TOUR 12 – „SAARHÖLZBACHPFAD“

Ich träume: Ich stehe am Fuße einer langen, langen,

steilen, steilen Straße. Flirrendes Mittagssonnenlicht

leuchtet jeden Winkel aus. In der Ferne, hoch oben,

aber irgendwie doch auch zum Greifen nah ein Felsen

von urwüchsiger Schönheit.

Ich erwache.

 

Ich stehe am Fuße einer langen, langen, steilen,

steilen Straße. Flirrendes Mittagssonnenlicht leuch-

tet jeden Winkel aus. In der Ferne, hoch oben, aber

irgendwie doch auch zum Greifen nah ein Felsen

von urwüchsiger Schönheit.

Was ich vor mir sehe, ist also Wirklichkeit, kein Traum.

Dann kann das ja nur eine großartige Tour werden.

 

Ich blicke mich um und bemerke, dass meine Anwesen-

heit bereits registriert wird.

Eine alte Frau, die gerade aus einer Bäckerei kommt,

durchlöchert mich mit ihrem Blick.

Eine etwas jüngere Frau, die in einer schmalen, engen

Gasse dabei ist, die Straße zu fegen, fixiert mich

ebenfalls,

Ein alter Mann schlurft an mir vorüber und behält mich

dabei die ganze Zeit im Auge.

Viel fehlt nicht und ich hätte mich im Seitenspiegel

eines Autos vergewissert, dass mir nicht etwa ein

zweiter Kopf gewachsen ist oder irgendetwas in dieser

Art.

Von abgeschiedenen Dörfern im Hunsrück oder sonstwo

kenne ich dieses Anstarren von Fremden zur Genüge,

aber hier gibt es doch immerhin einen Bahnhof.

 

Da ich die Wanderung gerade erst beginne, kann die

Straße so lang und so steil sein, wie sie will, sie kann

mir nichts anhaben.

Ich weiß nicht ganz genau, wo die Strecke beginnt,

nur, dass es bei einem Wanderparkplatz sein soll.

Vorsichtshalber frage ich einen Mann, der auf der

Treppe seines Hauses eine Zigarette raucht, nach dem

Weg, und er bestätigt mir, dass ich einfach nur die lange,

steile Straße geradeaus weitergehen müsse.

 

Genauso ist es auch.

001Ich finde den Parkplatz ohne Schwierigkeiten, schaue

mir kurz den Streckenverlauf auf der Karte an und

dann marschiere ich los.

„Sie betreten ein Waldgebiet von besonderer Schön-

heit“, lese ich auf einem Schild.

Nun gut, denke ich, mal sehen, ob diese großen Worte

von der Realität bestätigt werden.

 

 

 

 

 

Um es gleich zu sagen: Sie werden bestätigt.

Die ersten drei Kilometer wandele ich durch einen

Märchenwald, einen Feenwald, durchwirkt von

Fäden goldenen, tanzenden Sonnenlichts.

032aDer Pfad, schmal und verwunschen, fließt

gleichsam unter meinen Füßen dahin,

wechselt dabei ständig die Richtung,

kreuzt immer wieder einmal breitere Wege,

führt jedes Mal jedoch wieder zwischen

die Bäume hinein.

 

Dreimal werde ich mich auf dieser Tour verlaufen,

zweimal gleich auf dem ersten Kilometer. Meine

von den vielfältigen Eindrücken abgelenkten

Sinne weigern sich offenbar, sich mit solch

profanen Dingen wie Wegweisern ab-

zugeben.

Beim dritten Mal liegen die Dinge anders, aber darauf komme ich noch.

 

An einem Bach zwischen Kilometer zwei und drei mache

ich eine kurze Rast.

Ich bin auf diesen ersten Kilometern so langsam unter-

wegs gewesen wie noch nie auf einer Tour in diesem

Jahr. Wenn ich in diesem Tempo weitergehe, kann ich

mir schon mal einen Platz im Wald zum Schlafen suchen.

 

Ich setze meinen Weg fort.

Nachdem ich den schmalen Holzsteg überquert habe,

der über den Bach führt, ändert sich der Charakter

der Strecke.

Ich stapfe einen schmalen und an vielen Stellen von

Wurzeln fast jeder erdenklichen Größe übersäten Pfad

hinauf. Links neben mir eine jäh abfallende Böschung.

Mein zweites Ich heißt jetzt Aufmerksamkeit, denn

Stolpern könnte hier sehr unangenehme Folgen haben.

 

Wurzeln und immer wieder Wurzeln. Manchmal aus

mehreren Richtungen gleichzeitig.

075Und Grenzsteine.

Für ein paar Kilometer ist der Verlauf des Saarhölz-

bach-Pfades nun identisch mit dem einer anderen Wan-

derstrecke, dem „Steinhauerweg“.

 

Eine Erinnerung arbeitet in mir. Steinhauerweg? Grenz-

steine? Dann fällt es mir ein.

Ich bin den Steinhauerweg im Frühling vergangenen

Jahres mit einem Freund zusammen abgewandert. Und

kaum ist die Erinnerung daran zurückgekehrt, schieben

sich die Bilder in meinem Gedächtnis und die Bilder

der gegenwärtigen Realität übereinander und werden

deckungsgleich.

 

Kurz vor Kilometer 6 biegt mein Weg dann wieder in

eine andere Richtung ab.

Ich marschiere über eine breite Schotterpiste und mit

einem Mal habe ich den Wald hinter mir und für meinen

Blick gibt es nur noch den Horizont als Grenze.

090Wiesen, Weite.

Keine Weite, in der sich der Blick verliert, aber

immerhin.

Über mir ein Vogel, vielleicht ein Milan, der seine

Kreise zieht.

Auf einer Weide ungefähr ein Dutzend

wiederkäuender Kühe.

Wieder einer der Orte auf meinen Wanderungen,

die mir hinterher vorkommen werden wie zu einer Parallelwelt

gehörig, deren Existenz zwar bewiesen, die aber dennoch

irgendwie nicht vorhanden ist.

 

Plötzlich infernalischer Lärm.

Ein Ungetüm von einem Mähdrescher frisst sich durch

ein Kornfeld, reißt die Stille in winzige Fetzen.

Ich stapfe weiter, an drei Windrädern vorüber, wieder

in den Wald hinein.

Ein paar hundert Meter weiter halte ich aber schon

wieder an.

Nachdem ich auf den ersten Kilometern nicht gerade

zügig unterwegs gewesen bin, habe ich danach, um voran-

zukommen, auf das Trinken verzichtet.

Inzwischen fühlt es sich an, als hätte ich den Mund vol-

ler Staub. Ich trinke fast eine ganze Flasche leer und

das Staubgefühl verflüchtigt sich.

 

Ich gehe weiter.

Die Schotterpiste, auf der ich dahinstapfe, endet bald

und wird zu einem recht gut begehbaren Waldweg.

Die Sache mit dem „gut begehbar“ ändert sich jedoch

nach und nach.

Stellenweise überwuchert Gras den Pfad.

Immer mehr Gras.

Die Bäume, zunächst noch mit schönen, aussichtsfreund-

lichen Lücken, treten immer dichter zusammen zu einem

wenig märchenhaften Dunkelwald.

Mittlerweile ist das Gras so hoch, dass ich schon fast

wie der Mähdrescher von vorhin hindurchpflügen muss.

Dann eine Biegung.

Dahinter sehe ich nur noch ein überwuchertes,

beinahe schon dickichthaftes Überbleibsel von etwas,

das mal ein Pfad gewesen ist und das mitten hinein

in den Dunkelwald führt.

 

Ich bleibe stehen.

Eigentlich müsste ich längst Kilometer 7 passiert

haben. Und seit wann genau habe ich jetzt kein Wege-

symbol mehr gesehen?

Aber es gab doch nur diesen Weg und nirgends eine

Abzweigung.

Falscher Gedanke.

Der richtige lautet: Es gab diese Abzweigung sehr

wohl, aber sie ist so unscheinbar, dass man sie

ohne Beschilderung unmöglich erkennen kann.

Und sie ist nicht beschildert!

Ich muss mehrere hundert Meter zurückstapfen und

entdecke oder vielmehr errate den richtigen Weg nur

deshalb, weil ich die 7-Kilomter-Markierung an einem

Baum entdecke.

Verlaufen bei Wanderungen ist fast schon Teil meiner

Natur, aber diesmal liegt es definitiv nicht an mir.

 

131aAls Entschädigung komme ich nun eine ganze Weile

in den Genuss, bergab gehen zu können. Mein

Gehen ist fast schon ein Traben, ein Dahingleiten.

Ich könnte ein Jahr lang so unterwegs sein,

ohne müde zu werden.

Schmaler Pfad, Schotterweg, anderer Schotter-

weg.

Dann mal eine Abwechslung fürs Auge: Ein

Weiher.

Hunderte tanzende Lichtpunkte auf der Wasserfläche.

Über mir ein blauer Himmel mit weißen Wolkensegel-

schiffen.

 

Wieder bergab, an einem Bach vorüber.

Dann eine tief eingeschnittene Schlucht.

145aAuf der gegenüberliegenden Seite ein Felsenriese

als Blickfang.

 

Noch etwa zwei Kilometer. Ich rechne eigentlich

nicht mehr mit irgendetwas Besonderem, bin

in erster Linie darauf bedacht, möglichst

schnell vorwärtszukommen,

um einen bestimmten Zug noch zu erreichen.

Ein Pfad voller Steine – einer hinter dem anderen –

macht mir das Leben schwer.

Ich stoße gegen einen Stein, stolpere, gehe ein paar

Schritte. Stoße gegen einen Stein, stolpere, stoße

gegen einen Stein, stürze beinahe.

Bleibe stehen, sammle mich.

Als ich dann weitergehe, hebe ich die Füße so hoch,

wie es eben sein muss.

 

Dann schimmert und blinkt plötzlich ein Wassersaum

durch die Bäume.

163aWenig später hemmen Überraschung und

Begeisterung meine eiligen Schritte.

Tief unter mir sehe ich das in der Sonne

glitzernde Wasser der Saar.

Und im Vordergrund eben jenen urwüchsigen

Felsen, den ich bei meiner Ankunft vom

Bahnhof aus gesehen habe.

Ich kann mich kaum sattsehen an diesem

Anblick.

Ob ich ausgerechnet diesen Zug noch be-

komme oder nicht, ist mir mit einem Mal

nicht mehr so wichtig.

Eine Stunde später fährt schließlich der nächste.

Ich schaue, staune, nehme auf.

Musik, umgesetzt in Landschaft.

 

Auf den letzten etwa 500 Metern durch den Wald und

danach die Straße hinunter zum Bahnhof schlage ich

ein Tempo an, dass der Asphalt raucht.

Und erwische meinen Zug tatsächlich noch.

6 Replies to “TOUR 12 – „SAARHÖLZBACHPFAD“”

  1. Du hattest absolut recht, mit Deiner Aussage, dass das eine wunderbare Wanderstrecke war, lieber Torsten!
    Und es wie immer große Freude gemacht, Deine Schilderungen dazu zu lesen.

    Ich bin schon neidisch auf die Wanderung durch den Feenwald und den herrlichen Blick auf die Saar!
    Herzlichst,
    Mina

    1. Vielen Dank, liebe Mina.:-) Mit Premiumwegen ist das ja manchmal so eine Sache. Manchmal weiß man gar nicht so recht, weshalb ein Wanderweg dieses Prädikat erhalten hat. Bei diesem hier war es vom ersten Schritt an klar. Und dieser Aussichtspunkt am Ende veredelte eine ohnehin schon tolle Strecke noch.

    1. Für Wanderer, die sich in der Natur bewegen wollen, ist das eine großartige Strecke. Schwierigkeitsgrad? Mittel, würde ich sagen. 13 Kilometer, jeweils gut 400 Meter Auf/Ab. Bei der Passage an der steilen Böschung vorüber ist Trittsicherheit keine leere Floskel. Bei Regen ist da höchste Vorsicht geboten.

    1. Es war – eben aufgrund dieses „Feenwaldes“ – eine der schönsten Wanderungen dieses Jahres. Vielleicht baue ich einen Teil der Strecke noch einmal in eine Wanderung ein, mal sehen. Dir natürlich wieder einmal vielen Dank für die netten Worte!:-)

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