TOUR 39 – 1. TEIL: VON BURGSINN NACH LOHRHAUPTEN

Ich beobachte die Schattierungen der Dämmerung.

Erst ist da noch ein schmaler Saum bleichen, dünnen

Lichtes, kleine Kerben und Linien, die eine nach der

anderen zerfallen.

Kein Leuchten mehr, nicht einmal mehr ein Glimmen,

nur noch ein verblassendes, brüchiges Grau. Zunächst

noch ein helles Grau, sehr rasch aber ein dunkles, schon

beinahe undurchdringliches Grau.

Zwischen den Bäumen, unter dem dichten Geäst, haben

sich längst die Schatten der Nacht ausgebreitet, still und

beklemmend und wie verwoben mit einer im Verbor-

genen lauernden Gefahr.

Ich bleibe stehen.

Ein paar Herzschläge lang habe ich das Gefühl, in eine

vollkommene Leere hineingeraten zu sein.

Dann gehe ich weiter.

Ich gehe einfach weiter an dieser Landstraße irgendwo im

Spessart entlang, von der ich nicht einmal weiß, wohin sie

führt.

Dann der allerletzte erlöschende Widerhall eines Schim-

mers, der nicht mehr richtig dem Licht angehört, aber auch

noch nicht der Dunkelheit.

Dann Schwärze.

Nacht.

 

Viele Stunden zuvor stehe ich bei gleißendem Sonnen-

schein und unter einem Himmel, so schimmernd wie

eines der Blaueisfelder in der Antarktis, auf dem Bahn-

steig in Burgsinn.

Wieder liegen vier Tage des Gehens und Wanderns vor

mir.

Es wird in diesen vier Tagen Augenblicke geben, in denen

ich das Gefühl habe, eine ganz plötzlich gleichsam aus

dem Nichts entstehende wertvolle Erkenntnis gewonnen

zu haben.

Es wird Augenblicke geben, in denen ich eine rationale

Distanz zu vielen Dingen gewinne, die es mir ermög-

licht, mich selbst und mein Denken beinahe so zu be-

trachten, als nähme ich einen übergeordneten, sozusagen

ichlosen Standpunkt ein.

Oft werde ich einfach nur Schritt vor Schritt setzen, un-

zählige flüchtige und viele bleibende Eindrücke sammeln,

mein Gedächtnis mit Bildern und Wahrnehmungen an-

füllen und meine Gedanken schweifen lassen.

 

Den ersten Schritt einer Wanderung zu machen ist fast so

wie das allererste Wort eines Romans auf ein leeres Blatt

Papier zu schreiben. Danach verflüchtigen sich die Paral-

lelen ziemlich rasch, aber erst einmal ist beides ein Aufbruch

ins Ungewisse, egal, wie viele Details man vorher plant

und festlegt.

 

Ich habe durch Zugverspätungen schon fast zwei Stun-

den verloren. Statt um kurz nach eins bin ich erst gegen

drei Uhr in Burgsinn eingetroffen.

Damit wird mein Tagesplan zu so einer Art Versuchung

des Schicksals.

Von Burgsinn aus erst an der Sinn vorbei nach Rieneck,

von dort aus dann mitten durch den Spessart nach Rengers-

brunn und dann nach Lohrhaupten zum Hotel marschieren,

das sind 28 Kilometer und auf den letzten vier oder fünf

Kilometern muss ich auch noch vom Marienweg abweichen,

womit dann auch die Orientierung an dem vertrauten Wan-

dersymbol wegfällt.

Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass diesmal nichts,

aber auch wirklich gar nichts, schiefgehen darf, wenn ich es

vor Einbruch der Dunkelheit ins Hotel schaffen will.

Keine Umwege, keine Extrakilometer, kein Suchen nach

verschwundenen Wegweisern, kein Versinken in ratloser

Orientierungslosigkeit, nicht mal vorübergehend. Ich

muss so reibungslos vorankommen wie Schallwellen in

warmem Meerwasser.

 

Burgsinn liegt ein paar Kilometer abseits

des Marienweges.

Ich habe die Stadt als Ausgangspunkt gewählt, weil

ich mir die Wasserburg anschauen will, die es

hier gibt. Und weil ich einkaufen und mich mit

Getränken eindecken will.

 

Das Einkaufen ist in kurzer Zeit erledigt, dann werfe ich

im Vorbeischlendern noch einen Blick auf das Rienecker

Tor und auf einen kleinen Brunnen mitten im Ort und

dann trotte ich durch den Park, in dem sich dieWasser-

burg befindet und schaue sie mir in aller Ruhe von

allen Seiten an.

Es hat sich gelohnt.

Ich könnte mir zwar vorstellen, dass die Burg bei Gewitter

und unter bleigrauem Düsterhimmel durchaus ein wenig

so wirken könnte wie der Stammsitz der Blutgräfin Elisabeth

Bathory, aber an einem Frühlingstag wie von filigranster

Feenhand gezeichnet, ist nichts Schauriges an ihr.

 

Die ersten Kilometer.

Erst an der Aura, dann an der Sinn entlang

wandere ich nach Rieneck.

Ich bin Teil eines großen, allumfassenden

Leuchtens und Flirrens.

Auf den Spitzen der Blätter, auf den winzigen

Wellen des dahinströmenden Wassers, überall.

Und um das Maß vollzumachen, windet der Weg

sich ästhetisch ansprechend und dabei vollkom-

men eben durch die Landschaft.

Alles an diesem Gehen und überhaupt an allem

fühlt sich leicht an, unkompliziert. Ich spüre kaum,

wie sich meine Beine bewegen, und immer, wenn ich

gerade erst eine Wahrnehmung in bewusstes Erkennen

umgesetzt habe, stelle ich fest, dass ich mittlerweile

schon wieder ein paar hundert Meter weitergegangen bin.

 

Kurz vor Rieneck passiere ich die Stelle, an der ich vor

rund zwei Monaten die ersten vier Etappen abgeschlossen

habe.

Auf einer Bank am Ufer der Sinn lege ich eine kurze Rast

ein.

Es ist jetzt fünf Uhr.

Bis zum Hotel habe ich noch knapp 20 Kilometer zu gehen,

mitten durch die Abgeschiedenheit des Spessarts.

Nicht dass ich zu zweifeln beginnen würde, aber irgendwo

an der Peripherie meines Bewusstseins, am äußersten Rand,

zeigt sich der Schatten einer Ahnung, dass es diesmal tat-

sächlich eng werden könnte.

Manches hängt auch davon ab, wie schwierig die Strecke

von jetzt an sein wird. Ich rechne natürlich mit einigen

Steigungen, hoffe aber, dass mir ein stetes, zeitraubendes

Auf und Ab erspart bleibt.

 

Ich setze meinen Weg fort.

Auch diesmal werfe ich nur von weitem einen

Blick auf die Burg, mehr Zeit habe ich nicht.

Ein paar hundert Meter noch bleibt die Strecke

flach wie lasergeglättet, aber unmittelbar nach-

dem ich die Sinn überquert habe, erwartet

 

mich der erste richtige Anstieg.

Der Bürgersteig, auf dem ich gehe, ist schmal wie eine

Rasierklinge und die Autos rollen gefühlte Millimeter

an mir vorüber.

Dann erblicke ich etwas, womit ich hier

ungefähr so sehr gerechnet habe wie mit

Flugmanövern in einer Zebraherde.

Unmittelbar neben der Straße, mitten in der

Stadt, stürzt ein kleiner Wasserfall in Kas-

kaden in die Senke hinab.

Auf einer kleinen Brücke, die über den

Wasserfall hinwegführt, bleibe ich zwei oder

 

drei Minuten stehen und blicke nach unten.

 

Befände sich der Wasserfall irgendwo an einem halbwegs

stillen Plätzchen, wären aus den zwei oder drei Minuten

vielleicht ein paar mehr geworden.

Aber mein Bedürfnis, am Rande dieser lauten Straße stehen-

zubleiben, ist nicht allzu groß, und außerdem ist heute

wirklich jede Minute kostbar.

Am Ende der Steigung wechsele ich die Straßenseite und

trotte über einen kleinen Platz. Schräg gegenüber erblicke ich

einen Kirchturm. Eigentlich jedoch ist das historische Rathaus,

das sich unmittelbar neben der Kirche befindet, der

größere Blickfang.

Um mich herum Autos, Menschen, dezenter Lärm.

Ich biege in eine Nebenstraße ab.

Mit jedem Schritt entferne ich mich nun von dem Lärm wie

ein abgeschossener Pfeil von der Bogensehne.

Der Bürgersteig wird immer schmaler und dann – von einem

Schritt zum nächsten – gibt es ihn einfach nicht mehr und

ich muss auf der Straße weitermarschieren.

Kurz darauf ist er zwar wieder da, aber dafür wird es jetzt

richtig steil. Da kann ich mich ja schon mal auf das ein-

richten, was mich vermutlich noch erwarten wird in den kom-

menden Tagen.

Die Straßen sind jetzt still und leer. Und eine ganz eigene

Atmosphäre der Abgeschiedenheit ist spürbar, es fühlt sich

an wie Abendnebel auf einer einsamen Waldlichtung.

 

Dann habe ich die letzten Häuser von Rieneck hinter mir.

Rengersbrunn zehn Kilometer“ steht auf einem Holz-

schild.

Immer tiefer bewege ich mich nun in die

Abgeschiedenheit hinein.

Da ist nichts mehr, kein Laut, keine Regung.

Nur Stille, tief und allgegenwärtig.

 

Farben:

Das grünlich schimmernde Licht auf den Blättern.

Das helle Gelb, dort, wo die Sonnenstrahlen sich im

 

Gras verfangen.

Das rotgoldene Licht des Spätnachmittags.

Gerüche:

Der Wald, die Erde.

Ich gehe gleichmäßig.

Im sanften Wind gehe ich, durch den schweigenden Wald.

Ich atme ein.

Ich atme aus.

Kurve folgt auf Kurve, Biegung auf Biegung.

 

Noch sieben Kilometer bis Rengersbrunn.

Ich beschließe, im Hotel anzurufen, sobald ich in Rengers-

brunn angekommen bin und Bescheid zu geben, dass es

später als acht Uhr werden wird, bis ich eintreffe.

Im Moment aber möchte ich mich auf das Gehen und auf

den Weg konzentrieren und nicht weiter über den Augen-

blick hinausdenken, als es für die nächsten zehn Schritte

erforderlich ist.

Außer meinem Gehen und dem Strom meines

Atems gibt es keine Bewegung mehr, nicht

einmal ein winziges Flattern oder ein sanftes

Gewisper des Windes in den Zweigen.

Zwischen den Bäumen ein beinahe mystisches

Feenlicht.

 

 

 

Noch fünf Kilometer.

Ich biege von der breiten Waldpiste, auf der ich

seit Rieneck dahinstapfe, auf einen pfadlosen Weg ab.

Die Bäume treten ganz nahe zusammen. Das Licht, das

zwischen den Stämmen hindurchströmt, ist jetzt unver-

kennbar schon ein abendliches Licht.

Immer unwegsamer wird der Pfad.

Und er teilt sich in Verzweigungen auf wie ein Flussdelta.

Meine Konzentration auf das Hier und Jetzt erodiert. Noch

kann ich mich am Marienwegsymbol orientieren, aber irgend-

wo hinter Rengersbrunn werde ich keine andere Wahl haben,

als vom Marienweg abzuweichen, und so ganz allmählich

bröckelt das Fundament meiner Sicherheit und meine Zuver-

sicht treibt davon wie ein steuerloses Schiff im Nebel.

Der Pfad unter meinen Füßen ist jetzt nur noch irgendein

holpriges, von Ästen und Steinen übersätes Gebilde, und

er führt immer tiefer zwischen immer dunklere Bäume

hinein.

 

Irgendetwas hat endgültig alle Geräusche mit sich genom-

men, da ist nur noch diese alles erfüllende Stille, in die

man hineinlauschen kann und die so deutlich spürbar ist

wie der eigene Herzschlag.

Und immer noch tiefer hinein in diese Stille und diese völ-

lige Verlorenheit gehe ich, es ist ein Gehen wie niemals

zuvor, in diesem schweigenden, großen, wunderbaren Wald.

Manchmal marschiere ich unter belaubten Ästen dahin wie

unter einem Schattendach,

Dann endlich wieder ein ganz leichter Wind, der durch die

Zweige streicht.

Ich laufe ein kurzes Stück über eine Wiese, dann aber so-

fort wieder in den Wald hinein.

Atme den Abend und das gedämpfte Funkeln der allmählich

sinkenden Sonne.

 

Dann trete ich aus dem Wald heraus und plötz-

lich strömt mir gleißendes Licht entgegen.

Jedenfalls empfinde ich es nach der relativen

Dunkelheit im Wald so.

Nach ungefähr einer Minute Blinzeln sehe ich

aber alles deutlich und scharf umrissen.

Ein Pfad, einsam zwischen Wiesen und Bäumen

ins Nirgendwo hineinführend.

 

Am Wegesrand kniehohes Gras.

Bäume in der Abendsonne.

Unten, ins Tal hineingeschmiegt, Rengersbrunn, end-

lich.

Obwohl wirklich jede Minute zählt, verharre ich einige

Augenblicke und verinnerliche die Szenerie, lausche dem

ruhigen, kaum spürbaren Atem der Landschaft.

 

Dann trabe ich in den Ort hinunter.

Gleich beim allerersten Haus frage ich eine Frau, die in

ihrem Garten herumhantiert, wie ich zu Fuß von Rengers-

brunn nach Lohrhaupten komme.

Sie sieht mich an, als hätte ich mich danach erkundigt, ob

sich hier im Ort eine Startrampe für bemannte Marsflüge

befände.

Erst als ich ihr erkläre, dass ich auf dem Marienweg unter-

wegs bin und in Lohrhaupten übernachten möchte, findet

sie meine Frage einigermaßen nachvollziehbar.

Sie gibt mir eine detaillierte Wegbeschreibung, die für

meinen Geschmack allerdings zu oft das Wort „abbiegen“

beinhaltet.

Hoffentlich kommen Sie gut an“, sagt sie zum Schluss, und

an diese Worte werde ich später mehr als einmal zurück-

denken.

 

Auf die Kirche „Maria Geburt“, die Wallfahrtsstätte Nummer

sieben auf dem Marienweg, werfe ich nur im Vorbeigehen einen

etwas längeren Blick.

Es ist mittlerweile halb acht. Bis zum Hotel habe ich noch

knappe sechs Kilometer zu gehen.

Ich erledige den Anruf im Hotel, teile kurz mit, dass ich

vermutlich so gegen Viertel vor neun eintreffen werde.

Ich habe keine Ahnung, ob ich selbst wirklich daran glaube,

das zu schaffen, aber ich verbanne alle Zweifel in die tiefsten

Verliese meines Unterbewusstseins.

 

Von der Wallfahrtskirche aus marschiere ich noch ein kurzes

Stück an der Hauptstraße entlang, und von dieser Straße, die

im fortschreitenden Abend ohnehin bereits wie der Inbe-

griff von Einsamkeit und Verlassenheit wirkt, biege ich in

eine noch einsamere, noch verlassenere Straße ab.

Die letzten Häuser.

Und dann: Ein Loch im Universum.

Oder einfach nur: Das Nichts.

 

Ein langer, steiler Anstieg. Auch das noch.

Ich stapfe an einer Scheune vorüber, an Wie-

sen.

Dann wieder Wald.

 

Ich gehe und gehe.

Gehe durch diesen endlosen Wald, gehe in die immer mehr

anwachsenden Schatten hinein, die nach und nach alles ein-

hüllen.

Verzweigungen, viel zu viele.

Dann ein Wegweiser: „Bayerische Schanz 1,2 Kilometer“.

Ich nehme mir drei Minuten Zeit, vielleicht auch vier, rase

durch labyrinthische Gedankengänge, wäge Wahrscheinlich-

keiten ab, durchleuchte die Katakomben meines Gedächt-

nisses, und dann entschließe ich mich, dass hier die richtige

Stelle ist, vom Marienweg abzuweichen.

Und von diesem Moment an – ohne dass ich es weiß – gibt

es keine Lösung mehr, sondern nur noch Variationen des

Scheiterns.

 

Ich laufe auf einem breiten Pfad dahin.

Der Wald nimmt und nimmt einfach kein Ende.

Es wird acht, dann halb neun, neun, halb zehn.

Bei jedem Gespräch, das ich über mein Handy zu führen ver-

suche, bricht die Verbindung innerhalb von wenigen Sekunden

ab.

Zu sagen, ich wüsste auch nur ungefähr, wo ich mich befinde,

wäre übertrieben. Ich bin irgendwo mitten im Nichts, exakter

kann ich es nicht mehr bestimmen.

Längst beschäftigt sich mein Gehirn mit den Möglichkeiten,

die mir noch bleiben.

Ich habe keinen Schlafsack dabei, geschweige denn ein Zelt.

Soll ich auf einem Hochsitz übernachten? Oder mich irgend-

wo zwischen die Bäume kauern? Ich glaube, hier könnte

ich die nächsten zehn Jahre liegen, nach und nach ein

Teil des Erdreichs werden, mit einem Haarschopf aus Moos

und Augen aus Anemonen, und niemand würde meine Ge-

beine entdecken.

 

Wenigstens finde ich mit dem allerletzten kümmerlichen Licht

der Dämmerung aus dem Wald heraus.

Eine Landstraße.

Dunkelheit.

Nacht.

Ich versuche wieder anzurufen, aber mitten im Nichts gibt es na-

türlich auch keine Verbindung zur Welt mehr.

Ich kann nichts mehr tun.

Außer mir hier irgendwo einen Platz zum Schlafen suchen.

 

Mehrmals wandere ich auf der nächtlichen Landstraße hin

und her.

Nach einer Weile entdecke ich im Mondlicht zwei Straßen-

schilder, einen Bildstock und eine Bank.

Willkommen, das „Hotel Paradies“ hat geöffnet!

Auf dem ersten Schild steht: „Fellen drei Kilometer“, auf

dem zweiten, das in eine andere Richtung zeigt: „Wohnrod

4 Kilometer“.

In diesem Moment geht mir wenigstens ein Licht auf, wo

ich mich befinde, denn schließlich hatte ich mir vorher ver-

schiedene Varianten meiner heutigen Route überlegt und

sie mir ziemlich gut eingeprägt.

Vom Hotel bin ich ungefähr genauso weit weg wie Stunden

zuvor in Rengersbrunn, nämlich sechs Kilometer.

Inzwischen ist es Mitternacht.

Aus den ursprünglich berechneten 28 Kilometern sind pi mal

Daumen 40 geworden.

Nicht dass ich allzu rasch aufgeben würde, aber hier und jetzt

und für diesmal ist es das Ende.

Ein letzter Versuch, jemanden zu erreichen.

Die Verbindung hält gerade lange genug, um eine einzige SMS

abzuschicken, dann geht endgültig gar nichts mehr.

Ich lege mich auf die Bank, wickle mich möglichst eng in

mein Regencape ein, decke noch zwei Pullis über mich,

und so verbringe ich die Nacht.

Und obwohl sie nur vier Stunden dauert, wird es eine

lange, kalte, unbequeme Nacht.

 

In der allerersten spärlichen, grauen Morgendämmerung breche

ich wieder auf.

Dafür, dass ich keine einzige Sekunde geschlafen habe, fühle

ich mich recht frisch. Aber irgendwo in meinem Gehirn

lauert eine bleierne Müdigkeit, die früher oder später zum

Ausbruch kommen wird.

Während der Nacht habe ich einen Entschluss gefasst, den

ich auch jetzt am Morgen noch für sinnvoll halte.

In Anbetracht der Umstände werde ich die eigentlich für

heute vorgesehene Etappe von Lohrhaupten nach Schöll-

krippen streichen und irgendwann in der Zukunft nach-

holen.

40 Kilometer mitten durch den einsamsten Teil des Spes-

sarts und das ohne ausreichende Verpflegung und mit der

Ungewissheit, ob ich unterwegs auf Läden stoße, in denen

ich mich eindecken kann, das wäre nach diesem ersten Tag

eher eine Variante von Harakiri als eine Wandertour.

Stattdessen werde ich über Fellen nach Burgsinn zurück-

kehren, von dort dann mit dem Zug über Gemünden und

Aschaffenburg nach Schöllkrippen fahren und dann einfach

weitermachen wie vorgesehen.

 

Nebel liegt über den Wiesen.

Ich stapfe einfach an der Landstraße entlang.

Alles, was ich mir im Moment wünsche, ist ein

Morgen ohne böse Überraschungen.

Die drei Kilometer bis Fellen sind rasch zurück-

gelegt. Die vier Kilometer von Fellen bis Burg-

sinn wären es auch, aber nach ein paar hundert

Metern habe ich genug davon, stumpf an der

Landstraße entlangzutrotten und biege in

Richtung Wald ab.

 

Der Weg wird sehr rasch ziemlich steil, aber ich

wandere in einen wunderbaren, leuchtenden

Frühlingsmorgen hinein.

Lange sitze ich dann auf einer Bank und lasse

die Zeit verstreichen.

Esse die letzten Müsliriegel. Trinke mein letztes

Wasser.

Egal.

In Burgsinn gibt es Geschäfte, in denen ich ein-

kaufen kann.

Mit einem Spaziergänger führe ich ein Ge-

spräch, das immer weiter und weitergeht und schließ-

lich über eine Stunde gedauert haben wird. Am Ende

bedankt er sich sogar.

 

Irgendwann mache ich mich dann auf den Weg hinunter nach

Burgsinn.

Ich fühle mich gut.

10 Replies to “TOUR 39 – 1. TEIL: VON BURGSINN NACH LOHRHAUPTEN”

    1. Vielen Dank!:-)
      Es war auch eine ganz besondere Etappe, die mir sicher noch sehr lange in Erinnerung bleiben wird. Allzu oft möchte ich Erlebnisse dieser Art aber nicht mehr haben.

      Grüße,
      Torsten

  1. Einfach super! Man ist ein wenig im Zwiespalt, ob man Dir wünschen soll, dass in Zukunft alles glatt verläuft, denn Deine Touren leben ja auch von solchen nicht eingeplanten Ereignissen.

    Gruß,
    Sylban

    1. Tja, in diesem Zwiespalt stecke ich auch so ein wenig. Allerdings: So heftig wie bei dieser Tour muss es wirklich nicht mehr werden.:-)
      Vielen Dank für den Kommentar!

      Grüße,
      Torsten

  2. Wow, und das in Deinem Alter! Ein Skandal, dass es mitten in diesem Nirwana weder schwedische Gardinen, geschweige denn eine Telefonzelle gab 😏

    Eine wunderschöne Schilderung – für mich die schönste bisher!

    Kia Ora lieber Torsten

    1. Hi Frank,
      ja, es war eine denkwürdige Tour, die an lange zurückliegende Zeiten erinnerte.:-) Unter dem Strich – mit all den Erlebnissen, Begegnungen und auch der Landschaft – war es eine tolle Wanderung und ich freue mich schon auf die nächsten Etappen im Spessart. Gegebenenfalls werde ich dann am Tag vorher anreisen, dann stehe ich nicht so unter Druck wie diesmal.
      Danke für Deinen Kommentar und beste Grüße,
      Torsten

  3. Tja, lieber Torsten, nun hast du also deine erste Nacht im Freien verbracht – wenn auch völlig ungeplant und unvorbereitet. Da gab es intensive Überlegungen zum Umgang mit Gewitter, zu Begegnungen mit Wildschweinen … und dann das! Ich habe versucht, mir anhand deiner Beschreibungen deine Lage an diesem Abend/in dieser Nacht vorzustellen. Nun wünsche ich dir einfach, dass dir künftig Erfahrungen dieser Art erspart bleiben!
    Im Übrigen: Toller Blogbeitrag wieder – ich mag deine Art des Schreibens sehr.

    Liebe Grüße
    Jana

    1. Vielen Dank, liebe Jana.
      Das war eine in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Etappe, auch vom Gehen her eine der eindrücklichsten überhaupt bisher. Die intensiven Überlegungen vorher haben sich bezahlt gemacht, denn ich habe die Tour ja um zwei Tage verschoben, und das war gut so. An den Tagen vorher wäre ich in heftige Gewitter geraten und das hätte dann richtig übel werden können. Trotzdem muss ich in Zukunft dafür sorgen, dass so etwas nicht wieder passiert.
      Vielen Dank für Deinen Kommentar und liebe Grüße,
      Torsten

  4. Beeindruckend, wie Du Deine Wanderungen schilderst. Und die Fotos der Bildergalerie runden die Sache sehr schön und nachvollziehbar ab.

    1. Vielen Dank!:-) Freut mich sehr, dass es Dir gefällt.
      Die Erganzung der Texte durch die Bildergalerien hat sich mittlerweile etabliert und kommt auch ganz gut an.

      Beste Grüße,
      Torsten

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