TOUR 53/2. TAG: VON KLEINWALLSTADT NACH MILTENBERG

Der Tag beginnt mit dem steten Geräusch eines feinen,

dünnen Regens. Der Wind treibt ihn durch die Straßen,

trägt ihn weit übers Land.

Nach und nach weicht das samtene Schwarz der Nacht

einer brüchigen, trüben Dämmerung.

Auf den Straßen graue Pfützen, in denen sich ein graues

Licht spiegelt.

Über dem Fluss steigen weiße Nebelgespinste auf.

Dann endet der Regen.

 

Während ich vom Bahnhof in Kleinwallstadt zum Main

trotte, wird es mit jedem Atemholen heller. Erst über den

Hügeln, dann an den Ufern des Flusses, dann über dem

Wasser. Immer größer wird die Sonne und immer mehr

Teile der Landschaft erobert sie. Ich kann buchstäblich da-

bei zusehen, wie das Grau sich wandelt, wie es zersetzt

wird, bis schließlich nichts mehr übrig ist davon und bis

von Horizont zu Horizont alles in ein klares, warmes Licht

getaucht ist.

 

Die Luft ist frisch wie in einem Schweizer Bergkurort.

Ein unhörbarer Wind bewegt ganz leicht die dünnsten Zweige

der Bäume.

Ich will erst einmal nichts als ruhig vor mich hinstiefeln

und mich dabei ein wenig umschauen.

Aber schon diese schlichten Dinge reichen aus, um ein

dezentes Wohlgefühl hervorzurufen.

Dazu trägt selbstredend auch bei, dass ich im Gegensatz

zu gestern nicht mit schwerem Gepäck unterwegs bin, son-

dern nur die unbedingt notwendigen Dinge in den Ruck-

sack gepackt habe, in erster Linie Minerwalwasser.

 

Ich kehre zunächst nicht auf den Marien-

weg zurück, sondern laufe die paar Kilo-

meter von Kleinwallstadt zum Nachbarort

Elsenfeld und von da über die Mainbrücke

hinüber nach Obernburg.

Das heißt, mitten auf der Brücke bleibe ich

erst einmal stehen.

Lasse meinen Blick ganz langsam – fast, als

treibe er mit der Strömung dahin – übers

Wasser gleiten.

Ganz still wirkt der Fluss. Wolken und Bäume

spiegeln sich darin, und ein blauer Schimmer liegt

darüber, je weiter von den Ufern weg, desto heller.

 

Wie in so manch anderer unterfränkischen Stadt gibt es

auch in Obernburg mehr Türme als Verschwörungstheorien

über den Tod von Lady Di.

Ich bekomme allerdings nur den Almosenturm zu Gesicht,

wie so viele andere Türme allüberall Teil einer ehemaligen

Stadtbefestigung.

Später hocke ich auf einer Bank in einem kleinen, aber ganz

nett anzuschauenden Rosengarten und lasse Farben auf mich

wirken, und noch ein wenig später lasse ich mich eine Viertel-

stunde lang durch schöne, aber menschenleere Gassen trei-

ben, ehe ich mich dann endlich aufmache in Richtung Ma-

rienweg. Von dem bin ich im Augenblick nämlich ein gan-

zes Stück entfernt.

 

Ich rufe mir kurz ins Gedächtnis, wie mein Plan für die nächsten

Kilometer aussieht: Irgendwo mitten im Wald oder vielleicht

auch schön hinappliziert zwischen Weinbergen oder vielleicht

auch einfach mitten im Nirgendwo liegt Kloster Himmelthal,

und ziemlich genau bei diesem Kloster gedenke ich, wieder

auf den Marienweg zu stoßen.

Um dorthin zu gelangen, werde ich ca. zwei oder drei Stunden

dem Fränkischen Rotweinweg folgen, einem weiteren Fern-

wanderweg, der bei dem erwähnten Kloster den Marienweg

kreuzt, dann aber eine andere Richtung einschlägt.

 

Langsam ist mir nach Wald zumute, aber bis es so weit ist,

muss ich mich noch eine Weile gedulden.

Ich laufe wieder über die Mainbrücke hinüber, am Bahnhof

vorüber, dann durch eine Unterführung, die um nichts

weniger schäbig aussieht als zahllose andere Unterfüh-

rungen auch, und danach befinde ich mich auf einem

Radweg, der an Bushaltestellen, Discountern, Bahnglei-

sen und Kleingärten entlang wieder nach Elsenfeld führt,

wo ich dann durch Gassen, so leer, dass meine Schritte

darin widerhallen wie Echos zwischen Bergwänden,

den Stadtrand erreiche.

 

Hinter den letzten Häusern wieder ein Radweg, grau

in die Ebene hineingemeißelt.

Zu beiden Seiten Wiesen, ein paar Sträucher und Bäume,

etwas weiter weg ein paar Hügelwellen.

Es hat sich wieder etwas eingetrübt.

Fürs Erste nur vorübergehend, aber irgendwie liegt in der

Luft eine Ahnung von Regen, vielleicht auch von Sturm

und Gewitter.

Immerhin kann ich endlich in den Wald abbiegen.

Es riecht nach nassem Holz und nach feuchter Erde.

Das Grün wirkt etwas stumpf, aber es gefällt mir trotzdem.

Es bleibt ohnehin nicht so, denn die Sonne gewinnt wieder

die Oberhand.

 

Auf den Wald folgen die Weinberge.

Ich wandere auf einem zunächst fast

geraden Weg dahin, der dann aber ganz

langsam gleichsam in Bewegung gerät,

und plötzlich folgt Kurve auf Kurve,

Schwingung auf Schwingung.

Mit einem Mal sind sämtliche Geräusche weg,

bis auf ein paar, die jedoch gar nicht so

richtig auffallen, weil sie als Teil der Stille

wahrgenommen und akzeptiert werden.

Ich lasse mich jetzt einfach mit der

Strömung des Pfades dahintreiben.

Wie schon so oft.

Und dennoch ist es immer wieder neu

und anders.

These: Am besten, man vergisst einfach all

seine bisherigen Erfahrungen, Einschätzungen,

Wertungen, legt alles zur Seite, was allzu

sehr nach Festlegung aussieht, und lässt sich

auf den Weg und darauf, was er mit sich

bringt, ein, als wäre er der allererste, den

man in seinem Leben zurücklegt.

 

Die Atmosphäre ändert sich schon wieder.

Der Wind nimmt stetig zu, die Wolken werden immer

schwerer und immer dunkler. Es ist nur noch eine Frage

der Zeit, bis es zu regnen beginnen wird.

Ich gehe immer rascher.

Irgendwo hier in der Nähe muss es eine Abkürzung geben,

wenn mich nicht alles täuscht.

Keine Ahnung, wie viel ich dadurch einsparen würde,

aber zwei oder drei Kilometer bestimmt, und das könnte

heute der Unterschied sein zwischen gerade noch einmal

davonkommen und in ein unbeherrschbares Chaos hinein-

geraten.

Allerdings gefällt mir der Gedanke, eine Abkürzung zu

nehmen, überhaupt nicht. Ich komme mir vor, als würde

ich darüber nachdenken, beim Kartenspielen zu betrügen.

Vielleicht finde ich die Abkürzung ja auch gar nicht, dann

würde mir die Entscheidung abgenommen.

 

Die vorhin noch so friedlich anmutende

Stille ist einer bedrohlichen Ruhe gewichen.

Ich nehme keine wirklich bleibenden Ein-

drücke mehr auf, mein Blick verharrt nirgends,

sondern springt von einer Stelle zur nächsten,

irrt die Horizontlinie entlang, scannt den

Himmel.

Die Wolken sehen mittlerweile aus wie eine

Armada von Raumschiffen bei einer Alien-

invasion.

Und jetzt ist es auch mit der trügerischen

Ruhe vorbei.

Der Wind faucht durch die Weinberge und biegt die

Baumwipfel.

 

Hinter einer Biegung sichte ich in hundertfünfzig oder

zweihundert Metern Entfernung eine Ansammlung von

Wegweisern.

Dort angekommen sind mir die Wegweiser aber erst

einmal ziemlich egal, denn viel wichtiger ist für den Mo-

ment, dass ich mich genau an der Stelle befinde, an der

ich die Abkürzung nehmen könnte.

Während der Fränkische Rotweinwanderweg geradeaus

weiterführt, bräuchte ich lediglich ein paar Meter über

eine Wiese zu laufen und schon hätte ich eine Schleife

von ungefähr vier Kilometern eingespart, wenn man

den Angaben auf den Wegweisern trauen darf.

 

Komisch, in der letzten Viertelstunde konnte ich gar nicht

schnell genug vorwärtskommen und jetzt stehe ich hier

und rühre mich zwei Minuten lang nicht vom Fleck.

Dann wird mir klar, dass ich im Grunde nie wirklich die

Absicht hatte, die Abkürzung zu nehmen.

Ich setze meinen Weg einfach fort, denke nicht weiter

darüber nach.

Schon nach kurzer Zeit bin ich wieder im Wald.

Über mir ein blaugrauer Aschehimmel.

Die Luft wird immer schwerer und drückender.

Ab und zu zuckt ein Lichtblitz irgendwo im Gezweig auf.

Dann legt sich endgültig ein grauer Schleier über alles und

der Regen kommt. Erst leichte Tropfen, als würden ge-

rade mal ein paar Vögel irgendwo über mir ihr Gefie-

der ausschütteln, binnen weniger Minuten jedoch stürzt

ein Wasserfall herab.

 

Aber das Rauschen des Regens ist plötzlich nicht mehr das

einzige Geräusch.

Wie durch einen dünnen Vorhang wehen Geschrei und

Gelächter zu mir herüber.

Ich trete aus dem Wald heraus.

Vor mir Kloster Himmelthal. Ein Torbogen, das Türmchen

einer Kirche, ein paar Mauern, das sind die Dinge, die mein

Blick auf die Schnelle erfasst. Optisch geht das für mich

durchaus noch als Kloster durch, auch wenn es seit langer

Zeit als Berufssbildungsstätte und als Internatsschule

genutzt wird.

 

Der Innenhof des Klosters ist voller Menschen.

Einige stehen um einen Weinstand herum und trinken.

Andere laufen ohne erkennbaren Grund kreuz und quer durch

den strömenden Regen.

Und dann gibt es da noch ein paar, die Signalwesten tragen.

Ich komme gar nicht erst dazu, darüber nachzudenken,

was hier eigentlich vor sich geht, da passiert zweierlei:

Als erstes schießen plötzlich wie aus dem Nichts drei oder

vier Radfahrer um eine Ecke, rasen – von Gejohle und Ge-

schrei begleitet – über das Kopfsteinpflaster des Innenhofs

und verschwinden um eine andere Ecke.

 

Das Zweite, was passiert, ist ein erheblich kontempla-

tiveres Ereignis. Im Grunde ist es nicht mehr als ein zer-

platzender Regentropfen auf der Spitze meines rechten

Wanderschuhs. Aber dieser Gegensatz zwischen laut und

still bringt am besten zum Ausdruck, wie skurril mir die

gesamte Szenerie erscheint, in die ich hier geraten bin.

 

Einer ungefähr zwanzigköpfigen Wandergruppe, die kurz

nach mir das Klosterareal betritt, scheint es ähnlich zu

gehen. Wobei sich allerdings rasch der Eindruck ergibt,

dass sie nicht so sehr erstaunt als vielmehr verärgert

sind. Ich frage mich nur, worüber eigentlich. Hier passiert

nichts Schlimmes und für den Regen kann niemand was.

 

Ich halte indessen Ausschau nach dem Marienwegsymbol,

das muss ja hier irgendwo sein.

Ich entdecke es ziemlich rasch, warte aber noch eine Weile

ab, weil ständig Radfahrer aus der Richtung heranpreschen,

die ich einschlagen muss.

Schließlich stapfe ich doch weiter, halte mich aber vor-

sichtshalber ganz am Rande des Weges.

Unmittelbar vor mir befindet sich plötzlich jene Wander-

gruppe, die augenscheinlich immer noch wenig angetan

ist von so ziemlich allem hier.

Ich muss ein bisschen Slalom laufen, lasse sie aber schnell

hinter mir und konzentriere mich wieder auf den Weg

und das Gehen.

 

Überall um mich herum in Zementgrau

verschwimmendes Grün.

Ich wandere auf einem nassen Asphaltweg

oberhalb des Klosters vorüber und spähe in

den Regen hinaus, um vielleicht ein An-

zeichen dafür zu entdecken, dass das Elend

bald ein Ende hat.

Die Minuten verrinnen langsamer unter

dem eintönigen Geräusch des Regens, der

Ausschnitt der Umgebung, den ich noch

wahrnehme, wird kleiner und kleiner, ich

wandere durch eine eng begrenzte, ver-

schwommene, graue Welt, und irgendwann

bildet sich so etwas wie eine ganz eigene

Stille heraus, eine innere Stille, eine

Gedankenstille, die umso intensiver ist, je

lauter der Lärm der Außenwelt wird.

 

Der Asphaltweg mündet kurz darauf in

einen schmalen Waldpfad, der sehr schön über

Wurzeladern, hölzerne Stufen und kleine

Anhöhen hinwegfließt. Leider hat der starke

Regen den Pfad an manchen Stellen in eine rutschige

Schlammpiste verwandelt, aber irgendwann merke ich,

dass der Regen nachlässt.

Von den Blättern und Ästen tropft es noch eine Weile

herab, aber dann ist ganz plötzlich das Licht zurück im

Wald. Man kann gar nicht so schnell schauen, wie es

das schäbige Grau verdrängt.

Über dem Blättergewölbe strömen ein paar federleichte

Sommerwolken dahin.

Die schweren, dunklen Baumschatten geraten in Be-

wegung, sie lichten sich. Dann bewegen sie sich rascher,

ein unhörbarer Wind scheint sie auseinanderzutreiben, sie

flackern hin und her wie samtschwarze Flammenzungen.

 

Auf einem komfortablen, breiten Weg

wandere ich durch ein schönes Stück Wald,

danach dann an freundlichen Blumenwiesen

vorüber, in denen nicht mal mehr ein aller-

letzter Rest von Nässe übriggeblieben ist.

Es ist sehr warm und die Sonne dreht immer

mehr auf.

Zwischen zwei der Blumenwiesen biege ich

im rechten Winkel ab und trabe an einer

Koppel vorüber auf ein Dorf zu.

Zum ersten Mal an diesem Tag bin ich un-

aufmerksam und biege falsch ab. Wenn ich nicht

irgendwann das Marienwegsymbol vermissen würde,

dann würde ich es vielleicht gar nicht merken, denn

für mich sieht das, worauf ich mich vorwärtsbewege,

wie ein ganz ordentlicher Wanderweg aus.

 

Ich kehre um und wandere gemächlich eine kleine Anhöhe

hinauf.

Das Dorf habe ich rasch durchschritten.

Ein paar hundert Meter hinter den letzten

Häusern des Ortes stoße ich auf eine

schön ins Gelände hineingepflanzte Bank,

auf der ich mich zwanzig Minuten – vielleicht

auch etwas länger – niederlasse und in aller

Ruhe die vor mir ausgebreitete Landschaft

 

betrachte, als hätte ich ein Gemälde vor mir.

 

Irgendwo zwischen dem gerade durchwanderten und dem

vor mir liegenden Dorf beginnt dann ein Wiesenpfad, der

überhaupt kein Ende nehmen will.

In alle Richtungen kann man weit in die Ferne sehen. Es

scheint beinahe, als würde der Horizont immer weiter weg-

rücken, so klar ist die Sicht. Am Himmel findet sich nicht

die allerkleinste Eintrübung.

Und es ist still.

Still wie im Zentrum eines Gedankens, den man ganz für sich

denkt und der niemals zu einem Wort werden wird.

 

Damit etwas bleibt, damit es zu einer Erinnerung wird, die

auch Monate oder Jahre später noch gegenwärtig ist, ist

nicht immer ein die Welt oder zumindest das eigene Dasein

aus den Angeln hebendes Ereignis notwendig. Oft genügen

wesentlich kleinere Dinge.

Wie auch immer, dieses Bild der bis an den äußersten

Rand des Blickfeldes heranreichenden, unterschied-

lichen Schattierungen satten Grüns, die sich an

einem Punkt, den das Auge gerade noch erreichen kann,

auflösen in einen Wirbel sprühenden Tiefseeblaus, das

ist einer von mehreren Momenten heute, die sich mir

einprägen, als hätte ich auf meinem Schreibtisch ein

Foto davon stehen, das ich jeden Tag hundert Mal be-

trachte.

 

Auf einer nicht gerade breiten Straße trabe ich dann nach

Schmachtenberg hinunter.

Viel kriege ich von dem Ort nicht mit.

Auf schmalen Bürgersteigen laufe ich

eine lange Hauptstraße entlang, vorbei

an einer Pension, einer Bushaltestelle und

einer Kirche. Ziemlich genau in der Mitte

des Ortes biege ich, dem Wegweiser nach

Röllbach folgend, ab, und ehe ich mich

versehe, befinde ich mich schon wieder auf

einem Wiesenpfad, der dem von vorhin ähnelt

wie ein Ei dem anderen.

 

In Röllbach steht die Maria-Schnee-Kapelle,

Wallfahrtsstätte Nummer 13 des Marienweges, und

wenngleich ich ja nicht als Pilger unterwegs bin, sind

diese Wallfahrtsstätten doch Fixpunkte, an denen ich

mich bei der Festlegung der Etappen orientiere.

Aus der Perspektive eines Wanderers, der sich Röllbach

über den erwähnten Wiesenpfad nähert, sieht das Dorf aus

wie versehentlich hier abgelegt.

 

Die Kapelle liegt unmittelbar am Rande der Hauptstraße.

Sie wurde Anfang des 17. Jahrhunderts errrichtet, im

Dreißigjährigen Krieg allerdings völlig zerstört und Jahrzehnte

später dann wieder neu aufgebaut.

Ich lese etwas von Schneewunder und Pestprozessionen,

was den denkbar größten Kontrast darstellt zu einem

Sonnentag, an dem es nun wirklich zu keinem Zeitpunkt

und an keinem Ort irgendetwas gibt, das mit Pestaus-

dünstungen vergleichbar wäre.

 

Es ist kurz nach 18 Uhr.

Mehr als 30 Kilometer habe ich inzwischen hinter mich ge-

bracht und noch liegen ja 13 oder 14 vor mir, voraus-

gesetzt, ich mache keine unnötigen Umwege.

Mein nächstes Ziel ist Kloster Engelberg, auch eine Wallfahrts-

stätte, Nummer 14.

Als ich auf einen Wegweiser mit dem Symbol irgendeines

lokalen Wanderweges stoße, wird mir bewusst, wie nah

hier im Grunde alles beisammenliegt.

Freudenberg acht Kilometer“ steht auf dem Wegweiser.

Auf dem Marienweg jedoch habe ich bis Freudenberg von

hier aus noch 40 Kilometer zu gehen, wenn nicht mehr.

 

Ich schaue mir das später auf einer Karte mal etwas ge-

nauer an.

Der Marienweg beschreibt einen riesigen Bogen, der

mich erst einmal in eine ganz andere Richtung abdriften lassen

wird, nämlich hinunter zum Odenwald – Amorbach, Schneeberg –,

und der mich dann zum Main zurückbringen und irgendwann eben

auch nach Freudenberg führen wird.

Es gibt sehr viele solcher Schleifen auf dem Marienweg,

und irgendwie finde ich die Vorstellung skurril, 50 Kilo-

meter zu wandern, nur um dann fast wieder am selben Punkt

zu sein wie zuvor.

 

In den Straßen von Röllbach muss ein Verschwindezauber

angewandt worden sein. Ich begegne keiner Menschenseele.

Erst als ich schon außerhalb des Dorfes bin, sehe ich eine

Spaziergängerin mit Hund, aber auch nur aus der Ferne.

 

Mit dunklen Flügeln sinkt der Abend herab. In die Stille

über den Feldern webt er einzelne, ferne Geräusche.

Eine blaue Wolkenwoge rollt über den weiten Himmel,

bricht sich irgendwo am Horizont.

Ich komme mir vor, als würde ich unter einem über die

Ufer getretenen See dahinwandern.

Es ist ein schönes, entspanntes, fast

schon erhabenes Gehen, und für den

Augenblick bedarf es keiner kom-

plexen Gedankenkonstruktionen, es

genügt schlichtes, unkompliziertes

Wahrnehmen.

Meine Schritte sind ganz gleichmäßig und

eine innere Balance stellt sich ein, die

man nicht erzwingen kann.

Die Sonne, die angenehme Wärme, die

stete Bewegung, Eindrücke, von denen

einer schöner ist als der andere, dürften dafür

verantwortlich sein. Und natürlich noch ein paar

andere Ingredienzien.

 

Der asphaltierte Feldweg, auf dem ich die drei Kilo-

meter von Röllbach bis zum nächsten Dorf zurücklege,

ist tischeben. Ich kann meinen Blick weit vorauseilen

lassen.

Und obwohl ohnehin nirgends die kleinste Abzweigung

existiert, ist das Marienwegsymbol an allem angebracht,

was sich am Wegrand irgendwie dafür eignet, sogar

an einer altersschwachen, zerfallenden Scheune.

Von Zeit zu Zeit driftet der Pfad träge nach links oder

rechts, meistens aber führt er einfach nur geradeaus.

 

Irgendwann bringt mich ein kurzer,

steiler Anstieg zurück in den Wald.

Die Sonne leuchtet goldgelb in den Baum-

kronen.

Um mich herum hellgrüner Glanz, irgend-

wo in der Tiefe des Forsts kleine Licht-

flammen.

Ein Kosmos von Farben und Düften um-

gibt mich. Ich habe das Gefühl, genau

zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

 

Tageskilometer 40 ist erreicht.

Ich wandere an Kloster Engelberg vorüber, das sicher

einen Besuch wert wäre, aber die Sonne steht jetzt doch

schon ziemlich tief und das Licht zieht sich allmählich aus

dem Wald zurück.

Es ist wie das letzte, leise Echo des entschwindenden Tages.

Das Grün wird blasser und blasser, sein Glanz wird er-

stickt von stumpfen, farblosen Schatten.

 

So ganz allmählich hätte ich dann doch nichts dagegen, aus

dem Wald herauszukommen.

Am Wegrand ein Bildstock aus dem Jahr 1714, kurz darauf

einer von 1741.

Tut mir leid, aber mein Verstand ist nicht mehr bereit,

in Maßstäben zu denken, die Jahrhunderte umfassen,

sondern er ist jetzt auf überschaubarere Zeiträume ein-

gestellt.

 

Zum Abschluss stolpere ich über Stein-

stufen, die unregelmäßiger angeordnet

sind als Risse in Eisflächen während

des Tauwetters, einen Kreuzweg hinab.

Jedenfalls sieht es für mich aus wie

ein Kreuzweg.

Als ich endlich unten bin, folge ich einem

Schotterpfad nach links, an schon däm-

mergrauen Bäumen vorüber.

Laufe ein kurzes Stück an einer Land-

straße entlang, dann über eine Brücke

hinüber.

 

Und während ich dann durch die Straßen Miltenbergs

zu meinem Hotel wandere, klingt die Musik dieser Wan-

derung noch in mir nach, vernehmlich und klar.

2 Replies to “TOUR 53/2. TAG: VON KLEINWALLSTADT NACH MILTENBERG”

  1. Schmunzeln, lachen, staunen, sinnieren, genießen: So lese ich deine Blogeinträge. Auch dieser Text ist wieder rundum gelungen! Bereits die einleitenden Worte ließen mich sofort in ein entspanntes Lesen gleiten. Formulierungen wie: „Mit dunklen Flügeln sinkt der Abend herab“ sind für mich sprachlicher Hochgenuss. Und mein LIEBLINGSWORT diesmal: Verschwindezauber.
    Das war eine schöne, abwechslungsreiche Tour, lieber Torsten, oder? Selbst das Wetter wechselte von Regen zu Sonnenschein.

    Liebe Grüße aus dem Neckartal
    Jana

    1. Vielen Dank, liebe Jana.:-)
      Im Grunde freue ich mich immer schon, wenn ich weiß, dass ich eine richtig lange Tour vor mir habe, bei der ich viel Abwechslung erwarten kann. Das ist für mich einer der Gründe, Touren von 40 Km und mehr durchzuführen.
      Diese Etappe von Kleinwallstadt nach Miltenberg hielt alles, was ich mir davon versprochen hatte und was auch schon viele Marienwegetappen vorher mir geboten hatten. Schade, dass ich diesmal nur zwei Tage zur Verfügung hatte, ich hätte sehr gerne noch zwei Tage mehr gemacht.
      Jedenfalls werden auch die anstehenden Etappen des Marienweges sicher abwechslungsreich und spannend, denn es geht ja noch in die Haßberge und die Rhön.
      Danke noch mal für deinen Kommentar, liebe Jana, und liebe Grüße
      Torsten

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