TOUR 16 – LEBACH: KALTENSTEINPFAD

Lebach KaltensteinpfadIch starte diese Tour unter einem

trüben, diesigen Morgenhimmel, dem

man schon ansieht, dass es nur eine

Frage der Zeit ist, bis er sich mal wieder

so richtig ausregnen kann.

Also ist heute mal wieder Wandern als

Selbstbehauptung angesagt, als Kampf

gegen alle möglichen unbeeinfluss-

baren Widrigkeiten.

 

Andererseits: Die Strecke ist ziemlich kurz, nur

knapp 8 Kilometer. Vielleicht werde ich Glück

haben und dem Regen entrinnen.

 

Ich marschiere ins Zwielicht des frühmorgendlichen

Waldes hinein.

Es ist noch nicht mein Morgen.

Auf dem ersten Kilometer fühle ich mich schwerfällig

wie ein zum Leben erwachter Stein.

Irgendwie habe ich den Eindruck, dass sich mein ge-

wohnter Rhythmus beim Gehen heute nicht einstel-

len wird – jener Rhythmus, bei dem ich irgendwann

das Gefühl habe, dass sich meine Beine wie von selbst

bewegen und dass ich tagelang ohne Unterbrechung

weitergehen könnte.

 

Der Wald wirkt noch ein wenig düster.

Ich stoße auf einen Bach, von dem mehr zu hören als

zu erkennen ist.

Simultane Kontrastgeräusche: Das Plätschern des

Baches und das stete Brummen nicht allzu weit ent-

fernten Autoverkehrs. Ein mit dumpfem Geräusch

auf dem weichen Waldboden aufprallender Apfel

und ein über mich hinwegfliegendes Flugzeug.

 

Keine Strecke der Stille

 

Überhaupt, eine Strecke der Stille ist dieser Weg

nicht.

Ich bewege mich zwar irgendwie auf die Stille zu,

habe im Laufe der Zeit das Gefühl, mich ihr immer

mehr anzunähern, aber die Schwelle dazu über-

schreite ich nie. Immer ist irgendwas. Irgendwann

ist es der Regen.

Denn ich habe natürlich kein Glück. Der Himmel

hält, was er versprochen hat.

Und wieder einmal ist es ein Regen, der schier kein

Ende nimmt.

 

Lebach KaltensteinpfadAn einer Wassertretanlage vorüber

stapfe ich tiefer in den Wald hinein,

verlasse ihn aber kurz darauf und

kann mir einen ersten Fernblick gönnen.

Nun ja, Fernblick…

Im Regendunst erahne ich ein Dorf und

irgendwo steigt Rauch auf.

Zwei Pferde stehen unbeweglich auf

 

einer Koppel und trotzen dem Regen.

 

Und Pferde bleiben das Thema.

Lebach KaltensteinpfadKaum bin ich wieder im Wald, komme

ich an die historische Pferdetränke, die

hier 1940 angelegt worden ist.

In dieser Gegend verlief auch der sog.

Westwall, ein aus Tausenden von Bunkern

und Stollen bestehendes Verteidigungs-

system, das ebenfalls um 1940 herum

errichtet worden ist.

 

 

Der Wald gewinnt nun an Charakter und Reiz. Es ist kein

Märchenwald, man erwartet nicht, nach der nächsten

Biegung Dornröschen schlafend vorzufinden, es ist

ein Wald mit einer soliden, naturbelassenen Ausstrahlung.

An einer abschüssigen Stelle warnt ein Schild vor

Rutschgefahr.

Ich bewege mich vorsichtig, aber zügig bergab. Der Pfad

wird immer schmaler und führt in einen mystischen

Finsterforst hinein,

Ich beginne, mich in diesem Wald wohlzufühlen.

 

Das Feuchtbiotop allerdings ist heute nicht begehbar.

Wanderweg wegen bautechnischer Probleme bis auf

weiteres gesperrt“ lese ich auf einem Blatt Papier, das

an einen Baum geheftet worden ist.

Über einen Holzsteg, auf einem schmalen Pfad durch

Farn und Farn und Farn gelange ich bei Kilomter 3

wieder auf den eigentlichen Wanderweg.

 

Stellenweise steil

 

Dann beginnt der rund 1 Kilometer lange Anstieg hinauf

zum Hoxberg. Der Anstieg ist ein Wolf im Wolfspelz.

Er tut gar nicht erst so, als ob er ein zahmes Lamm wäre,

sondern präsentiert sich von Beginn an in seiner wahren

Gestalt.

Lebach KaltensteinpfadEr zieht sich und er ist stellen-

weise steil. Irgendwo müssen die

rund 350 Bergauf-Höhenmeter, die

der Weg aufzuweisen hat, ja auch

herkommen.

Von Zeit zu Zeit darf ich mich als Hin-

dernisläufer betätigen und über einen

Baumstamm steigen, der im Weg

liegt.

 

Und wer Interesse an skurrilen Baumstümpfen hat,

der kommt jetzt ebenfalls auf seine Kosten.

 

Eines jedoch bewirkt diese Passage: Ich finde endlich,

wenigstens einigermaßen, in meinen Gehrhythmus

hinein.

Und das nutze ich.

Als ich den Anstieg hinter mir habe, darf ich mich

auf einer breiten, oft schnurgeraden Piste austoben.

Gegen das monotone Dauerregengeprassel hat jetzt

kein anderes Geräusch eine Chance mehr. Ich würde

wahrscheinlich nicht einmal hören, wenn hinter

mir ein Meteorit einschlagen würde.

 

Lebach KaltensteinpfadAm Ende der Piste gehe ich ein

paar Stufen hinab, biege um eine

Kurve und kurz darauf stapfe und

schlittere ich einen mit Seilen flankier-

ten Pfad hinunter, bei dem aufgrund

des Regens meine Trittsicherheit

nahezu Null ist.

Nicht viel später wird es noch

schlimmer kommen.

 

Seltsame Riesentiere

 

Zunächst aber kann ich meine Aufmerksamkeit voll

und ganz auf einen der optischen Höhepunkte der

Strecke richten, nämlich die Kaltensteine: Große,

von Moos bewachsene Felsbrocken, die von weitem

aussehen wie seltsame steinerne Riesentiere.

Lebach KaltensteinpfadEs fällt nicht schwer, sich vorzu-

stellen, dass sich vor vielen hundert

Jahren alle möglichen Sagen und

Legenden um diese Steine heraus-

gebildet haben.

 

Ich marschiere weiter durch den Regen,

verlasse den Wald. Mittlerweile kann man

nicht mehr sehr viel weiter sehen, als

 

manch einer einen Speer schleudert. Selbst Grau

in Grau wäre noch geschmeichelt.

Der Panoramablick über Lebach und Umgebung

ist ohnehin nicht so wirklich spektakulär, erst

recht nicht, wenn das meiste hinter einem Regen-

vorhang verborgen bleibt.

 

Dann wieder eine abschüssige Stelle.

Eine schmale Rinne teilt den Pfad in zwei Hälften.

Dazu Steine und Wurzeln.

Das ist jetzt richtig gefährlich.

Meine Füße haben so viel Halt wie profillose Reifen

bei Glatteis.

Ohne dass ich es will, gerate ich immer mehr ins Lau-

fen. Ich drohe, die Kontrolle über meine Bewegungen

zu verlieren und bekomme einen üblen Schlag auf

die Schulter ab, weil ich gegen irgendeinen Baum

stoße. Ich habe keine Ahnung, wie ich mich auf den

Beinen halte, aber irgendwie gelingt es.

Schließlich kralle ich mich an einem Baum fest und

komme zum Stillstand.

Ich wische mir den Regen aus dem Gesicht und atme

kräftig durch.

 

Danach präsentiert sich der Weg handzahm.

Es ist jetzt auch nicht mehr weit und ich gehe

ziemlich schnell.

Schon bald sehe ich das Eingangstor mit der Auf-

schrift „Kaltensteinpfad“ wieder vor mir.

 

Ab Dienstag geht es dann auf nach Unterfranken,

wo unter anderem die erste Konfrontation mit dem

Marienweg ansteht, den ich in absehbarer Zeit ja

bewältigen will.

2 Replies to “TOUR 16 – LEBACH: KALTENSTEINPFAD”

  1. Du hast mich schon drauf vorbereitet, dass Tour 16 eine Regenwanderung ist. Der Einstieg zum Kaltenstein-Pfad wirkt auf mich wie ein Tor in die Finsternis. Auf Bild 11 sehe ich ganz offensichtlich ein sitzendes Liebespaar, skurrile Baumstümpen wie du es nennst. Du ziehst mich so mitten hinein in deine Regenwanderung und erzählst sie in einer brillanten Sprache.

    1. Es war noch sehr früh am Morgen und ein sehr trüber, dunkler Tag. Bei Sonnenschein ist das alles sehr viel einladender. Der Pfad ist trotzdem nicht schlecht, einer der zahlreichen Premiumwanderwege im Saarland.

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