TOUR 41/TAG 1 & 2: VON ASCHAFFENBURG NACH SODEN

Es gibt einen bestimmten Moment während dieser fünftägigen

Tour, einen im Grunde zwar unscheinbaren und lange im Ver-

borgenen verharrenden Moment, der irgendwann jedoch in

meinem Bewusstsein aufleuchtet wie ein Meteor am Nacht-

himmel.

Es ist der Nachmittag des vierten Tages.

Von der ersten Sekunde an marschiere ich an diesem

Tag über schier endlose Asphaltwege, durch ein ein-

sames, abgeschiedenes Niemandsland, viele Stunden

lang, Kilometer um Kilometer, ohne eine einzige

Sekunde innezuhalten.

Oft verlaufen die Trassen schnurgerade auf den

Horizont zu und scheinen irgendwo dort in den

tief über die abgeernteten Felder dahinziehenden

Wolken zu verschwinden.

Ich denke nicht mehr nach. Ich nehme keine

Einschätzungen mehr vor. Gehen, atmen,

trinken, das ist im Großen und Ganzen alles, was ich

tue.

Es ist Gehen in seiner reinsten, kärgsten Form. Immer von

neuem gibt es diesen einen Punkt irgendwo am Rande meines

Blickfeldes, den ich erreichen will. Und es gibt keinen einzigen

Meter, der nicht über Asphalt führt.

 

Bis zu jenem Moment.

Ganz plötzlich mündet eine jener Asphalttrassen in einer Wiese,

in weichem, hohem Gras, und ich bleibe stehen, zum ersten Mal

überhaupt. Mein Blick schweift über die Felder, über die knor-

rigen Bäume am Wegrand. Windböen wirbeln Staub über den

Äckern auf. Und ganz dezent nehme ich den Duft von schwerem

Herbstlaub wahr.

Dann gehe ich weiter.

Zweihundert Meter später endet der Wiesenpfad und der Asphalt

hat mich wieder.

 

Es ist zweierlei, was jenen Moment ausmacht, und was mir im

Detail nicht gleich, sondern erst sehr viel später bewusst wird.

Das erste ist Zufriedenheit, und zwar eine Zufriedenheit, die

sich auf die simple Tatsache bezieht, endlich etwas anderes

als harten, unnachgiebigen Asphalt unter den Fußsohlen zu

spüren. Es ist beinahe wie Zurücklehnen im Sessel nach getaner

Arbeit. So wenig braucht es also manchmal.

Das zweite, was mir dieser Moment mit Verzögerung bewusst

macht, ist die Erkenntnis, dass selbst das Gehen auf diesen end-

losen Asphaltstraßen mir Spaß macht, was wiederum die

Bestätigung einer anderen Erkenntnis darstellt, nämlich dass

das Gehen an sich mir das Wichtigste bei meinen Touren ist.

Ich will gehen, ich will die Bewegung spüren.

Und dies ist der schlichte Grund dafür, dass ich kein reiner Natur-

wanderer bin. Dass ich die Stille und den Wald und vieles mehr

zwar sehr schätze, aber dass ich mich im Grunde überall wohl-

fühle, wo ich gehen, einen Schritt vor den anderen setzen kann.

 

Erster Tag.

Um Punkt 12 Uhr steige ich in Aschaffenburg aus dem Zug.

Hell wie ein Opal im Mondlicht leuchtet in meinem Kopf die

Vorfreude auf das Gehen und das Unterwegssein.

Es ist ein heißer Spätsommertag, mit einem weiten Himmel

aus samtenem Blau, dem aber schon die Melancholie eines

zu Ende gehenden Jahres anhaftet oder zumindest die Ahnung

davon.

Von Beginn an ist eine Leichtigkeit in meinem Kopf, als wären

meine Gedanken Blütenblätter, die der Wind mit sich fortträgt.

 

Vom Bahnhof bis zur Sandkirche, bei der ich vor gut

zwei Monaten Etappe acht beendet hatte, sind es rund 4

Kilometer. Ich habe mir aber in den Kopf gesetzt, erst

einmal zum Main und von dort dann zum Park Schönbusch

zu wandern, womit ich gleich mal gut 10 Kilometer in den

Beinen hätte, ohne auch nur einen einzigen Meter auf dem

Marienweg zurückgelegt zu haben.

Ich werde den Main sehen und ich werde auch Park

Schönbusch sehen, aber aus den 10 Kilometern werden 12,

wenn nicht 13.

Immerhin sind die Wege, die ich gehe, von ein paar Aus-

nahmen abgesehen, flach wie Scheibengalaxien.

 

Von einem Standpunkt aus betrachtet, der sich ausschließlich

am möglichst problemlosen Erreichen von Zielen orientiert, ist

der Umweg zum Park Schönbusch in etwa so sinnvoll wie

der Plan, die Strecke von Bonn nach Köln in einem Kanu auf

dem Rhein zurückzulegen.

Nicht nur, dass ich in Bezug auf den Marienweg die denkbar

ungünstigste Richtung einschlagen muss, nicht nur, dass ich

fast eine halbe Tagesetappe zusätzlicher Kilometer ab-

spule, das – von einem solchen Standpunkt aus betrachtet –

Groteske daran ist vor allem, dass ich gar keine Zeit haben

werde, mir den Park anzuschauen.

Um ehrlich zu sein, dämmert mir diese Erkenntnis aber erst,

als ich schon die Hälfte des Weges bis zum Park zurückgelegt

habe.

Ich kehre trotzdem nicht um.

Ich verschwende nicht mal den Schatten eines Gedankens da-

ran.

Ich trabe, gehe, laufe einfach durch Straßen, durch Gassen,

durch Alleen, bewege mich mitten hinein in ein Durcheinander

von Signalen und Eindrücken, in einen Ansturm von Farben

und Formen.

 

Als ich den Park schon fast erreicht habe, muss ich schließlich

auch noch einen Umweg wegen „gefährlicher Baumarbeiten“

machen.

Und auf dem Weg vom Park zur Fasanerie wiederholt sich

das Spielchen.

Mittlerweile ist es heiß wie im Zentrum einer Supernova.

Und in den Rucksack muss ich am Morgen aus Versehen ein

paar Goldbarren gepackt haben, so drückt er mitunter auf die

Schultern.

Aber der entscheidende Punkt ist: Jene Leichtigkeit ist den-

noch existent und sie wird nach und nach ergänzt von

einem Gefühl von Aufbruch oder von innerer Freiheit

oder welche Bezeichnung auch immer man dafür ver-

wenden will.

 

In der Fasanerie lege ich auf einer Bank am Rande

eines Teiches die einzige längere Rast des Tages ein. In

den nächsten gut sechs Stunden werde ich nur noch an-

halten, um mich nach dem Weg zu erkundigen oder um

eine Wasserflasche aus dem Rucksack zu entnehmen, an-

sonsten werde ich gehen, gehen, gehen.

.

Dann zum ersten Mal Wald.

Ein leichter Windhauch.

Sonnenstrahlen, die auf Blättern und Zweigspitzen flimmern.

Kein Wogen, kein Flattern, kein Zucken, nichts.

Alles still, alles zur Ruhe gekommen.

Nur manchmal ein jähes Aufblitzen von flirrendem Sonnen-

licht in den Augenwinkeln, ansonsten ruhiges Grün, einge-

bettet in helle, reglose Mittagsschatten.

Ich atme ein, atme aus.

Ich setze einen Schritt vor den andern, mal rasch, mal etwas

langsamer.

Von irgendwoher dringt ein leises Geräusch an mein Ohr, das

ich nicht einzuordnen vermag. Es weht herbei mit dem Wind,

der durch die Bäume streicht, und ein paar rasche Herzschläge

lang scheint es fast, als vervielfältige es sich und als sei

es überall um mich herum wie eine unsichtbare, in Bewegung

geratene Wand.

Dann ebbt das rätselhafte Geräusch ab, ist noch einen winzigen

Moment lang da als leichtes, kaum wahrnehmbares Rauschen,

dann allumfassende Stille.

 

Irgendwann habe ich den Wald fürs Erste hinter mir

und befinde mich auf einem schmalen Asphaltweg, der

sich wie eine Riesenanaconda durchs Gelände windet.

Noch ein paar hundert Meter und ich habe das Tagungs-

zentrum Schmerlenbach erreicht, Wallfahrtsstätte Nummer

zehn.

Ursprünglich hatte ich in Erwägung gezogen, hier zu

übernachten, mich aber dann doch dafür entschieden,

weiterzuwandern bis zu einem Ort namens Hessenthal

und Wallfahrtsstätte Nummer elf.

 

17 Uhr 30.

Bis Hessenthal habe ich noch knapp 13 Kilometer zu wandern.

Meine Ankunft im Gasthof habe ich für spätestens 21 Uhr

angekündigt.

Dreieinhalb Stunden für 13 Kilometer klingt nach einer

günstigen Ausgangsposition.

Aber eine halbe Stunde später – nachdem ich auf der Suche

nach dem richtigen Weg mehrmals eine Dorfstraße auf und

ab gelaufen und einen halben Kilometer in die falsche Rich-

tung und wieder zurück gegangen bin – sieht das Ganze

schon nicht mehr so vielversprechend aus.

Alles annehmen, wie es kommt, sehr gerne. Nur möchte ich

heute Nacht nicht wieder auf einer Bank schlafen wie bei

der ersten Etappe der letzten Marienwegtour.

Irgendwann ruft mir ein Mann vom Balkon seines Hauses

herab die Frage zu, wohin ich denn wolle und damit hat

das Suchen zum Glück ein Ende.

 

Ich stapfe eine Treppe empor, dann auf einem Gras-

saum zwischen niedrigen Bäumen und einem Maisfeld

hindurch und dann ist es mit einem Mal, als ströme mir

die Landschaft entgegen wie Flusswasser an einer Ufer-

böschung.

Der Weg ist jetzt schnurgerade und das Gelände übersicht-

licher als ein leeres DIN-A4-Blatt.

Eigentlich kann es gar nicht passieren, aber es passiert

doch: Nach ungefähr 500 Metern registriere ich, dass

ich wieder einmal irgendwann irgendwo einen ent-

scheidenden Augenblick lang unaufmerksam gewesen sein

und eine Abzweigung verpasst haben muss.

Ich suche nicht nach dem verlorenen Weg.

Ich habe keine Zeit und keine Lust dazu.

Ich muss nur irgendwie nach Straßbessenbach und von da

nach Hessenthal kommen. Ob auf dem Marienweg oder sonstwie,

das ist nebensächlich.

Der Radweg, auf dem ich dahinstapfe, entpuppt sich allerdings

als Umweg, denn er führt über Orte, die einige Kilometer abseits

meiner ursprünglich geplanten Route liegen. Aber dafür kann ich

einigermaßen sicher sein, dass ich irgendwie ans Ziel komme.

 

Asphalt, Asphalt, Asphalt.

Ganz schwach glimmt die Hoffnung in mir, dass das Marien-

wegsymbol sich ganz unverhofft doch wieder an irgendeinem

Baum oder einem Straßenschild oder einer Häuserwand zeigt,

aber Schritt für Schritt verliert sich diese Hoffnung.

Ich laufe auf einen Horizont aus bewaldeten Hügelkuppen

zu. Bäume und Wiesen säumen meinen Weg.

 

Ein Gehöft.

Eine Abzweigung führt bergauf in den Wald hinein. Das ist un-

gefähr die Richtung, in der ich den Marienweg vermute. Aber

ungefähr ist zu wenig, um mich jetzt noch auf die Ungewiss-

heit eines unbekannten, nicht beschilderten Weges einzulassen,

um vielleicht den Marienweg wiederzufinden.

 

Eine Weile führt der Radweg unmittelbar an der Landstraße

entlang.

Ganz allmählich stellt sich eine abendliche Atmosphäre ein.

Dann ein Ort.

Aber es ist immer noch nicht nicht Straßbessenbach, wie ich

gehofft habe, sondern irgendein anderes Dorf.

Keilberg lese ich auf dem Ortsschild.

Ich habe keine Ahnung, wo mein Tagesziel Hessenthal zu

suchen ist und ich habe nur eine ungefähre – und wie sich

noch herausstellen wird zu optimistische – Vorstellung da-

von, wie weit ich bis dahin noch zu gehen habe.

Mittlerweile dürfte ich knapp 30 Kilometer zurückgelegt

haben.

Die Sonne brennt zwar immer noch vom Himmel herab, als

würde jemand mit einem gigantischen Kachelofen herum-

experimentieren, aber sie sinkt beunruhigend rasch hinter

die Wipfel der Bäume.

 

Ich laufe durch Keilberg hindurch, an einer end-

losen Baustelle vorüber, dann scheine ich den Ort bereits

hinter mir zu haben, aber nachdem ich eine Miniatur-

ausgabe von Brücke überquert habe, kommen doch

noch ein paar Häuser.

Wieder die Landstraße entlang, aber nur ein paar hundert

Meter.

Dann führt der Weg direkt auf die sinkende Sonne zu.

Samtenes Abendlicht liegt über den Wiesen, hüllt die

Landschaft ein.

 

Straßbessenbach, endlich.

Jetzt muss ich nur noch den Radweg nach Hessenthal finden.

Aber erst einmal ist nichts zu sehen, was irgendwie nach

einem Wegweiser aussieht. Noch immer habe ich keine

Ahnung, in welcher Richtung Hessenthal überhaupt zu suchen

ist.

Eine Kreuzung.

Hier muss jetzt einfach ein Wegweiser sein oder ich habe

ein echtes Problem.

Im Gehen irrt mein Blick von einer Straßenseite zur andern.

Bleibt an einem Straßenschild hängen.

Sekundenlang.

Erst dann setzt mein Bewusstsein die Entdeckung in Erkennt-

nis um: An dem Schild befestigt, unverkennbar und auch keine

Halluzination, das Marienwegsymbol.

Ich komme mir vor, als würde es gerade Manna vom Himmel

regnen.

 

Kurz darauf dann wirklich ein Wegweiser: „Hessenthal 7,5

Kilometer“.

Das ist nicht unbedingt das, was ich mir erhofft hatte. Um

es vorsichtig auszudrücken.

Ich schaue auf die Uhr.

Zwanzig Minuten vor acht.

Jetzt darf wirklich gar nichts mehr schiefgehen, wenn ich es

bis neun Uhr ins Hotel schaffen will.

Nur gut, dass ich das alles hier freiwillig mache.

 

Ein schmaler Weg zwischen Häusern und

Gärten hindurch. Dann eine Straße, ein paar

letzte Häuser, getaucht in funkelndes Sphären-

licht.

Und dann: Nur noch ich und der Wind und der Weg

unter meinen Füßen.

Es geht stetig und steil bergan, Minute um Minute,

 

Viertelstunde um Viertelstunde.

Das Tageslicht verblasst mehr und mehr.

Die samtenen, weichen Farben des Abends verlieren ihren Glanz.

 

In mir ist jetzt kein Raum mehr für detaillierte Wahrnehmungen,

für tiefschürfende Gedanken.

Und dennoch ist es ein wunderbares Gehen.

Obwohl ich nun schon so viele Stunden unterwegs bin, fast

ohne Unterbrechung, fühlt es sich so an, als ob meine Beine nichts

lieber tun, als zu gehen.

Der Weg führt in den Wald hinein.

Und er führt nicht nur weiter bergan, sondern wird

sogar noch etwas steiler.

Ich scanne jetzt jeden einzelnen Baum mit Suchschein-

werferblick nach dem Marienwegsymbol ab, denn wenn ich

mich jetzt noch einmal verlaufe, dann kann ich mir wahr-

scheinlich ein Nachtlager aus Herbstlaub herrichten.

 

Immer brüchiger wird das Licht, immer dunklere Schatten

entstehen zwischen den Bäumen.

Die Farben werden matter.

Aus leuchtendem Grün wird stumpfes Grün und von den

Rändern sickert immer mehr Dunkelheit durchs Geäst der

Bäume.

Außer meinem Gehen ist jede Bewegung zum Stillstand ge-

kommen.

Kein Rascheln im Moos.

Keine Zweige, die unhörbarer Wind bewegt.

 

Mit einem Mal wird der Pfad ganz schmal und für einen

Moment scheint es beinahe, als würde er sich im Nichts ver-

lieren, dann aber wird er wieder zu einer breiten Schneise.

Noch drei Kilometer.

Ich gehe immer rascher.

Manchmal überquere ich kleine Lichtinseln, aber sie werden

immer seltener.

Irgendwann laufe ich mehrere hundert Meter durch einen

düsteren, fast lichtlosen Korridor. Nur ein ganz dünner

Lichtkeil ist noch zu sehen, matt über den schwarzen Wipfeln.

Ich hieve mich über einen im Weg liegenden Baumstamm

hinweg und trabe dann auf dem jetzt beinahe völlig unter Gras

verschwindenden Pfad weiter.

 

Dann plötzlich wieder Asphalt.

Die letzten Bäume, dann bin ich aus dem Wald heraus.

Hügel, Wiesen.

Irgendwo links am Waldrand ein einsames Haus.

In der herabsinkenden Dämmerung wirkt die Gegend

so verlassen, als sei ich der einzige Mensch auf der

Welt.

 

Von jetzt an führt der Weg nur noch bergab, nach

Hessenthal hinein.

Als ich die ersten Häuser erreiche, hat sich endgültig

nächtliche Dunkelheit ausgebreitet.

Es ist 21 Uhr.

Punktlandung.

Im Vorübergehen werfe ich noch einen kurzen Blick

auf die Wallfahrtskirche.

Ich bin weit davon entfernt, keinen klaren Gedanken

mehr zustandezubringen und vor Erschöpfung nicht

mehr unterscheiden zu können, welches Bein welches

ist, aber ich habe ungefähr 40 Kilometer mit nicht ge-

rade leichtem Gepäck zurückgelegt und freue mich

auf mein Hotelzimmer.

 

Zweiter Tag.

Gegen sieben Uhr breche ich auf.

Ich trabe in einen sonnigen, hellen Morgen hinein.

Noch atmet der Sommer, noch wispert und flüstert er mit

vernehmlicher Stimme.

 

Ich schaue mir die Wallfahrtskirche an, diesmal nicht nur

im Vorbeigehen, und dann schlage ich gleich mal die falsche

Richtung ein.

Allerdings stellt sich diese Erkenntnis erst ein, nachdem ich

einen langen, steilen Anstieg hinter mich gebracht habe und

drauf und dran bin, auf einen katastrophalen Irrweg zu ge-

raten.

Irgendwie bewegt sich mein Körper in diesen ersten Morgen-

stunden wohl noch zu schnell für meinen Kopf.

 

Ich trabe in den Ort zurück, wieder an der Wall-

fahrtskirche vorüber und dann harrt meiner ein noch

längerer, noch steilerer Anstieg als vorhin.

Aber ich denke positiv: Wenigstens müssen sich meine

Füße nicht über harten Asphalt quälen, sondern dürfen

sich an einem weichen, den Füßen wohltuenden Wiesen-

pfad erfreuen. Und es riecht nach Gras und nach Holz

und nach Blumen und nach Erde.

Von dem Moment an, als ich den Anstieg bewältigt

habe, ist die Etappe ein einziges, unaufhörliches Ent-

spannungsmantra.

Erst wandere ich über einen von Wiesen gesäumten

Schotterweg, dann durch Schattenwald.

Später lichten sich die Bäume und die Sonne über

den Baumkronen verwandelt den Wald in ein riesiges

Lichtgemälde.

In mir breiten sich Gelassenheit und ähnliche Empfin-

dungen aus wie konzentrische Kreise auf einem Teich,

wenn man einen Stein hineinwirft.

 

Es ist nur eine kurze Etappe.

10 Kilometer, mit dem unfreiwilligen Umweg zu Beginn

ungefähr 13.

Schon allein deshalb ist es ein völlig anderes Gehen als

gestern.

Ich bin langsamer unterwegs, mache in den wenigen Stunden

mehr Pausen als am gesamten ersten Tag.

Nur einmal muss ich noch ein Stück bergauf laufen, aber das

ist nicht mehr als ein vernachlässigbares Intermezzo.

Dann noch eine letzte Rast auf einer Bank mit Blick auf

Soden, danach trabe ich ohne Eile ins Tal hinab.

 

An Tag drei werde ich die Tour dann von Würzburg aus fort-

setzen.

9 Replies to “TOUR 41/TAG 1 & 2: VON ASCHAFFENBURG NACH SODEN”

  1. Nach längerer Pause wieder ein toller Beitrag, wie ich finde. Verglichen mit den gewöhnlichen Wanderblogs bietet Dein Blog einfach mehr sprachliche Qualität. Alles in allem dürften das doch auch wieder fast 40 Kilometer gewesen sein, oder sehe ich das falsch?

    Gruß,
    Sylban

    1. Danke für die positiven Worte.:-)
      Durch die Umwege lässt sich nur schwer sagen, wie viele Kilometer es letztendlich gewesen sind, aber weniger als 40 auf keinen Fall.

      Beste Grüße
      Torsten

  2. Wieder ein sehr schöner und lesenswerter Beitrag. Interessant immer wieder auch der Wechsel zwischen poetischen Abschnitten, Reflexionen und der Beschreibung des Weges in Verbindung mit Deinen Gedanken.

    Grüße,
    Mata

  3. Mal was anderes: Wenn ich das richtig sehe, hast Du bis jetzt 13 Etappen auf dem Marienweg hinter Dich gebracht. Wie viele Etappen und Kilometer hast Du denn überhaupt noch vor Dir?

    Gruß,
    Sylban

    1. Genau, 13 Etappen habe ich bisher hinter mir, wobei ich allerdings schon einige Lücken zu schließen habe. Der Marienweg ist ja auch nur eine Richtschnur, an der ich mich grob orientiere. Ich weiche oft davon ab, freiweillig und unfreilwillig.:-) Insgesamt habe ich jetzt gut ein Drittel der Gesamtstrecke geschafft, habe also noch einiges vor mir. Unter Umständen folgen im Oktober noch vier Etappen.

      Beste Grüße
      Torsten

  4. Man muss deine Blogeinträge langsam lesen, lieber Torsten, um die wunderschönen – und auch humorvollen – Beschreibungen zu verinnerlichen. Genau das tue ich auch stets. Du findest immer so wunderbare Worte, diesmal z. B. „Lichtgemälde“. Hach! Heute, an diesem verregneten Tag, lese ich erneut in deinem Blog von Sommer, Sonne, Licht. Das tut gut.
    Sehr spannend dargelegt, ob du das Hotel am ersten Tag abends um neun erreichst. Hast du – und zwar punktgenau und wieder mit etlichen Umwegen bzw. trotz etlicher Umwege. Chapeau!
    Sehr gut nachvollziehen kann ich, dass du dich nicht als reiner Naturwanderer bezeichnest. Auf so einem langen Teilstück Asphalt ist es ein gewisser Automatismus, der einen ein Bein vor das andere setzen lässt. Danach kann man den Wechsel auf weiche Naturpfade, Waldwege, herrliche Natur umso mehr genießen.
    Komplettiert hast du deinen Eintrag wieder mit schönen Fotos, die einem schon Lust auf Teil 2 machen.

    Liebe Grüße ins Saarland
    Jana

    1. Vielen Dank für deinen schönen Kommentar, liebe Jana.:-)
      Was das Wetter angeht, hatte ich auch diesmal viel Glück, vor allem, wenn man bedenkt, dass es in der Woche zuvor in vielen Teilen Unterfrankens praktisch jeden Tag heftige Unwetter gab.
      Tja, ich erreiche meine Hotels so gut wie immer.:-)
      Zur not hätte ich natürlich auch diesmal irgendwo am Waldrand schlafen können wie Anfang Juni, aber es wäre empfindlich frisch geworden. Ich hatte allerdings nie wirklich Zweifel daran, dass ich es schaffen würde, auch wenn der Radweg noch ein paar zusätzliche Kilometer bedeutete.
      Letztlich leben diese langen Touren vom Wechsel, von der Unterschiedlichkeit der Umgebungen. Es gab an diesen 5 Tagen die Stadt, den Wald in verschiedenen Varianten, die Weinberge, den Fluss usw. Es gab viel, sehr viel Asphalt. Tag 3 bis 5 fanden nahezu ausschließlich auf Asphalt statt. Das wird sich bei späteren Etappen – in der Rhön, im Spessart -dann wieder ändern. Aber gerade Tag 3 – erst in WÜ, dann in den Weinbergen, dann am Main entlang – war einfach ein wunderbarer Gehtag.
      Vielen Dank noch mal für deinen Kommentar & liebe Grüße
      Torsten

  5. Als relativ regelmäßige Leserin Deines Blogs kann ich sagen, dass mir die Marienwegetappen sogar noch etwas besser gefallen als Deine anderen Touren. Diesmal hat mir besonders die Passage über die letzten Kilometer des ersten Gehtages gefallen. Ich freue mich auf weitere Beiträge von Dir.

    Gruß,
    Roxanne

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