TOUR 6: DIE 4 STADIEN DES WARTENS

Bruchmühlbach-Miesau: Bahnhof – Untere Elendsklamm –

Tausendmühle – BahnhofIMG_0427a

Es geht in die Westpfalz, nach Bruchmühlbach-Miesau.

Der Ort liegt nur wenige Kilometer oder eine Bahnstation

von Landstuhl entfernt, wo ich vor einigen Wochen

kläglich an meiner aleatorischen Chaosplanung ge-

scheitert bin.

Diesmal ist nach menschlichem Ermessen ein solches

Desaster nahezu ausgeschlossen, denn unsere Tour ist

bis ins kleinste Detail festgelegt: Wir werden uns vom

Bahnhof zunächst zum Schützenhaus am anderen Ende

des Ortes begeben und von dort aus dann einen Teil

des „Sagenhaften Waldpfades“ abgehen. Den gesamten

Weg – immerhin gut 16 Kilometer – zu bewältigen, kommt

aus Zeitgründen nicht in Frage, denn die Freundin, mit

der ich verabredet bin, hat eine recht lange Anreise und

zudem Zugbindung. Sie muss mit einem ganz bestimmten

Zug zurückfahren und nur für diesen gilt ihre Fahrkarte.

Es darf also nicht allzu viel schiefgehen.

 

Die verschiedenen Stadien des Wartens

 

Es ist schon beinahe Mittag, als ich in Bruchmühlbach

ankomme.

Es ist heiß und still.

Ich warte.

In der drückenden Hitze wird das Warten mit der Zeit

zu einem eigenständigen kontrapunktischen Motiv, zu

etwas, das sich der Stille des Sommertages entgegen-

stellt. Wäre diese Stille nicht gewesen, dann wäre

das Warten mir leichter gefallen. Es wäre ein ganz

normales Warten gewesen, eines, bei dem ich nicht

einmal das zweite Stadium, das Stadium der Un-

geduld, erreicht hätte.

 

Insgesamt gibt es vier Stadien, in die ich das Warten

einteile, und das Dumme ist, dass man natürlich nie

vorhersagen kann, welches Stadium erreicht werden

wird. Und es gibt durchaus mehr als nur oberfläch-

liche Unterschiede zwischen den einzelnen Stadien.

 

Das erste Stadium ist eigentlich noch gar kein richtiges

Warten. Man befindet sich an irgendeinem Ort, und Zeit

– meist sehr wenig – verstreicht, und dann ist es auch

schon vorbei mit dem Warten. Das ist das angenehmste

Stadium. Man hat hinterher nicht den Eindruck, wert-

volle Lebenszeit vertan zu haben und ohnehin erinnert

man sich so gut wie nie daran zurück.

 

Vom zweiten Stadium lässt sich das schon nicht mehr

behaupten. Dieses zweite Stadium ist das des unge

duldigen Wartens. Kennzeichnend dafür ist, dass es

kein Ende nehmen will, und das macht es unange-

nehmerweise zum mit Abstand häufigsten Stadium.

Während dieses Stadiums beginnt man unweigerlich

nachzudenken und stets handelt es sich dabei um eine

unergiebige, destruktive Form des Nachdenkens.

 

Das dritte Stadium ist das Stadium des geduldigen

Wartens, das dann einsetzt, wenn die Ungeduld dem

dunklen, stillen Gefühl gewichen ist, dass man ohnehin

nichts ändern kann. Das geduldige Warten ist das

letzte der vier Stadien des Wartens, dem man irgendwie

noch einen Sinn beimessen kann.

Danach folgt noch das Stadium des stupiden Wartens,

bis zu dem ich es jedoch noch kein einziges Mal habe

kommen lassen.

 

Es wird Mittag.

Ich warte.

Die Stille ist nicht vollkommen. Wäre sie es gewesen

und wäre nicht ein die Hitze wenigstens minimal ab-

abschwächender sommerlicher Windhauch auf-

gekommen, dann hätte ich vielleicht nicht so lange

an einer Stelle ausgeharrt, sondern hätte mir ein wenig

die Beine vertreten.

 

Als die Freundin endlich ankommt, sind wir aufgrund

der Verspätung ihres Zuges schon fast eine halbe Stunde

hinter unserem Zeitplan zurück.

Zum Glück haben wir keine Schwierigkeiten, das Schützen-

haus zu finden. Von dort an ist der „Sagenhafte Wald-

pfad“ bestens ausgeschildert.

Wir gehen noch ein kurzes Stück über eine asphaltierte

Straße, dann nimmt uns der Wald in seine kühlen Arme

auf.

Elendsklamm BruchmühlbachBevor wir jedoch für gut zwei Stunden endgültig in der

Waldabgeschiedenheit verschwinden, ist uns noch der

Blick auf ein paar skurril aussehende Skulpturen am

Rande eines kleinen Weihers vergönnt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Star ist die Natur

 

Der Star dieser Wanderung ist die Natur. Der Frohnbach

hat eine ansehnliche Szenerie steil abfallender Hänge

geschaffen, die wir zunächst vom linken, nach Über-

querung einer Brücke vom rechten Bachufer aus in Augen-

schein nehmen können.

Elendsklamm Bruchmühlbach

Auf schmalen Pfaden geht es immer höher hinauf.

Man muss mitunter schon recht achtsam sein

und sollte sich nicht zu nahe an den Rand

heranwagen.

An einer Stelle gehen wir versehentlich gerade-

aus weiter statt uns halblinks zu halten und

befinden uns plötzlich unmittelbar am Rande

des Steilhangs. Zu allem Überfluss endet der

Irrpfad auch noch in einem Chaos umge-

stürzter Bäume und übereinanderliegender

Erdschollen.

Vorsichtig, Fuß vor Fuß, gehen wir zurück

und entdecken erst jetzt das rot-weiße Ab-

 

sperrband, das irgendjemand jedoch zerrissen hat, so dass

wir es übersehen haben.

 

Kurz darauf verpassen wir, ins Gespräch vertieft,

eine Abzweigung und müssen wieder umkehren. Meine

Begleiterin befällt leichte Panik, denn schließlich darf

sie ihren Zug nicht verpassen.

Zurück an der Abzweigung müssen wir feststellen, dass

es eigentlich keine Entschuldigung für unser Versehen

gibt. Das grüne Baumsymbol, nach dem wir uns richten

müssen, zeigt deutlich sichtbar den richtigen Weg an.

 

Das Wandern zu zweit unterscheidet sich fundamental

vom Solowandern, und der größte Unterschied besteht

in der Tat im Offensichtlichen, nämlich der Kommunikation,

dem Dialog..

Solowandern dagegen bewirkt innere Monologe

und vielleicht insgesamt auch eine größere Acht-

samkeit.

Das eine ist nicht besser oder schlechter als das an-

dere und ich persönlich schätze beides.

 

Wir sind inzwischen ziemlich zügig unterwegs, über-

holen eine Wandergruppe von fünf oder sechs Per-

sonen, die so langsam gehen, dass wir ihre Stimmen

bald schon nur noch als fernes Gemurmel wahrnehmen.

Ein paar Minuten lang sind wir nun nur Atem und Schritte,

lauschen schweigend dem Lied des Waldes.

Dann plötzlich: Klack-Klack-Klack-Klack.

Wir schrecken aus unserer Versenkung auf.

Eine Kompanie älterer Frauen mit Nordic-Walking-Stöcken

ist im Anmarsch. In mehreren 3er-Gruppen hintereinander

nehmen sie den Weg in Beschlag.

 

Elendsklamm BruchmühlbachNachdem wir uns an ihnen vorbeigequetscht haben, wird

der Weg wieder schmaler.

Eine steinerne Treppe hinabsteigend gelangen wir zu einer

Weggabelung, von der aus wir nur noch 600 Meter bis zur

Tausendmühle zu wandern haben.

Obwohl wir uns die ganze Zeit im Wald befinden, macht

die Hitze und vor allem die hohe Luftfeuchtigkeit uns

allmählich zu schaffen. Ich zumindest schwitze wie ein

Bauer beim Pflügen zu Zeiten Henry Jethro William

Tulls.

 

 

 

 

Elendsklamm BruchmühlbachBei der Tausendmühle angekommen, erhaschen

wir schließlich noch einen Blick auf Wiesen

und ein nicht allzu weit entferntes Dorf.

Von hier aus führt der „Waldpfad“ noch etliche

Kilometer weiter bis zur Oberen Elendsklamm.

Die jedoch müssen wir uns für einen anderen

Tag aufsparen.

 

 

 

2 Replies to “TOUR 6: DIE 4 STADIEN DES WARTENS”

  1. Will ichs nid gschafft ha der erscht Code richtig z schribe bin ich etz chli gnervt und schick de Kommentar jetz i miner Muetersproch (nid zwöi t!). Wie du die vier Stadie vom Warte beschribe hesch, das het mich mega fasziniert.
    Au die 2 Skulpture (1x im Doppel vonere andere Site) wo du so skurril gfunde hesch, hend mir uu gfalle.
    De Waldwäg mit ihrne Brugge und Träppe gsehnd sehr ihladend us. Mer begägned de sicher Velofahrer und Mountainbiker, ned?
    Jedefalls wieder en toll beschriebeneWanderwäg.

    1. Gelesen verstehe ich den Kommentar. Würde ich ihn hören, wäre es sicherlich schwieriger.:-) Vielen Dank für die wiederum so positiven Worte!

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