TOUR 19 – HOFELD: SCHMUGGLERPFAD

Irgendwie ist an diesem Tag von Anfang an etwas durch

und durch falsch.

So falsch, als würde Schnee im Sommer fallen oder als

würde ich erwachen und feststellen, dass ich nur eine fiktive

Figur in einem Roman bin.

 

Dabei sind eigentlich alle Voraussetzungen für eine wunder-

bare Wandertour gegeben: Die Farbenpracht des Herbstes,

vereint mit der Wärme des Sommers, besser geht es doch

gar nicht.

Aber ich merke sehr rasch, dass ich heute nicht meinen

besten Tag habe. Die letzten beiden Nächte habe ich kaum

geschlafen und von der Leichtigkeit, mit der ich in den

vergangenen Wochen wesentlich längere und schwierigere

Strecken bewältigt habe, ist wenig zu spüren.

 

Ich bin mal wieder in einer Gegend, wo man als Fremder

so wenig auffällt wie ein Vampir am Badestrand.

Blicke folgen mir, als ich vom Bahnhof aus die Dorfstraße

entlangtrotte. Die Blicke sind jedoch nicht unfreundlich,

sondern nur neugierig.

 

Ein größer werdendes Lichttor

 

Bis zum Startpunkt des Schmugglerpfades muss ich vom

Bahnhof aus nur wenige hundert Meter gehen.

Schmugglerpfad NambornAnfangs wirkt die Strecke noch nicht wie

ein Premiumwanderweg. Ein breiter Kies-

pfad, auf dem mir viele Leute mit Hunden

entgegenkommen und vereinzelt auch mal ein

Jogger.

Am Wald entlang, im Schatten, gehe ich auf

ein zunächst kleines, nach und nach aber

immer größer werdendes Lichttor zu.

Irgendwann durchschreite ich es und wandere

von einer Sekunde zur nächsten in gleißendem

Licht dahin.

 

Vor einer Brücke verlasse ich den Kiespfad endlich. Koppeln,

Wiesen und Weiden sind von nun an für eine Weile die

Szenerie, durch die ich mich bewege. Und ein paar abgemähte

Felder.

Stilles Land.

Und über allem die große, leuchtende Sommersonne im Herbst.

Selbst der Güllewagen, der auf einer Weide herumsteht, wirkt

idyllisch.

Die Dörfer, die ich von weitem sehe, sehen aus wie in die Land-

schaft hineingemalt.

 

Ein kurzer Abschnitt zwischen Sträuchern und Bäumen hin-

durch, in dem der Schatten die Oberhand hat, dann auf

einen schmalen Saum zwischen Wald und Weiden wieder

auf einen Kiespfad.

 

Schmugglerpfad NambornEin fast ausgetrocknetes Bachbett, danach

lichtes Gesträuch und Wiesen.

Zwar wird das heute nicht mehr so wirklich

mein Tag werden, aber wenn schon nicht ich,

so gleiten doch wenigstens meine Gedanken

ganz entspannt dahin. Das ist auch was

wert.

 

Ich überquere eine Landstraße und stiefele

einen asphaltierten Weg hinauf.

Ich passiere eine Stelle, die von 1817 bis

1918 ein Grenzpunkt zum „Fürstentum Birken-

feld im Großherzogtum Oldenburg“ gewesen ist –

und dann ist es von einem Augenblick zum nächsten

plötzlich nichts mehr mit „Stilles Land“.

Laute Musik, Stimmengewirr und Gläserklirren dringen

an mein Ohr.

Schmugglertreff 150 Meter“ lese ich auf einem Schild.

Nach rechts zweigt ein schmaler Weg ab.

Von dort irgendwo kommt der Lärm.

 

Immer tiefer ins Nirgendwo

Schmugglerpfad Namborn

 

Ich gehe geradeaus weiter.

Einem irgendwas zwischen sanft und

halb steil ansteigenden Geröllpfad folgend,

stapfe ich immer tiefer ins Nirgendwo

hinein.

Mein Blick krallt sich an den Dörfern und

Hügeln fest, Sobald er darüber hinausgleitet,

verliert er sich in einer schimmernden Weite.

 

 

 

Ich mache Rast auf einer Bank.

Abgemähte Felder.

Ein Hochsitz.

Und natürlich die unvermeidlichen Windräder.

Auf einer Landstraße brummt ein Auto vorüber.

Nach dem Aufbruch ein kurzer Abstecher zu einem

Hügelgrab im Wald, von dem aber nicht mehr sehr viel

zu erkennen ist.

 

Schmugglerpfad NambornNachdem ich wieder eine Weile

auf Wiesen, über Wiesen hinweg

und entlang von Wiesen dahinmarschiert

bin, kommt zur Abwechslung mal ein

Waldstück mit einer kleinen, na ja, nicht

wirklich Schlucht, aber immerhin Einker-

bung.

Aber auch hier kann ich zwischen

den Bäumen hindurch auf eine Wiese

blicken.

Ich trotte über eine Holzbrücke hinweg, und dann hat

das Wald-Intermezzo auch schon wieder ein Ende.

 

Kurz darauf wandere ich an einem Gehöft vorüber.

Menschliche Stimmen, Traktorgebrumm.

Eine Kuhattrappe in Schwarz-Rot-Gold steht am Weges-

rand.

Der große, freistehende Baum, an dem ich ein paar Meter weiter

vorübergehe, gefällt mir da doch wesentlich besser.

 

Wenige Augenblicke später übersehe ich beinahe das Wege-

symbol, bemerke erst im allerletzten Moment, dass ich

nicht geradeaus gehen, sondern rechts am Wald entlang-

stapfen muss.

Auf der Passage, die folgt, ragen immer wieder Baumstämme

mit Schlagseite in den Weg hinein, versperren ihn sogar

manchmal, so dass ich darüber hinwegsteigen muss.

 

Nicht mein Tag

 

Nein, heute ist wirklich nicht mein Tag. Ich habe zu wenig

zum Trinken mitgenommen, nur anderthalb Liter. Die Strecke

ist fast 13 Kilometer lang, es herrscht sommerliche Hitze.

Auch die Müsliriegel habe ich vergessen. Wo war ich beim

Packen des Rucksacks eigentlich mit meinen Gedanken?

 

Zu den Wiesen gesellen sich jetzt immer mal wieder ein

paar Äcker.

Und eines hätte ich wirklich tun sollen, nämlich die Hoch-

sitze zählen! Ich glaube, davon gibt es hier nicht viel we-

niger als Sandkörner in der Sahara.

Schmugglerpfad NambornNoch ein Schild mit einem Hinweis auf

einen alten Grenzpunkt: „Sie verlassen Preußen

…Nach wenigen Metern betreten Sie das Saar-

gebiet unter Völkerbundsmandat…“

 

Meine Kehle ist inzwischen staubtrocken.

Ich mache, dass ich vorwärtskomme.

Ein kleiner Anstieg auf gewundenem Pfad

im Wald, später über eine schmale Straße,

wieder ein Anstieg und wieder Wald.

Dann ein Kiespfad, an einer Kneippanlage vorüber, und

wieder ein Anstieg.

Meine Kehle brennt. Nicht mehr lange und es schlagen

Flammen daraus hervor.

 

Schmugglerpfad NambornDie Strecke läuft jetzt – im Gegensatz zu

mir – zur Höchstform auf.

Mäandernde Pfade in einem dunkellichten

Schattenmusterwald.

Bemooste Steine wie eigenartige Tiere.

Verwunschene Zwielichtbereiche, die den

Eindruck erwecken, als könne dort viel-

leicht ein unsichtbares Tor ins Elfenland

existieren.

Dann auch noch der Ausblick vom Matzen-

berg weit in diese, wie es scheint, unveränderbare

Landschaft hinein.

 

Danach lange Pfade, mal schnurgerade, mal sich zwischen

den Bäumen hindurchwindend.

Ein steiler Abstieg, der nach und nach abflacht.

An der Dorfkirche vorüber und noch ein paar letzte Stiegen

und Windungen hinab, und dann befinde ich mich wieder

am Ausgangspunkt.

 

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4 Replies to “TOUR 19 – HOFELD: SCHMUGGLERPFAD”

  1. Also es war eine Premiumwanderung. Ich habe gelesen, dass es 111 Premiumwanderungen -Traumschleifen gibt. Da hast du noch einiges zu durchgehen!
    Der Anblick der grünen Wiesen auf denen du über, auf und entlang gewandert bist dem ausgetrockneten Bachbett und den verträumten Dörfer ist so bildhaft gut beschrieben.
    Schmugglerpfad: irgendwas, irgend ein Zeichen über die damals abenteuerlichen „Helden“ des Schmuggels habe ich vermisst. Vielleicht ist Schmugglerpfad einfach nur ein Fantasiename.
    Die Wanderung ist wieder fesselnd beschrieben. Ueber deine Sprache müsste ich ja gar nichts mehr sagen, denn sie ist einfach brillant.

    1. Vielen Dank, liebe Ursula.:-) Es gab auf der Strecke mehrere Hinweisschilder auf alte Grenzen zu sehen. Ich vermute, dass da kräftig geschmuggelt wurde.:-) Was die Premiumwege angeht, so gibt es tatsächlich noch so einige. Ich muss schauen, inwieweit sie sich in meine Touren einbauen lassen.

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