TOUR 4 – NOHFELDEN: BAHNHOF – BURG – „BÄRENPFAD“ – BAHNHOF

Der Tag beginnt mit einer Schnittwunde. Beim Packen

des Rucksacks greife ich in eine vergessene Schere und

bezahle für diese Fahrlässigkeit mit einem niederträch-

tigen, übel blutenden Schnitt am rechten Zeigefinger.

Ärgerlicherweise wirft dies – soll man es Malheur oder

Dummheit nennen – meine Zeitplanung über den Haufen und

ich fahre eine Stunde später als vorgesehen los.

 

IMG_0279Es ist später Vormittag, als ich in Nohfelden aus dem

Zug steige. Ich bin nicht nur der einzige Fahrgast, der

aussteigt, sondern ich war – außer dem Lokführer –

der einzige Mensch, der sich überhaupt noch in dem

Zug aufgehalten hat. Selbst der Schaffner hat ihn eine

Station zuvor verlassen.

Ich schaue kurz dem entschwindenden Zug hinterher, der

noch eine allerletzte Station anzufahren hat, und dann

verschaffe ich mir erst einmal einen groben Überblick.

Eines steht sofort fest: Als Philip Marlowe oder Sher-

lock Holmes befände ich mich hier an einem denkbar

ungünstigen Ort, denn im Verborgenen wirken, uner-

kannt kommen, unerkannt gehen, das kann man hier ver-

gessen.

 

IMG_0281aIch mache mich auf in Richtung Ortskern. Schon nach

wenigen Schritten sehe ich die Burg. Ich spüre eine

gewisse Erleichterung. Auf suchen und auf verirren

habe ich heute nämlich noch weniger Lust als auf Skorpione

im Schuh.

Und es geht gleich gut weiter, denn kurze Zeit später

entdecke ich ein Hinweisschild mit der Aufschrift

„Bärenpfad“.

 

 

 

Steil bergan

 

Der erste Dämpfer folgt jedoch sogleich. Die Burg-

anlage ist nämlich noch geschlossen, und das, ob-

wohl auf der Tafel an der Eingangspforte deutlich

zu lesen steht, sie sei ab 8 Uhr morgens geöffnet.

Auch den Eingang zum Bärenpfad finde ich erst einmal

nicht.

Ein Mann, der offenbar meine suchenden Blicke be-

merkt hat, fragt mich, ob ich Orientierungshilfe be-

nötige und zeigt mir den Weg.

 

Ich gehe einen Bach entlang, überquere eine Brücke

und dann befinde ich mich auch schon im Wald.

Es geht steil bergan.

Auf dem Boden zwischen den lichten Bäumen tanzen

helle Lichtflecke. Der Pfad ist meist so schmal, dass

schon zwei Wanderer Schwierigkeiten hätten, neben-

einander herzugehen. Von Zeit zu Zeit bleibe ich stehen

und blicke in den Ort hinunter.

 

Solowandern in einsamen Gegenden löst beinahe un-

weigerlich eskapistische Gedanken aus. Das ist nichts

Schlimmes.

Eskapismus – vorübergehend, versteht sich – ist not-

wendig, um wieder gewappnet zu sein. Gewappnet für

das mitunter bösartige Tier Realität.

 

Es geht weiter bergan.

Nicht dass ich das Bedürfnis verspürt hätte, Sicher-

heitshaken einzuschlagen, aber ein Dahinschweben ist

es wahrlich auch nicht.

IMG_0299

An der „Bärenhöhle“ mache ich eine kurze Pause.

Auf einem Informationsschild steht, dass es sich bei

der Höhle vielleicht um einen Geheimausgang der Burg

gehandelt haben könnte, vielleicht auch um ein Schmugg-

lerversteck, vielleicht aber auch – wer hätte das gedacht –

wirklich um eine Bärenhöhle.

 

Es geht immer noch bergan.

IMG_0305Glücklicherweise aber nicht mehr lange. Beim

Bärenfelsen erreiche ich ein kleines Plateau und

danach kommen beim Bergabgehen endlich ein-

mal andere Muskelgruppen zum Einsatz.

 

Im ersten Streckenabschnitt hätten Vampire noch

reelle Überlebenschancen gehabt, denn sie

hätten genügend Baumschatten vorgefunden,

um dem direkten Sonnenlicht zu entrinnen.

Von nun an hätten sie deutlich schlechtere Karten.

 

Die Tour wird abwechslungsreicher.

Immer wieder einmal verlasse ich nun das stete Licht-

und Schattenspiel des Waldes, gehe zum Beispiel an

einer blumenbestandenen Wiese vorüber oder über breite

Waldwege.

 

Waldeinsamkeit, röhrende Maschinen

 

Dann aber hat mich die Waldeinsamkeit wieder. Wobei

es sich optisch an vielen Stellen durchaus um einen Wald

handelt, in dem ich mir auch Eichendorffs Taugenichts

auf einer Wanderung vorstellen könnte. Allerdings ist

nicht selten ein Lärm zu hören, den es vor 200

Jahren nicht gegeben hat: Röhrende Maschinen und rat-

ternde Züge beipsielsweise. Fern zwar, aber nicht fern

genug, um es ausblenden zu können.

 

Wald, Wald, Wald.

Ab und zu ein schmaler Steg oder eine kleine Brücke über

einen Bach.

Plötzlich aber öffnet sich die Landschaft zu der in dieser

Gegend häufigen Wiesen-Wald-Hügel-Anordnung. Meine

an feste Konturen und eng begrenzte Blickfelder gewöhnten

Augen müssen sich erst einmal darauf einstellen, dass es

kaum noch Fixpunkte gibt.

 

IMG_0323aIch lasse die Szenerie eine Weile auf mich wirken.

Weiße Wolkenschiffe ziehen über den Himmel

hin.

Zur Linken erblicke ich einige Windräder.

Danach trotte ich eine Viertelstunde oder länger

über schattenlose, einsame Wege. Es ist jetzt

so still, dass ich meine Gedanken knirschen höre.

Aber sie sind ziellos, betäubt von nahezu

vollkommener Entspannung.

 

Dann doch wieder Wald.

Blicke zwischen den Bäumen hindurch auf Wiesen,

über die ein großes Lichtrad hinwegrollt.

Ein letzter steiler Abstieg und ich bin wieder zurück

in Nohfelden.

 

Ich stelle fest, dass die Burganlage (Fotos hier!) mittlerweile doch

geöffnet worden ist. Genau wie in Kirkel zähle ich

die Stufen zum Turm hinauf. Es sind 100, aber nach der

Wanderung kommen sie mir vor wie 150 oder mehr. Ich

muss an meinem Fitnesszustand arbeiten. Er ist akzeptabel,

aber nicht gut.

Für heute jedoch habe ich genug Bewegung gehabt. Ich

verlasse die Burg und begebe mich zum Bahnhof.

 

Demnächst: Idar-Oberstein

 

5 Replies to “TOUR 4 – NOHFELDEN: BAHNHOF – BURG – „BÄRENPFAD“ – BAHNHOF”

  1. Du schreibst so fließend und interessant, als würdest Du mir eine Geschichte von Angesicht zu Angesicht erzählen. Und ich sitze da und bin ganz Ohr.

    1. Die Angaben auf diversen Wanderseiten schwanken zwischen 4 und 4einhalb Stunden, aber ich habe nicht mehr als ca. 3 Stunden gebraucht, obwohl ich immer mal wieder eine Fotografierpause eingelegt habe. Mein Tempo würde ich als zügig-gezügelt bezeichnen. Die Länge der Strecke beträgt ungefähr 11 Kilometer.

  2. Philipp Marlow oder Sherlock Holmes oder Eichendorff, Literatur gehört einfach zu dir Torsten.
    Die Realität auf dieser Wanderung, mit dem Anblick der grünen Wiesen, der Bärenhöhle (Schmugglerversteck wäre für mich tnteressanter), dem Wald, der Brücke, dem Wasser u.s.f. finde ich eine superschöne, erlebnisreiche Realität.
    Wieder eine fesselnd erzählte Wanderung.

    1. Das war die erste richtige Sonnentour und die Strecke an sich ist eine wirklich schöne. Ebenfalls ein Premiumwanderweg mit teilweise tollem Wald und der Burg als zusätzlichem Highlight.

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