TOUR 25 – ST. WENDEL: BHF – TIEFENBACHPFAD – BHF

Ich habe in dieser Nacht einen Traum, einen von der

Sorte, die hinterher noch so gegenwärtig sind, dass

sie einem beinahe vorkommen wie eine Erinnerung an

ein reales Erlebnis.

In diesem Traum gehe und gehe und gehe ich, ohne je-

mals an mein Ziel zu kommen, obwohl ich die ganze

Zeit weiß, dass es in der Nähe sein muss.

Und wie durch einen dünnen, durchlässigen Schleier

treiben die Bilder jenes Traumes noch eine Weile aus

der geheimnisvollen Dunkelwelt, der sie angehören, in

mein Bewusstsein.

 

Alles an diesem Tag ist November.

Bereits morgens um zehn Uhr ist es so dunkel, als

würde jeden Moment die Nacht hereinbrechen.

An dem Wind, der durch die Straßen fegt, ist nichts

Mildes mehr.

Und ein monochromes Grau umschließt, durchdringt, ver-

einnahmt die gesamte Szenerie, überall, immer.

 

012a1Vom Bahnhof in St. Wendel habe ich un-

gefähr vier Kilometer zu gehen, um zum

Wendelinushof zu kommen, wo der Tiefen-

bachpfad beginnt.

Erst einmal begebe ich mich jedoch zum Dom

mitten in der Altstadt.

Die Straßen, durch die ich stapfe, sind nicht

allzu belebt. Und die Fußgängerzone ist fast so

leer wie ein Goldgräberdorf am Klondike nach

Ende des Goldrauschs.

 

Wenig später lasse ich mir vorsichtshalber von

einem der wenigen Passanten, denen ich

begegne, den Weg zum Wendelinushof detailliert be-

schreiben. Er entpuppt sich als begeisterter Wanderer

und ich erhalte von ihm eine Wegbeschreibung, mit der

ich einen Stadtplan hätte anfertigen können.

 

022aEine Weile marschiere ich stetig bergauf,

erreiche irgendwann das Missionshaus, und

von dort aus muss ich nur noch ein kleines

Stück durch den Wald und dann an einer

Landstraße vorüber, dann bin ich da.

 

Endlich richtig wandern!

 

Auf dem Gelände des Wendelinushofes herrscht

reges Treiben. Busladungen von Besuchern

laufen hin und her.

Ich halte Ausschau nach dem Symbol des Tiefen-

bachpfades und entdecke es praktisch sofort.

Einen asphaltierten Weg hinauf gelange ich auf einen

Feldweg und damit stellt sich auch endlich das Gefühl

ein, sich auf einer richtigen Wanderung zu befinden.

 

Ich stapfe an Feldern und Wiesen vorüber.

Erinnerungen arbeiten sich aus dem Vergessen empor.

Vor langer Zeit bin ich schon einmal hier gewesen.

Aber die Erinnerungen bleiben unscharf und verflüch-

tigen sich bald wieder.

 

Ich lasse den Blick über die Landschaft schweifen.

Graues Land, Nebelland.

Ein eng begrenzter Horizont.

Sich auflösende Konturen.

Alles scheint zum Stillstand gekommen.

Alles außer meinen Gedanken.

Die rotieren noch immer, als würden in meinem Kopf

kosmische Strings hin und her schwingen.

 

Zum ersten Mal auf dieser Tour richtiger Wald.

Zwischen den Bäumen hindurch sehe ich auf das Mis-

sionshaus, an dem ich vorhin vorübergegangen bin.

Entlaubte, bizarre Baumgestalten säumen meinen Weg.

Trotz des Gehens spüre ich die Kälte an mir empor-

kriechen.

Eines aber kann ich sagen: Ganz allmählich merke ich,

wie mein Kopf klar und frei wird und die Bewegung

der Strings sich verlangsamt.

 

Musik der Landschaft

 

151aUnd einen Vorteil hat dieses Grau.

Alles, was nicht grau ist, springt einem umso

stärker ins Auge. Jedes noch so matte Gelb

oder Rot wird zu einem Erlebnis für die

Sinne, zu einer in Farben umgewandelten

Musik der Landschaft.

 

Laub, Laub und immer noch mehr Laub.

Manchmal verschwindet der Pfad vollkommen unter

Bergen von Laub.

Selbst ein schmaler Steg, den ich irgendwann über-

schreite, ist übersät davon.

 

Mitten im Wald plötzlich ein Wochenendhaus.

Ein zweiter Steg.

Ein schmaler Bach, in dem der graue Himmel sich spie-

gelt.

Die Hand des Windes bewegt ein paar Baumwipfel.

Das hat jetzt doch schon etwas Idyllisches.

 

Ich weiß nicht, ob es diese stille Beschaulichkeit ist,

die mich unaufmerksam werden lässt oder ob ich einfach

nur einen Wegweiser falsch deute.

Jedenfalls stelle ich irgendwann fest, dass ich mich

auf einem Irrweg befinde. Und ein Wandersymbol habe

ich zuletzt an einer Stelle gesehen, die mindestens

einen halben Kilometer entfernt ist.

Ich habe absolut keine Lust umzukehren.

Stattdessen stapfe ich einen Weg hinauf, von dem ich

hoffe, dass er irgendwie auf den eigentlichen Wander-

weg zurückführt.

 

Mit jedem Schritt, den ich mache, wächst der Ärger

über den Irrweg in mir. Mit einem Mal spüre ich die

Kälte doppelt so heftig wie zuvor.

Auf jeden Fall muss der Pfad möglichst bald nach links

führen. Wenn er nach rechts abbiegt, muss ich doch noch

umkehren, und dann sind es wesentlich mehr als 500

Meter, die ich zurückgehen muss.

 

Fünf Minuten lang schlägt der Weg eine schnurgerade

Schneise den Berg hinauf.

Zehn Minuten.

Dann führt er nach links.

Und nicht einmal einen Lidschlag später entdecke ich

auch das Wandersymbol des Tiefenbachpfades wieder.

Durchatmen.

 

075aWenige Minuten später stehe ich auf einer

einsamen Höhe in böigem Wind.

Weit streicht der Blick über Wiesen und Felder,

über Hügel und Wälder hinweg, alles im Unge-

fähren sich verlierend, je weiter der Blick in

die Ferne wandert.

Mein Ärger ist längst in sich zusammengefallen.

 

Wieder in den Wald hinein.

Einen mäandernden Pfad hinab, dann eine gefühlte

Stunde lang geradeaus.

Ist es die Kälte, die mich daran hindert, in meinen

gewohnten Gehrhythmus hineinzufinden? Vielleicht. Jeden-

falls komme ich zwar gut voran, aber irgendwie ist

heute Sand im Getriebe. Wahrscheinlich muss man sich

einfach damit abfinden, dass nicht jeder Gehtag gleich

gut und harmonisch ist. Die Freude am Gehen ist trotz-

dem da.

 

Märchen, Fantasy

 

Kurz darauf wird das alles ohnehin nicht mehr die ge-

ringste Rolle spielen.

Nachdem ich eine Landstraße überquert habe, darf ich

zwei Kilometer durch einen Novemberwunderwald

wandeln. Ich fühle mich, als sei ich in ein Märchen

der Gebrüder Grimm oder in irgendeine Fantasy-

geschichte hineingeraten, die in einem magischen Wald

spielt.

 

108aWurzeln.

Nein, Wurzelgeflechte.

Holzstiegen, halb verborgen im Laub.

Pfade, die sich schmal an den Bäumen

entlangwinden.

Ein Bachlauf, wie von Feenhand in den Wald

hineingewoben.

Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen,

an dem sich mein unruhiger Geist zurücklehnt und

einfach nur noch geschehen lässt.

Ruhe sickert, strömt in meinen Kopf hinein.

 

124aWieder ein paar Stiegen hinauf.

Oben auf einem breiten Weg durch kahlen

Spätherbstwald.

Dann wieder hinab in eine kleine Schlucht.

Ein kleiner Brunnen.

Ein Steg wie zu Lederstrumpfs Zeiten.

 

Irgendwann dann bin ich aus dem Wald heraus

und habe endlich mal wieder Asphalt unter den

Füßen. Zwei Reiterinnen kreuzen meinen Weg,

verschwinden in der Ferne.

In einer Senke ein Dorf mit einer weißen Kirche.

Jenseits des Dorfes wieder einmal bewaldete Hügel-

kuppen.

 

Ein letztes Mal in den Wald hinein.

184aAn Birken vorüber, die ein verblühendes Laub-

kleid tragen.

Steile Stiegen hinab, die das Laub vollkommen

erobert hat. Und danach eine Passage, auf

der so viel Laub liegt, dass wahrscheinlich

nicht einmal zwei Leben ausreichen würden,

um jedes einzelne Blatt zu zählen.

 

Der letzte Kilometer.

An einem Dorf vorüber wandere ich einen

 

letzten Anstieg hinauf, dann verlasse ich den Wald endgültig.

Minuten später erreiche ich die ersten Häuser der

Stadt.

Kalter Nieselregen setzt ein.

Bald schon sehe ich wieder den Dom vor mir.

Durch die schmalen, immer noch fast menschen-

leeren Gassen der Altstadt trotte ich sehr langsam zum

Bahnhof zurück.

 

 

 

10 Replies to “TOUR 25 – ST. WENDEL: BHF – TIEFENBACHPFAD – BHF”

  1. Wieder ein großartig geschriebener Beitrag. Metaphern, Sprachnuancierung, Erzählfluss. Ich habe es ja schon einmal gesagt: Es ist, als würdest Du mir gegenübersitzen und mir von Deinen Erlebnissen bei den Wanderungen berichten.

  2. Hatte ich anfangs einige Blog-Einträge nur überflogen, lese ich mir inzwischen jede Etappe in Ruhe durch, lasse Worte, Sätze auf mich wirken. Wie findet jemand immer wieder andere, schöne Wörter, um seine Eindrücke beim Wandern zu beschreiben? Nun, hier gelingt es hervorragend, lässt mich teilhaben, mich hinträumen. Was mir auch sehr gut gefällt, ist die optische Unaufdringlichkeit dieses Blogs. Denn ich mag es eher schlicht – zu Buntes, Bling-Bling und dergleichen lenken meine Augen nur ab.
    Es gibt viele (Wander-)Blogs. Dieser gehört für mich definitiv zu den Besonderen. Danke, Torsten! Liebe Grüße von Jana

    1. Vielen Dank, liebe Jana, für diesen wunderbaren Kommentar.:-) Für Leserinnen wie Dich zu schreiben ist dann noch mal eine besondere Motivation. Liebe Grüße. Torsten

  3. Wenn man deine Wanderungen liest,hat man das Gefühl, dabei zu sein.Es macht mir jedesmal wieder Spaß.Dann erkennt man auch,was einem selber so an diesem Hobby fasziniert. Danke für deine Berichte. Gruß Katrin

    1. Vielen Dank!:-) Es ist schon erstaunlich, in welchem Maße das Wandern/Gehen inzwischen zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden ist. Das hätte ich noch zu Beginn dieses Jahres nicht gedacht. Und es gibt noch eine ganze Menge zu entdecken. Euch weiter viel Spaß und Faszination beim Wandern.:-) LG

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