TOUR 1: „WANDRERS REGENLIED“

Kirkel: Bahnhof – Burg – „Kirkeler Tafeltour“ – Bahnhof;

Streckenlänge insges.: ca. 11,5 Kilometer, mit Iterationen

und Umwegen ca. 15.

Bewertung: Angenehme, leichte Tour, die insbesondere

bei Regen jedoch einiges an Trittsicherheit erfordert.

Kirkel Tafeltour Wanderung

Die Tour beginnt im Regen.

Sie beginnt im Regen und sie endet im Regen und in

dem Zeitraum dazwischen gibt es keine zehn Minuten,

in denen es nicht regnet. Nur die Stärke des Regens

variiert. Die gute Nachricht: Wir sind einigermaßen

vorbereitet, nicht nur, was die Ausrüstung betrifft,

sondern auch mental. Wir haben uns schließlich die

Wettervorhersagen genauestens zu Gemüte geführt.

Außerdem ist Regen doch nichts weiter als Wasser,

als shui, der Ursprung des Lebens, ein Urelement der

Schöpfung.

 

Vom Bahnhof aus geht es zunächst einmal bergab in

den Ort.

Die Hauptstraße ist so wenig befahren, dass man gefühlt

eine 99prozentige Überlebenschance hätte, wenn man

sie einfach blindlings überqueren würde.

Von der gegenüberliegenden Straßenseite springt uns

bereits das Hinweisschild BURG ins Auge.

Obwohl man im Prinzip nur wie an der Schnur gezogen

geradeaus gehen muss, frage ich die einzige Passantin,

die uns bis zur Burg begegnet, nach dem Weg. Sie ist

offenbar in Eile und ihre Wegbeschreibung ist knapp,

aber präzise: „Geradeaus, geradeaus, geradeaus, und

dann nach oben.“

 

Wie ein versteinerter Finger

 

Das klingt machbar und tatsächlich sehen wir bereits

wenige Minuten später den Burghügel mit dem wie ein

dünner versteinerter Finger gen Himmel ragenden Berg-

Kirkel Tafeltour Burg

fried vor uns. (weitere Fotos hier!)

Im Regen wirkt der Anblick ein wenig trostlos, aber

immerhin haben wir so die Burgruine ganz für uns

alleine.

 

Ich zähle die Stufen, die – vom Eingang zum Turm an

gerechnet – nach oben führen. Es sind mehr als 120.

Von oben können wir durch vergitterte Fensterluken

die Regenlandschaft betrachten.

Der Horizont: Ein zerfließendes, konturenloses Nichts.

Der Himmel: Eine graue Straße voller Wolkenberge.

Wir rechnen immer noch damit, dass der Regen bald

enden oder zumindest eine Pause einlegen wird.

Kirkel Tafeltour Wanderung

Als wir wieder unten auf der Straße sind, umfangen

von Trostlosigkeit, regnet es jedoch erst einmal noch

heftiger.

Uns beschäftigt jedoch ein anderes Problem. Wir finden

den Beginn der „Tafeltour“ nicht.

Wir haben noch ein zweites Problem: Ich bin mit meinem

GPS-Gerät noch nicht vertraut und meine Begleiterin be-

sitzt keines.

Wir haben ein drittes Problem: Niemand – außer uns

beiden – ist auf der Straße.

Aber Kirkel ist nicht New York. Wir gehen einfach

die erstbeste Straße entlang und wie vom Schicksal

gelenkt fällt mein Blick auf ein hölzernes Tor mit der

selbst in dem trüben Regengrau unübersehbaren Auf-

schrift: „Kirkeler Tafeltour“.

Soll man es Intuition nennen, dass wir uns für die einzig

in Frage kommende Straße entschieden haben?

 

Die Tour ist auf diversen Wanderseiten als „leicht“

eingestuft worden, aber erst einmal geht es ein Stück

bergauf. Hatte ich schon erwähnt, dass es praktisch

ununterbrochen regnet?

Kirkel TafeltourDie Wege, ohnehin schmal und voller Wurzeln und

Steine, werden dadurch an vielen Stellen zu einer

Herausforderung für unsere Multifunktionalität. Mit-

einander reden, auf das Wegesymbol – eine weiße Koch-

mütze – achten, und dann auch noch die Füße sicher

auf dem unsicheren Untergrund aufsetzen.

 

„Auch Rast ist Reise“

 

Trotz des Regens machen wir bald eine Pause.

Auf einer Holzbank hockend, eingepackt in unsere

Regenjacken, essen wir belegte Brötchen, und ich gönne

mir auch noch einen Apfel.

„Auch Rast ist Reise“, wie es in einem Gedicht des

Lyrikers Hans Carossa zu lesen ist.

Aus dem Kontext des Gedichtes, zu dem die Zeilen ge-

hören, herausgerissen und auf unsere Situation an-

gewandt, könnte man sie so deuten: Unsere Körper ruhen

sich aus, unsere Gedanken jedoch halten niemals inne.

Wir überlegen nämlich während der ganzen Zeit, ob

wir einem der anderen Wegesymbole folgen und gar nicht

mehr nach Kirkel zurückkehren sollen. Wir bleiben

jedoch auf unserer ursprünglichen Route.

 

Die Hoffnung, dass der Regen noch während unserer

Tour ein Ende nimmt, haben wir mittlerweile aufge-

geben.

Kirkel TafeltourAn sonnigen Tagen wären an einigen der Felsen, die

unseren Weg säumen, vermutlich Kletterer zu beobachten

gewesen, und obgleich ich wahrlich nicht zu der Spezies

gehöre, denen beim Anblick von Felsvorsprüngen und Über-

hängen eine innere Stimme befiehlt, die Steilwand zu

erklimmen, wäre ein wenig mehr Leben als in einem

Mondkrater nicht unangenehm gewesen.

Wir begegnen nur einem Mann mit Hund und einem Mann

ohne Hund, einmal jedoch auch völlig unerwartet einer

Gruppe von ca. 20 Senioren, ansonsten niemandem.

 

Ganz zum Schluss passiert es dann doch noch: Wir ver-

laufen uns.

Plötzlich sehen wir uns mit unbekannten Symbolen kon-

frontiert und der Weg macht auf uns den Eindruck, dass

er schnurgerade in ein Nirgendwo führt, aus dem wir

nicht mehr herausfinden werden.

Wir kehren um, suchen.

In Anbetracht der Tatsache, dass wir nahen Straßenver-

kehr hören, kommt mir die Suche ein wenig kafkaesk

vor.

Im schlimmsten Fall bleibt uns die Option, quer durch

den Wald zu marschieren und uns dabei an den Geräuschen

zu orientieren.

Dazu kommt es letzten Endes aber nicht. Wir entdecken

die Kochmütze wieder und danach dauert es nicht mehr

allzu lange, bis wir es geschafft haben.

 

Als wir aus dem Wald heraustreten, hat sich doch tat-

sächlich Sonnenbrillenwetter durchgesetzt. Wir ver-

nehmen menschliche Stimmen, Rufe von Kindern.

Zur Rechten sehen wir die Burg. Im hellen Sonnenlicht

sieht sie sehr viel einladender aus als ein paar Stunden

zuvor.

Aber wir sind zu müde, um noch einen weiteren Umweg

zu machen.

 

 

2 Replies to “TOUR 1: „WANDRERS REGENLIED“”

  1. Den Weg nicht auf Anhieb finden, dass liebe ich, jedoch nur bevor die Dunkelheit anbricht, Ich habe zur Sicherheit vorher alles gegoogelt, später gehörte Kafka e s k auch dazu, Den Blog finde ich sehr gut. Gut finde ich auch, dass es unter „Die Touren in Bildern“ noch mehr Fotos gibt, sowie auch während dem Text (weitere Fotos hier).

    1. Danke, liebe Ursula. Nun, diese erste Tour war noch vergleichsweise kurz, da bestand die Gefahr, von der Dunkelheit überrascht zu werden, noch nicht wirklich.:-)

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