TOUR 30 – BHF KIRN – WILDGRAFENWEG HOCHSTETTEN-DHAUN

Ich befinde mich im Zentrum einer Lichtexplosion.

Flutendes, flimmerndes, flirrendes Licht.

Kaskaden aus Licht.

Eine Brandung aus Licht.

Ich verharre, ein paar Augenblicke lang.

Sehe zu, wie die Schatten immer weiter zurückge-

drängt werden und zugleich immer neue Licht-

muster entstehen, zerfallen und wieder ent-

 

stehen.

Über mir ein Himmel von schimmerndem, makellosem

Blau.

 

Ich gehe weiter, steige breite Stufen empor, lasse mich

einfach in dieses Leuchten und Flirren hineintreiben. Eine

Kugel, angefüllt mit Wohlgefühl, zerplatzt in meinem

Kopf.

 

Vor Beginn dieser Tour hatte ich eigentlich nur einen ein-

zigen Wunsch, nämlich, dass es eine von Anfang bis Ende

unkomplizierte Tour werden soll. Ohne epische Umwege,

ohne wie ein Wasserfall herabstürzende Regengüsse,

ohne Windböen, gegen die ich anzukämpfen habe, und

wenn es irgendwie geht, auch mit einem Himmel, der nicht

die ganze Zeit aussieht wie ein alter Stofffetzen.

 

Gut fünf Kilometer habe ich jetzt hinter mir, bin vom

Bahnhof in Kirn aus an der Landstraße entlang nach

Hochstetten-Dhaun gestiefelt und bin jetzt seit einer

Viertelstunde auf dem Wildgrafenweg unterwegs, der

unmittelbar hinter Hochstetten als fußbreiter Pfad be-

ginnt.

Und bis jetzt sieht es verdammt danach aus, als würde

mein Wunsch Erfüllung finden.

 

Ich trotte an Weiden vorüber in den Wald und

zugleich in eine wohltuende Abgeschiedenheit

hinein. Es ist ein Weg zum Durchatmen, zum

Glätten von Alltagsstressfalten.

Zwischen den Bäumen hindurch blicke ich auf

Hügel und ein Dorf in hellem Licht. In diesem hellen

Licht wirken selbst die noch immer winterkahlen

Bäume nicht länger wie skelettierte Finger.

 

Eine ganze Weile bewege ich mich durch einen aus 

langer Winterstarre erwachten Vorfrühlingswald, dann

trabe ich über Asphalt, biege aber schon nach 100

Metern auf einen breiten Feldweg ab.

Rechts ein Hang, erst sanft, dann ziemlich steil anstei-

gend.

Wiesen.

Irgendwo ein Hochsitz.

Links sonnenbeschienene Weiden, Bäume, dann ein

Bach.

 

Ich gehe.

Wahrnehmungen, manche flüchtig und unscheinbar

und sofort wieder ins Vergessen absinkend, manche

zu manifesten Erinnerungen werdend.

Ich gehe.

Es herrscht keine vollkommene Stille, doch die unter-

schwelligen Geräusche, die es gibt, werden von mir

gleichsam als Klänge einer Musik wahrgenommen,

die ebenso zu dieser Landschaft gehören wie das,

was ich mit den Augen erfasse.

Ich gehe.

 

Der Weg führt wieder in den Wald hinein.

Kurz darauf überquere ich – nicht zum ersten und nicht

zum letzten Mal an diesem Tag – eine Landstraße und

dann stapfe ich auf offenem Gelände eine Weile berg-

auf.

Nach dem Desaster bei der letzten Tour finde ich es sehr

beruhigend, dass der Weg hervorragend ausgeschildert

ist. Ich bin guter Dinge, mich diesmal nicht zu verlaufen,

aber so ganz kann ich die Stimme nicht zum Verstum-

men bringen, die mir – genährt aus dem jahrtausend-

alten Erfahrungsschatz der Menschheit – zuflüstert, dass

man den Tag nicht vor Schlag Mitternacht loben soll.

 

Blick in die Ferne.

Hügel, in einem weißlich schimmernden Dunst sich

verlierend.

Nach all den Wochen und Monaten der eng begrenzten

Horizonte und der Nebelvorhänge genieße ich das

jetzt so richtig.

Es wird nicht der letzte Fernblick dieses Tages bleiben.

 

 

Plötzlich Radiolärm.

So laut, als sollten akustische Signale zur Aufspürung von

Außerirdischen in den Weltraum gesendet werden.

Der Lärm kommt aus einem einsam gelegenen Haus

schräg gegenüber von meinem Standort.

Ich mache, dass ich weiterkomme.

Zum Glück führt der Weg von dem Lärm weg und

nicht darauf zu.

 

Ich kann heute wirklich nicht behaupten, dass ich schwebe.

Meine Beine sind nicht schwer, das nicht, aber ich gleite

auch nicht gerade wie mit Adlerschwingen dahin. Ich

glaube, ich habe alles richtig gemacht, als ich mich für

eine etwas weniger anstrengende Tour entschieden habe.

Mehr als 20 Kilometer kommen alles in allem trotzdem

zusammen.

 

Ich überquere ein weiteres Mal eine Landstraße und dann

verschwinde ich wieder im Wald.

Sonnenfleck, Schattenfleck, Sonnenfleck, Schattenfleck im

stetigen Wechsel. Nach und nach aber gewinnt das Licht die

Oberhand. Nur noch einzelne Schattenspeere ragen in

die Lichttrassen hinein.

Ich nähere mich nun allmählich Schloss Dhaun.

Bis ich es schließlich erreiche, habe ich es vorher

schon mindestens ein halbes Dutzend Mal aus

der Ferne gesehen. Es liegt auf einem der zahl-

losen bewaldeten Hügel, die ich an diesem Tag

zu Gesicht bekomme. Ich freue mich schon fast,

wenn ich zwischendurch aus einem davon mal

einen Felsen herausragen sehe, der aussieht

 

wie der kahle Schädel eines Riesentrolls.

 

Es ist mittlerweile später Nachmittag.

Über die Wiesen rollen bereits riesige Schattenräder.

Ich marschiere viele Minuten lang auf einem breiten

Waldweg bergab, dann auf einem nicht ganz so breiten

Waldweg wieder bergauf.

Als ich den Wald verlasse, dann doch wieder Sonne

pur.

Ich stapfe über eine Wiese, dann über einen Feldweg, auf

dem Traktorräder breite Furchen hinterlassen haben.

 

Wieder dieser Fernblick auf die Hügel bis zum Horizont,

der einer visuellen Meditation gleichkommt. Ich kann mich

ganz darauf konzentrieren, denn abgesehen von ein paar

zwitschernden Vögeln gibt es hier kein Geräusch.

Noch eine Wiese.

Sonnenlicht, das durch die Zweige leuchtet.

Das unaufhörlich hin und her schwingende

Gedankenpendel kommt zur Ruhe und  mein inneres

Gleichgewicht ist nahezu perfekt ausbalanciert.

 

Dann Schloss Dhaun.

Menschen, Stimmen, Arbeitsgeräusche.

Ich schaue mich eine Weile auf dem Schloss-

gelände um, mache Fotos.

Das Schloss hat im Laufe der Jahrhunderte eine

Menge Umbauten und Instandsetzungen er-

fahren und irgendwie sieht man das auch, ohne

dass es in irgendeiner Weise störend wäre. Nur

 

die Prometheusfigur, die ein Bildhauer Ende

des 19. Jahrhunderts geschaffen hat, wirkt auf

mich eher skurril.

 

Ein Wanderer fragt mich nach dem Weg zur Volksstern-

warte Dhaun.

Da bin ich eine Stunde zuvor vorbeigekommen. Ich brauche

ihm nicht viel zu erklären. Im Prinzip muss er sich nur

an der Beschilderung des Wildgrafenweges orientieren.

 

Ich dagegen mache mich auf zur Ruine Brunken-

stein, einer ehemaligen Vorburg von Schloss

Dhaun.

Ruine ist gut.

Die Ruinen, die ich auf meinen letzten Touren ge-

sehen habe, waren ja nun wahrlich schon alles andere

als toll erhalten, aber gegen die Brunkensteinruine

sind sie wie der Park von Schloss Sanssouci im Ver-

 

gleich zu einem Schrebergarten.

Eine einzige Mauer steht noch!

Wuchtig und hoch zwar, aber hier muss ich mich wirklich

nicht länger aufhalten als notwendig.

 

Das Finale.

Wald.

Eine einsame Sinnenbank.

Rabenschreie über Baumwipfeln,

Abendsonne.

An einer Koppel vorüber und einen kurzen, heftigen Anstieg

hinauf.

Wenig später marschiere ich dann auch schon ins Dorf hinunter

zum Bahnhof.

12 Replies to “TOUR 30 – BHF KIRN – WILDGRAFENWEG HOCHSTETTEN-DHAUN”

    1. Es gab mehrere dieser tollen Fernblicke. Dazu viel Wald mit nichts als Naturgeräuschen. Eine rundum gelungene Tour mit Entspannungsgarantie. Vielen Dank für Deinen Kommentar & liebe Grüße

    1. Vielen Dank! Ja, diesmal hatte ich Glück. Ich hoffe, dass noch viele ähnliche Geh-und Wandertage folgen werden in diesem Jahr.

  1. Ich verfolge Deinen Wanderblog eigentlich von Beginn an und lasse mich immer wieder gern in den Bann Deiner sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten ziehen. Ich hatte schon viele sehr schöne Leseerlebnisse mit Deinem Blog.

    Grüße, Mata

  2. Einmal eine problemlose Wanderung. Keine Regengüsse, keine Windböen, kein verhangener Himmel, kein vom Wege abkommen, keine Unvorhersehbarkeiten, einfach einmal eins sein mit der Natur.
    Im Finale schreibst Du eine einsame Sinnenbank, ein Wort das ich noch nie gehört habe. Aber da hilft ja Google. Diese abgebildete Sinnenbank hast Du in Tour 11, Bild 23 abgebildet. Schon damals habe ich sie voller Staunen angesehen.
    Deine Wortwahl verbunden mit den bildlichen Ausdrücken begeistern mich bei jeder Wanderung immer wieder von Neuem..

    1. Nach der äußerst fordernden Tour 29 war eine solche problemlose Tour einfach mal notwendig.:-) Ich bin sicher, dass sich mir bei den nächsten Touren wieder mehr Schwierigkeiten in den Weg stellen werden. Vielen Dank für Deinen Kommentar!:-)

  3. „Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.“ Das Schloss hat es mir besonders angetan! Wie majestätisch es vor blauer Kulisse thront! Eben märchenhaft.
    Diese wohltuende Abgeschiedenheit ist es, die auch mich immer wieder zum Wandern bringt. Ein Bein vor das andere setzen, Stille „atmen“, die Natur auf sich wirken lassen. Da kann plötzlicher Radiolärm in der Tat sehr störend wirken.
    Man merkt deinen Worten wiederum die innere Zufriedenheit an, die du beim Wandern empfindest. Da war der frühlingshaft anmutende Tag mit dem hellem Licht wohl diesmal nicht ganz unschuldig dran. Ich freue mich schon sehr auf deine Wanderberichte mit schönen Bildern, wenn es erst richtig Frühling ist!
    Liebe Grüße, Jana

    1. Als ich diesen Weg auswählte, habe ich mir ziemlich genau das vorgestellt, was ich dann letztendlich auch vorgefunden habe. Ich wollte einfach eine unkomplizierte Wanderung durch die Natur. Das habe ich bekommen.:-) Witzigerweise kam ich während der Tour unmittelbar an einer Stelle vorbei, wo ich bei Tour 21 gewesen bin.
      Das Schloss liegt sehr schön auf einem Hügel und sieht schon aus der Ferne wunderbar aus. Vielen Dank für Deinen Kommentar!:-) Liebe Grüße, Torsten

  4. Es ist doch erstaunlich, wie ich beim nochmaligen Durchlesen Deiner Tour so vieles ganz anders wahrgenommen habe. Es ist natürlich erfreulich von einer Wanderung, die für einmal problemlos verlief, zu lesen.
    Es ist schön mit Dir auf dem Wildgrafenweg unterwegs zu sein und all‘ die Eindrücke der Abgeschiedenheit, der Weiden und des Waldes mitzuerleben. Der Weg ist einmal gut gut ausgeschildert und Schloss Dhaun, die Ruine und die Sinnenbank bringen auch noch Abwechslung in die so schön beschriebene Landschaft.

    1. Ich erinnere mich gerne an diese Tour zurück, vor allem, da es die erste Tour in diesem Jahr war, die nicht unter winterlichen Vorzeichen stattfand. Das war dann gleich ein ganz anderes und deutlich angenehmeres Gehen.

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