus einsamen Wiesen, über die federleichte Som-

merwolkengebilde hinziehen.

 

Irgendwann höre ich an dem stetig anwachsenden Auto-

lärm, dass ich mich wieder der Landstraße nähere, auf

der ich vor ein paar Stunden von den Saarblicken zum

Sagenweg gelangt bin.

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als wieder daran ent-

langzumarschieren, wobei ich eher noch rascher gehe

als am Vormittag.

 

Kaum habe ich den Ortsrand von Beckingen erreicht,

wird es schlagartig entspannter.

Die gut zwei Kilometer, die ich von hier an noch zum

Bahnhof zurückzulegen habe, sind im Grunde nur

noch so etwas wie ein Auslaufen, ein Epilog.

 

Noch eine Tour von Beckingen aus:

Tour 20 “Beckinger Saarblicke”

Bereits vor dieser Tour ist eine wichtige Entscheidung ge-

fallen: Im April nächsten Jahres werde ich meine Ankündigung

wahrmachen und den 930 Kilometer langen Fränkischen

Marienweg in Angriff nehmen. Mir schwebt vor, das Ganze

in 5 x 5 Etappen hinter mich zu bringen, vielleicht auch in

5 x 6. Ein wenig Flexibilität muss ich mir da gestatten. Für

die erste Sequenz…    weiterlesen      Bildergalerie

4 Replies to “TOUR 72 – BECKINGER SAARBLICKE & LITERMONT-SAGENWEG”

  1. Ganz toller Text wieder und eine wunderbare Wanderung, der Schilderung und den Fotos nach zu urteilen. Bin gespannt, wohin es dich im Herbst zieht.

    Grüße,
    Mata

    1. Vielen Dank für den positiven Kommentar, freut mich sehr.:-)
      Eine Wanderung im Herbst steht schon fest, nämlich eine weitere Tour auf dem Lahnwanderweg. Es wird sicher noch mehr Herbstwanderungen geben, aber welche, ist noch offen.

      Beste Grüße
      Torsten

  2. Lieber Torsten, ich habe es ja schon öfter mal gesagt: Nach dem Lesen deiner wunderbaren Texte, die deine Touren stets so anschaulich beschreiben, möchte ich immer sofort meine Wanderschuhe anziehen und loslaufen! Hier hattest du dir wieder eine sehr schöne, abwechslungsreiche Tour zusammengestellt – die Bilder ergänzen deine Beschreibungen sehr gut. In diesen Stollen konnte man tatsächlich einfach so hineingehen?
    Vielen Dank für diesen ausführlichen, wieder sehr gelungenen Blogtext, ich freue mich schon auf den nächsten.

    Liebe Grüße
    Jana

    1. Hallo, liebe Jana.:-) Es war insgesamt eine gelungene Tour mit sehr hohem Waldanteil. Man kann ín den Stollen tatsächlich einfach so reingehen. Am Eingang ist lediglich ein Schild angebracht, man solle doch bitte die Tür richtig schließen. Zu dem Besucherbergwerk gehört wohl auch ein richtiger Schacht, in dem Führungen gemacht werden, aber den habe ich nicht zu Gesicht bekommen. Alles in allem eine schöne Tour, aber jetzt lege ich erst einmal eine Pause ein, was das westliche Saarland betrifft, nachdem mich ja schon die Cloef-Tour in die Gegend dort geführt hat.

      Vielen Dank für deinen Kommentar & liebe Grüße
      Torsten

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